Theodizee – Der Kampf gegen Gott

Gerhard Joseph Lindenthal • 15 Juli 2020

§ 1 Die theologischen Grundlagen der Leibnizschen Philosophie, mithin auch deren bedeutendstem Unternehmen einer Rechtfertigung Gottes, ist unserer Generation gänzlich verloren gegangen und abhanden gekommen. Dieses aus mehreren Gründen.

a) Erstens sind wir an dem Ende der zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre des 21. Jahrhunderts an einem allgemeinen eingetretenen gesellschaftlichen Zustand angelangt, der von kontinuierlich wiederkehrenden katastrophalen Krisen gekennzeichnet ist, deren ausschließliches Merkmal es ist, dass sie irreparabel sind. Die gänzliche Irreparabilität dieser Krisen erfordert, das ist das eigentlich Ungeheuerliche an ihnen, da deren Irreparabilität politisch gar nicht mehr begegnet werden kann, die informelle Lüge, die die Bevölkerung der einzelnen Länder in dem falschen Glauben wiegt und belässt, dass es für sie in der ganzen Krisenhaftigkeit dieser Zeit überhaupt noch ein halbwegs zivilisiertes Leben gibt.

b) Es lassen sich mittlerweile deren fünf katastrophalen Krisen zählen, 1929 Zusammenbruch der Weltwirtschaft, 1949 Zusammenbruch des europäischen Staatensystems, 1969 Zusammenbruch der bürgerlichen Sexualmoral, 1989 Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus, 2009 Zusammenbruch des US-amerikanischen Kapitalismus, deren sechste und letzte die sein wird, die 2029 in einem Zusammenbrechen des Weltfinanzmarktes, das das Ende der Zivilisation bedeutet, in Erscheinung treten wird.

c) Zweitens ist das universitäre System einer theologischen Wissenschaft, wie diese sich in völlig einzigartiger Weise aus deren griechischem Boden, dem Novum Testamentum graece, erhob und entfaltete, vor allem durch das Aufkommen des theologischen Programms Rudolf Bultmanns so sehr in Frage gestellt worden, dass dessen existentialistische Richtung die von Leibniz aufgeworfene Frage einer Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt gar nicht mehr zulässt.

d) Es könnte auch noch ein dritter Grund angegeben werden, der als ein naturalistisches Gegen-Argument zu dem Leibnizschen Versuch angesehen werden könnte, der aber kein originaler ist, weil dieser unzweifelhaft aus Vorgängen abgeleitet werden muss, die aus der darwinistischen und aus der freudschen Kränkung des Menschen entstammen, der also seinerseits mit theologischen Implikationen belastet ist, deren Supposition kategoriell in eine Sphäre reicht, deren Recht theologisch in Frage steht.

§ 2 Sind unserer Generation eines technischen Massen-Zeitalters die theologischen Grundlagen, die es einzig zulassen und erlauben würden, dass in adäquater Weise auf das Leibnizsche Anliegen, deren Rahmenbedingung ausschließlich die einer Philosophia perennis ist, eingegangen werden kann, abhanden gekommen, muss gefolgert werden, dass der Begriff der Natur erneut in den Blick gerückt wird.

a) Leibniz schrieb den 26. August 1714 an Remond: „La vérité est plus répandue qu’on ne pense, mais elle est très souvent fardée, et très souvent aussi enveloppée et même affaiblie, mutilée, corrompue par des additions qui la gâtent ou la rendent moins utile. En faisant remarquer ces traces de la vérité dans les anciens, ou (pour parler plus généralement) dans les antérieurs, on tirerait l’or de la boue, le diamant de sa mine, et la lumière des ténèbres; et ce serait en effet perennis quaedam philosophia.“ (vgl. Gottfried Wilhelm Leibniz: Die philosophischen Schriften. Hrsg. v. Carl Immanuel Gerhardt. Bd. 3. Berlin 1887. S. 424 f.) Mit diesen Worten kann Leibniz zurecht als Begründer einer Philosophia perennis bezeichnet werden, die insonderheit von katholischen Gelehrten gepflegt wird.

b) Wird der ideengeschichtliche Gehalt einer Philosophia perennis geleugnet, kann nicht mehr in der nötigen Angemessenheit auf das Leibnizsche Anliegen einer Rechtfertigung Gottes eingegangen werden, da deren Prämissen aus der für diese Frage einzig berechtigen Quelle des Novum Testamentum graece (unter hermeneutischem Einschluss der Septuaginta) herstammen.

c) Der Form nach, nicht seinem Inhalte nach, stellt die paulinische Frage „εἰ δὲ ἡ ἀδικία ἡμῶν θεοῦ δικαιοσύνην συνίστησιν, τί ἐροῦμεν; μὴ ἄδικος ὁ θεὸς ὁ ἐπιφέρων τὴν ὀργήν;“ mit dem Zusatz: „κατὰ ἄνθρωπον λέγω“ (Pros Romaios 3, 5) die eigentliche Rechtsgrundlage für die philosophische Thematisierung des Leibnizschen Anliegens dar. Sie, die Frage nach der δικαιοσύνην τοῦ θεοῦ, in ihrer quasibarocken Transformation durch Leibniz, erneut zu stellen, bedarf aber der Kontextualisierung der Leibnizschen Prätendenten, die jene Fragen in ihrem gelehrten Skeptizismus leugneten.  

d) Kant, in seinem 1791 erschienenen Aufsatz „Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee“, leugnet das Leibnizsche Anliegen, weder skeptisch noch überhaupt, nicht, er unterbietet es, was auch eine Form seiner Überbietung ist. Mit seiner Unter-, respektive Überbietung weicht er Leibniz auf diesem Gebiete wohlweislich aus, weil er dessen metaphysischen Prämissen (wie oben angedeutet) in seiner Transzendental-Philosophie aufgehoben sah.

§ 3 Das Versagen allen bisherigen Eingehens auf das Leibnizsche Anliegen einer philosophischen Besprechung der Gerechtigkeit Gottes, die ihren eigentlichen paulinisch christologischen Rechtsanspruch nicht leugnet, verlegte sich zuletzt auf eine naturalistische Diskussion, die die Existenz eines Gottes, die Existenz einer göttlich obwaltenden Macht, aus ausschließlich internen Gründen in Abrede stellen muss.

a) In der Naturalismus-Diskussion ist eine (ihr notwendig inhärierende) unentscheidbare Doppelbödigkeit entstanden, deren alleinige Ursache die beiden oben genannten Kränkungen ist, die sich nicht schlüssig ist, ob die Natur gut oder schlecht sei. Nach ihr zeigt die Natur sich einerseits als Lebensspenderin, andererseits als Zerstörerin dessen, was der Mensch aufgebaut hat.

b) Etwas als etwas ansehen, lautet der erste erkenntnistheoretische Grundsatz der Philosophie, heißt, es als Einheit zu betrachten. Kann die Natur aber nicht als Einheit verstanden oder aufgefasst werden, kann ihr für das menschliche Bewusstsein keine Form zukommen, die er anerkennen kann, unter der er leben kann.

c) Die Form, die der Mensch unbewusst, in Folge aus deren Kränkung, ihr verweigert, muss er, infolge ihrer Verweigerung, Gott zugestehen. Der Mensch, weil er sich gegenüber der Natur nicht länger als deren Herrscher betätigen kann, schiebt diejenigen physischen Übel, die er aus einer nicht mehr beherrschbaren Natur erfährt, Gott zu.

§ 4 Gott erscheint dem modernen Menschen in dem Maße als das metaphysische Übel, als dass dieser das physische Übel einer nicht mehr beherrschbaren Natur anzusehen sich angewöhnen muss. Die Natur bedarf des Menschen nicht, Gott aber bedarf des Menschen, aber anders, als dieser sich an die Natur, und nicht an Gott, angebundene Mensch es wahrhaben will.  

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