Spaltungen der Zukunft

Andreas Pigler • 24 Januar 2021

Ich könnte jetzt zu malen beginnen. Aber eigentlich auch nicht.

Ich möchte stattdessen hier etwas versuchen. Mir scheint der Begriff der Zukunft zweideutig. Daher bedarf er einer Spaltung.

Was verstehen wir gewöhnlich unter der Zukunft? Einen Zeitraum, der auf die Gegenwart folgt. In welchem Sinne „folgt“? Darauf keine klare Antwort außer mittels räumlicher Metaphern geben zu können, rührt an das Geheimnis der Zeit.

Wie ist das Vergangene vergangen, die Gegenwart gegenwärtig, die Zukunft zukünftig? Ist das, was wir jeweils, sei es als vergangen, gegenwärtig, zukünftig, sei es als Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, bezeichnen, von diesen Zeiten selbst eingenommen? Oder ist es nicht so, dass wir nur etwas darunter fassen, das im Prinzip auch in allen Zeiten bestehen könnte, wenn man nur den Zeitindex entfernt (und sich historischer Erörterungen enthält)?

Was macht diesen Zeitindex aus, dass er die Dinge eindeutig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilt? Wieso sind die Dinge aus der Vergangenheit nicht die der Gegenwart oder Zukunft? Wer historisch denkt, hat darauf immer schon eine Antwort, die zehrt von der linearen Geschichtsschreibung. Aber für ein Wesen, das nicht gerade innerhalb eines solchen Zeitablaufs existiert, sondern innerhalb eines anderen, ist diese Zeiteinteilung ohne Belang. Sie könnte sich gerade noch behaupten als eine physikalische Zeit, in der derweil ohne ein Bezugssystem, das wiederum für etwas oder jemanden besteht, ein Zeitpunkt so gut wie der andere ist.

Diese Diskrepanz in der Auffassung der Zeit wurde schon oft reflektiert. Es sei darum, wie es sei. Was sie an Erfahrung von Geschichte impliziert, findet sich in dem wieder, was wir von der Zukunft rechtmäßig erwarten können. (Deutlicher vielleicht dort, als wenn wir danach die Vergangenheit oder Gegenwart betrachten.)

Was kann „Erfahrung von Geschichte“ in Bezug auf die Zukunft heißen? Sie ist doch gerade das noch nicht Erfahrene. Aber was macht dieses „noch nicht“ aus? Kann da etwas anstehen, was sich von dem, was wir bereits kennen, fundamental unterscheidet? Meine These: nicht in diesem Modus der Zeit. Die Zukunft ist so immer schon überschattet von dem, was wir als Zeit erfahren haben. Die Idee eines Fortschritts konterkariert dies, aber auch nicht wirklich. Sie fußt selbst auf der Grundannahme, dass das, was ihr zufolge sich Fortschritt nennt, sich über die Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft hinein fortschreibt. Was dieses „fort“ bedeutet, das setzt die tautologische Rede vom Fortschritt schon als Definition voraus. Von dem, wovon ein Fortschritt wie selbstverständlich trachtet wegzukommen, kommt er also eigentlich nie weg. Vielmehr gleicht er darin dem Laufen auf einem Fitnessgerät.

Streng genommen kommen wir also in der Zukunft nie an. Wir können höchstens, mehr oder weniger willkürlich, eine Zeit unterbrechen, eine andere, die, die darauf folgt, die Zukunft nennen. Aber auch das wird immer schwieriger, je mehr wir die Zukunft vereinnahmen für unsere Gegenwart, je mehr uns die Zukunft für eine verhunzte Gegenwart entschädigen soll. Unter der Hand wird sie damit in den Dienst an der Gegenwart gestellt, die aber selbst kein Eigenrecht mehr hat, fungiert sie nur noch als Übergangsstadium zwischen einerseits einer unzulänglichen Vergangenheit, einer ambivalenten, sprich ungewissen, aber sich auszahlen müssenden Zukunft andererseits.

Die oft sich als postmodern gerierende Redensart, dass die Zukunft noch bevor sie eintritt schon vergangen ist, wird so auf ihren wahren Kern zurückgeführt, dass es überhaupt keine Zukunft in diesem linearen Verständnis von Zeit gibt, noch geben kann, so wenig wie eine Vergangenheit und Gegenwart. Was ungeachtet der Aussagen zutrifft, die Epochen einteilen in eine moderne, eine prä- und postmoderne, so die Zeit ihrerseits nivellieren, trotz auch solcher, die die Zeit aufspalten in eine wesentliche und unwesentliche, in dieser Differenz sie festschreiben. Vielmehr ist der Hiatus zwischen der Zeit als wesentlicher und unwesentlicher so weit gespannt, dass er nicht mehr durch Wesensmerkmale, die räumlichen Vorstellungen entspringen, zu fassen ist. Er lässt sich nicht überspringen, auch nicht, gerade nicht, durch messianischen Eifer.

Was kann ich mir von einer Zukunft demnach erwarten, die dennoch so sicher eintritt, dass deren einzige Alternative eine Apokalypse, die in selige Bewusstlosigkeit einmündet, wäre? Auch Letztere kann man sich nur ausmalen, aber ob nun die Fortschreibung oder den totalen Abbruch, beides nur im Rahmen dessen, was uns schon begegnet ist. So wie zwischen dem einen und anderen die Bilder beliebig austauschbar sind, je nachdem, was daran hängt, ob unsere Verzweiflung oder Hoffnung. Es sei denn, dass wir wiederum, was wir ständig tun, zu rechnen beginnen, abwägen zwischen dem, was man verliert und gewinnt. Abermals genau in dem Verhältnis zur Zeit, wogegen alles Eschatologische anrennt (wenn es sich nur selbst verstünde).

Wenn Erlösung (darf dieses Wort, ohne gewissen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein, noch gebraucht werden?) nur außerhalb der (linearen) Zeit stattfindet, wie kann überhaupt deren Ende zu ihr in Beziehung stehen, wie kann dann die Zeit sich selbst verstehen? Wenn dem so ist, warum nicht wie gehabt einfach mit der Zeit rechnen, wie widersprüchlich auch in sich es sich gestaltet? Tun wir es meistens ohnehin, so weit, dass uns Verwerfungen im Umgang mit der Zeit überhaupt nicht auffallen und stören.

Ich glaube deshalb, weil sich darin das ursprüngliche Zeitphänomen nicht erschöpft (es den einen oder anderen vielleicht noch gibt, der dafür ein Sensorium hat). Man kann so viel man will den Zeitraum der Zukunft extrapolieren und ihn vollramschen: Was jeden Einzelnen in die Zukunft zieht (nämlich in jeweils die eigene), hat damit recht wenig zu schaffen. Nur mit dem hat es zu tun, womit er sich umgibt, wovon er angegangen wird, wenn er einmal darin ankommt. Dies die einzige daran sich legitim anknüpfende Erwartung. Mag es zwar wahrlich nicht wenig sein, so ist es andererseits nur die Kulisse des in der Zukunft sich abspielenden Lebens. Diese schlechte imaginäre Unendlichkeit übertüncht indessen die einsame Seele, die sich in all dem wiederfinden, oder sich darin eben nicht wiederfinden, wird. Natürlich kann man danach streben, zumindest im Modus der Hoffnung, all die Entfremdungsmechanismen auszuschalten, einen nach dem anderen, aber welches Bild bleibt denn dann noch übrig? Das einer Technologie, die niemals auch zur Perversion verleitet? Das eines Weltentwurfs, der jeden Mangel beseitigt, ohne neue entstehen zu lassen?

Ich erlaube mir, hier nicht nur ein Bild durch ein anderes zu ersetzen. Wenn sie mehr sind als ein vorläufiger phänomenaler Befund, sind anthropologische Konstanten, die gegen jegliche Utopie Einspruch erheben, nicht meine Sache. Also auch nicht ein konservativ geprägter, sich aus dem ableitender Pessimismus. Und wenn sich auch das Erwogene in einer gefährlichen Nähe zur Gnosis aufhält: hier all das Gegenständliche, das den Menschen erdrückt, dort das Seelenfünklein, wie es sich zu bewahren sucht; es bleibt keine Zukunft eine, an der ich nicht nur nicht beteiligt bin, auch abseits von meinem physischen Fortleben darin, an der ich auch nicht beteiligt sein möchte, schreibt sie nur eine vermaledeite Gegenwart fort.

Es gilt noch klarzustellen, dass dies kein Verdikt gegen die Fantasie ist, die sich die Zukunft ausmalt. Umso mehr, falls dies selbst als Motor dient, um Tendenzen in die richtige Richtung zu lenken, sei es als Utopie, als positiver Gegenentwurf, oder Dystopie, die ex negativo durch Abschreckung wirkt. Aber bloß technische Entwicklungen, in die Zukunft weiterprojiziert, wie auch die moralische Reaktion darauf, würden diese Fantasie nur erneut in den Dienst jenes Fortschreibens stellen, durch das schon längst jene Entwicklungen befürwortet sind, die eine Reaktion darauf nicht nur halbherzig, sondern auch nur im Nachhinein sanktioniert. Der sich ständig mit Enttäuschungen abgebende Sinn für Realität verträgt sich eben nur schwer mit einer Fantasie, die alle Grenzen sprengt, kann sich mit ihr wohl nur so vertragen, dass eine bestimmte Entwicklung als ausgemacht und unausweichlich ausgegeben wird, auch wenn es meistens anders kommt. Ginge es nach mir, so lieber die Schere offenlassen, die jedenfalls, so wir uns nicht selbst auslöschen, eintreffende Zukunft sich in alle Möglichkeiten aufspalten lassen, ohne dass eine dieser Möglichkeiten auch das Anrecht hätte, Realität zu werden. (Im Übrigen konsumiere ich auch Science Fiction in dieser Haltung: Nicht als ob sie mir sagt, was tatsächlich passieren wird, sondern so, dass sie mir nur zeigt, was überhaupt denkbar ist.)

Sich alles Mögliche auszumalen ändert nichts am Gefühl, dass die sich einstellende Zukunft schmeckt wie ein Abklatsch der gestrigen Gegenwart. Auch wenn sich vieles ändern mag, das Grundgefühl bleibt gleich, weil die Wirklichkeit immer noch so wie zuvor erfahren wird, als schiere Bedrängnis und Aufgabe. Aber das Rad muss sich eben weiterdrehen. Mag sein, dass das eine oder andere verschwunden ist, und anderes, mit dem wir es fortan zu tun haben, hinzukommt. Aber seit wir, was zumindest unsere Dingwelt betrifft, uns unserer Geschichte nur allzu deutlich bewusst sind, tritt doch das Überholte nur in den musealen Hintergrund, das Neue in den Vordergrund, ohne dass Komplexität die Originalität ersetzt. Wie wäre es dagegen zur Abwechslung mit einer Zukunft, in der sich auch unsere Mentalität von Grund auf verändert, nicht nur an die neue Technik sich anpasst?

Hingegen sind Innovationen, Gamechanger, schon längst keine mehr, sie erfüllen stattdessen nur die Forderung, das Alte mit neuen Mitteln fortzusetzen. Endgültig fade und leer ist zum Schluss eine Aussicht, die sich dem aller Bekanntesten verdankt, auch wenn als revolutionär angepriesen. So kann schon ein Impfstoff zum Gamechanger mutieren. Sogar eine Pandemie wird zur faden Angelegenheit, weil, falls sie überwunden wird, der schale Nachgeschmack übrig bleibt, dass es sie überhaupt gegeben hat. Es wird wohl einer gehörigen Portion an Interpretationsarbeit bedürfen, dass daraus für die Allgemeinheit etwas Glorreiches ersteht.

Es bleibt also höchstens noch, das Selbstverständlichste, das längst errungen Geglaubte, als Sieg über eine überwundene Krise zu feiern. Wenn das aber auch zukünftig die so ersehnte Zukunft sein soll, dann gute Nacht.

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