Tobias Schlegl: See. Not. Rettung. Meine Tage an Bord der SEA-Eye 4

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SeenotrettungTobias Schlegl: See. Not. Rettung. Meine Tage an Bord der SEA-Eye 4 (Piper 2022)

 

Täglich sterben Menschen auf Hoher See, weil sie keinen anderen Weg sehen vor Krieg, Folter und dem Tod zu fliehen, als sich auf eine tödliche Reise in Richtung sicheres Europa zu begeben. Täglich sterben Menschen, weil sie auf überfüllten, nicht hochseetauglichen Booten das Unmögliche versuchen. Für eine winzige Chance auf Sicherheit. Für die Perspektive, nicht im Schlaf abgestochen zu werden. Für die Hoffnung auf eine Zukunft für die Kinder.

Häufig legen Familien all ihr weniges Hab und Gut zusammen, um wenigstens einen von ihnen dieses Glück zu bieten. Aber auf dem Meer wartet der Tod – oder sogenannte Pushbacks, bei denen die sog. „Küstenwache“ anscheinend mit der auch von Deutschland finanzierten Organisation Frontex die Flüchtenden entweder wieder zurück in die Krisengebiete bringt oder mit Drohnen abschießt.

Die einzige Möglichkeit auf Überleben dieser verzweifelten Menschen, die bereits vor Reisebeginn durch die Hölle gegangen sind, ist die zivile Seenotrettung. Denn eine offizielle Seenotrettung gibt es bislang nicht. Wenigstens war die deutsche Bundesministerin des Auswärtigen Annalena Baerbock in der vergangenen Woche in Athen, um sich die Vorwürfe gegen „Frontex“ mal genauer anzusehen, nachdem nun neue Beweise für die illegalen und menschenrechtsverletzenden Aktivitäten dieser Organisation geleakt wurden.

 

„Europa lässt Menschen nicht nur erbärmlich ersaufen, sondern sorgt auch noch für traumatisierte Retter. Menschen, die ehrenamtlich einfach nur helfen wollen. Auch sie werden im Stich gelassen.“ Tobias Schlegl

 

Tobias Schlegl schrieb dieses Buch, um aus dem Alltag der Seenotretter:innen zu berichten. Es ist kein leichter Job. Allein das Leben auf dem Schiff ist hart und anspruchsvoll. Zwar ist es eine gesetzliche Vorgabe dieser zivilen Seenotrettungen, dass ein Teil der Crew aus professionellen Seefahrer:innen besteht, andere aber sind Leihen. So auch Schlegl. Als Notfallsanitäter stemmt er mit einem pensionierten Arzt und einer weiteren Medizinkundigen die Krankenstation. Die SEA-EYE 4 fährt durch die Gewässer vor der Küste Libyens und versucht unentdeckt von Frontex oder der sog. Küstenwache die Menschen aus den Booten zu retten.

Schlegl berichtet von schrecklichen Entscheidungen, die der Kapitän treffen muss. Es kommt zur Triage. Wer kann gerettet werden, wem kann die SEA-EYE 4 nicht mehr helfen? Was mit den Geflüchteten passiert, wenn sie dann an Bord kommen konnten, die Auseinandersetzung mit der sog. Küstenwache und Frontex und wie der Umgang mit den Geflüchteten im Anschluss an die Rettung ist, wird ebenfalls von Schlegl erläutert. Sind die Geflüchteten erst einmal sicher an Bord, sind sie zwar zunächst in Sicherheit, aber nun gilt es einen Hafen zu finden, an dem die Menschen an Land gehen können. Und dann könnte sie bereits die nächste Hölle erwarten.

Das Buch beschäftigt sich mit einem höchst aktuellen Thema, die meist tödlich verlaufende Flucht der Menschen über das Mittelmeer ist seit Jahren ein großes Problem, welches von vielen Regierungen durch Waffengewalt und Puschbacks gelöst wird.

Das Buch „See.Not.Retttung. Meine Tage an Bord der SEA-Eye 4“ umfasst nur 220 Seiten und lässt sich entspannt in einem Rutsch lesen. Ohne Frage behandelt das Buch ein sehr wichtiges Thema. Eines, bei dem viel zu sehr weggesehen wird. Geflüchtete sind Teil unserer Realität und dieses Buch beschreibt nicht nur die menschenrechtswidrigen Umstände auf Hoher See. Das Buch thematisiert auch nicht nur die illegalen Machenschaften der von den europäischen Staaten finanzierten Organisation Frontex. Es erzählt, welches Grauen die Geflüchteten und auch die Seenotretter:innen erleben müssen. Tag für Tag. Während Europa wegsieht.

 

Schlegl ist im Übrigen auch bei YouTube und in anderen sozialen Medien sehr aktiv. Falls Sie mehr über das Thema erfahren möchten, aber keine Lust haben das Buch zu lesen, kann ich Ihnen hier beispielsweise seinen Auftritt in dem Format "Deep und Deutlich" empfehlen. Hier habe ich das Interview verlinkt.

Kommentare (1)

Lara Hitzmann

Lieber Nico,
ich war zugegeben erst etwas abgeschreckt von dem Cover des Buches. Aber Du hattest mir so viel davon erzählt, dass ich es dann auch gelesen habe. Es war kurzweilig und auch sehr erschreckend. Deshalb möchte ich Dir völlig zustimmen: Ein sehr wichtiges Thema!


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