Der Suizid der Schreibenden

Helmut Essl • 10 August 2021
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Schreiben über sich und die Welt auch aus Verzweiflung, und wenn das Schreiben nicht mehr hilft, was dann? Albert Camus, im Januar 1960 bei einem Autounfall ums Leben gekommen, beschreibt es schonungslos in seinem Essay „Chamfort - ein verkappter Romancier“: „An dem Tag, da Chamfort glaubt, die Revolution habe ihn verurteilt, angesichts des endgültigen Scheiterns, schießt er sich eine Kugel in den Kopf, die seine Nase zertrümmert und das rechte Auge durchbohrt. Er lebt noch, macht sich noch einmal ans Werk, will sich mit einem Rasiermesser die Kehle durchschneiden, zerfetzt sich aber nur das eigene Fleisch. Blutüberströmt wühlt er mit seiner Waffe in der eigenen Brust, und nachdem er sich noch die Adern geöffnet hat, bricht er in einem See von Blut zusammen, das unter den Türen hindurchsickert und schließlich die Leute alarmiert.“ Chamfort überlebte dieses Gemetzel knapp, starb aber einige Monate später im April 1794 an dessen Folgen.
Auch Heinrich von Kleist war ein Schriftsteller von der traurigen Gestalt, der freiwillig aus dem Leben scheiden wollte. Bevor er die krebskranke Henriette Vogel und dann sich am Ufer des Wannsees erschoss (1811), hatte er in einem Abschiedsbrief an seine Schwester Ulrike bekannt: „Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Andere tranken sich zu Tode wie Christian Dietrich Grabbe, Dylan Thomas, Brendan Behan und Werner Schwab. Ist der schreibende Mensch ein labiler, schwermütiger Charakter, der in persönlichen Krisensituationen zur Selbstzerstörung neigt?
Georg Trakl nahm nach kriegstraumatischen Erlebnissen im Lazarett in Krakau eine Überdosis Kokain (1914), Kurt Tucholsky vergiftete sich im schwedischen Exil (1935) – seine letzten Jahre waren von tiefer politischer Resignation geprägt. Ernst Toller, Gatte der „Göttin“ Christiane Grautoff und doch trauriger Sozialist und Exilant, erhängte sich in seinem New Yorker Hotelzimmer (1939). Walter Benjamin schluckte aus Angst vor der Auslieferung an die Gestapo im spanischen Port-Bou, wo er auf der Flucht vor den Nazis festsaß, eine Überdosis Morphiumtabletten (1940). Stefan Zweig litt am Zusammenbruch seiner humanistischen Ideale in Europa und tötete sich zusammen mit seiner Frau im brasilianischen Exil (1942).
Der Revolutionsschwärmer Wladimir W. Majakowski schoss sich 1930 desillusioniert ins Herz, und der argentinische Schriftsteller Horacio Quiroga griff 1937 zu Zyankali – eines seiner Werke heißt „Geschichten von Liebe, Irrsinn und Tod“. Klaus Mann forderte in seinem Essay „Die Heimsuchung des europäischen Geistes“ eine Selbstmordwelle der europäischen Intellektuellen als letzten Ausweg und Aufruf zur Selbstbesinnung. 1949 nahm er sich das Leben. Cesare Pavese brachte sich ein Jahr später um, sein Tagebuch, erschienen unter dem Titel „Das Handwerk des Lebens“, ist geprägt von tiefem Pessimismus.
Ernest Hemingway erschoss sich 1961 auf Grund einer Krebserkrankung, und Yukio Mishima beging 1970 rituellen Selbstmord aus Protest gegen den Wandel Japans zum modernen Industriestaat westlicher Prägung. Im gleichen Jahr suchte Paul Celan, der Schöpfer der „Todesfuge“, den Freitod in der Seine. Henry de Montherlant, literarischer Vertreter des Heroisch-Männlichen, verabschiedete sich 1972 in Gröfaz-Manier aus dem Diesseits: Er zerbiss eine Zyankalikapsel und schoss sich gleichzeitig in den Kopf.
Jean Améry, österreichischer Schriftsteller, KZ-Häftling in Auschwitz und Bergen-Belsen, beging 1978 Selbstmord. In seinem Essay „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“ hatte er zuvor den Suizid als „Privileg des Humanen“ gerechtfertigt. Primo Levi, der auch Auschwitz-Häftling gewesen war, stürzte sich 1987 im Treppenhaus zu Tode. In seinen Romanen schildert er das KZ-Grauen. Sieben Jahre vor ihm hatte sich Romain Gary getötet, der unter dem Namen Emile Ajar den Roman „Du hast das Leben noch vor dir“ geschrieben hat. Der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger, in dessen Erzählwerk oft ein körperlich-seelisch Kranker im Mittelpunkt steht, schied 1989 von eigener Hand aus dem Leben. Ihm gleich tat es Franz Innerhofer 2002, der in seinen Büchern das ländliche Österreich als grausame Anti-Idylle beschreibt.
Und die Frauen? Virginia Woolf, literarisch der seelischen Wirklichkeit schonungslos auf der Spur, selbst zeitlebens labil, packte einen großen Stein in ihren Mantel und ging Ende März 1941 ins Wasser. Susanne Kerckhoff, die in der Nazizeit politisch Verfolgten geholfen hatte, tötete sich 1950. Die amerikanische Lyrikerin Sylvia Plath, deren Gedichte Liebe und Tod thematisieren, drehte 1963 den Gashahn auf. Ingeborg Bachmann starb 1973 in Rom an den Folgen schwerer Verbrennungen, die sie sich in Selbsttötungsabsicht zugefügt hatte. Gisela Elsner stürzte sich 1992 aus dem Fenster einer Münchner Klinik – von ihrem letzten Buch waren gerade einmal 15 Exemplare verkauft worden. Die englische Dramatikerin Sarah Kane brachte sich 1999 im Alter von 28 Jahren um. Eines ihrer Stücke heißt „4.48 Psychose“: Um 4.48 Uhr ist der Augenblick des Selbstmords einer Dramatis persona.
Diese Aufzählung verzichtet bewusst auf Vollständigkeit, denn sie ist jetzt schon deprimierend lang!
 

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