Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

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Dieses Buch war meine erste Begegnung mit den Werken von Stefan Zweig. Es besteht aus insgesamt 14 „historischen Miniaturen“ oder Erzählungen von einigen Schlüsselmomenten der Geschichte, die erst nach seinem Tod zusammen erschienen. Diese ungewöhnliche literarische Form – zwischen Roman und Geschichtsschreibung – brachte mich auf die Idee einer mathematischen Rechnung...

Die alte Geschichtsschreibung erhob den Anspruch, historische Ereignisse durch die Heldentaten von großen Männern zu beleuchten. Wir haben aber mittlerweile gelernt, dass wir eher nüchterne Analysen gesellschaftlicher Strukturen und langfristiger ökonomischer Entwicklungen benötigen, um den Lauf der Geschichte besser zu verstehen. Das Blöde dabei ist nur, dass viele moderne Geschichtsbücher ziemlich langweilig geworden sind.

Meine gewagte Behauptung ist folgende: Wenn man die neue (langweilige aber pedantisch genaue) Geschichtsschreibung durch die alte (spannende aber verkürzte) Geschichtsschreibung dividieren würde, dann wäre das Resultat die „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig. Anspruch auf historische Wahrheit erhebt er nicht, aber seine Helden, von dieser pädagogischen Pflicht befreit, können umso mehr durch seine schillernden literarischen Erzählungen glänzen. Meine persönlichen Favoriten sind die Kapitel über die Entstehung von Händels Messias-Oratorium und die Beschreibung der gescheiterten Expedition des Robert Scott im Kampf um den Südpol.

Der Mathematiker in mir ist aber verpflichtet, meine imaginäre Rechnung zu vervollständigen. Denn die alte Geschichtsschreibung hatte auch eine Schattenseite. Sie spiegelte alle Vorurteile der Eliten wider, und neben dem Heldenhaften befand sich ein enger, begrenzter Blick auf die Welt. Das bedeutet, dass die Division nicht nur einen schönen Quotienten von spannender Literatur ergibt, sondern auch einen etwas unerfreulichen Rest, der auch in den „Sternstunden“ seinen Widerhall findet: Die Persönlichkeiten, die Zweig behandelt, sind alle männlich und fast ausschließlich weiß und europäisch. Heutzutage würde ihm sein Verlag bestimmt einflüstern, dass seine Auswahl etwas inklusiver sein könnte.

Die schöne, gebundene Salzburger Ausgabe der Werke von Stefan Zweig wird aktuell von dem Zsolnay-Verlag veröffentlicht. Der fünfte Band (von sieben, glaube ich) soll am 26. September dieses Jahr erscheinen.

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