Tertullian und die christliche Apologetik 

Lara Hitzmann • 26 April 2022
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Tertullian und die christliche Apologetik 


Am 26.04. ist der Gedenktag Tertullians im evangelischen Namenskalender. Zu seinen Lebzeiten galt er als Verfechter der christlichen Religion – zu einer Zeit, in der das Christentum noch keine richtige Religion, sondern viel mehr einzelne Kulte darstellte und vielerorts brutal verfolgt wurde. Der Apologet hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Paganen über das Christentum aufzuklären, in dem er dieses in Form von Schriften und Reden verteidigte und erläuterte, weshalb das Christentum eine Weiterentwicklung der paganen Philosophie sei. 


Der Begriff Apologetik ist eng mit Tertullian verbunden. Er gilt als einer der ersten lateinischen christlichen Apologeten, also als diejenigen, die wie Advokaten das Christentum verteidigten. Als sein wichtigstes Werk gilt das sog. Apologeticum.

Im Folgenden möchte ich diesen Autor, der als Schnittstelle zwischen den gebildeten Paganen und Christen galt,  vorstellen. 
Quintus Septimius Florens Tertullianus lebte und wirkte im 2. Jh. n. Chr. in Karthago. Dort hatte sich das Christentum bereits in den unteren Schichten ausgebreitet. Aber Tertullian, der aus einer reichen römischen Familie stammte, wuchs pagan auf. Das implizierte auch eine intensive Auseinandersetzung mit der paganen Philosophie und Rhetorik. Langezeit wurde vermutet, dass Tertullian zum Juristen ausgebildet wurde, doch dies konnte sich bei neueren Untersuchungen nicht halten. 
Tertullian konvertierte irgendwann im Laufe seines Lebens zum Christentum. Was genau ihn dazu bewegte, ist heute nicht mehr bekannt. Im Gegensatz zu anderen Apologeten berichtet Tertullian nicht von einem göttlichen Traum oder einer erweckenden Nahtoderfahrung.

Dies geschah in einer Zeit, in der das Christentum durchaus noch verfolgt wurde – üblicherweise eher dort, wo sich die Kultanhänger weigerten dem römischen Kaiser zu opfern. Im 2 Jh. n. Chr. wurden pagane Schriften, die sich mit den Unzulänglichkeiten der Christ:innen beschäftigten, immer beliebter und galten als Spottthema bei abendlichen Veranstaltungen der römischen Oberschicht. Dadurch entstanden apologetische Texte christlicher Autoren, die erklärten, was wahr war und was nicht – und gleichzeitig meist polemisch die paganen Kulte angriffen. 
Wegen dieser Schiften wird vermutet, dass die Römer:innen unter anderem annahmen, Christ:innen würden Kinder essen, Inzest betreiben und Eseln opfern (ähnliche Vorurteile kursierten wenige Jahrhunderte später über die Paganen). 


In seinen Schriften knüpfte Tertullian an dem Bildungsgut der paganen Oberschicht an und erläuterte anhand von Mythen und Philosophie die Belange des Christentums, räumt mit Vorurteilen auf und erklärt, weshalb Christ:innen ganz normale Menschen seien. Meist geschah dies auf eine ironische oder polemische Weise:


„Die Christen vor den Löwen!‘ – So viele vor einen?“ Tert. Apol. 40.


Neben der Polemik bediente sich Tertullian in seiner Argumentation aber auch Denkfehlern in der traditionellen Religion. Ein Vorurteil gegen die neue Religion war wie bereits erwähnt, dass diese Inzest betreiben würden. Tertullian widerliegt dies und führt daraufhin an: 

„Wer ist ein größerer Inzestverbrecher als die, die welche Jupiter selbst gelehrt hat?“ Tert. Apol 9, 16. 


Ob er mit seiner Strategie Erfolg hatte, lässt sich heute nicht mehr sagen. Für das Christentum spielt Tertullian im Gegensatz zu anderen christlichen Apologeten heute noch eine Rolle und wird innerhalb der Religion als Kirchenvater verehrt. 

 


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Tobias Georges, geb. 1972, Dr. theol., ist Juniorprofessor am Forschungszentrum "EDRIS" (Education and Religion from Early Imperial Roman Times to the Classical Period of Islam) der Universität Göttingen. Er leitet die Forschungsgruppe "Piety and Paideia: Religious Traditions and Intellectual Culture in the World of the Roman Empire; 1st - 4th century CE".


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Kommentare (1)

Nico Jendral

Vielen Dank für diesen Beitrag! Bei der Vielzahl an unterhaltsamen apologetischen Texten im Christentum ist es wirklich Schade, dass Tertullian im Gegensatz zu Minucius Felix zu viel Aufmerksamkeit erhält.
Mich hat in Bezug auf das Thema am meisten fasziniert, dass sich diese Texte gar nicht wirklich theologische Inhalte vermitteln, sondern nur das Christentum anpreisen. Gerade deshalb ist es mir unverständlich, weshalb die Theolog:innen sich mehr damit beschäftigen als die Alte Geschichte.


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