Das singende Pferd

Hans-Ulrich Langner • 5 Oktober 2020

 

Das singende Pferd

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Der Dieb stiehlt das Pferd des Sultans. Er wird erwischt und zum Richter gezerrt. Der Sultan befiehlt die Todesstrafe. Gnade, wimmert der Ertappte. Der Sultan gewährt ihm ein Jahr Aufschub, wenn er dem Pferd das Singen beibrächte. Die Mitgefangenen lachen den Dieb aus. Was wollt ihr denn, sagt dieser. Der Sultan kann in dem einen Jahr sterben, ich kann sterben, das Pferd kann sterben - und wer weiß, vielleicht lernt der komische Gaul doch das Singen.

 

Selbstverständlich war ich auch an diesem Montag auf dem Ring. Ebenso selbstverständlich stand das Neue Forum am Dittrichring vor der Runden Ecke. Die jungen Menschen bildeten mit ihren Körpern eine Kette. Sie schützten uns und das Haus des Grauens und der Furcht voreinander. Wir hatten die große Sorge, daß die Jalousien plötzlich geöffnet würden, daß aus den Fenstern hinter ihnen Maschinengewehre und Granaten die Chinesische Lösung in die Innenstadt Leipzigs hineinschießen könnten. Setze­pfandt, der Bürgermeister von Leipzig-Mitte hatte auf einem Forum in der Gohliser Friedenskirche mit eindringlichen und dringenden Worten vor unbedachten Handlungen gewarnt. Wir sollten uns in unserem Interesse dort zurückhalten, hatte er in Gohlis erklärt. Wir waren uns nie sicher, ob die Sorge um seine Bürger oder ob der Befehl seiner Auftraggeber ihn zu diesen Worten gebracht hatten. Er wisse, was hinter diesen Fenstern auf uns warte, hatte er gesagt. Das jedenfalls glaubten wir ihm.

Und wir wußten auch nicht, ob die lautesten Schreier gegen dieses Haus in Wirklichkeit direkt aus diesem Haus gesandt waren. Es gab wirre Behauptungen, vorgetragen bis zur Tollheit. An diesem Abend ging die Parole um, die Stasi wäre an einheitli­chen neuen Jeansjacken zu erkennen. Wie das Gerücht entstand, erfuhren wir nie. Es errichtete Mißtrauen zwischen uns. Unsere Aufmerksamkeit richtete sich auf neue Jeansjacken. Sollten wir uns darüber Gedanken machen? Wir wußten noch nicht, welche Methoden der psychologischen Kriegführung gegen uns angewendet wurden. Wir wußten nur, daß die da drinnen geschickt waren und welche unter uns schickten. Wir liefen mit berechtigten und mit unberechtigten Mißtrauen und mit echtem und mit fahrlässigem Vertrauen.

So zogen wir über den Ring, Montag für Montag. Vor diesem Haus riefen wir unsere Angst heraus. Für Pfeifen im Walde waren unsere Rufe wohl zu laut, aber es machte uns immerhin mehr Mut. Das Rufen schuf Selbstvertrauen. Viele zündeten Kerzen auf den Steinstufen vor dem Eingang an. Kaum einer wußte damals, daß dieser Eingang nicht mehr genutzt wurde. Aber diese mutigen Kerzen brachten das Haus erst wieder in ein menschliches Maß. Sie schrumpften diesen unberechenbaren Komplex mit seinen unheimlich dunklen Fensterhöhlen und flüsternd weitererzählten Geschichten auf eine faßbare Größe. Die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit war nicht mehr der Moloch, der uns nur und ausschließlich Angst bereitete. Die Bezirksverwaltung wurde zu einem Gegner, dessen Schlagkraft wir einzuschätzen versuchten.

Die Berichte von den Straßenkämpfen um den Dresdener Hauptbahnhof und von den Zugbelagerungen in Freiberg und in Plauen, vom hoffentlich letzten Geburtstag dieser Republik mit seinen Einsätzen wütend knüppelnder Polizisten in Leipzig hatten wir anfangs nur leise und vorsichtig weitererzählt, dann heimlich aufgeschrieben, später das Geschriebene offen verteilt. Niemandem war etwas geschehen. Wir wußten, daß die Zeit der Furcht vorbei war, daß wir etwas gewendet hatten: uns und unsere Angst. Deshalb riefen wir immer wieder die Angst aus uns heraus und wurden sie damit immer wieder los. Wir ließen die Furcht hinter uns und wurden wieder Menschen.

Die Demonstration an diesem Abend verlief anders.

Zuerst hatte es auf dem weiten Platz tosenden Beifall gegeben, als vom Balkon der Oper einer verkündete, die Stasi hätte sich auf Übergabeverhandlungen mit dem Bürgerkomitee eingelassen. Wir klatsch­ten Beifall und sangen laut: Stasi in den Tagebau.

Dann ging es hinaus auf den Ring. Neben der Oper stand wie an all den letzten Montagen der eine Polizeiwagen, die Polizisten standen mit Kerzen neben ihm. Sie standen eben so wirklich da mit Kerzen in den Händen, wie es unwirklich war, daß diese Truppe sich plötzlich gewandelt haben könnte. Der Schock vom Tag der Republik, als plötzlich Leipziger Polizisten Leipziger Bürger knuteten, saß noch zu tief in uns. Die Schläger hatten sich damit von den Menschen getrennt. Die Kerzen glaubte ihnen keiner.

Über die Videokamera vor der Runden Ecke und über die Spitze des Mastes, an dem sie weit oben hing, war eine schwarz-rot-goldene Fahne gezerrt worden. Schade, daß das Emblem fehlte. Der Ähren­kranz über dem Gummiauge wäre ein besonderes Bonbon gewesen. Und es ist noch unsere Gegenwart, die dort verhängt wird. Sie soll sich baldigst in unserer Vergangenheit wiederfinden. Wie wird das möglich werden? Hammer und Sichel wären ein besserer Schmuck für das, was dort zu Grabe getragen wird und dem besser entsprechend. Aber der Sieg der Bundesrepublik über das Ministerium für Staatssicherheit sollte das nicht werden, das ist unser Kampf und das muß unser Kampf bleiben. Das ist unsere Vergangenheit mit unserer Schuld, daß wir uns so lange duckten. Wir üben jetzt den aufrechten Gang. Und nur dann, wenn wir diesen Kampf gewinnen, ist es auch wirklich unser Sieg.

Also besser noch ein Sprechchor: Stasi in die Volkswirtschaft. Demokratie - jetzt oder nie.

Oben, auf den Balkon im ersten Stock treten plötzlich einige Mitglieder aus dem Bürgerkomitee, die Ge­sichter sind auch in der Dunkelheit deutlich zu erkennen. Das Unmögliche ist geschehen, die Zentrale der Leipziger Stasi ist besetzt. Wir warten mit Sprechchören. Dann erscheint ein Mann und schwenkt in der hoch erhobenen Rechten ein Schlüsselbund.

Er sei Staatsanwalt Kurzke, ruft er. Und er werde jetzt alle Räume versiegeln. Wir klatschen ihm Beifall. Wie leichtgläubig wir waren. Zwei Tage später wußten wir, daß gerade dieser Staatsanwalt seine Pro­zesse im besten Einvernehmen mit dem MfS und nach dessen Vorgaben gehalten hatte, die politischen Prozesse, die es in der Berichterstattung der Zeitungen und des Fernsehens nur in anderen, in den kapitalistischen Ländern gab. Jetzt aber jubeln wir ihm zu, wir kennen seine Machenschaften noch nicht, nicht seine Strafverfahren. Ich möchte einen Choral singen. Eine fremde Frau lacht mir aus tränenüberströmten Gesicht zu: Ich hatte nie gehofft, das zu erleben!

Als wir weitergehen und uns die rote Gegendemonstration von der Thomaskirche her entgegen kommt, wird bei uns plötzlich eine neue Parole laut. Deutschland einig Vaterland. Nicht schlecht, denken wir. Und: Werden wir das noch erleben? Jetzt drängen wir erst einmal die Roten von der Fahrbahn runter. Sollen sie sich doch am Datenverarbeitungszentrum und am Schauspielhaus verstecken. Das ist unser Ring. Werden wir mit solchen Widersprüchen ein Vaterland? Wie können wir denn überhaupt ein Vaterland werden? Bismarck und seine Reichsgründung, Hitler und sein Putsch, das war doch nicht das, was ein Vaterland begründet. Aber doch auch nicht Erich und seine Mauer. Wird es eine Einheit geben? Werden wir sagen können, daß wir Deutsche sind? Keine Staatsbürgerschaft DDR mehr, nein, klein ge­schrieben und doch überwältigend groß - deutsch.

Und was ist das genau? Bisher standen noch zu viele an der Seite des Ringes und schauten uns nur zu oder auf uns herab. Immer wieder forderten wir sie auf, sich einzureihen, sich uns anzuschließen. Beifall, wenn einer sich plötzlich überwand und zu uns kam. Rote aus der Demo raus. Deutschland einig Vaterland. Rufen, singen, miteinander marschieren, daraus könnte sich ein einiger Wille bilden.

Und jetzt wieder: Deutschland einig Vaterland.

Da steigt etwas Unbestimmtes in der Erinnerung auf und ein Kloß in der Kehle, und dann rufen wir doch alle mit. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Jetzt müssen wir drängen, daß es ein Deutschland wird. Allein werden wir mit diesen Verbrechern nicht fertig. Wir rufen weiter. Deutschland einig Vaterland. Das ist der verschwiegene Text der Nationalhymne unser eigenen Nation, die sich von ihren Ursprüngen und ihrer Berechtigung so weit entfernt hatte, daß jede Erinnerung daran unerwünscht bis verboten ist, einer Nationalhymne, deren Melodie von einem Schlager geklaut ist - und das schön mit Nationalpreisen dieser Nation dekoriert: Deutschland einig Vaterland. Es ist, als läuteten die Glocken.

Warum treffen wir immer vor der Runden Ecke auf die Gegendemonstration? Haben die Genossen vom VEB Guck, vom Institut Horch & Greif, von der DHZ Gitter und Stäbe die Absicht, Frieden zu schaffen, wenn wir uns mit denen anlegen, die noch immer Hammer und Sichel hoch und in Ehren halten? Frieden mit ihren Methoden, danach ganz schnell den Pleißegraben aufgemacht und die Toten mit der Planierraupe hineingeschoben. Aber auch bei den Entgegen­kommenden sind bekannte Gesichter, Menschen, die wir aus unserem Alltag kennen, denen wir vertrauen können, und denen stehen ganz große Vor­würfe drinnen. Geschickte? So viele kann es doch nicht geben! Sind sie zu intelligent, um noch ehrlich zu sein?

Diesen Ring werden wir nie vergessen, er wird uns vereinen und trennen. Sage mir, wo du auf dem Ring warst, und ich will dir sagen, wer du bist.

Dann brüllen mit heiseren Stimmen lautstark Randalierer oder Provokateure. Wir nehmen sie in unsere Mitte, das werden wir noch verkraften können. Keiner soll sagen können, daß aus unserer Demo Steine geflogen wären. Wir wollen Frieden. Wir sind das Volk.

Dort werden welchen die Arme schwer, ihr Transparent ist auf die Dauer zu groß. Wir nehmen es ihnen ab. Der mit zugreift, hat ein rundes Gesicht mit einem kleinen Schnurrbart. Den kenne ich doch. Woher? Er lächelt mir zu. Stimmt, wir haben doch vor drei oder vier Montagen zusammen gesprochen, sind beide eine zweite Runde auf diesem Ring gegangen. Weil wir uns so gut unterhielten. Den Regen an diesem Tag hatten wir gar nicht gespürt.

Da gehen junge Mädchen, halbe Kinder noch, das geneigte Gesicht von der Kerze beleuchtet, die sie in der Hand tragen. Sie werden in die Mitte genommen. Sie brauchen noch Schutz. Und sie sollen nicht unbedingt gesehen werden. Morgen müssen sie wieder zur Schule. Diese menschenfressenden Schulen gehö­ren zum Unwürdigsten in diesem abgewirtschafteten Land. Das wir uns beugen mußten, das ist vorbei, dafür sorgen wir.

Dann winken und rufen mir ein paar Arbeitskollegen zu: Wo hast du das Transparent her? Komm, laß mich mal. Ja, es wird schwer. Was steht drauf? Sie verrenken den Hals: Nach den SED-Skandalen ist es Zeit für freie Wahlen. Ist nicht schlecht, was wir getragen haben, denke ich. Aber der Spruch hinter uns ist besser: SED + Stasi lacht: Volk durch Visa besoffen gemacht!? Und dahinter: Lehrt endlich den komischen ‚Vogel’ das Reden!

Unsere Last laden wir am Tor des Neuen Rathauses ab. Es ist das Depot für Losungen geworden. Es ist wichtig, daß wir für unsere Plakate dieses Rathaus in Leipzig haben, daß wir diese Losungen an unserem Rathaus ablegen, damit der Leipziger oberste Wahlfälscher und seine Kumpane den Rücktritt unerbittlich auf sich zukommen sehen. Diese Plakate lassen sich nicht wie ein Wahlergebnis verfälschen. Sie sind unsere Stimmzettel.

Dann gehen wir vom Augustusplatz wieder zur Runden Ecke zurück. Noch mehr Menschen stehen davor. Wir drängen uns durch, stoßen auf Freunde, sprechen miteinander, hören aufeinander, leben füreinander. Was ist unser Einsatz auf dem Ring anderes als das wechselseitige Helfen, die tägliche Übung in Solidarität. Diese Vokabel werden wir nicht mehr gebrauchen können, die gewerkschaftlich verordnete und markweise eingetriebene Solidarität wird es nicht mehr geben, wir brauchen dafür deutsche Worte, die wir dem Übergewicht der von der Partei abgewerteten Vokabeln entgegensetzen können, vielleicht Freiheit, Gleichheit - Einheit.

Wortwechsel steigen auf: Da werden Akten vernichtet. - Das trauen die sich doch nicht mehr, wenn wir die Stasi besetzt haben. - Bürgerkomitee, daß ich nicht lache. Das waren doch alles Leute von der Stasi. - Woher weißt du, wer sie besetzt hat? - Und woher weißt du, daß Akten vernichtet werden? - Vorhin kam einer mit Bauplänen. Da gibt es fünf Kelleretagen. Da stehen Panzer und Granatwerfer. - Du warst wohl dabei, daß du es weißt? - Also, ich kenne einen, der hat genau gesehen... - Die paar vom Bürgerkomitee wissen doch gar nicht, auf was sie sich eingelassen haben. - Wie wollen die mit der Stasi fertig werden, das sind doch viel zu wenige. - Und wenn das ganze Haus besetzt ist, machen die doch einfach woanders weiter. - Mensch, ich sage dir, daß ist ein Geheimdienst, da wird die Armee eingreifen, das läßt sich doch der Modrow nicht bieten. - Nebenan ist die Polizei. - Daß ich nicht lache, die stecken doch alle unter einer Decke. Die gehen durch die unterirdischen Gänge hinüber, und aus ist es mit dem Bürgerkomitee.

Ich schaue auf die wenigen erleuchteten Fenster. Wir dürfen dort niemanden allein lassen, wir müssen unseren Leuten den Rücken freihalten. Und dann dür­fen wir dort nicht aufhören. Wir müssen die zu erwartenden Störenfriede unseres Kampfes auch kontrollieren. Stasi und Armee und Polizei und Partei und Verwaltung, das sind doch alles nur die sichtbaren Seiten des gleichen Würfels. Sie schützen die verdeckte Seite: das ZK und dessen Privilegierte.

* * *

Am Dienstag hatte ich Spätschicht. Am Vormittag war eine Besprechung zur Wahl der Landessynode angesetzt. Ich kam in die Kanzlei des Superintendenten.

Seine Frau kommt mir die Treppe herunter entgegen und tritt unmittelbar vor mir ein. Mein Mann braucht jetzt schnell nacheinander telefonische Verbindung zum Landeskirchenamt, zu Stolpe, zu Rechts­anwalt Knupp und zu Rechtsanwalt Schnur, sagt sie. Wo ist Schnur, fragt die Sekretärin. Ein Rostocker Rechtsanwalt, will ich ihr helfen, und Synodaler dazu. Ich will nicht wissen, wer er ist, sondern, wo er ist. Ich weiß noch, daß er gestern in Leipzig war. Und wo hat er übernachtet, hier, in Berlin oder schon wieder in Rostock? Während sie die erste Telefonverbindung hoch in die Wohnung gibt, überlegen wir, wo er wäre, wer ihn kennen könnte.

Wir waren froh, daß Schnur am Abend in Leipzig war und bei der Übergabe der Bezirksverwaltung sach­kundig und energisch mitgearbeitet hat. So konnte ohne Kampf und ohne Blut friedlich vollendet werden, was friedlich begonnen hat. Er ist uns Vorbild geworden mit seinem Einsatz als Christ gegen die Willkür des Staatsapparates und durch seine Verteidigungen vieler bekannter Künstler. Welches Glück, daß man in diesem Land noch Vertrauen haben kann. Ich wußte nicht, welche Enttäuschung auf mich wartete.

Dann will ich endlich wissen, was überhaupt los ist. Die Stasi vernichtet weiter Akten, sagt sie. - Aber die ist doch gestern besetzt worden. - Ob ich wüßte, wie viele Räume das dort wären und wie viele hingegen nur vom Bürgerkomitee darinnen wären. - Ich erschrecke über meine gestrige Naivität. Das ist doch nicht wie in einem Schachspiel, wo man aufgibt, wenn die Situation hoffnungslos ist. Das sind Fanatiker in der Runden Ecke, ihnen stehen nur wenige Bürgerrechtler entgegen, und die sind ebenso leichtgläubig wie ich. Es muß mehr getan werden, daß das Aktenverbrennen aufhört. Sie können und dürfen doch nicht einfach alle Spuren hinter sich vernichten.

Ich lasse alle meine persönlichen Unterlagen bis auf den Personalausweis in der Kanzlei und gehe zur Stasi. In diesem Moment denke ich nur das Eine: Das ist unser Leipzig, in dieser Stadt dürfen diese Buben nicht länger ihre Stücke treiben. Wenn wir diese Stadt lieben, müssen wir für sie handeln.

Ich bin immer gegen die Ausreisenden und die Ausreißer gewesen. Der Alte Fritz hat eine Schlacht bei Ich-weiß-nicht-wo damit vorbereitet, daß er seinen Offizieren gesagt hat: Du stirbst hier und du stirbst dort und du an dieser Stelle. Natürlich hat er diese Schlacht gewonnen, sonst würde man sich ja auch diese Geschichte nicht mehr erzählen. Aber gewiß waren es diese Worte, die damals den Beteiligten das Endgültige der Situation deutlich machten.

Und ebenso gilt es heute. Nur, wenn wir bereit sind, uns für dieses Land mit aller Kraft einzusetzen, werden wir es auch retten können. Was für ein Land ist dies? Das Land dieser Genossen, die uns immer wieder mit ihren Roßtäuschertricks leimen? Das Land, in dem die heimliche und eigentliche Hauptstadt Leipzig von baulichem und menschlichem Zerfall zeugt und von dem Dreck auf allem, was man berührt. Und diese Stadt zeugt von so vielen Untaten, die wir stumm und oft teilnahmslos unter einer trüben Sonne sahen. Diese Stadt, die uns im ungewissen Morgen durch immerwährenden Lärm und durch üble Gerüche weckt? Das Land, wird es in einer fernen Zukunft wieder richtig deutsch sein? Deutsch, mit den Wäldern des Spessarts, mit einem Nordseestrand und nicht nur einer schwer bewachten Ostseeküste, deutsch, mit dem Ulmer Münster und mit Westfälischem Schwarzbrot, mit einer zugänglichen Zugspitze anstelle des unbetretbaren Brockens, deutsch, mit der Geburtsstadt Beethovens und mit dem breiten, friedlichen Rhein, deutsch - mit einer Regierung, die man achten kann? Wird es das geben?

Zuerst gehe ich zum Haupteingang unter dem Balkon, vor dem ich gestern abend noch voller Freude stand. Kein Posten steht da. Ich klingle. Aus der kratzenden Wechselsprechanlage werde ich gefragt, was ich wolle. Ich bitte um Einlaß. Kommen sie zum Haupteingang. Da wäre ich. Nein, der ist dort, wo wir sind.

So komme ich erst zum Eingang der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei. Und ich hatte gedacht, beide Firmen, Stasi und Polizei, wären doch sauber getrennt. Das seien sie auch, werde ich freundlich angelächelt und gewiß innerlich belächelt. Die Genossen sind auf einmal so anders. Auf wessen Befehl haben sie die Freundlichkeit gelernt? Gerade noch starrte das Gesicht hinter Wasserwerfer und Schutzschild hervor, jetzt ist es alle Reinheit und Biederkeit dieser Welt.

Dann gehe ich dorthin, »wo wir sind«, zu der Einfahrt und dem Tor an der Großen Fleischergasse. Natürlich habe ich Angst. Zuviel haben wir über die Stasi gehört, von gefährlichen Witzen bis zu niemals zu Ende Gedachten über Bautzen und Waldheim, Angst vor tiefen Zellen mit ungehörten Schreien und vor der Allgegenwart in der Schule, auf Arbeit, zu Hause vor dem Telefon, vor abgelauschten Fensterscheiben. Angst hat unser Leben bestimmt, hat uns gefügig gemacht. Und die Sehnsucht nach Freisein von Angst führte auch zu Liebedienerei und zu Verrat. Aber wir dürfen nicht immer nur Angst haben. Wenn man die Hände in die Taschen steckt, sieht sie keiner zittern.

Ich gelange bis in den Besucherraum bei der Wache, ich hatte den diensthabenden Offizier sprechen wollen. Das brachte mich bis in einen vergitterten Warteraum, dreckige Scheiben, teilweise zugezogene Gardinen, nach abgestandener Asche stinkend, unordentlich herumstehende Möbel, der Fußboden wartet auf einen Besen. Nach mir kommt ein älterer Mann, Ledermantel, Parteiabzeichen, er wäre vom ADN, sagt er, was ich für ein Problem hätte, ob er mir helfen könne. Innerlich feixe ich über diesen primitiven Trick. Ich sage kein Wort, wir belauern uns böse schweigend. Dann wird er von einem Offizier abgeholt, den ich später als Pressesprecher des Hauses zu verachten gelernt habe. Wollte der Ledermantel wirklich etwas von mir? War er wirklich vom ADN? Nach einer Stunde bin ich wieder draußen, ergebnislos.

Ein Hauptmann sagt mit harter Stimme: Bürger, gehen sie gutwillig, dann vergessen wir diesen Zwischenfall. - Wer hat ihnen denn gesagt, daß hier Akten vernichtet werden?

Vor vierzehn Tagen hätte ich auf diese Frage vielleicht noch geantwortet, das kriechende Gehorchen ist uns eingeübt worden. Jetzt sage ich, daß es anders ist, daß die Bürger die Fragen stellen, daß die Stasi antworten muß. Das klingt eigentlich recht gut, erweist sich aber eindeutig als wirkungslos.

Wieder der Hauptmann: Bürger, gehen sie, wir können für ihre Sicherheit nicht mehr garantieren. Bei einer direkten Drohung, sollte man als Einzelner nicht den Helden spielen wollen.

Doch da sehe ich Superintendent Magirius, Propst Hanisch, Rechtsanwalt Knupp und einige Bekannte vom Ring an der Wache vorbei nach innen gehen. Ich versuche, ihnen durch das geschlossene Fenster zuzurufen. Sie hören mich nicht, können mich nicht hören. Ich will hinterher rennen. Es mißlingt, ich werde festgehalten. Ich muß es noch einmal ganz von außen versuchen, zu ihnen zu kommen. Ich gebe meine Einzelaktion auf, gehe zurück. Ohne Ergebnis, aber nun auch endgültig ohne Angst.

Am Nachmittag ruft der Sender Leipzig auf, das Bürgerkomitee zu unterstützen. Ich spreche dazu noch einmal mit dem Superintendenten. Er bittet mich dort hineinzugehen. Nach dem Telefonat breche ich einfach die Arbeit ab und gehe zum Neuen Forum neben der Musikalischen Komödie, sie nehmen mich mit in die Runde Ecke.

Die Öffnung des Hauses geschah am Montag mehr oder weniger freiwillig. Das beweist aber, daß es auch hier Menschen gibt, die sehr spät, vielleicht auch zu spät erkannt haben, daß sie bisher nicht die Interessen des Volkes vertreten haben, wie sie es immer gebetsmühlenhaft uns einzureden versuchten, daß sie eingesehen haben, bis heute gegen ihr eigenes Volk gehandelt zu haben. Wir können, wenn auch nicht mit Freunden, so doch mit Denkenden rechnen. Die Tür wurde von innen geöffnet. Es fiel kein Schuß. Es gab einige Rempeleien, das ist unwesentlich. Aber daß dies so einfach war, das ist ein wenig unheimlich. Daß die Genossen aufgegeben haben, glaubt erst einmal keiner. Hinter jedem Wort wird eine Falle vermutet. Und doch haben wir gegenwärtig nichts als Mund und Ohren, um etwas zu erreichen.

Die Gespräche der vom Bürgerkomitee benannten Sprecher mit den Offizieren des MfS sind schwierig. Die örtlichen Stasigrößen spielen auf Zeit, mal ist der Leiter selbst da, mal sein Stellvertreter, mal der Stellvertreter Operativ und dann ist es vielleicht der Parteisekretär. In dem Chaos von meist Zivil aber auch Uniform können wir uns kaum orientieren. 

Wir haben euch zwar nicht eingeladen, aber wenn ihr nun schon einmal da seid, wollen wir auch mit euch sprechen, sagte der Oberste dieser Bezirksverwaltung.

Sie wollen uns glauben machen, daß sie sich nicht abgestimmt hätten und besprechen die gleichen Dinge zweimal, dreimal, immer wieder. Und immer wieder mit anderen Offizieren. Wir wissen nicht, warum die einen Uniform und die anderen Zivil tragen. Hat das für diese Gespräche etwas zu bedeuten? In den Pausen telefonieren sie gewiß eingehend mit der Zentrale in Berlin. Das können wir nicht unterbinden.

Wir haben auch kein eigenes Telefon. Die Verbindung mit draußen geht nur über die Leitungen des Hauses. Also wird jedes Wort bei jedem Anruf mitgehört und protokolliert werden.

Alle Besprechungen können nur dadurch erfolgen, daß wir vorgeben, die Bezirksverwaltung vor dem Ansturm der Massen auf den Straßen Leipzigs schützen zu wollen. Wir wollen ja nur wenig, nur Ordnung und das Vernichten von Akten soll aufhören. Wer hat ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt, daß bei uns Akten über Bürger existieren, wollen sie wissen. Sie hätten nur dienstliche Weisungen aus Berlin. Und diese Weisungen hatten kein Ziel? Es gab ein ganzes Ministerium in der DDR, das nichts mit den Menschen zu tun hatte? Wir sprechen davon, daß ein Sturm auf das Haus unbedingt vermieden werden muß, das könne zu nicht absehbaren Dingen, zu Gewalt führen, die wir alle vermeiden wollen. Das könne auch nicht in ihren Interessen liegen. Und wieder fragen sie uns nach der Quelle unseres Wissens. So geht es immer wieder hin und her.

Es zeigt sich, daß dem gestrigen Staatsanwalt nicht zu trauen war. Wir fordern einen kompetenten Staatsanwalt. Für das Ministerium wäre nur der Militärstaatsanwalt zuständig. Lange Gesichter bei uns, wollen wir uns mit dem einlassen? Wer ist das eigentlich? Er solle kommen. Dann werden wir weiter sehen.

Darauf fordert das Haus einen Vertreter der Regierung, nur in dessen Gegenwart könne man weiter verbindlich miteinander reden, nur so gäbe es eindeutige Regelungen. Dem können wir nicht widersprechen. Also soll Modrow einen Mann beauftragen. Bis dahin bliebe alles so, wie es ist? Nein, das können wir nicht zubilligen, wir müssen die Räume selbst noch einmal versiegeln können, die Arbeit des Staatsanwaltes vom Montag können wir getrost vergessen. 

In das Warten auf den Regierungsvertreter kommt plötzlich ein Oberst in Uniform herein, schon älter, grauhaarig, untersetzt, die Brust mit Ordensspangen geschmückt. Er stellt sich als der Militärstaatsanwalt des Südbezirkes vor. Von Uniformen halte ich nichts. Aber hier war etwas anderes, hier steckte in der Uniform ein Mensch, der nicht gleich das Mißtrauen schürte. Später hatten wir sogar zu ihm so etwas wie Vertrauen.

Wir hatten gelernt, jeder Uniform zu mißtrauen, der Försteruniform wie der des Briefträgers. Jede Uniform konnte eine Tarnung sein, aber ebenso ist auch das Zivil. Werden uns diese Zweifel einmal selbst zerfressen?

Wir haben wenige Tage später die Uniformen gefunden, die bei operativer Nützlichkeit getragen wurden. Die Uniform des Försters und die des Straßenbahners und die des Briefträgers und die des Eisenbahners und die und die... Wir hatten nie eine Chance zu einem ehrlichen Meinungsaustausch oder gar zur Anerkennung. Sie haben immer nur die Forderungen der SED durchgesetzt. Sie haben uns gefoppt und geäfft und genarrt.

Gemeinsam mit dem Militärstaatsanwalt warteten wir auf den Regierungsvertreter. Er kam spät in der Nacht. Die ersten Gesprächsthemen wurden nur erwähnt, dann vertagten wir uns. Wir alle waren zu erschöpft.

In dieser Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wechselte plötzlich die Wache: Die Schutzpolizei übernahm unter direkter Leitung der Bezirksbehörde die Objektkontrolle und löste damit die Wacheinheit der Stasi ab. Wir erhielten im Gebäude Polizeischutz. Wir haben ihn nie wirklich gebraucht, aber unbedingt das von ihm vermittelte Gefühl der Sicherheit. Vielleicht sollte uns dieses Gefühl auch nur vorgegaukelt werden.

Wir fragten uns erst selbst, dann wurden wir gefragt, ob wir mit der Polizei nicht neue Spitzel bei uns hätten. Genau gewußt haben wir dies nie. Zum einen war dieser Wachschutz aus niedrigen Dienstgraden besetzt, und dem Polizisten auf der Straße in einem gewissen Umfang zu vertrauen ist schon möglich gewesen. Natürlich, es war die gleiche Polizei, die wir gefürchtet hatten, die eine wesentliche Stütze dieses Repressionsapparates war. Aber dem einzelnen Gesicht zu mißtrauen, das ist schwer. Und dann war es auch nicht möglich, gegen alle Erscheinungsformen staatlicher Gewaltausübung gleich­zeitig aufzubegehren. Wir waren einfach zu wenige, um uns auch noch mit der Polizei anzulegen. Denn dann hätten doch wir die öffentliche Sicherheit in der Stadt aufrecht erhalten müssen. Und das konnten wir nicht. Geht so etwas ohne Polizei?  Sind wir nicht Verrückte, die eine Revolution mit Polizeischutz machen wollen?

Die Polizei und die Stasi teilten sich in einem Geviert auf dem Gelände der alten Leipziger Burg einen unübersichtlich abgetrennten Altbau und einen riesigen Neubau. Wir hatten nur die halbe Zitadelle eingenommen und dann nicht weiter drängen können. Ob das so richtig war oder ein Weitergehen möglich und notwendig gewesen wäre, bereitet mir immer noch Gedanken.

* * *

Wir stießen bei den Polizisten nicht nur auf freundliche Gesichter. Oft war das Mißtrauen auf beiden Seiten ehrlich. Aber wir mußten beide lernen: Wir hatten es leichter, wir brauchten nur zu neuen Gesichtern Vertrauen zu haben. Sie mußten als erstes lernen, daß die, die gestern noch staatsgefährdend waren, heute als staatstragend anerkannt wurden. Und sie mußten außerdem unseren Gesichtern vertrauen. Es gab aber auch nicht die von ihnen erwünschten Verbrüderungsszenen.

Aber es gab viele ehrliche Gespräche. Wir haben von unseren Schmerzen bis zum 9. Oktober gesprochen. Sie haben von ihren Familien berichtet, von Frauen, die in den Geschäften nicht bedient wurden, weil ihre Männer Polizisten waren. Von Söhnen, die aus dem gleichen Grund Klassenkeile bekamen. Wir haben das auch glauben können. Wir wurden uns einig, welche Arbeit da auf uns zukommt.

* * *

Warum ich diesen Zorn auf die Stasi habe: Als ich am Dienstag nach meinem vergeblichen ersten Anlauf aus der Bezirksverwaltung komme, überholt mich ein ehemaliger Studienkollege, seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Wir begrüßen uns. Großes Hallo. Arbeitest du noch dort und dort? Nein, er ist jetzt im Messeamt. Und wie ist bei euch die Stimmung, wird bald gestreikt? Ich sage ihm, daß dies bei uns sinnlos wäre, es arbeitete sowieso kaum noch einer. Und es gäbe wohl kaum einen Unterschied zwischen organisiertem und nicht organisiertem Nichtstun. Nein, ihr müßt auch streiken, ich rufe dich morgen an, gib mir mal deine Telefonnummer. Ich gebe sie ihm.

Er ruft nicht an. Er kann nicht mehr anrufen: Am übernächsten Abend ist er bei der ersten Gruppe, die unter unserer Aufsicht das Gebäude für immer verlassen muß.

Ich kann es uns beiden nicht ersparen, wir haben zusammen gelernt und zusammen in den Klausuren gespickt: Bernd, wie konntest du... Er unterbricht mich: Uli, ich kenne dich nicht, ich war nie im Messeamt.

Deshalb habe ich auf die Stasi Zorn: Es waren keine schlechten Menschen, die sie sich gefügig machten. Vielleicht waren sie mit einem hohen Gehalt schneller weich zu kriegen, leichter zu verführen, aber schlecht waren sie nicht. Und: Auch, als es bereits dreizehn geschlagen hatte, versuchten sie noch immer ihre miesen alten Tricks.

Bloß: Wer ist die Stasi, wenn nicht die Summe der Leute, die ihr treu ergeben waren? Natürlich ist die Kraft der Stasi größer als die Summe der Kraft dieser Leute. Ist deshalb nicht auch unsere eigene Schwäche ein Teil ihrer Kraft. Wer ist die Stasi?

Weshalb ich auch so zornig bin: Daß ich bespitzelt wurde, wußte ich. Fast jeder Erwachsene wurde bespitzelt. Die LKW-Ladungen aus dem Kreisamt Leipzig-Stadt in der Gustav-Mahler-Straße beweisen es. Die Spitzelakten werden nach Tonnen gemessen.

Ich vermutete Postkontrollen. Also bat ich meine Bekannten und Verwandten persönlich (am Telefon wagte ich es nicht zu sagen), mir meine Briefumschläge oder wenigstens die Briefmarken mit dem kompletten Stempel zurückzusenden. Das Ergebnis entsprach meinen Erwartungen: Mehrere Briefe, immer zugleich in den gleichen Briefkasten geworfen, waren zu unterschiedlichen Uhrzeiten und sogar an unterschiedlichen Tagen abgestempelt worden. Mich empört nicht nur die Tatsache dieser Schnüffelei sondern auch die Primitivität dieses Verfahrens: Ein bißchen mehr Intelligenz kann man doch von seinen Spitzeln erwarten, es ist einfallslos, so idiotisch einfach nachweisbar zu bespitzeln. Oder wollten sie mich einfach mit meiner Angst disziplinieren?

* * *

Wir haben mit drei Zielstellungen im Amt gearbeitet, bei aller Meinungsvielfalt herrschte darüber Einigkeit:

Erstens mußte die Arbeitsfähigkeit des Amtes niedergehalten werden, bis das Amt von der Regierung unter dem Druck der von uns vorzulegenden Fakten aufgelöst werden mußte. Mit welchem Vertrauen in die Ehrlichkeit von Herrn Modrow gingen wir an unsere Arbeit. Wenn wir erfahren sollten, daß er uns nur getäuscht haben sollte. Aber das kann sich keiner vorstellen. Dem ehrlichen Hans kann man doch vertrauen. Hinter diesem aufrichtigen Gesicht muß er doch Mensch geblieben sein. Und für die Exzesse in Dresden kann er gewiß nichts. Denn auch in der Partei gibt es ehrliche Menschen.

Zweitens mußte gewährleistet werden, daß die Belange der Nationalen Sicherheit oder der Aufklärung oder der Spionage und Gegenspionage nicht gefährdet wurden. Keiner von uns war scharf darauf, ein Staatsgeheimnis zu erfahren. Was wäre geschehen, wenn wir zum Beispiel eine Liste der Agenten oder Aufklärer in Spanien gefunden hätten, diese gar in die Öffentlichkeit geraten wäre? Wenn es überhaupt so etwas gibt, das dieser naiven Beschreibung entspricht. Es wären die Interessen der Großmächte gefährdet gewesen, die brüchige Stabilität des Hauses Europa hätte unvermeidlich einen weiteren, vielleicht sogar den entscheidenden Sprung bekommen. Aber vielleicht lachen die vom Amt für Nationale Sicherheit über unsere Zurückhaltung.

Drittens mußte gewährleistet werden, daß die Vernichtung der Akten sofort unterbunden wurde und diese einer zentralen Aufarbeitung zugeführt werden konnten, damit aus der Kenntnis der Arbeitsweise dieses Amtes gesichert werden konnte, daß so ein Amt mit so einer Arbeit künftig nicht mehr möglich ist, daß eine ähnliche Arbeit in einem ähnlichen Amt von Anfang an unterbunden werden kann, daß mit diesen Akten unsere Geschichte, die Geschichte von vierzig Jahren Demütigung, aufgearbeitet werden kann.

Hoffentlich wird niemals jemand uns die Beschränkung auf diese drei Punkte vorwerfen müssen.

Einer aus dem Bürgerkomitee fordert immer wieder, wir sollten wenigstens noch die Bezirkszentrale der Partei besetzen. Wenn wir unsere Kräfte noch einmal bündeln könnten, wäre dies wohl möglich. Aber was haben wir denn gegen diese Partei? Die Stasi ist es doch, die uns das Leben schwer gemacht hat. Noch in den ersten zwei Wochen lernen wir es besser: Wir haben eine einmalige Chance verstreichen lassen mit unserer Bedächtigkeit. Wir wußten von Anfang an, daß die Stasi Schild und Schwert der Partei war. Aber wir haben nicht den einzig richtigen Schluß gezogen, uns mit dem Hirn der Stasi zu beschäftigen. Das werden wir bitter bereuen.

* * *

Oberstleutnant S., am ersten Sonnabend danach, also genau fünf Tage nach der Besetzung: Wir haben noch immer genug Waffen und genug Munition, um auch 500 000 Demonstranten niederzuhalten.

Welches Denken, den Tod von 500 000 Menschen als Möglichkeit der Machterhaltung einer kleinen Clique zu erwägen; diesen Tod mit der verharmlosenden Umschreibung ‘niederhalten’ zu bezeichnen. Und: Waffen und Munition ja, aber jedes Maschinengewehr braucht einen Menschen, die Soldaten dafür haben sie wohl nicht mehr.

* * *

Das Bürgerkomitee benutzte zwei Räume: den großen ovalen Verhandlungsraum im ersten Stock hinter dem Balkon und einen daneben liegenden Arbeitsraum. Wir saßen im großen Saal und unterhielten uns, Pausengespräch. Jemand fragte mich nach dem Namen des Regierungsvertreters, ich nannte ihn. Plötzlich, nur für einige Silben, hörte ich meine eigenen Worte laut und synchron aus einem anderen Nebenraum. Natürlich konnte ich bei der Übermüdung einer Halluzination unterliegen. Aber auch andere sprangen auf. Massenhalluzinationen gibt es nicht. Wir untersuchten sofort die Mauer hinter der Holztäfelung: rauher Putz und Spinnweben. Kein Mikrofon, kein Lautsprecher an der Wand.

Wir wollten den anderen Nebenraum, diesen dahinter liegenden Raum durchsuchen. Der Schlüssel war nicht auffindbar. Fast kein Schlüssel war auffindbar, wenn wir plötzlich einen brauchten. Es bedurfte oft wiederholter Proteste und Vorhaltungen oder sogar eines massiven Wortes des Militärstaatsanwaltes, bis wir in die geforderten Räume kamen. Die Durchsuchung des dahinter liegenden Raumes, aus dem wir vermutlich belauscht wurden, haben wir dann unterlassen. Es war nicht gewiß, ob dort ein letztes Aufgebot fanatischer Tschekisten (so nannte sich die Stasi auf den Losungen und Aufrufen im Gebäude) den Regierungsvertreter, die Militärstaatsanwälte, den Superintendenten und den Probst, uns alle belauschte. Und was hätte die Gewißheit darüber uns geholfen? Wenn die Woge zurückschwappt, werden vielleicht einige der eben Genannten sich herausreden können, wir anderen werden uns dann alle an unserer Richtstatt wiederfinden.

* * *

Keiner sagt mehr Volkspolizei. Alle sind sicher, daß es nun wirklich unsere Polizei werden kann. Nicht nur deshalb, weil sie uns Personenschutz stellt und uns auf unseren Wunsch hin im unübersichtlichen Objekt begleitet. Nicht nur deshalb, weil auch sie wütend ist, daß über sie selbst Akten im Amt existieren.

Weshalb noch? Das Zusammenleben mit den Polizisten bringt uns die meisten menschlich näher. Vertrauen aus Bequemlichkeit? Möglich. Wenig wahrscheinlich. Vertrauen, weil wir keinem anderen vertrauen müssen? Weil wir diesen Grünen vertrauen wollen? Wir sind wegen dieses Ver­trauens auch als Verräter bezeichnet worden. Ver­ständlich für die Außenstehenden, aber es war wohl unberechtigt. Erstmals wurde uns nicht vorgeschrieben, wem wir zu vertrauen hatten. Da konnte man ja es einmal wagen. Wir hatten Vertrauen aus der alltäglichen Erfahrung gewonnen.

Jeder Mensch braucht einen Menschen, dem er Vertrauen schenken kann. Nichts wollen wir so schnell los werden wie Mißtrauen, höchstens noch die Freiheit, die können wir auch nicht vertragen. Vielleicht Vertrauen aus der Erkenntnis heraus, daß wir allein unsere Aufgabe nicht schaffen können? Daß sie die gleichen oder sehr ähnliche Ziele haben? Vertrauen wagen, damit wir leben können? Und aus diesem gewagten Vertrauen konnten wir alle leben: die Polizisten und wir, weil es ganz einfach kein Zusammenleben gibt ohne Vertrauen als Voraussetzung und Ergebnis.

* * *

Als ich das erste Mal hinter das ovale Beratungszimmer ging, in unsere eigentliche Zentrale, saß ein junger Mann und diktierte das Protokoll. Die Sekretärin war vom Amt, es ging auf Mitternacht zu. Beide konnten kaum noch vor Müdigkeit arbeiten. Eine Zigarettenpause.

Sie sagte: Ich schreibe hier noch mein eigenes Todesurteil.

Der junge Mann beruhigte sie: Nein, nur ihre Entlassung.

Warum dachte sie an ihr Todesurteil? War es nur so dahergesagt? Sie war noch zu jung, um an den Tod zu denken, um an den Verbrechen des Amtes wirklich aktiv teilgenommen zu haben. Warum dachte sie an ihr Todesurteil? War das Ende ihrer Welt für sie gleichbedeutend mit dem Todesurteil? Vielleicht war sie auch nur übermüdet. Der Tod ist die ältere Schwester der Müdigkeit. Ist ihre Vollendung.

* * *

Das Bürgerkomitee gibt eine Pressekonferenz. Alle sind aufgeregt. Wird überhaupt jemand von den Medien kommen? Und was werden sie dann berichten von dem, was wir sagten? Interessiert sich denn wirklich ein Mensch aus dieser Welt, die immer unwirklicher wird, für uns? Wir haben kaum noch Zeit für persönliche oder familiäre Kontakte. Ein Wäschewechsel ist die Zeiteinheit, die unsere Familien uns zu sehen bekommen. Und was wir hier sehen, sehen wollen und sehen müssen, was wir hier erfahren, ist so jenseitig aller unserer Erfahrungen, daß die Welt des Normalen irreal wird. Wir verlieren etwas von den Maßstäben, die in der Welt von Kaufhallen, Verkehrsmitteln, Arbeitsstellen und Familien und Gemeinden angewendet werden. Wird die Presse dennoch kommen? Unablässig schicken wir das Lochband an immer wieder neue Adressen durch den Lochbandleser am Fernschreiber, machen Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen auf uns aufmerksam.

Und sie kommen. Als sie an dem Sonntag da sind, reicht kaum der Platz aus.

Das Gerangel einzelner von uns um einen Platz im Ovalrund vor der Holztäfelung im Zielpunkt von Kamera und Scheinwerfer ist mir zu viel, ich setze mich an einen der Längstische, links neben mir der Wuschelkopf von der ARD, rechts sitzen Superintendent Magirius und Probst Hanisch. Falk Hoquél beginnt zu sprechen. Und ganz schnell haben die Journalisten ihn an der Stelle, wo wir uns unsicher und uneinig sind. Wie stehen wir zur deutschen Einheit? Erst einmal versucht er, bei dem zu bleiben, was wir vereinbart haben: Er spricht weiter von der Auflösung des MfS, von den Strukturen und von der schlimmen Unterdrückung. Aber die Medienleute haben ihren Beruf gut gelernt, wieder und dringender kommt ihre Frage nach unserem Bemühen um die deutsche Einheit.

Einheit, ja, aber doch nicht gleich, habe ich immer wieder gedacht und so kostbare Gedanken gehabt, wie den, daß wir uns die Einheit schwer erkämpfen sollten, denn nur, was uns teuer kam, wird uns etwas wert sein. Was zu schnell selbstverständlich ist, wird wertlos. Aber dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Was soll aus der DDR werden? Anschluß oder Selbständigkeit?

Können wir denn selbständig bleiben? Wenn wir jetzt sagen, wir im Osten wollen unseren eigenen Weg gehen, ist das doch die Chance, auf die die Genossen von der SED nur warten, um nach dieser kurzzeitigen Unsicherheit wieder auf ihrem Führungsanspruch zu beharren.

Wie lange halten wir denn hier drinnen noch aus: Es ist manchmal, als trügen wir den Kampf allein aus und die Leipziger schauten auf unsere Auseinandersetzung mit der Staatssicherheit wie auf ein Spiel zwischen Lok Leipzig und Chemie Leipzig. Vielleicht auch gegen Dynamo.

Wir brauchten viele Diskussionen und brauchten ruhige Gespräche, um hier zu einem Vorschlag zu kommen, den die Mehrheit der Menschen in unserer Stadt und unserem Land mittragen könnte. Wir müßten...

Da spricht Falk von einer schnellen Wiedervereinigung. Jetzt entsteht Unruhe.

Ich denke, daß wir unsere Errungenschaften wie die Vollbeschäftigung, wie das Gesundheitswesen, wie diese unbeschreiblich schöne Aufbruchsstimmung nicht so rasch aufgeben sollten.

Ist das hier noch unsere Party, fragen sich die beiden Leipziger Kirchenführer. Ich weiß es doch auch nicht. Macht niemals Geschenke dort, wo man selbst sich etwas erarbeiten kann. Das gilt für alles, was sich entwickeln soll. Kann sich das entwickeln? Haben wir die Zeit dafür? Jetzt muß ich mich entscheiden, für die Einheit oder für weitere sozialistische Experimente. Was wird uns das andere Deutschland für Bedingungen nennen? Oder geht es der Bundesregierung jetzt auf einmal wirklich um die deutsche Einheit, die Honecker bei seinem Besuch in Bonn unter dem Roten Teppich zertreten wollte.

Magirius und Hanisch stehen auf und erheben Protest. Sofort schwenken alle Kameras auf die beiden, die Scheinwerfer kommen hinterher. Die beiden gehen. Unsere Pressekonferenz platzt!

Kohl hat Honecker damals die Hand gegeben, obwohl doch die beiden Systeme wie Feuer und Wasser waren. Und nichts zischte, als sie zusammenkamen. Aber das war ja damals der Kanzler, jetzt und hier ist es unser Problem, ist es mein Problem, und ich muß mich sofort entscheiden, wo ich gern Zeit zum Nachdenken gehabt hätte.

Der Superintendent, schon dicht an der Tür, schaut mich noch einmal an. Nein, Einheit jetzt. Nach vierzig Jahren werden wir keinen Weg gegen die Nationale Volksarmee und gegen die Rote Armee, gegen die Partei und gegen die Staatssicherheit, gegen die Herrschaft der Partei in der Verwaltung, in der Volksbildung und in der Wirtschaft auf allen Ebenen und bei allen Gelegenheiten schaffen. Wir brauchen Hilfe. Wir sind doch ein Volk, und es ist keine fremde Macht, die den Zehn-Punkte-Plan entwickelte. Auch wenn das diesem quirligen Rechtsanwalt von der SED weitaus lieber wäre.

Magirius und Hanisch gehen durch die Tür, die Kameras wollen ihnen folgen. Da steht Köcher auf, der Militärstaatsanwalt. Jetzt wollen wir uns einmal die Akten ansehen, sagt er laut.

Sofort richten sich alle gierigen Objektive auf den kurzen Mann in seiner Uniform. Damit hat er die Pressekonferenz gerettet. Was auch geschehen wird, das sollte ich diesem grauhaarigen Mann nicht vergessen.

Er nimmt ein schweres Schlüsselbund aus der Tasche und geht mit selbstbewußten Schritten zur übernächsten Tür, schließt sie auf. Und wie die Wildgänse dem Sommer folgen ihm die Kameras in der Kiellinie. Hinter der Tür eine weitere Tür, eine mächtige Panzertür, er öffnet sie, dahinter ein Gitter und noch weiter dahinter Akten auf Tischen, in offenen Schränken, aufeinander, nebeneinander, durcheinander. Stasi-Akten, da ist die Sensation perfekt. Keiner kann etwas Genaues erkennen, und später wissen wir, daß das Büro des Leiters die Banalität im Schrecken war.

Aber das wird heute abend über jeden Bildschirm gehen. Und anstelle von unserer Unsicherheit und von unserer Unerfahrenheit, anstelle von unserem Dilettantismus werden die Nachrichten von Geheimnissen hinter dicken Stahlwänden berichten, vom Herzen der Krake und nichts von den Opfern, die sie verursacht hatte. Täter machen bessere Schlagzeilen als Opfer, und die Platitüden eines grauen Büros sind telegener als die Arbeit der grauen Zellen hinter einer unauffälligen Stirn.

Und hoffentlich wird diese Entscheidung für die rasche Wiedervereinigung und gegen weitere sozialistische Experimente richtig sein. Aber jedes andere Votum könnten wir nicht durchstehen.

* * *

An einem Nachmittag wieder einmal ein Siegelbruch im Keller zwei. Ich rufe den diensthabenden Militärstaatsanwalt an. Ja, er komme, aber es werde ein wenig dauern. Ich kenne ihn inzwischen als schnellen und korrekten Menschen. Ein Polizist und ein Mitglied des Bürgerkomitees warten vor dem erbrochenen Siegel. Der Diensthabende kommt nicht. Ich sorge um Ablösung für die Leute im Keller. Nach fünf Stunden rufe ich aufgebracht den leitenden Militärstaatsanwalt an. Ja, der Diensthabende würde gewiß noch kommen, aber er habe im Augenblick wichtigere Dinge zu tun. Gleich danach trifft er dann ein.

Er entschuldigt sich: Ich habe etwas veranlaßt, woran bisher keiner gedacht hat. Ich habe die Abteilungen Eins in den Kombinaten siegeln lassen und einen Polizisten davor gesetzt. Morgen werden einige Generaldirektoren staunen, wenn sie auf Arbeit kommen. Tatsächlich setzt sich am Montag danach Biermann, der Generaldirektor von Zeiss Jena, nach dem Westen ab. Und Oskar Lafontaine nimmt ihn auf, so bringt es der Rundfunk am frühen Montagmorgen,

Daran hatten wir nicht gedacht. Morgen, arbeiten, staunen - dann muß heute wohl Sonntag sein. Die Tage sind gleichförmig und schwer. Das Datum kennen wir vom Wachbuch, der Wochentag liegt außerhalb unseres Informationsbedarfes.

Dann gehen wir in den Keller. Im Protokoll der ersten Versiegelung steht: „...aus Gründen der nationalen Sicherheit hält der Militärstaatsanwalt die Petschierung für nötig...“ Ein Mitarbeiter des Amtes wird nach dem Schlüssel geschickt. Es dauert. Er bringt den falschen. Er probiert lange. Er geht. Es dauert wieder. Ein anderer Mitarbeiter kommt. Viele Versuche, aber der Schlüssel paßt auch nicht. Er geht. Wir warten wieder. Der erste Mitarbeiter kommt wieder, rotzfrech: Der Diensthabende des Amtes läßt sagen, wenn der Militärstaatsanwalt den Schlüssel haben will, soll er ihn sich selber holen.

Ich explodiere: Wenn der Schlüssel nicht in drei Minuten hier ist, holen wir uns Diensthabenden her und nehmen ihn mit.

Ich erschrecke später vor diesem Ton. Wir sind keine besseren Menschen in diesen Tagen geworden. Aber diesen Ton verstehen die Leute vom Amt.

Der Schlüssel kommt. Das Schloß wurde eindeutig erst kurz zuvor ausgewechselt. Vor der Schwelle liegen noch jetzt Metallspäne. Der Militärstaatsanwalt, der Diensthabende der Polizei und zwei Mitglieder des Bürgerkomitees betreten den Raum. Wir durchsuchen ihn gründlich. Es ist da nichts Versiegelungswürdiges enthalten. Leer bis auf ein wenig Papierstaub in den Fächern stehen 14 oder 15 Lochkartenschränke. Ist ihretwegen gesiegelt und ihretwegen das Siegel gebrochen worden? Oder etwa wegen eines noch vorhandenen Stapels Agitprop-Broschüren? Die ohnehin keiner liest. Wir finden nichts. Von der Erstbegehung her weiß keiner mehr etwas Genaues von diesem Raum. Woher auch. Es waren zu viele Räume, als daß irgendwelche sicheren Informationen über das Protokoll hinaus vorhanden sein könnten.

Waren in diesen Lochkartenschränken die Lochkarten zu dem nicht gefunden Rechner? Das Amt beteuerte ja immer wieder, keine bedeutende Rechentechnik zu haben. Vielleicht zu dem gleichen Rechner, den wir auch nicht gefunden haben, von dem aber ganze Stapel ungenutzter Lochbandrollen gefunden wurden? Oder von dem Rechner, den wir auch nicht fanden, aber dafür viele gefüllte Diskettenboxen. Es waren mehr Disketten, als für die uns vorgeführte 8-Bit-Technik insgesamt verwendbar gewesen wäre.

Was auch immer dort gewesen ist, es ist unserer Kenntnis entzogen worden. Also eine Anzeige gegen das Amt wegen Siegelbruch, eine Anzeige wegen Einbruch und eine Anzeige wegen des dringenden Verdachtes auf Vernichtung von Beweismitteln.

Warum haben wir der Militärstaatsanwaltschaft so sehr vertraut? Diese Militärstaatsanwälte gehörten doch auch dieser korrupten Partei in Schlüsselstellungen an. Hatten wir einfach mit der Militärstaatsanwaltschaft noch keine schlechten Erfahrungen gemacht? Oder war es die Uniform, der wir vertrauten? Zivil war verdächtig, das konnte Stasi sein oder Stasifilz. Aber Uniformen konnten wir auch nicht vertrauen. Polizeiuniformen waren anfangs auch nicht gern gesehen, der 7. und 8. Oktober waren noch nicht vergessen. Und den Unterschied zwischen Schutzpolizei und Bereitschaftspolizei erfuhren und erlebten wir erst später. Auch die Schutzpolizei war von der Bereit­schafts­polizei nicht begeistert, verhielt sich ablehnend. Auch deshalb, weil auch sie Vertrauen in der Bevölkerung wiedergewinnen mußte.

Warum dieses Vertrauen zur Militärstaatsanwaltschaft? Brauchten wir einfach jemand, dem wir unser Vertrauen schenken konnten? Ohne Vertrauen erfriert der Mensch. Ohne Vertrauen kann man nicht leben. - Oder: Vertrauten wir dem Gesetz? In diesem Staat, diesem Gesetz?

* * *

Plötzlich stürmt einer ins Zimmer: Fernseher einschalten, ruft er, Honecker ist wieder an der Macht, es war nur eine Übung. Wir erstarren. Dann lacht er. Wir lachen nicht mit. Der Schreck bleibt.

* * *

Wir haben immer wieder nach den Strukturen gefragt, nach denen dieses Amt kämpfte. Wieso kann ich nicht ‘arbeitete’ schreiben? Will ich das Wort ‘Arbeit’ nicht besudeln? Es war nicht erkennbar, daß eine direkte Anleitung durch das Ministerium für Staatssicherheit in Berlin erfolgte. Also mußte es einen Mittelsmann geben, oder eine übermittelnde Dienststelle. Wir fanden sie nicht. Wir rätselten. Hier wurden auch Anweisungen umgesetzt, die niemand in Berlin gegeben hatte. Das Amt wurde also nicht nur aus Berlin angeleitet.

Und dann überfiel uns die Erkenntnis, da wurde uns es plötzlich bewußt: Das Amt wurde nicht aus Berlin angeleitet, es wurde von den Ersten Sekretären der SED in Bezirken und Kreisen angeleitet, es konnte von seiner wahrgenommenen Aufgabe her gar nicht ausschließlich von Berlin angeleitet werden, es war das Machtinstrument der Ersten Sekretäre, das Machtorgan einzig der SED, und noch einmal, weil das rasch vergessen wird: Die Stasi ist das Machtorgan der Bezirks- und der Kreissekretäre der SED - es geht bei der Stasi nie um die Sicherheit des Staates. Schon der Name dieser bösartigen Vereinigung ist eine Lüge. Das hatten wir eigentlich schon immer gewußt, aber jetzt rückte es blitzartig in unser Bewußtsein, veränderte unser Bewußtsein und veränderte uns.

Das ist unglaublich. Das ist wahr. Die Ersten Sekretäre haben sich ein Machtorgan geschaffen, mit dem sie die Bevölkerung terrorisierten. Unterdrückten, bespitzel­t­en, Reisen untersagten, zum Abbruch verwandtschaftlicher Bindungen aufforderten: terrorisierten. Und damit entsteht eine furchtbare Konsequenz, die sich aus dieser Erkenntnis ergibt: Das ist Bandenbildung, ist ein verfassungsfeindlicher Zusammenschluß, ist ein Verbrechen gegen die Mensch­lichkeit. Aber dann können wir doch auch nicht mehr Modrow vertrauen. Dann wäre doch der Ministerpräsident nur ein gewöhnlicher Politgangster.

Die Entstehung des Amtes ist untrennbar verbunden mit dem Herrschaftsanspruch der SED. Und was die Ausübung einer real existierenden Herrschaft bedeutet, das haben wir im real existierenden Sozialismus erfahren. Das haben wir daran erfahren, welche Pein dieses Amt bei uns erzeugte: Wenn wir an der Straße an diesen Gebäuden vorbeigingen, haben wir weggeschaut. Wir hatten Angst, von drinnen gesehen zu werden, Angst wie vorm Blick der Medusa. Dabei ist es gewiß, daß die Herrschaft des Amtes zu wesentlichen Teilen einfach auf der Furcht begründet war, die wir vor diesem Amt hatten. Unsere Furcht machte es schlimmer, als es tatsächlich war. Sind Gerüchte absichtlich in die Bevölkerung getragen worden, um die Angst und Furcht weiter zu schüren? Nach der Entdeckung des Waffenlagers bei Rostock ist doch alles möglich geworden.

Mir wurde bewußt, daß dieses Amt ein Parteiorgan war und nichts, aber auch gar nichts mit der Sicherheit das Staates zu tun hatte. Hier ging es nur um die Sicherheit einer Partei. Der Staat diente der Partei nur als die Sicherung ihrer Privilegien nach außen. Die Partei wollte sich so ihren Herrschaftsanspruch garantieren. Mir wurden gleichzeitig die Knie weich, und ich war unsäglich erleichtert: Hier geht es gar nicht um die Sicherheit des Staates. Hier geht es um ein böses Räuber-und-Gendarmen-Spiel, das die Stasi im Auftrag der SED mit uns spielte, bei dem die Stasi allein die Spielregeln bestimmte, bei dem sie die Spielregeln von sich aus laufend änderte. Ein Spiel, bei dem es außer Gewalt und Schrecken keine Spielregeln gab. Und immer einen Verlierer: unsere menschliche und unsere gesetzliche Verfassung.

Diese Partei hat uns hier aufs Kreuz gelegt, wie es nur irgendwie möglich ist. Wenn diese Genossen noch einen Funken Ehrgefühl im Leibe haben, dann sagten sie zu uns:

Wir schämen uns vor euch, die wir euch erniedrigten. Wir wissen nicht, ob ihr uns verzeihen könnt. Wir müssen als Partei erst einmal von der Bildfläche verschwinden. Vielleicht können wir durch Arbeit gutmachen. In einigen Jahren haben wir vielleicht das Recht, uns wieder als Partei zu finden, vielleicht als eine KPD, vielleicht als eine neue SED.

Aber weder mit der Fortsetzung der unerbittlichen Altershärte, noch mit dem pferdezähnigen Berufslächeln, noch mit der neuen aalglatten Flexibilität läßt sich diese Vergangenheit vergessen machen. Wir haben immer wieder gesagt, daß man dem ersten Nachfolger der alten Männer eine reale Chance einräumen sollte: Das war der größte Fehler, den wir machen konnten. Von jedem Indianerspiel her wissen wir, daß der Letzte die Spuren zu verwischen hat, und das wird Modrow mit unserer leichtfertigen Billigung so lange tun können, bis ihn seine eigenen Leute ausgelacht und ausgepfiffen haben. Bis er nicht mehr gebraucht wird. Oder sollten in diesem Land einmal freie Wahlen wirklich möglich sein?

Wenn diese Erkenntnis durchschlägt, wirklich in das Bewußtsein eindringt, dann wird sich der Außerordentliche Parteitag zur Auflösung der SED durchringen müssen. Aber er wird es nicht tun. Und deshalb werden wir die Revolution in den Betrieben durchsetzen müssen. Diesen Genossen, die nur aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft in leitende Stellungen kamen, um den Herrschaftsanspruch der SED vor Ort realisieren zu können, diesen Genossen können wir nicht mehr vertrauen. Es ging doch dabei nicht allein um Postenhascherei. Es ging doch um viel mehr. Es ging darum, an den Schalthebeln der Macht, an der Leitung der Kombinate und Betriebe, in den Büros und Werkstätten, an den Reißbrettern und auf den Baustellen zu sitzen und immer wieder zu verkünden und mit allen Mitteln durchzusetzen: Die Partei hat immer Recht. Und wo das Argument versagte, griffen sie zur brutalen Gewalt. Aber wenn die Partei immer Recht bekam, dann wirkte das doch nicht nur auf den von ihr gestellten Ministerpräsidenten zurück, sondern auch auf die gesamte Justiz. Wie soll denn bei uns zukünftig Recht gesprochen werden? Und können wir dann Schnur und dem Neuen von der CDU vertrauen? Aber solche Zweifel dürfen wir nicht haben, dann verlieren wir jeden Boden unter den Füßen.

Wenn wir den Genossen die Macht belassen, werden sie die Auffanglinie aufbauen, auf der sich eine neue Stasi als Bereitschaftstruppe für die Reservestellung dieser Partei einrichten und ausrichten, sich formieren kann. Es gibt viele fachlich kompetente Genossen, aber wenn im Betrieb gleiche fachliche Kompetenz vorliegt, wird ein Nichtgenosse die Funktion übernehmen müssen, anders geht es nicht. Das ist eine Frage der Ehrlichkeit, keine Frage der Rache. Aber diese Ehrlichkeit sind wir den von tausend Ängsten Gejagten, den psychisch und physisch Gefolterten, den tränenlos brennenden Augen schuldig und den Augen, die sich in einer Tränenflut befreiten.

* * *

„Flächendeckende Begehung“: Wir haben zwei Kelleretagen gefunden im Neubau und einen Keller im Altbau. Von weiteren drei Kelleretagen wird erzählt, aber keiner weiß Genaues. Die Polizei will Echolotungen vornehmen. Dagegen dürften die vermuteten Kellergeschosse wohl gesichert sein. Ob es sie überhaupt gibt? Und Echolotungen, das gibt es doch nur auf dem Meer. Können wir diesen Unsinn glauben? Können wir dieser Polizei glauben?

Der Hof ist so unterschiedlich betoniert. Und es gibt dort so eine eigenartige Ecke mit einem eigenartigen Eingang. Und das Geviert hinter der einen Kellertür.

Die Keller sind das perfekte Labyrinth: wenige verwinkelte Gänge, wenige lange Korridore, aber viele einzelne Räume. Alle sind gleich groß, alle sind nahezu quadratisch, alle sind mit vier Türen in den vier Wänden ausgestattet, alle Türen sind gleich grün gestrichen, alle Wände sind weiß gekalkt.

Nach dem fünften Raum hat man beim ersten Versuch die Orientierung verloren. Also zurück zum Lift. Mit dem Plan in der Hand die Türen durchgehen, so ist Orientierung wohl möglich. Aber wir verlaufen uns wieder.

Dann wird der Plan in eine Klarsichthülle geschoben, beim nochmaligen Rundgang werden die begangenen Türen durchgestrichen und die Raummaße grob nachgemessen. Jedes Labyrinth ist durch Systematik zu bezwingen.

Und trotzdem die Schmerzen hinter dem Brustbein.

* * *

Dann kamen drei Soldaten und Unteroffiziere der Wacheinheit des Hauses, der ehemaligen Wache der ehemaligen Stasi. Sie verrichteten nun Transportarbeiten, wurden vom Wachdienst abgelöst, haben auf dem täglichen Heimweg um des Personenschutzes willen Genehmigung zum Tragen von Zivil. Sie legten Wert darauf, normale Wehrpflichtige zu sein, nun ja, ohne Westverwandtschaft und auf drei Jahre Dienstverpflichtung wegen dem Studienplatz und doch mit etwas höheren Bezügen. Also wußten sie doch schon davor, daß sie keine normalen Wehrpflichtigen waren.

Große Zweifel und Sorgen in den Gesichtern: Was wird nun aus uns? Was wird aus unserem Studium? Wir haben doch nichts gelernt, nur Abitur und Wacheinheit.

Gegenfrage: Wie habt ihr uns bisher behandelt? Zwei sagen, wie befohlen war, einer sagt, daß er sich schäme. Da keimt Hoffnung, und nun schäme ich mich vor ihm wegen meiner Gegenfrage. Mit Allgemeinplätzen versuchen wir es nicht, das ist sinnlos; aber die drei haben die Gewißheit, daß ihre Probleme auch uns bewegen, daß wir uns für diese plötzlich entstandene Randgruppe unserer Gesellschaft einsetzen müssen und werden.

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Aus den Kreisämtern sollen die Akten in die Bezirksdienststelle gebracht werden. Den Transport organisiert die Polizei, das Bürgerkomitee kontrolliert.

Ein Kreisamt bringt eine kleine versiegelte Aktentasche. Das wäre alles. Wir lachen: Habt ihr brave Bürger! Geht und bringt alles! Am Nachmittag sind sie mit ihrem Täschchen wieder da. Wir schicken sie fort: Denn wenn wir das von einem Kreisamt annehmen, werden uns die anderen Kreisämter auch zu blamieren versuchen.

Ich sage ihnen: Das Täschchen reicht ja nicht einmal für die Akten über Pfarrer Steinbach. Spät in der Nacht kommen zwei müde Polizisten mit der gleichen Tasche zum dritten Mal. Mehr hätten sie wirklich nicht bekommen. Wir quittieren die Tasche, die Männer tun uns leid, wir beschweren uns bei der BDVP. Am nächsten Tag rollen auch von diesem Kreisamt LKW an.

Die Akten vom Kreisamt Döbeln kommen. Zwei müde und glückliche Begleiter. Kaffee. Ich quittiere, mache Notizen wegen einer Freistellung von der Arbeit wegen gesellschaftlicher Tätigkeit - Revolutionen werden in der DDR offensichtlich arbeitsrechtlich abgesichert. Ich frage, ob sie meine Tochter kennen. Wie heißt sie denn? Ich sage es. Ach, die kleine Praktikantin aus dem Kindergarten. Grüßt sie von mir. Am Wochenende hatten wir uns nur für wenige Minuten gesehen, sie war bei meiner Frau, ich war nur mal kurz zum Wäschewechsel nach Hause gekommen.

Die Messehalle können wir nicht räumen. Es sind zu viele Akten. Sie werden dort gesichtet werden müssen.

Noch immer weiß ich nicht, ob die Gestapo-Akten aus der Gustav-Mahler-Straße gerettet wurden. Sie wurden von der Stasi ihren Vorgängern abgenommen. Wer hat sie jetzt?

* * *

Ein Kreisamt bringt die Akten. Kategorie Eins: Vom Amt zum Gegenstand der Nationalen Sicherheit deklariert. Also erst einmal in den Keller, bis der Militärstaatsanwalt die Zeit hat, die Einstufung nachzuprüfen. Den Inhalt der Kategorie Eins werden wir jetzt noch nicht zu sehen bekommen. Die Kategorie Zwei, das sind normale Bespitzelungsakten, und die Kategorie Drei, sie sind vom Zustand her nur noch für den Reißwolf oder die Papiermühle verwendbar, kommen in ein Obergeschoß. Dann aber ein zusätzliches Paket und ein zusätzliches Protokoll des Bürgerkomitees der Kreisstadt über Einwegspritzen mit der Aufschrift ‘Suchtgefährdendes Arzneimittel, unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz’.

Wieder die Angst: Wenn jetzt ein Stasi-Mann kommt - und die Gänge wimmeln von denen, die jetzt ihren Entlassungsrundgang machen -, und das Protokoll verschwindet, dann ist das Bürgerkomitee ganz schnell die Rauschgiftzentrale von Leipzig geworden.

Ich rufe die BDVP an, erreiche den stellvertretenden Amtsleiter. Wenige Minuten später ist er mit einer Frau da, Hauptmann des Medizinischen Dienstes. Sagte er. Eine Woche später stellt sie sich uns als Kripo vor. Das Übergabeprotokoll wird gemeinsam formuliert und quittiert, dann sind wir die Drogen los. Aber wie dieser Mann sich aufführt. Als wären wir die Berufsverbrecher.

* * *

Ich werde das Bild von Goya nicht los: Chronos frißt seine Kinder. Ein Riesenmaul weit aufgerissen mitten in einem Gesicht, dem Menschliches fremd zu sein scheint, so grob, so unfertig, die Gestalt schuf anscheinend ein Bildhauer und nicht der Zeichner. Davor eine helle Gestalt, steif wie eine Puppe, in der erhobenen Faust. Niemand hat so etwas sehen können, aber Goya hat es gezeichnet, und Jahrtausende vor ihm erlebten Menschen dies und gaben dem Erlebten Namen und Zusammenhänge.

Auch anderen im Bürgerkomitee geht es wie mir. Einer meint, es sei Uranos. Das ist doch nur ein anderer Name.

Befürchten wir, auch so gefressen zu werden? Es ist doch unmöglich, daß der Staat sich unseren Protest auf Dauer gefallen läßt. Aber die militärischen Kräfte, die etwas von Strategie verstehen, haben die strategisch möglichen Termine im September und auch noch im Oktober ungenutzt verstreichen lassen.

Oder sind wir gar solche Fresser? Fresser, die Licht und Puppen und Stroh verschlingen und die Zukunft unserer Kinder, weil sie außer diesen animalischen Funktionen nichts kennen? Vielleicht heißt es nicht „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ sondern richtiger „Die Revolution frißt ihre Kinder“.?

Welche Revolution? Die im II. Weltkrieg von Stalin angezettelt und von den Westmächten nicht verhindert wurde, die sich am 17. Juni auf die sowjetischen Panzer stützte? Und ihre Kinder werden jetzt gefressen. Oder ist unsere Revolution gemeint, die Revolution der Kerzen und Gebete? Und wir sehen uns als die nächsten, die gefressen werden?

Aber es geht wohl auch gar nicht um Partei und Staatssicherheit, es geht wohl um ein uraltes Menschenschicksal, daß die Unterlegenen sich gegenüber den Siegenden durchsetzen und den Siegreichen genau die Kultur aufzwingen, die sie besiegt zu haben glaubten. Daß jeder Gewinn sein Ende in sich trägt, so, wie der Frühlingswind den Michaelisstürmen die Welt bereitet. Daß jeder Fortschritt später zu einem Hindernis wird, das weitere Änderungen hemmt.

Der Unterlegene zwingt dem Sieger die Handlungsweise auf, das gab es so oft. Wenn wir eines erreichen können, dann dies, daß genau dies nicht geschieht. Nicht Bespitzelungen und Terror durch andere Bespitzelungen und anderen Terror ersetzen; wie diese es nicht im Namen des Volkes tun konnten, dürfen wir es nicht im Rahmen der Kerzenrevolution.

In den Kellern und Korridoren des verwinkelten Baues lauert Chronos und will seine Kinder fressen.

* * *

Es ruft einer an: Ich bin Arzt in Borna, ihr wißt, Ärzte haben jetzt keine Zeit. Aber wenn ihr einmal einen Arzt braucht oder für einige Stunden ein Auto oder Geld, dann ruft mich, ich bin auf der Station oder in der Ambulanz.

Und er gibt mir seine Telefonnummern. Ich notiere alles auf einem Blatt und lege es in die Mappe ‘Bereitschaftserklärungen’.

Wenige Tage später. Mit einem großen Aufwand an Fahrzeugen, Polizei und Bürgerkomitee sollen die restlichen Akten Leipzigs aus den Kreisämtern Leipzig-Stadt, der Gustav-Mahler-Straße, und Leipzig-Land, der Käthe-Kollwitz-Straße, in die Bezirksdienst­stelle gebracht werden. Die Stasi hat zu transportieren, die Polizei beaufsichtigt, und das Bürgerkomitee kontrolliert das Ganze und protokolliert zusammen mit der Polizei.

Es ist fast wie beim Ausbessern von Schlaglöchern auf der Straße: Einer schmiert Bitumen in das Loch, einer erläutert dem Arbeitenden die notwendigen Handgriffe und einer kontrolliert die Anleitungen und die Handgriffe und schreibt den Bericht. Und einer organisiert den sozialistischen Wettbewerb.

Ich erkläre den an diesem Tag Neuen ihre Aufgaben. Wir wollen aber auch ein wenig die Leute kennenlernen, die mit uns arbeiten. Denn einen Mann hatten wir aus dem Bürgerkomitee zu gehen gebeten, weil wir in ihm doch einen Stasi-Mann sehen mußten.

Einer erzählt, er komme aus Borna, arbeite im Krankenhaus. Ich erzähle ihm kurz von seinem Kollegen und erwähne den Anruf. Es hatte mich beeindruckt. Den Namen wußte ich nicht mehr, dafür gab es ja eine Mappe.

Der Bornaer grinst: Das war ich.

Abends kommt er im strömenden Regen mit dem letzten Transport von der Gustav-Mahler-Straße. Erschöpft, ausgehungert - glücklich: ein Urlaubstag, der letzte des Jahres.

Zwischendurch kommt ein Mann zu uns. Er macht präzise Angaben über Bauarbeiten in den zurückliegenden Jahren in Leutzsch. Dort war uns die Heizung als gesamte Kelleranlage angeboten worden, wir hatten gelacht, mehr gefunden. Aber das, was dieser Mann sagt, bestätigt unsere Vermutungen über ein zentrales Objekt in einer Größe, wie wir es bisher vergeblich suchten. Wie aber anders kann ich mir meine Beobachtungen erklären?

Sind sie bereit, das vor dem Militärstaatsanwalt zu wiederholen? Nein!

Wir könnten den Sachverhalt auch aufnehmen und Anzeige erstatten. Aber die Menschen sollen aufrecht gehen lernen: Warum nicht? Er sagt: Militärstaatsanwalt -

Er hat Angst. Ich erkläre ihm, daß der Militärstaatsanwalt ein anderer Mensch ist, als die Stasi-Gerüchte uns haben glauben machen wollen, vielleicht auch ein anderer Mensch ist, als der Mann selber während seiner Dienstzeit bei der Armee erlebte. Er zweifelt. Ich biete ihm meine Begleitung an. Er sagt zu. Ich rufe den Diensthabenden an. Er kann nicht kommen, sichert uns aber einen Wagen zu. Wir fahren in die Kaserne. Der Mann erstattet die Anzeige. Auf der Rückfahrt fragt er mich, wovor er Angst gehabt habe. Wir lachen beide.

Als ich bei dieser Gelegenheit selbst mit dem Militärstaatsanwalt spreche, zeigt er mir ein Paket. Die gefundenen Drogen sind bei ihm gelandet. Ich übergebe ihm eine Anzeige wegen Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz. Er dankt. Was es für ein Stoff ist, wissen wir beide noch nicht. Eine Wahrheitsdroge, von der geredet wird? Möglich ist es. Normale Betäubungsmittel gehören in keinen einfachen Stahlschrank. Er wird auf die Anzeige handeln und mir antworten. So, wie es das Gesetz vorsieht. Hoffentlich.

Wenn man Gerechtigkeit fordert und Vertrauen hat, kann man auch Gerechtigkeit und Vertrauen einfordern. Ein Lesebuchsatz? Er sollte die Grundlage unseres Handelns sein können.

* * *

Ein Mitarbeiter des Amtes kommt. Vielleicht war er immer so freundlich. Er müsse an seinen Panzerschrank, den der Militärstaatsanwalt versiegelt habe, Rechnungen seien zu bezahlen, die Lieferfirmen mahnten. Ach so, eine Buchhaltung gibt es in dieser Dienststelle auch, es muß ja auch so ganz normale Einrichtungen geben.

Als der Militärstaatsanwalt kommt, gehen wir in das Zimmer. Der Schrank ist ordnungsgemäß gesiegelt: die Petschaft der NVA und darüber unsere, die des Bürgerkomitees. Der Schrank wird geöffnet. Aktenrücken an Aktenrücken, das Kabel einer elektrischen Schreibmaschine, einige Schnellhefter. Wir schauen in die Akten: Rechnungen, Mahnungen, Quittungen, Geschäftskorrespondenz. Ich schaue den Militärstaatsanwalt an, der Schrank kann wohl freigegeben werden. Er nickt.

Da greift der Schrankinhaber zwischen die Akten, holt sich einen Schlagstock hervor: meine persönlichen Sachen. Einen Schlagstock! Ich bücke mich, suche nach weiteren Waffen: nichts. Nur diese persönlichen Sachen. Legen sie es wieder hinein! Er versteht mich nicht, fragt zurück. Ich beharre darauf. Ich kann nicht anders: seine persönlichen Sachen.

Der Schrank wird wieder gesiegelt. Der Militärstaatsanwalt versteht mich. Der Mitarbeiter schaut noch immer freundlich aber verständnislos zu. Erst die Petschaft der NVA, dann die Petschaft des Bürgerkomitees. Einige Betriebe werden ihre Rechnungen vorerst nicht bezahlt bekommen. Der Mitarbeiter des Amtes war wohl schon immer so freundlich.

Nur das Schreibmaschinenkabel bleibt draußen. Es müssen Abschlußbeurteilungen geschrieben werden, 1200 Leute sollen in der zweiten Woche entlassen werden.

Aus dem Amt kommt deshalb niemand in Unruhe. Ist es Disziplin oder die Gewißheit eines späteren sicheren Sieges? Einer hat mir gesagt: Wir kommen wieder. Aber die meisten schauen weg, wenn wir an der Stasi-eigenen Sparkasse vorbeikommen, einer Stelle ihres Laufzettels bei der Entlassung.

* * *

Die Leipziger machen montags von 17.30 Uhr bis 20.30 Uhr Revolution. Hinzu fährt man mit der Bimmel: Fährt die Bahn noch durch, wird der Fahrer gefragt. Der brummt. Es ist ja auch sein Feierabend, der durch die Demonstration verzögert wird. Auf der Rückfahrt schimpft man auf die Leipziger Verkehrsbetriebe, wenn die Straßenbahn nicht pünktlich ist, und das ist schwer nach diesem Verkehrschaos: Fast alle Leipziger Straßenbahnen fahren an irgendeiner Stelle über den Ring. Aber man will sich anschließend in der Glotze sehen und mit der Bierflasche zeigen können: Das dort bin ich!

Am schlimmsten sind die Reporter. Sie behindern uns in unserer Arbeit. Oft sind wir unhöflich, damit wir sie loswerden. Wir haben doch auch keine Erfahrungen im Umgang mit den Medienvertretern. Die Aktuelle Kamera ist am diszipliniertesten. Da stehen eben viele Jahre Gehorsamkeit und obrigkeitsstaatliches Denken Pate. Die anderen Journalisten protestieren gegen diese Bevorzugung. Wieso wir Exklusivrechte für die AK einräumten? Wieder Privilegien?

Nachgeben ist leichter als argumentieren: Wir resignieren, und die roten Lämpchen der Kameras leuchten. Geht es um Sensation oder um Information, ums Geldmachen oder ums Aufhellen?

Vielleicht müssen wir umdenken: Wer weiß denn lehrbuchsicher, daß sich das ausschließt? Und ist diese Öffentlichkeit nicht auch ein Teil unserer persönlichen Sicherheit?

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Die Waffenkammern sind wohlgefüllt, furchtbares Wort: schrecklich gefüllt. Pistolen, Maschinenpistolen, Maschinengewehre, rückstoßfreie Geschütze, panzerbrechende Waffen (wofür in der Stadt? mißtrauten sie auch der Armee?), Kisten voller Munition. Wir durchsuchen die Waffenkammern nach Akten. Das Waffennachweisbuch ist das einzige Schriftstück. Bei dem im Amt vorhandenen Ressortdenken war das Auffinden von Akten auch wenig wahrscheinlich. Dann übernimmt die Polizei die Waffen. Sie will sie ‘verbringen’, so nennt man es in neudeutsch. Der Ort wurde genannt. Ich weiß ihn nicht mehr genau: Fürstenberg? Fürstenwalde? Wichtig ist, daß dieses Teufelszeug weg kommt, daß es nicht wieder gegen die Bevölkerung eingesetzt werden kann. Wird sich das mangelnde Interesse für den Verbringungsort einmal bitter an uns rächen? Vielleicht werden wir uns den Vorwurf machen müssen, die Revolution aus Leichtfertigkeit verraten zu haben. Aber nach sechzehn und mehr Stunden Dienst in der Runden Ecke sind wir nur noch froh, wenn wir ein Problem weniger haben; die Leipziger sitzen vor dem Fernseher, und wir schleifen die Füße vor Müdigkeit; es sind zu wenige, die sich für die mühevolle Kleinarbeit bereit finden.

Die Waffen müssen weg. Zur nächsten Demonstration kann die Runde Ecke von Chaoten gestürmt werden. Wehe der Stadt, wenn diese Waffen in unbefugte Hände kommen. Welche Hände sind befugt für Waffen? Gibt es überhaupt eine Befugnis für Waffen? Wodurch erwirbt man sie?

Manchmal ein Peitschen in den Ohren, als würde jemand den Radiolautsprecher unablässig auf- und zudrehen. Und das Stechen hinter dem Brustbein.

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Vor der nächsten Demonstration haben wir Sorgen. Wird sie ruhig verlaufen? Jeder Zwischenfall kann sich ausweiten zu nicht erahnbaren Dimensionen. Alles wird sorgfältig bedacht, alle Möglichkeiten und Maßnahmen werden eingehend erwogen, zusammen mit der Polizei, mit dem Militärstaatsanwalt, auch mit Leuten vom Amt. Da brauchen wir ein großes Transparent für den Balkon, nach kurzer Zeit flattert es im Sturm: Die Polizei malt Transparente für das Bürgerkomitee.

Die meisten Waffen sind weg. Wir haben mittels Secop vervielfältigte Zettel gefunden mit der Einsatzbeschreibung für einen chemischen Kampfstoff: CN. Die Polizei sagt, sie kennt ihn nicht. Nach den Erste-Hilfe-Maßnahmen zu urteilen, scheint es ein Tränengas zu sein, auf öliger Basis, damit es immer schön am angespritzten Mann bleibt. Wir legen die Beschreibung einem Arzt vor. Er bestätigt unsere Vermutungen.

Was ist CN?

Es ist gut anwendbar bis zu einer Entfernung von 10 Metern und gut zielbar. Bei der flächendeckenden Begehung haben wir entsprechende Behälter nicht gefunden. Also doch tiefere Kelleretagen?

Wo ist CN?

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Oberstleutnant S. nach sieben Tagen, dann hat er offenbar begriffen, was geschehen war: Ich bin krank geschrieben, ich habe eine schlaflose Nacht hinter mir, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, ich habe Blutdruck 180 zu 140.

Wie viele Menschen hatten davor wie viele schlaflose Nächte und sind am nächsten Tag arbeiten gegangen. Wir alle wußten lange Zeit nicht, wie es weitergehen sollte, und sind doch, oft taumelnd vor Müdigkeit, in dieser bleiernen Zeit morgens auf Arbeit gegangen, erschöpft von den Problemen, die wir nicht lösen konnten, die wir mit ins Bett nahmen, die uns nicht schlafen ließen. Und wenn wir dann wirklich schliefen, verfolgten diese Probleme uns bis in unsere Träume, und dann erwachten wir jäh, mit jagendem Puls und schweißbedeckt, und die Nacht war gelaufen.

Sein Blutdruck ist schon hoch, aber mit dem gleichen Blutdruck sind wir doch arbeiten gegangen, den Sozialismus aufzubauen. Welchen Sozialismus? Wir haben uns freiwillig mehr abverlangt als sinnvoll ist, für wen? Danach haben wir nie gefragt, uns war die Arbeit einfach Lebensinhalt. Und diese Einstellung wurde schamlos ausgenutzt, von den Leuten ausgenutzt, die einen Arzt finden, der sie nach einer schlaflosen Nacht arbeitsunfähig schreibt.

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Dann kam der erste wirklich freie Montag. Die Demonstration nähert sich der Runden Ecke. Wir hatten Sorgen. War alles gut vorbereitet? Konnten wir ein Eindringen der Massen verhindern? Noch waren nicht alle Waffenkammern leer. Es war nicht zu schaffen. Die Polizei tat ihr Möglichstes. In Leipzig soll es einen bewaffneten Raubüberfall gegeben haben. Aber genau weiß das keiner.

Die Demonstranten sind an der Runden Ecke. Erste kleine Stauungen. Viele klatschen Beifall, gehen weiter, winken uns zu. Ich will zurückwinken. Es geht nicht. So hat doch auch Erich gestanden und gewinkt. Ich versuche es trotzdem noch einmal. Es geht nicht. Und haben wir uns den Beifall von Hunderttausenden verdient? Beifall für einen Künstler ja, der vollbringt eine geschliffene Leistung. Aber wir waren doch nur aus unseren Sorgen und Nöten aufgestanden und hatten uns einige Nächte um die Ohren geschlagen und die Pflichten erfüllt, die jeder Bürger in diesem Staat hat. Das ist keine Kunst, das sind nur Müdigkeit und Dreck und Schweiß, vermutlich stinken wir abscheulich nach der zweiten schlaflosen Nacht hintereinander. Unter dem Balkon stehen Fernsehkameras. Sie sind auf die Randalierer gerichtet, auf einige Schreihälse. Die gibt es außer den Wendehälsen auch. Sobald sie im Kameralicht sind, schreien und toben sie, es macht schon etwas her, danach schonen sie ihre Stimmbänder, bis die Kamera sie wieder sieht. Aber die meisten gehen weiter und winken uns nur zu und klatschen. Auf dem Balkon zerrt ein kalter Wind. Und dann winken wir doch zurück. Wir können uns doch von Erich und seiner Clique nicht die ganze Freude über unsere Arbeit nehmen lassen.

Plötzlich schluchzt neben mir eine Frau auf und geht zurück in den Versammlungsraum hinter dem Balkon. Ich gehe ihr nach, sie sitzt, hat die Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf darauf und weint: Ich bin so glücklich, daß ich das erleben durfte. Die Worte sind die gleichen wie bei der anderen Frau vor einer Woche unter dem Balkon. Aber sie klingen anders, so voller Zuversicht und Kraft und Ruhe. Was haben die Frauen in diesem Land aushalten müssen! Ich gehe wieder auf den Balkon.

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Kurz vor Mitternacht kommt ein Anruf aus Erfurt: Bist du es, wir haben dich im Dritten aus Bayern gesehen. Wann war denn das Dritte da? Wir waren froh, wenn die Reporter weg waren. Wir dachten, wir rufen euch mal an, was macht ihr? Ich berichte. Plötzlich bricht das Gespräch zusammen. Die direkte Amtsleitung ist tot. Ich rufe den Diensthabenden über den Hausanschluß an: Wenn noch einmal ein Telefongespräch zusammenbricht oder die Amtsleitung weggeschaltet wird, stelle ich neben jeden ihrer Leute einen Schutzpolizisten. Eine leere Drohung, ich weiß es. Aber die Amtsleitung hat wieder Strom. Es gibt keine Unterbrechungen mehr. Abhören aber werden sie uns weiter.

Dann ist auch die Bezirksverwaltung in Erfurt wieder dran. Ich lasse mir zuerst die Rufnummern durchsagen. Jetzt ist der Kontakt gesichert. Es ist ein schönes Gefühl, auf Stasi-Kosten zu telefonieren.

Die anderen haben Raum für Raum geprüft, so berichten sie. In einem Kellerraum befanden sich zwei durchgehende Heizungsrohre, in den beiden benachbarten Räumen jeweils nur eins. Also wurde das blinde Rohr ausgemessen und geöffnet. Ein Archiv befindet sich darinnen. Jetzt wollen sie eine transportable Röntgeneinrichtung holen, dann soll Wand für Wand geröntgt werden.

Das hatten wir nicht erwogen und beachtet. Waren wir leichtfertig? Das Gebäude soll doch nun wirklich in Volkes Hand kommen, im Gespräch ist eine Unfallklinik. Die zentrale Lage bietet sich dafür an. Bei der damit verbundenen notwendigen Renovierung würden wohl alle Geheimnisse offenkundig werden. Oder sind wir doch leichtsinnig?

Aber was nützt es uns, wenn wir vielleicht eine Liste mit den betrieblichen Stasi-Mitarbeitern fänden, eine Liste von denen, die uns im Betrieb bespitzelten? Die Egons kennen wir doch fast alle. Uns geht es doch um Moral und nicht um Rache. 

Der Pressesprecher des Amtes in einem Pausengespräch: Versteht uns doch, wir sind doch nur viele Jahre lang politisch falsch angeleitet worden!

Ein Offizier, der gewohnt ist, den Standpunkt des Amtes vor der Öffentlichkeit zu erläutern, der also aufgrund seiner Dienststellung die Presse anzuleiten hatte, beruft sich auf falsche Anleitung. Ohne seine Tätigkeit zu qualifizieren oder ihn zu verurteilen: Seit Eichmann kann ein erwachsener Mensch das nicht mehr als Ausrede gebrauchen. Also ein Eichmann-Sohn? Oder ist es nur Infantilität? Ich traue ihm persönlich keinen Mord zu, aber das Wegblicken bei einem eindeutigen Bruch des Gesetzes: Er war ein treibendes Rad in einer gut funktionierenden Maschine.

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Bei jedem Gang durch die Keller die furchtbare Angst, daß hinter der nächsten Tür ein grauenvoller Schrecken sich offenbaren würde. Diese Angst ist irrational. So wie rationale und irrationale Zahlen den Körper der reellen Zahlen bilden, sind die rationalen und die irrationalen Ängste eine reale Erscheinung in einer realen Welt. Wenn man von Mathematik sprechen kann, wird vieles leichter. Aber die Angst wird nicht verjagt.

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Große Neuigkeit: Wir haben ein Auto, einen B 1000, zur Verfügung gestellt bekommen. Der Fahrer ist vom Amt. Wir protestieren entschieden. Darauf fährt uns ein Schutzpolizist. Wir sind zufrieden. Natürlich könnte es auch ein Stasi-Mann in Polizeiuniform sein, das können wir nicht nachprüfen. Aber: Würde die Polizei so ihre Uniformen mißbrauchen lassen? Sie wird immer mehr unsere Polizei. Wir sind zufrieden.

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Eine PGH ruft an, eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks, eine Zwangsvereinigung von Handwerkern also, die in der PGH besser zu kontrollieren sind. Sie wollen einen kompetenten Vertreter des Bürgerkomitees sprechen. Ich ernenne mich schnell dazu. Was nun in diesem Jahr mit der Prämie würde, wollen sie wissen. Mit welcher Prämie? Nun, sie hätten doch immer ehrlich für die Stasi gearbeitet und zum Jahresende eine ordentliche Prämie bekommen. Jetzt müsse doch wohl das Bürgerkomitee dafür aufkommen. Das Bürgerkomitee wäre doch praktisch der Nachfolger der Stasi. Die Kollegen hätten fest mit dem Geld gerechnet.

Ich muß wissen, wer das ist, haben denn diese Menschen anstelle Anstand und Moral nur noch das Geld im Sinn?

Ja, doch, ich werde mich um diese Angelegenheit kümmern, sage ich, welche PGH sind sie? Unsicherheit am Telefon. Ihr habt doch die Unterlagen, das müßt ihr doch wissen. Ich frage direkt: Mit wem spreche ich. Jetzt nicht, sie wollen sich schriftlich melden. Sie haben sich nicht wieder gemeldet, weder schriftlich noch mündlich. Den Namen dieser PGH haben wir nicht erfahren.

Es gibt Menschen in dieser Stadt. Die Schmerzen hinter dem Brustbein werden wieder stärker.

Oder hat einer der kühnen Tschekisten versucht, uns ins Gerede zu bringen und Mißtrauen zu säen?

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Ich spreche immer vom ‘Amt’. Der Begriff wurde erst später gebildet, als das Ministerium für Staatssicherheit umbenannt wurde in das Amt für Nationale Sicherheit, ebenso die Bezirksdienststellen. Versachlicht diese Wortwahl bereits? Oder verharmlost sie? (Wir schätzen alle die Harmlosigkeit!) Oder versuchen wir unsere Ängste und unser Grauen vor der Stasi mit dem bis jetzt emotionsfreien Wort zu ver­drängen?

Wir haben keine blutbespritzten Vernehmungszellen gefunden. Wie hätten wir reagiert, wenn wir sie gefunden hätten? Hofften wir, sie zu finden? Oder nährte uns unseres Herzens Hoffnung, es sei alles nicht so schlimm, wie wir es geahnt oder befürchtet hatten?

Vielleicht hätten wir härter sein müssen, kompromißloser. Aber jeder verheiratete Mann ist mit seiner Familie erpreßbar, und wir wollten keinen neuen Haß vorbereiten oder gar entfachen, denn wir hatten und haben auch Sorgen um unsere Familien. Aber auch nur verheiratete Männer bringen wohl die Sachlichkeit auf, die an dieser Stelle nötig ist. Weil wir aus Sorge um unsere Familien handelten, daß sich das nicht wiederholt, nie wieder.

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Wie konnte es zu diesem entwürdigenden Zustand kommen? Wie war es möglich, daß ein Volk sich so lange terrorisieren ließ, und wie war es möglich, daß es zu diesem Zeitpunkt den aufrechten Gang versuchte?

Die Antwort ist jetzt noch schwierig, kompetente Auskünfte werden erst die Historiker geben können, nachdem die vielen freiwilligen Helfer des Staatsarchivs ihre Arbeit bei uns beendet haben. Jetzt sichten, sortieren, katalogisieren sie noch Akten zentnerweise. Und der im Papier festgehaltene Terror von vierzig Jahren läßt sich nicht in wenigen Monaten überblicken oder gar aufarbeiten.

Mir scheint es gesichert zu sein, daß wir uns zu lange in einer selbst gewählten Knechtschaft bei einem halbwegs gesicherten materiellen Wohlstand vorgemacht haben, ein gutes Leben zu führen. Wir brauchten nicht zu hungern, hatten unsere Datschen und unser Trabis, und wer nicht auffiel, hatte nichts zu leiden. Und daß wir bespitzelt wurden, war ja nicht weiter schlimm, es betraf ja nur uns alle.

Mit nichts weiß der Mensch weniger umzugehen als mit seiner Freiheit. Kaum hat er sie, versucht er krampfhaft, versucht es auf jede mögliche Weise, sie wieder loszuwerden. Denn Freiheit verwalten bedeutet Denken und Verantwortung wahrnehmen. Das Denken hat uns der Fernseher abgenommen, und die Verantwortung übernimmt der demokratische Zentralismus. Wir sind auf gedankenlose Shows begierig, darin begnügen wir uns mit ein paar spritzigen Einfällen oder flott geschwungenen Beinen. Höchstens, daß wir noch das zitieren, was Franz Alt am letzten Dienstag sagte, vielleicht auch noch ein Wortspiel aus dem Scheibenwischer. Aber Zitate und Freude an Überraschungen sind kein Denken. Das Denken könnte erst damit beginnen, daß wir wenigstens versuchen zu verstehen, was und warum ein Brandt oder ein Weizsäcker etwas sagen, oder, warum ein Modrow so wenig Worte macht.

Wichtig ist die Tatsache, daß wir diese Knechtschaft frei wählten. Wie Unmündige drängten wir uns bei der letzten Verfassungsänderung an die Urnen und betonierten den Herrschaftsanspruch der SED. Der jüngeren Generation ist kein Vorwurf zu machen, sie hat es in der Schule nicht besser gelernt. Die Doppelgesichtigkeit wurde dieser Generation gründlich anerzogen. Schuldig sind doch wohl im Wesentlichen wir Älteren, denen die Neulehrer noch das Denken beizubringen versuchten, das wir dann an der Garderobe des Theaters zum real existierenden Sozialismus schnell abgaben. Ohne Denken läßt es sich leichter leben, einfacher leben, die Pointe eines politischen Witzes genügte unseren geistigen Ansprüchen.

Aber das ist nun nach zweimonatigen Geburtswehen anders. Wir fangen das voraussetzungsfreie Denken an. Die Ursachen für den Beginn des neuen Denkens lagen nicht allein in der Entrüstung über den frechen Wahlbetrug des hoffentlich letzten deutschen Wahlfälschers Egon Krenz, sie lagen auch nicht allein im aufrechten Vorbild des Michael Gorbatschows, sie lagen auch nicht allein in der Aufarbeitung des konziliaren Prozesses durch die Kirchen mit der unentwegten Aufforderung zur Umkehr, zur Buße, zur Perestroika, obwohl das alles wesentliche Faktoren sind. Die Hauptursache für den Sieg unserer Revolution sehe ich in den antagonistischen Widersprüchen dieses Systems, das in der Stasi die profilierteste Ausprägung erhielt.

Dieser antagonistische Widerspruch wird deutlich an einem Aktenblatt, das ich in die Hände erhielt, als ein Aktenbündel platzte. Die Unterlagen der Kreisämter waren in die Bezirks­dienst­stelle gebracht worden. Ich las auf diesem Blatt:

„Vor der Kaufhalle am Connewitzer Kreuz bildete sich eine Demonstration von zwanzig Bürgern, sieben von ihnen trugen Kerzen. Die Polizei schritt ein. Sie griff aber nicht energisch genug durch, so daß die Demonstration nicht aufgelöst werden konnte...“

Es wurden also nicht nur die Bürger bespitzelt, auch die Maßnahmen der Polizei wurden kritisch beobachtet. Doch welcher vernünftige Polizist ergreift bei sieben Kerzen polizeiliche Maßnahmen. Das ist das eine. Es gilt aber weiter: Diese Ansammlung von zwanzig Leuten wäre völlig harmlos geblieben, wenn es nicht diesen Bericht dazu gegeben hätte. Durch die Fixierung in den Akten dieses Staates wurde sie zur Staatssache. Andererseits war diese Gruppe von zwanzig Menschen eine derartige Bedrohung für die Stasi, daß diese Kerzendemonstration ein Teil des Unterganges der Stasi war. Denn durch das Kundigmachen in den Akten gingen hunderttausend Menschen in solchen Zwanzigergruppen mit Kerzen auf die Straßen. Die Arbeitsweise der Stasi barg in sich die Bedingungen für ihren gesetzmäßigen Untergang. Durch Menschen mit Kerzen.

* * *

Die unterirdischen Übergänge zur Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei werden unter unserer Aufsicht geöffnet, neu verschlossen und gesiegelt. Es sind Doppeltüren aus Stahl, dazwischen hängen Spinnweben, dick und alt. Das schafft etwas Vertrauen zu dieser Polizei. Aber wovon lebten bisher die Spinnen?

* * *

Es gäbe keine Abhöranlage, wurde uns immer wieder vom Amt versichert. Wir wußten es besser. Nein, es gibt keine Abhöranlage.

Zum Mittagessen sitzen wir gemeinsam. Wer miteinander spricht, kann auch miteinander essen, auch wenn er beim Gespräch beschwindelt wird. Das Essen ist ordentlich, nicht überwältigend, normales Werkküchenessen, reichlich; die Aufmerksamkeit läßt nach.

Plötzlich unsere Aufforderung: Heute Nachmittag schauen wir uns die Abhöranlage an.

Der Leiter des Amtes: Da muß ich aber erst in Berlin nachfragen.

Am Nachmittag gehen wir in die Abhörzentrale. Verwirrend viele Kabelleitungen, druckgasgesichert, viel Elektronik in hohen Regalen. Ein Drittel des riesigen Raumes voll leerer Stahlkonstruktionen: Erweiterung ist also geplant. An einer Stelle massenhaft Magnetbandkassetten, gefüllt mit grobem Rauschen - schnell an einem starken Magnet­feld gelöscht.

Ist das die Abhörzentrale? Keiner weiß es. Woher auch sollten wir solche technischen Details kennen. Wir fordern Fernmeldetechniker an, bis dahin wird der Raum gesiegelt. Ich muß weiter, die Sicherung der Aktentransporte koordinieren.

Später wird berichtet: Die Abhöranlage ist ausgelegt für etwa 2000 Anschlüsse, die von dem Fernmeldeamt jeweils auf Anforderung an die Bezirksverwaltung geschaltet wurden. 350 Gespräche konnten gleichzeitig abgehört werden. Das Zuführungskabel wurde feierlich durchsägt, eine Videokamera zeichnet es auf. Nicht einmal die Aktuelle Kamera war zugelassen.

Das Kabel ist durchtrennt, sind wir nun abhörfrei? Wenn nicht, kommt die große Ernüchterung für die Stasi-Nachfolger: Wir, die wir uns abhörfrei fühlen, weil wir uns abhörfrei fühlen wollen, sprechen am Telefon das Gleiche wie bisher. Wir hatten nichts zu verbergen. Wir werden nichts zu verbergen haben.

Aber da sind doch auch diese Telefone: Der fünfte, im Anschlußkabel blank liegende Draht ist so geschaltet, daß Gespräche in dem Raum mitgehört oder mitgeschnitten werden können, wenn der Hörer aufgelegt ist. Die entsprechende Verstärkertechnik vorausgesetzt. Die Bes­pitze­lung der Menschen in diesem Staat war in industriellen Größenordnungen vorbereitet worden. Das darf nie vergessen werden. Aber es darf auch nicht vergessen werden, daß wir diese Arbeit in der Industrie selbst verrichtet haben. Wir sind also Täter und Opfer zugleich - wir wurden mißbraucht. Wir müssen uns vor uns selbst schämen und haben dennoch das Recht auf diesen gewaltigen Zorn.

Und auch das sollten wir nicht vergessen: Die Anforderung der Stasi genügte, daß das Fernmeldeamt die Leitungen wie gewünscht schaltete. Oder haben diese Genossen auch das selbst gemacht, eigene Räume dort gehabt? Und von wem hatten sie denn den Schlüssel für diese Räume? Und wie sind sie denn beim allerersten Mal dort hineingekommen? Da muß doch die Leitung der Deutschen Post mitgespielt haben.

* * *

Es geht um die Zusammensetzung der Kommission, die die Akten aufarbeiten soll. Ein Geschichtslehrer kommt, ich skizziere ihm die Aufgaben und den Arbeitsumfang. Es schmerzt ihn: So viel Zeit habe ich jetzt nicht, ich habe eine zwölfte Klasse, die kann ich nicht im Stich lassen.

Ich erkläre ihm nochmals, jetzt erst Grobsichtung auf Aussagefähigkeit und Verwertbarkeit (was kann der sauber abgeheftete Speiseplan von 1965 das Geschichtsbild ergänzen, er zählt das übliche Kantinenessen auf - aber ich bin kein Historiker), danach erst die eigentliche Aufarbeitung in einer zweiten Runde. Monate werden für den ersten Arbeitsgang benötigt werden, Jahre für den zweiten. Was in Jahrzehnten entstand, ist nicht in Monaten zu klären. Bei der Aufarbeitung will er dabei sein, ein Jahr Freistellung will er von seiner Schule erwirken.

Er wird nur einen Bruchteil von diesen Terroristen erfahren, aber dieser Bruchteil wird einen anderen Menschen aus ihm formen, er wird danach einen Geschichtsunterricht halten können, wie er nur aus der unmittelbaren und persönlichen Kenntnis der Wirklichkeit heraus möglich ist. Etwas beneide ich ihn und seine zukünftigen Schüler.

Später lasse ich ihm ausrichten, daß er in seiner Schule oder in allen Schulen oder auf dem kleinen Dienstweg über seine Kollegen erreichen soll, daß im Geschichtsunterricht ein Besuch im ehemaligen Amt eingeführt wird. Es geht dabei nicht um ein modernes Horrorschloß. Es geht nicht darum, daß Inhalte der einzelnen Akten vermittelt werden können. Aber die Schüler sollen sehen, welche Berge von Akten trotz der großen Vernichtungsaktion noch immer existieren. Die Schüler sollen sehen, wie bürokratisch Terrorismus sein kann, wie terroristisch die Bürokratie. Sie sollen sehen, daß die Bedrohung durch die Formulierungen in einem Papier gefährlicher ist als ein Maschinengewehr, jenes ist allgegenwärtig, dieses hat einen toten Winkel und braucht ein Schußfeld.

* * *

Ich muß immer wieder an Bertolt Brecht denken:

„Die das Fleisch weg nehmen vom Tisch, lehren Zufriedenheit. / Die, für die die Gaben bestimmt sind, verlangen Opfermut. / Die Sattgefressenen sprechen zu den Hungernden von den großen Zeiten, die da kommen werden. / Die das Reich in den Abgrund führen, nennen das Regieren zu schwer für den einfachen Mann.“

Ich sage vielen diese Verse. Viele werden nachdenklich. Wenn von unserer goldenen Zukunft gesprochen wird, werden wir wissen, daß die Sattgefressenen uns etwas vorgaukeln wollen; und wenn von schweren bevorstehenden Zeiten gesprochen wird, werden wir fragen: Schwer für wen? Und: Leicht für wen? Und wir werden denen mißtrauen müssen, die uns das Regieren abnehmen wollen und dafür eine bunte Palette guter Gründe haben: daß wir es leichter haben sollen, daß wir nicht die nötigen Erfahrungen oder die unerläßliche Sachkompetenz besitzen können, daß Politik Berufung ist und andere Gründe. Die Sattgefressenen sprechen immer wieder zu den Hungernden, wir müssen wachsam bleiben.

* * *

Aber auch etwas anderes ist zu sehen: Am Wochenende beginnen die Parteitage. Der Gründungsparteitag des Demokratischen Aufbruchs, der CDU-Parteitag, das Treffen des Neuen Forums. Die Mitstreiter haben plötzlich weniger Zeit. Das Bürgerkomitee im Amt und sein Einsatz darin sind eine gute Wahlplattform. Es geht um die Macht, jeder will dran. Diesen Ehrgeiz habe ich nicht mehr, auf mich wartet die Alltagsarbeit, und das ist nur Fleiß, die unablässige Regelung von Kleinigkeiten.

Dann wird der Gedanke laut, ein Amt für Verfassungsschutz und ein Amt für Terrorismusbekämpfung zu gründen. Zuerst bin ich deprimiert, jetzt bin ich froh: Diese Dienststellen oder wie auch immer sie heißen mögen, werden nie wieder so wie dieses ehemalige Amt arbeiten können. Denn die neuen Parteien und Gruppierungen werden in ihrem Verlangen nach der Teilhabe an der Macht sich gegenseitig keinen zu fetten Brocken gönnen. Es ist nur notwendig, daß wir jetzt von Anfang an aufpassen.

* * *

Wir können nicht mehr, ich bin mit einem Militärstaatsanwalt zwei Kelleretagen abgegangen. Wir hocken auf den Stühlen. Warum sind wir so wenige?

Wenn ich auf das sehe, was ich tun müßte, und auf das, was ich getan habe, befallen mich Zweifel, ob wir unser Vorhaben je erfüllen können. Es ist, als müßte ich ein Gefäß mit elf Löchern mit meinen zehn Fingern abdichten, und wo ich auch hinlange, ein Loch entzieht sich meinen verzweifelten Bemühungen. Da rinnt etwas unwiederbringlich davon, und ich kann es nicht halten.

Jetzt bin ich erst einmal nur müde. Kann uns mal einer einen Kaffee machen?

Die Frauen bringen auch das noch fertig, neben all ihrer Arbeit. Über die Leistungen der Frauen in der untergehenden DDR muß ein großes Buch geschrieben werden.

Jemand hat die Aktuelle Kamera eingeschaltet. Modrow wird interviewt, es ist der Vorabend des Kohl-Besuches in Dresden. Ich kann kaum zuhören, aber plötzlich spanne ich. Ist das wahr? Der Militärstaatsanwalt schrickt hoch, ob er das richtig verstanden habe? Ich nicke, ja, richtig gehört. Modrow beruft sich auf Magirius, der Ministerpräsident zitiert einen Superintendenten, weil er glaubwürdig bleiben muß.

Welche Zeiten! Welche Menschen!

Aber die Schmerzen hinter dem Brustbein werden schlimmer. Und wenn ich tagsüber einmal die Augen schließe, ziehen bunte Schlieren vorbei.

* * *

Oberstleutnant S. weint, er weiß nicht mehr weiter. So fänden beispielsweise viele Busfahrer keine Arbeitsstelle, obwohl die Leipziger Verkehrsbetriebe die Busse im Berufsverkehr aus Personalmangel nur im 20-Minuten-Takt fahren lassen können.

20 Jahre unfallfrei gefahren - und jetzt keine Arbeitsstelle. Auch sein Sohn fände keine Arbeit, Begründung: Sie waren bei der Stasi, nein danke, sie brauchen wir nicht.

Der Mann weint, es ist widerlich. Warum weint er? Weil er die Macht verloren hat? Weil ihm eine Welt zusammengebrochen ist? Hat ihn unser Leid je interessiert, geschweige bewegt? Es gibt jetzt Wichtigeres als dieses Gewinsel, und es gibt gute Gründe, diese Leute auch einmal fühlen zu lassen, wie es am kürzeren Arm des Hebels ist. Das muß jeder Mensch einmal zutiefst erfahren haben. Aber es ist auch wichtig, daß wir einmal mit den „Ehemaligen“ zusammenarbeiten können. Von der Straße aus forderten wir Woche für Woche: „Stasi in den Tagebau!“ Man kann und man darf nicht alle in einen Tagebau stecken. Ich hätte Angst vor dem Gewimmel in diesem Tagebau. Vor einem Mann neben mir hätte ich keine Angst, da wird Aufmerksamkeit genügen.

Also zwei Schlußfolgerungen:

Sicherheitspartnerschaft ist in diesem Umfang auf persönlicher Ebene möglich.

Vor der Stasi haben wir nur dann Angst, wenn sie in Gruppen auftritt, keine Angst haben wir vor den Einzelnen. Ist das Angst wie vor den Wölfen? Die sind doch wohl auch nur im Rudel gefährlich. Der einzelne Wolf weicht einem Menschen aus. Es sei denn, er heißt Markus Wolf. Der fiel die Menschen an. Aber er wurde endgültig ausgepfiffen.

Wie sieht es aber mit der Angst der Stasi-Leute aus? Wovor haben sie Angst? Oder ist ihre Besorgnis nur geheuchelt? Haben sie unterdessen schon längst ihre Auffangstellung erreicht und führen nun zur Ablenkung nur noch ein Nachhutgeplänkel?

Aber auch daß muß ich von Oberstleutnant S. sagen: In der ersten Nacht konnte ich nicht mehr vor Durst. Der Hunger war auszuhalten, aber der Durst. Wir hatten uns doch nicht auf eine lange Nacht eingerichtet, wer denkt bei der Vorbereitung der Revolution an die Marschverpflegung? Ich ging durch das Objekt. Hinter einer Glastür schimmerte Licht. Ich überlegte, nahm mich zusammen, klopfte, bat (oder bettelte?). Hier habe ich noch eine Limo, sagte er, wir brauchen das ja doch nicht mehr.

* * *

Es wird also wieder ein Amt für Verfassungsschutz (also gegen den äußeren Feind) und ein Amt für Terrorismusbekämpfung (also gegen den inneren Feind) geben. Wir werden uns von dem Denken in Freund-Feind-Kategorien nicht lösen können. Ein Staat ohne äußeren und inneren Geheimdienst dürfte wohl auch nicht lebensfähig, dürfte wohl einmalig auf der Welt sein. Auch der Vatikan arbeitet nicht nur in der Öffentlichkeit. So ein Staat wäre wohl nicht einmal als Lesebuchgeschichte geeignet. Vielleicht sollten sich Christen in diese Ämter begeben, auf alle Privilegien verzichten, die ein Nicht-Geheimnisträger hat, und dort kontrollieren, daß diese Geheimdienste ihrem Auftrag entsprechend arbeiten und sich nicht gegen das Volk richten. Und so wird es wohl nun auch nichts mit der raschen Einheit Deutschlands.

Natürlich klingt es erst einmal absurd: Christen als Kontrolle der Geheimdienste. Schon der Vorschlag ist gewagt: Haben Christen nach Inquisition und Deutschem Christentum dafür eine moralische Berechtigung? Wie könnte eine solche Kontrolle überhaupt wirksam werden? Denn diese Christen sind auch nur Menschen, also empfänglich für den Rausch der Macht. Diese Kontrolle könnte wohl nur dann wirklich werden, wenn sie für den Einzelnen einen Gang an des Kreuz bedeutet. Also eine totale Aufgabe der Person und eine totale Übernahme dieser Aufgabe. Nur - der freiwillige Verzicht auf Westreisen für die Jahre bis zur deutschen Einheit ist gewiß harmloser als jede Kreuzesstation.

Man kann natürlich auch den neuen Parteien vertrauen, dann muß man den alten zubilligen, daß sie sich ändern können. Aber die Sicherheit eines Volkes darauf zu gründen, daß sie alle so nach der Macht drängen, daß sie sich gegenseitig an die Kehle gehen werden, wenn einer die Überhand zu gewinnen droht - das erscheint mir gewagt. Zwar ist dies die Spielregel der Demokratie, aber wird die Demokratie nicht erst gelernt werden müssen? Wir müssen Demokratie und Marktwirtschaft und ehrliche Parteiarbeit erst einmal üben. Ohne Üben haben wir in der Demokratie und auf dem Markt doch gar keine Chance. Aber wenn wir hier nur ein Scheinparlament und Versuche zur Marktwirtschaft haben, dann wird die Welt doch nicht auf uns warten, bis wir uns an den Start wagen. (Und dann möchten wir natürlich wieder die besten Demokraten und die Anführer auf dem freien Markt sein - schließlich hatten wir doch die meisten Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen.) Und genau das geht nicht. Also muß der Kreis quadriert werden, und der Anfang wird mühevoll sein. Kohl hat gestern von den blühenden Landschaften gesprochen, das ist Zukunftsmusik. Das Jahr beginnt nicht mit dem Sommer, und wir werden uns hoffentlich über eigene Veilchen mehr freuen als über importierte Rosen.

Und so sicher erscheint mir die Freiheit des Volkes auch in den freien Demokratien nicht. Freiheit besteht doch nicht nur in Wohlstand und Besitz. Freiheit ist doch zunächst Pflicht für andere. Nur, können wir diese Einsicht bei den Bewohnern der Bundesrepublik erwarten, daß wir nicht gleich wie die anderen Deutschen sein werden, sondern umständlicher und verletzlicher, bissiger und mißtrauischer, einfach erst einmal anders?

Es gilt aber auch, daß die Demokratie im anderen Teil Deutschlands so schon lange funktioniert. Sollen wir das auch wagen? Das Grundgesetz der Bundesrepublik ist doch nicht nur die Würde des Menschen, das schreibt doch sogar vor, wieviel eine Regierung investieren darf. Unglaublich.

Weil aber Christen von vielen Seiten Vertrauen angetragen bekommen, sollten wir den Gedanken von der politischen Verantwortung des Menschen bis zu seinem Ende denken. Wohin führt er uns? Haben wir Christen denn dieses Vertrauen überhaupt verdient?

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An einem Freitag stürzt einer ins Zimmer: Habt ihr Sender Leipzig gehört? Opitz ist verhaftet worden!

Wir führen unsere Arbeit auf der Grundlage einer Freistellung von der Arbeit aus. Unsere Arbeit wird also eingestuft wie eine längere Gewerkschaftsveranstaltung oder eine persönliche Qualifizierung im persönlichen Interesse. So wird unsere Revolution zur arbeitsrechtlich geschützten gesellschaftlichen Tätigkeit! Die Sachsen verhalten sich so korrekt wie die Preußen. Unterschrieben aber ist diese Freistellung vom Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, nun einem gewöhnlichen Untersuchungshäftling.

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Diese Verhaftung wird einen Prozeß nach sich ziehen. Das wissen wir zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht. Dieser Prozeß wird ein Musterbeispiel dafür sein, wie die Stasi auch nach jenen Tagen die Fäden zieht. Dieser Prozeß wird auf das Sorgfältigste inszeniert sein:

Die Belastung des Angeklagten erfolgte durch einen Herrn Riecker, einem persönlichen Mitarbeiter des Dr. Reitmann, der als Stell­vertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, also als Stellvertreter dieses Angeklagten, für den Bezirk Leipzig tonangebend war für den Umgang mit den Andersdenkenden (es klingt, als wären diese abartig), also mitbestimmend für die Unterdrückung jeder oppositionellen Stimme. Der persönliche Referent Reitmanns, der Herr Riecker, und Reitmann selbst als Mitglieder des sogenannten „kleinen Kollektivs“ und einige Stasi-Offiziere verantworteten die „innere Sicherheit“ in der Stadt Leipzig. Dieser Herr Riecker hatte in einer öffentlichen Befragung durch das Bürgerkomitee den Ratsvorsitzenden wegen eines Bagatelldeliktes schwer belastet und vehement seinen unmittelbaren Vorgesetzten entlastet. Heute ist die Absicht eindeutig, uns damals Fragenden war sie es nicht. Herrschte doch bis zu diesem Tag und darüber hinaus der Rat des Bezirkes ohne jede Kontrolle über die Bürger der Stadt. Natürlich hatte Opitz schon auf der Ratssitzung am gleichen Tage der Wind heftig ins Gesicht geweht, aber den Abgeordneten, die ja sämtliche der SED angehörten oder ihr in Treue verbunden waren, konnte er noch begegnen.

Den Prozeß gegen Herrn Opitz am Bezirksgericht wird im Mai ein Herr Fritsche eröffnen. Dieser wird der einzige Prozeß dieses Richters Fritsche sein. Weder vor noch nach dem Opitz-Prozeß führte er je eine Verhandlung: Herr Fritsche war Personalchef des Bezirksgerichtes. So beurteilte er die Eignung von Bewerbern zum Jurastudium. Er schätzte ein und lehnte ab getreu nach der Vorgabe, daß man in der Deutschen Demokratischen Republik nur mit Einverständnis des Ministers für Staatssicherheit oder des Ministers für Justiz Jura studieren durfte, wobei dann allerdings letzterer ersteren fragen mußte. Bei der Gelegenheit fragt man sich, ob... Ja, natürlich, Fritsche war Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Man fragt sich auch, ob auch Herr Riecker... Ja, natürlich, Herr Riecker hatte auch bei der Firma ein zweites Arbeitsverhältnis. Der Leipziger Kripo-Chef Richter, der uns vom Chef der BDVP als unmittelbarer Ansprechpartner benannt wurde, der gegen Opitz ermittelte...  Ja, natürlich, Herr Richter war ebenfalls Inoffizieller Mitarbeiter, und der Bezirksstaatsanwalt Herr Munkwitz, der Vorgesetzte des in diesem Strafverfahren den Staat gegen den gestürzten Apparatschik vertretenden Staatsanwaltes, war Inoffizieller Mitarbeiter. Was soll es, schließlich war man doch ganz in Familie.

Selbstverständlich waren auch die anderen Rollen dieser Schmierenkomödie gut verteilt: Der Staatsanwalt war ein Herr Roland von der Bezirksstaatsanwaltschaft, also einer, über dessen Eignung zum Jurastudium der Minister für Staatssicherheit oder der Minister für Justiz befunden hatte, und somit der Richter, der Herr Fritsche auch. Und auch der Verteidiger Herr Rammstedter hatte in diesem Staat und unter diesen Voraussetzungen Jura studiert. Man war also ganz unter sich, hätte es da nicht den Angeklagten gegeben. Aber der gehörte schließlich zu den POZW, den Partnern des operativen Zusammenwirkens, er war ja der dienstliche Vorgesetzte gewesen von Herrn Reitmann und Herrn Riecker und von mehreren Offizieren im besonderen Einsatz aus den Reihen von Mielkes grauen Mannen.

Naheliegend wäre gewesen, bei diesem Verfahren wegen Untreue eine Zeugin zu laden: Die Finanzchefin vom Rat des Bezirkes. Aber das gerade wollte man wohl nicht. Man hätte doch zur Sache kommen können, oder ein in die Enge getriebener Angeklagter hätte in seiner Aufregung oder zu seiner Verteidigung viel von dem sagen können, was zwar allen Prozeßbeteiligten im Detail bekannt war, aber einer überraschten Öffentlichkeit nicht zugänglich werden sollte, beispielsweise die Anordnungen und ihr Vollzug zu den Internierungslagern. So kam man dann auch über­raschend und schnell zu einer Einigung: Der Angeklagte erhielt ein Jahr auf Bewährung und keine Geldstrafe - bei einer veruntreuten Summe von 190.000,- DM. Es hätte ja jemanden getroffen werden können. So wurde er noch am Prozeßtag entlassen und erhielt den wohlgemeinten Rat mit, er solle doch die umstrittene Immobile lieber kaufen.

Über der Besetzung des Prozesses am Bezirksgericht darf aber nicht vergessen werden die Präsidentin des Bezirksgerichtes. Das war Frau Strenger. Sie hatte eine Bindung von ganz spezieller Art an das Ministerium für Staatssicherheit: Ihr Mann ist der Major Jörg Strenger, das ist der Mann, der in der Bezirksverwaltung des MfS in Leipzig Abteilungsleiter der Abteilung XX war, zuständig für die PID und PUT ist, für die Unterdrückung der politisch-ideolo­gi­schen Diversion und der politischen Untergrundtätigkeit. Sie mußte nicht noch zusätzlich verpflichtet werden. Hatte sie doch erst unlängst dem Stellvertreter des Leiters der Bezirksverwaltung Leipzig zu dessen Geburtstag gratulieren dürfen, so als Stimme aus der Bevölkerung. Aber natürlich, Herr Strenger hatte sein Ohr an den werktätigen Massen, einer der Beteiligten aus dem Bezirksgericht war sein Informant. Aber das ahnten wir wohl schon.

Herr Fritsche arbeitete bis zum Ende der Leipziger Szene als Stellvertretender Präsident des Bezirksgerichtes, also Hand in Hand mit Frau Strenger, Herr Riecker schreibt in der gleichen Zeit in der Presseabteilung der Bezirksverwaltungsbehörde, das ist die Nachfolgeeinrichtung des Rates des Bezirkes. Deren Chef ist ein Herr Krause, er wird Innenminister des Freistaates Sachsen werden und später wegen seiner Stasi-Kontakte in den Wohlstand der freien Wirtschaft verstoßen werden. Aber das wissen wir jetzt noch nicht.

Was wir dann sehr rasch erfahren haben, das ist die Geschichte mit Herrn Mährlein. Herr Mährlein hatte sich bei dieser Geschichte so rasch profiliert, daß er sich damit an die Spitze des Leipziger Bürgerkomitees brachte. Und wenn wir nach Nebenberufen bei Herrn Mährlein fragen... Ja, natürlich, Herr Mährlein war ein besonders langjähriger und verdienter inoffizieller Mitarbeiter der Stasi.

Einige Leipziger behaupten, der Einsatz des Herrn Mährlein und die Verhaftung des Herrn Opitz seien nur geplant gewesen, um diesen Herrn Mährlein als zuverlässigen IM in das Bürgerkomitee zu schleusen, aber das wird natürlich von allen Beteiligten lebhaft bestritten. So bleibt damit die Tatsache, daß ausgerechnet in das Bürgerkomitee, das das MfS auflöste, kein IM des MfS eingeschleust werden sollte, während die Firma ansonsten flächendeckend arbeitete - ein Schelm, der dabei an Lügen denkt.

Warum nun dieser unverständliche Prozeß gegen den Herrn Opitz, der unsere Freistellungen von der Arbeit wegen „gesellschaftlicher Tätigkeit“ so großzügig unterschrieb? Der Prozeß war doch von den Inoffiziellen inszeniert worden, ein Schelm, der da denkt, der ehemalige Führungsoffizier Strenger habe...

Unklar bleibt der Grund dieser Schauspielerei. Wollte der Herr Opitz von seinen eigenen Verbrechen ablenken, von der Planung der Bezirkseinsatzleitung zur Internierung von Oppositionellen? Sollte Opitz bestraft oder gewarnt werden? Haben einzelne Gruppierungen innerhalb der Staatssicherheit sich gegenseitig bekämpft? Oder war es nur dieses perverse System, das von Kollaboration und Kriecherei durchsetzt ist? Sollte getestet werden, wie die Stasi-Strukturen in dem geahnten Zusammenbruch überleben können?

Getestet von den verschiedensten Seiten und als brauchbar befunden wurde offenbar die Frau Strenger: Herr Peter-Michael Diestel nimmt sie nach seiner Karriere vom Meistermelker zum Innenminister nach ihrem kurzen Intermezzo als Bezirksgerichtspräsidentin in seine Anwaltssozietät auf. Und dann begegnen wir ihr plötzlich in Leipzig im „Haus der Kirche“ wieder: Sie hält dort als Rechtsanwältin Sprechstunden für die kirchlichen Mitarbeiter ab und sitzt den Leuten, denen die politisch-operativen Maßnahmen und die Spitzeleien ihres Mannes galten, im anwaltlichen vertraulichen Ge­spräch gegenüber. Und wir werden nie erfahren, wer aus diesem Haus der Kirche sie dort hingesetzt hat.

Wir haben es damals nicht geahnt und wissen es heute nicht. Was wäre geschehen, hätten wir diese Schande damals gewußt: Hätten wir gewütet, hätten wir resigniert?

* * *

Jetzt sind vierzehn Tage vergangen, ich kann noch immer nicht richtig schlafen. Jede Nacht das gleiche: Ich muß Gruppen einteilen für die Objektkontrolle; an der Rampe kommen die LKW mit Akten. Weil ich niemand zum Beaufsichtigen beim Abladen habe, muß ich mich selber hinstellen, ich weiß aber, daß gleichzeitig oben das Telefon klingelt. Dann ist plötzlich im Keller etwas geschehen. Ich stürme zusammen mit Bürgerkomitee und Polizei in den Keller und stemme mich gegen eine Tür, aus der sonst das Grauen hervorquillt. Wir stemmen uns mit all unserer Kraft dagegen, und die Tür zittert vom wechselseitigen Druck der Kräfte.

Ich bin froh, wenn der zeitige graue Morgen das Ende einer schlimmen Nacht bringt. Wir werden wohl niemals so wieder schlafen können wie zuvor.

Und es bleibt auch immer die Angst, daß zwei Herren im Auto auf mich warten, wenn ich nach Hause komme oder wenn ich den Betrieb verlasse oder bei einer anderen Gelegenheit, daß ich meine Familie in einen Teufelskreis gezogen habe. Jetzt kann ich sagen: Aber ich habe auf jeden Fall einmal frei geatmet.

Was werde ich dann sagen?

* * *

Einmal berichte ich einigen Kollegen meines Betriebes von dieser Zeit in der Runden Ecke. Drei Männer sind es: Ein junger, er will Sensationen hören, je aufregender desto besser; ein älterer ehemaliger Genosse, ihn bedrücken die gleichen Fragen, und er sucht ebenso gründlich nach Antworten; ein jüngerer ehemaliger Genosse, das betont er, heute ausgetreten, weil heute das Brandenburger Tor als Symbol und Ergebnis des aggressiven deutschen Imperialismus wieder jedermann zugänglich ist. (Hätte er seinen Lenin wenigstens flüchtig gelesen, dann wüßte er, daß es diesen Imperialismus erst lange nach dem Bau des Brandenburger Tores gab, oder er weiß nicht einmal, wann Langhans lebte.)

Ich versuche, das zu erzählen, was mich bewegt hatte. Er berichtet immer wieder mit großen Worten von seinen Erlebnissen bei der Wacheinheit der Stasi, wie sie einem westlichen Journalisten auf Erlaubnis (nicht auf Befehl) blutig schlugen (»die Fresse polierten«), weil er die Bezirksdienststelle wiederholt fotografiert hätte, und ihn dann unterschriftlich einen Unfall bestätigen ließen. Der Schoß ist fruchtbar noch...

 

 

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