Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

Gesine Hitschler • 18 Juni 2022
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Der Titel des Buches ist das Gegenteil von dem, was die Autorin in dem Buch dokumentiert. Gleich zu Beginn listet sie auf, wie viele Frauen und Mädchen schon in Kriege gezogen sind. Das Thema dieses Buches ist der Zweite Weltkrieg, namentlich der Krieg Deutschland gegen die Sowjetunion. Über eine Millionen Frauen und Mädchen kämpften in diesem Krieg. Sie waren in allen Waffengattugen vertreten, nicht nur im Lazarett wie mehrheitlich angenommen. Sie waren Fliegerinnen, Scharfschützinnen, Aufklärerinnen, Flak-Geschützführerinnen, Pionierinnen, aber auch Köchinnen, Wäscherinnen, Telefonistinnen .... Die Kriegsliteratur ist männlich, wie Swetlana Alexijewitsch feststellt. „Alles, was wir über den Krieg wissen, wissen wir von Männerstimmen“ (S. 13). Ihr Anliegen ist es, den Frauen eine Stimme zu geben, ihre Gefühle auszudrücken, auch wenn es schon so lange her ist. „Es soll eine Geschichte der Gefühle werden“ (S. 61). Es geht nicht um Heldentaten, obwohl unzählige Frauen und Mädchen wahre Heldentaten vollbracht haben.

Die Autorin, Jahrgang 1948, beginnt in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit rund 500 ehemaligen Soldatinnen Kontakt aufzunehmen. Die Reaktionen sind unterschiedlich: manche wollen an den Krieg nicht mehr erinnert werden, da die Erinnerung zu weh tut, andere wiederum sind froh, endlich über die Erlebnisse sprechen zu können. Swetlana Alexijewitsch ist einige Jahre mit ihrer Dokumentation beschäftigt, und als das Buch endlich fertig ist, will es niemand drucken: ein zu schrecklicher Krieg, zu viel Grauen…. Erst 17 Jahre später können die Aufzeichnungen unzensiert erscheinen.

Zu einem großen Teil waren die Mädchen sehr jung, 15, 16 oder 17 Jahre, als sie aus Überzeugung und auch mit Begeisterung in den Krieg zogen. Viele der Frauen und Mädchen wollten unbedingt gleich an die Front. „Mütterchen Russland“ verteidigen war ihnen ein Anliegen.

Die Frauen beschreiben ihre Gefühle, als sie das erste Mal auf einen Menschen, den Feind,  zielten. Ein Bad der Gefühle haben sie durchlebt. Als sie später ihre eigenen Soldaten zum Teil schwer misshandelt erlebten, war jede Hemmung verschwunden.

Sanitäterinnen berichten, wie sie ihre verwundeten Soldaten bei einem Angriff aus dem Feuer zogen. Sie schleppten Männer, die zwei Mal so viel wogen wie sie selbst, und das 5 bis 6 Mal hintereinander. Es kam vor, dass die Krankenschwestern im Kessel schießen mussten, um die verwundeten Soldaten zu verteidigen…

Eine Soldatin, damals 20 Jahre alt, berichtet, wie sie einen Männerzug befehligte, Minen legte und auch entschärfte…

Auch das Wäsche waschen ist für die Frauen eine Herausforderung und eine schwere körperliche Arbeit dazu. Das zur Entlausung der Wäsche erforderliche Waschmittel stank nicht nur fürchterlich, sondern löste Ekzeme aus, die Fingernägel lösten sich…

Die Soldatinnen sind auf Grund der Biologie den körperlichen Strapazen mehr als die Männer ausgesetzt. Sie verlieren nach und nach ihre Weiblichkeit, nicht nur äußerlich. Dabei wären sie so gerne mal wieder schön, würden gerne mal wieder ein Kleid anziehen, Schuhe mit Absätzen tragen, obwohl sie mehrheitlich versichern, in solchen Schuhen nicht mehr laufen zu können, zu sehr sind die Füße durch lange Märsche in schlechtsitzenden und viel zu großen Stiefeln, zum Teil ohne Socken bzw. Fußlappen, mitgenommen.

Eine Krankenschwester resümiert, dass im Krieg alles schneller geschieht: „Leben und Tod. Es ist eine andere Zeitrechnung. In wenigen Jahren haben wir ein ganzes Leben gelebt. Alle Gefühle durchlebt….“(S. 276).

Diese Dokumentation ist zum Teil erschütternd! Die Soldatinnen berichten über sehr viele Grausamkeiten und Gräueltaten, die jegliche Vorstellungskraft sprengen. Der Leser erhält Einblicke, was Krieg letztendlich für die Soldatinnen, aber auch für die Soldaten, bedeutet. Wie sehr greift er in das Leben jedes einzelnen dauerhaft ein. Diese Erlebnisse sind lebensbestimmend. Für dieses Buch sollte man sich Zeit nehmen, um all das zu „verdauen“, über das die Frauen berichten. Ich finde es wichtig, gerade jetzt eine solches Buch zu lesen, auch wenn es ein anderer Krieg ist, der derzeit Europa bewegt.

 

Buchtitel

 

(Suhrkamp Taschenbuch, 2015)

 

Kommentare (6)

Merchan Agaricus

Eine gelungene Rezension. Ich fühle mit den Frauen mit.

Gabriele Jung

Liebe Frau Hitschler,
und wieder haben wir eine gemeinsame Lektüre. Ich lese das Buch seit einiger Zeit, schaffe aber immer „nur“ einige Seiten, weil die Erlebnisse der Frauen wirklich erschütternd sind. Sie schreiben es vollkommen richtig: das Buch macht deutlich, wie sehr die vielen grauenhaften Erlebnisse das Leben der Menschen nach dem Krieg massiv beeinflusst oder beeinträchtigt haben und nur das Schweigen über das Erlebte ein irgendwie „normales“ Weiterleben oftmals möglich machte. Wobei das Buch aber auch zeigt, dass das Darüberreden helfen kann. Erschreckend fand ich die im Buch sichtbar werdende, von offizieller Seite verklärende Haltung zum Krieg, die Glorifizierung der Taten, weil man letztlich auf der Seite der Sieger stand und bei all dem Gedenken an den großen Vaterländischen Krieg für das Elend, die Schmerzen und erlittenen Grausamkeiten kein Platz zu Erinnern war. Und so sollte eben auch dieses Buch zunächst nicht gedruckt werden, weil es die offizielle Darstellung der Heldengeschichten hinterfragte.
Erstaunlich fand ich die Euphorie und den unbedingten Willen der vielen jungen Frauen, in den Krieg zu ziehen und eben nicht nur als Krankenschwestern oder Ärztinnen, sondern als Scharfschützinnen, Panzerfahrerinnen oder Pilotinnen. War es der Sozialismus, der diese selbstverständliche „Gleichberechtigung“ möglich machte oder die schiere Not an kämpfenden Soldaten?
Die Offenheit, mit der viele der Frauen über ihre Erlebnisse berichtet haben, hat mich sehr beeindruckt. Würden Männer vergleichbar berichten?
Zu Anfang ihres Buches schreibt Swetlana Alexijewitsch:
„Der »weibliche« Krieg hat seine eigenen Farben und Gerüche, seine eigenen Empfindungen und seinen Raum für Gefühle. Seine eigenen Worte. Darin kommen keine Helden und keine ihrer unglaublichen Taten vor, sondern einfach Menschen, die eine unmenschliche menschliche Arbeit tun.“ (S.14) Das bringt es, finde ich, auf den Punkt: man gerät in den Sog, Unmenschliches zu tun und muss irgendwie lernen, das zu verkraften. Und es sind eben keine Heldentaten.
Liebe Frau Hitschler, Sie haben Recht: es ist wichtig, gerade jetzt ein solches Buch zu lesen. Und herzlichen Dank, dass Sie hier an dieser Stelle darauf aufmerksam machen!

Gesine Hitschler

Liebe Frau Jung,
haben Sie herzlichen Dank für Ihre Ergänzungen. Es gibt so viele Stellen im Buch, die es Wert wären, zitiert zu werden. Ja, der Autorin wurde vorgeworfen, keine echte Kommunistin zu sein, als sie das Buch veröffentlichen wollte - vor Perestroika und Glasnost. Interessant ist auch ihr Tagebuch, das sie parallel zu den Interviews führte mit ihren ergänzenden Gedanken und Kommentaren. Swetlana Alexjewitsch erhielt 2015 den Nobelpreis für Literatur und ich kann mich nicht erinnern, dass für sie besonders Werbung gemacht wurde. - Unabhängig davon freue ich mich, dass wir wieder ein gemeinsames Buch haben, das uns intensiv beschäftigt. Nochmals ganz herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.

Gabriele Jung

Gesine Hitschler
Liebe Frau Hitschler, weil Sie den Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch ansprechen, habe ich jetzt noch einmal ihr Werk gegoogelt und mir eine Hörprobe ihres Buches „Secondhand-Zeit . Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ angehört. Sie begibt sich darin auf die Suche nach der postsowjetischen Identität Russlands und wendet die gleiche Methode an wie bei dem von Ihnen vorgestellten Band. Das scheint mir auch ein sehr aufschlussreiches, interessantes Buch zu sein, um zu verstehen, wie die Russen auf ihr Leben und ihr Land blicken. Wahrscheinlich werde ich beides tun, hören und lesen und dann, wenn Sie mögen, meinen Eindruck schildern. Herzliche Grüße!

Gesine Hitschler

Herzlichen Dank, liebe Frau Jung, für diesen Hinweis. Eine Literaturfreundin aus meinem Club hat mir dieses Buch ebenfalls empfohlen. ich werde es ebenfalls lesen, nur braucht es noch ein wenig Zeit, da ich ein anderes, dickeres, erst noch beenden möchte. Wir werden uns, und darauf freue ich mich schon, zu gegebener Zeit darüber austauschen. Herzliche Grüße bei immer noch 30 Grad um 20.45 Uhr!

Gabriele Jung

Dann freue auch ich mich sehr auf unseren Austausch, liebe Frau Hitschler! Und wenn ich könnte, würde ich Ihnen rheinländische Abkühlung senden. Wir haben die Hitzephase bereits überstanden. Herzliche Grüße zurück!


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