Theresia

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Die Julisonne lässt Theresia schwitzen. Eigentlich ist der Wintermantel auch viel zu warm für diesen Sommertag, aber als die Soldaten an diesem Morgen an ihrer Haustür klopften, hatte Theresia nicht lang überlegt. Nur einen Koffer pro Person durften sie mitnehmen, und wer weiß schon, ob dieser Koffer überhaupt mit ihr an diesem unbekannten Ort ankommen würde, an den man sie brachte.

So hatte sie schnell – denn mehr als dreißig Minuten hatte sie nicht, um ihr altes Leben für immer hinter sich zu lassen – ihre besten und wärmsten Kleider übereinander gezogen. So viel eben ging. Was sie am Leib trug, konnte ihr hoffentlich so schnell keiner nehmen. Immerhin gehörte sie zu den Glücklichen, die überhaupt einen Koffer besaßen. Viele ihrer Nachbarn standen mit einfachen Kartons und rasch zusammengeschnürten Bündeln am Bahnsteig. Wozu brauchte man auch einen Koffer, wenn man doch nie verreiste? Einen solchen Luxus kannten die wenigsten aus dem Dorf.

Auch Theresia war in ihrem Leben erst einmal mit der Bahn gefahren – vor vielen Jahren zur Hochzeit ihres ältesten Sohnes ins 100 Kilometer entfernte Breslau. Ihr ganzes Leben hatte sie hier in diesem Dorf im Sudetenland verbracht, und nun, mit 64 Jahren, sollte sie noch einmal ein neues Leben anfangen.

Wo man sie hinbringen würden, wusste sie nicht. Alle Deutschen sollen nach Deutschland, hieß es. Doch Theresia waren München, Köln oder Hamburg ebenso fremd wie die russischen Ortsnamen, die sie auf den Feldpostkarten ihrer Söhne las. Alle drei Söhne hatte Theresia in den Krieg ziehen lassen müssen, und von keinem hatte sie in den letzten 2 Jahren mehr eine Nachricht erhalten. Jeden Tag hatte sie gehofft und gebetet, dass sie nach Hause kommen würden. Nun war der Krieg seit über einem Jahr vorbei und es gab kein Zuhause mehr. Würden ihre Söhne denn überhaupt noch finden können, in der neuen, unbekannten Heimat?

Neben Theresia hustet Sofie, ihr jüngstes Kind und zugleich ihre einzige Tochter. Auch sie trägt nahezu alles am Leibe, was sie besitzt. Schon immer war sie ein kränkliches Kind gewesen, und auch jetzt, mit 30 Jahren, sieht sie nicht aus, als wäre sie den Strapazen einer langen Bahnfahrt gewachsen. Zumindest aber muss Sofie weder Mann noch Kinder zurücklassen – ein Umstand, den Theresia oft kritisiert hat, der ihr aber heute wie ein Segen erscheint. Sofie versucht, ihre Mutter zu trösten und ihr Hoffnung zu geben, dass in diesem neuen, fremden Deutschland ein besseres Leben auf sie wartet, doch es gelingt ihr kaum, die eigene Angst zu verbergen.

Am Bahnhof drängen sich die Menschen dicht an dicht. Eine Straße nach der anderen hatten die Soldaten am frühen Morgen geräumt, alle Deutschen aus ihren Häusern getrieben. Ganz überraschend war es nicht gekommen, aus den umliegenden Dörfern hatte man schon Berichte über ähnliche „Aktionen“ gehört. Doch was hätte Theresia anderes tun sollen, als zu warten und zu hoffen? Wohin hätte sie fliehen, wo sich verstecken sollen? Ihre tschechischen Nachbarn, mit denen sie jahrzehntelang freundschaftlich zusammengelebt hatte, senkten beschämt den Blick als die Soldaten kamen. Aber einschreiten, das trauten sie sich dann doch nicht. Nicht einmal verabschiedet haben sie sich von Theresia und Sofie aus Angst vor den Gewehren der Soldaten.

Der lange Fußmarsch zum Bahnhof in der nächstgelegenen Stadt hatte Theresia nichts ausgemacht. Seit der erste große Krieg ihr ihren Mann genommen hatte und sie ihre vier Kinder mit der Witwenrente durchbringen musste, war sie lange Wege und Entbehrungen gewohnt. Damals, zur Hochzeit ihres Sohnes, hatten sie sich den Bus zum Bahnhof gegönnt. Daran war heute natürlich nicht zu denken gewesen. Und noch immer weiß Theresia nicht, wohin die Reise gehen wird. Von der „amerikanischen Zone“ wird gemunkelt, aber was heißt das schon? Theresia weiß nicht, wo die Sektoren in diesem besiegten Deutschland liegen. Ein Radio hat sie nie besessen, und Nachrichten kamen nur sehr unzuverlässig in ihr Dorf.

Plötzlich wird Theresia gemeinsam mit Sofie von den Soldaten in den Zug gedrängt, und sie wirft einen letzten Blick auf die friedliche grüne Landschaft, bevor ihr Blick von den anderen schwitzenden Leibern im Zug versperrt wird. Nie wieder wird sie ihr geliebtes Altvatergebirge sehen, dessen ist Theresia sich sicher.

In dem Moment, als der Zug sich in Bewegung setzt, weiß Theresia noch nicht, dass sie nach einer endlos scheinenden Odyssee über mehrere Tage ihre Heimat auf der Schwäbischen Alb finden wird. Umgeben von Menschen, die dem Pass nach zur ihrem Volk gehören und ihr doch fremder nicht sein könnten. Niemals wird sie sich an die so fremd klingende Sprache und die neue Umgebung gewöhnen können. Mit Blick auf die grünen Hügel der Alb wird sie wehmütig an ihre Heimat denken und in sauberer Sütterlinschrift alte Volklieder und Gedichte in einem kleinen Büchlein notieren, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Sie wird Suchanfragen ans Rote Kreuz schicken und doch nie erfahren, wann und wo der Krieg für ihre drei Söhne endete. Wenigstens die Familie ihres ältesten Sohnes wird sie aber wiederfinden und endlich ihr Enkelkind kennenlernen. Sie wird bis zum Ende ihre Tochter pflegen, die sich nie mehr von der Lungenentzündung erholt hat, die sie sich trotz der vielen warmen Kleider im Zug geholt hat. Das alles weiß Theresia noch nicht, als das Altvatergebirge sich langsam aus ihrem Blick schiebt.

Ich habe Theresia nie kennengelernt, kenne nicht einmal ein Foto von ihr. Ihr Name blickt mir von Geburtsurkunden, Sterbeurkunden und Deportationslisten entgegen. Und von einem kleinen handgeschriebenen Büchlein mit alten Volksliedern. Theresia war meine Urgroßmutter.

 

Kommentare (7)

Marcin Lupa

Liebe Frau Koch,

ich danke Ihnen für diese empfindsame Geschichte. So wie Ihrer Urgroßmutter erging es vielen Menschen, nicht nur Deutschen. Auch wir Polen wurden von unseren angestammten Gebieten im Osten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf gleiche Art und Weise rigoros vertrieben. Man setzte meine Vorfahren in Züge und fuhr sie in den Westen.
Aber ich besitze auch einen anderen Zweig der Familie, mütterlicherseits. Meine Großmutter hatte Glück, dass sie einen Polen geheiratet hat und so durfte sie in den Sudeten, in Krummhübel/Karpacz bleiben. Ihr Bruder fiel an der Ostfront. Sie hatte kein glückliches Leben und so fuhr sie später, bevor die Mauer fiel mit uns in den Westen, in das leutselige Oberbayern. Sie wechselte nur die Berge, ein Bergbewohner blieb sie. Gorale.

Die Geschichten gehen weiter, unsere Schicksale verweben sich und doch sind viele von uns auf ewig in der Fremde, ausgegrenzt, sonderbar, suchen nach Anbindung und Halt.

Wer weiß was Krieg ist, entweder weil er ihn erlebt hat, wie all die Syrer und Afghanen heute, die in unser Land fliehen oder wer ihn intellektuell erfassen kann, der weiß wie zufällig, wie unsicher sein Dasein ist.
Man hofft trotz allem immer nur das Beste.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

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  • Ewa Holeczek-Lupa

    Was für ein toller Kommentar! Ein sehr lebendiges Thema für viele von uns. Auch meine Großeltern, beiderseits, waren Vertriebene. Ich selbst bin ein Flüchtling. Sehr sensible Zeilen, die eine tiefsitzende Sehnsucht wecken - Sehnsucht nach Vertrauten, Sehnsucht nach Wurzeln.

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  • Marcin Lupa

    [~5304], es liegt an uns diese Wurzeln nun anzusiedeln. Ich versuche es in "meinem" Oberbayern, welches ein ökologisch-soziales und weltoffenes ist, kosmopolitisch und international. Dass es sich mit den hiesigen Mentalitäten beißt, die es lieber regional sähen, was soll's.

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  • Angelika Zwick

    Eine wunderschöne, sehr ergreifende Geschichte. Vielen Dank dafür.

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  • Heinz Schenk

    Vielen Dank für Ihre bewegende Geschichte. Seit langem hat mich kein Text mehr buchstäblich zu Tränen gerührt. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen dieses Talent erhalten bleibt und wir noch viele schöne Beiträge von Ihnen lesen dürfen.

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  • Lara Hitzmann

    Beim Lesen Ihrer Geschichte sind mir ganz viele Gedanken in den Sinn gekommen- Gespräche, die ich mit meinen Großeltern gefühlt habe. Ängste, von denen sie mir berichtet haben. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt und ich hatte das Gefühl, als würde ich mit ihnen sprechen können. Auch ich möchte mich für diesen wundervollen Text bedanken!

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