»Sich ins Neue zu wagen, das geht nur mit Bildung!«

wbg Redaktion • 2 Juni 2020

»Sich ins Neue zu wagen, das geht nur mit Bildung!«

Die wbg im Gespräch mit Ursula Forstner und Harald Lesch


wbg: Frau Forstner, in Ihrem Buch führen Sie einen fiktiven Dialog mit Alfred North Whitehead. Wie kamen Sie auf die Idee, mit einem toten Philosophen über Bildung zu sprechen? Und wieso gerade Whitehead, der ja in erster Linie mit Werken zu Mathematik und Logik bekannt ist?

Ursula Forstner: Whitehead ist für mich einer der größten Philosophen überhaupt. Vor fast 100 Jahren entwickelte er eine Kosmologie, die geradezu hellseherisch ist und wie gemacht für unsere heutige vielfach vernetzte Welt. Im Mittelpunkt steht dabei immer das konkrete Individuum, das bei Whitehead aber nie separat existiert: Seine Individualität ergibt sich erst durch die Auseinandersetzung mit anderen. Und das ist ein fortwährender lebendiger Prozess. Zu gerne würde ich mit diesem großen Visionär reden – aber das muss wohl fiktiv bleiben … Beim Thema Bildung bringt uns Whiteheads Philosophie des Konkreten, des Individuellen und der Prozesse zunächst zu der nur scheinbar banalen Feststellung: »Die Lernenden sind lebendig!« Denn folgt man dieser Maxime konsequent, dann kommt man nicht umhin, Strukturen wie vorgegebene Lehrpläne oder standardisierte Prüfungen in Frage zu stellen – und das halte ich für hochaktuell. 

wbg: Herr Lesch, wie kann Bildung angesichts der enorm wachsenden Informationsmenge Orientierung bieten?

Harald Lesch: Ganz offensichtlich wächst ja die Menge an Informationen über die Welt, über die Menschen, über politische und andere Gegebenheiten. Das Wachstum durch die digitale Technologie ist inzwischen an ihre physikalische Grenze gekommen, denn schneller als mit Lichtgeschwindigkeit geht nun mal nichts in unserem Kosmos. Wir brauchen also vor allem Methoden, um uns im Informationswust zu orientieren. Und da kommt Bildung als grundlegende Eigenschaft ins Spiel, bisher Unbekanntes mit dem zu vergleichen, was ich schon weiß und kenne. Anders gesagt: sich vom sicheren Grund ausgehend ins Neue zu wagen, das geht nur mit Bildung.

wbg: Frau Forstner, was wäre aus Ihrer Sicht die moderne Entsprechung zu den Fächern Griechisch und Latein als den Fundamenten eines humanistischen Bildungsideals?

Ursula Forstner: Zum Beispiel sollten wir jungen Leuten etwas an die Hand geben, damit sie in den digitalen Medien Wirklichkeit von Fiktion unterscheiden können. Und da fällt mir kein besserer Lehrer ein als Platon! Sein Höhlengleichnis muss man sicher nicht im Original lesen. Aber um zu verstehen, was Platon so unvergleichlich zeitlos zum Erkennen der Wirklichkeit geschrieben hat, bräuchte es ein Miteinander von Geographie, Geschichte, Philosophie, angereichert mit zentralen griechischen Vokabeln. 

Mir fällt kein solideres Fundament ein für den Umgang mit Medien und (Fake)News aller Art – wobei nun noch die Disziplinen Informatik und Textanalyse dazukämen. So stelle ich mir modernen Unterricht vor: Alles greift ineinander und bedingt sich gegenzeitig – auch das ist ein zentrales Element in Whiteheads Philosophie.

wbg: Herr Lesch, woher wissen Sie eigentlich, was Wissen ist?

Harald Lesch: Als Naturwissenschaftler stütze ich mich vor allem auf empirisches Wissen. Da geht es um die Methodik der Überprüfung von Hypothesen, die von Experimenten möglichst kritisch überprüft werden. Die ungeheure Präzision der modernen Technologien (Digital LASER, Tomographen etc.) ist dabei durch einen sich immer weiter verschärfenden Überprüfungsprozess der naturgesetzlichen Gegebenheiten in technischen Umgebungen erreicht worden. Hier haben wir Wissen, und wie! Das heißt, die empirische Methode ist die erfolgreichste für Natur- und Technikphänomene. Technik aber bestimmt auch rein methodisch unsere Ökonomie und Politik, also das Reich der Optionen. Mit anderen Worten, dort wo sich Erfahrungswissen ergeben kann, weiß ich, was in mir an Informationen zu Wissen wird. Ganz anders ist mein Wissensstand über mein Wissen, wo ich nicht direkt Erfahrungen machen kann. Bei historischen Ereignissen, an denen ich nicht teilgenommen habe, bin ich auf meine geschulte Rekonstruktion und Vernetzungsfähigkeit angewiesen. Ist das, was ich erfahren habe, konsistent mit dem, was ich empirisch sicher zu wissen glaube? Ist die Erde eine Scheibe? Nein! Zu viele unabhängige Argumente sagen das Gegenteil. So versuche ich, mein Wissen über das, was ich weiß oder zu wissen meine, immer wieder auf den Prüfstand des kritischen Rationalismus zu stellen, und bin damit gut gefahren.


1Harald Lesch, der das Reden in der väterlichen Gastwirtschaft lernte, ist heute Professor an der LMU München und Dozent an der Hochschule für Philosophie München. Er ist als hervorragender Erklärer bekannt und hat vielfache Auszeichnungen für die verständliche Vermittlung von Wissenschaft erhalten.

 

 

12Ursula Forstner arbeitete als Eventmanagerin, bevor sie beschloss, doch noch ein »brotloses« Philosophiestudium zu wagen. An der Hochschule für Philosophie in München lernte sie schließlich Harald Lesch und Alfred N. Whitehead kennen.
 

 


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Wie gelingt Bildung? Neue Impulse in einer wichtigen Gesellschaftsdebatte

„Wir müssen uns bilden und nicht ausbilden lassen!“ - „Wir sollten Menschen und nicht Fächer unterrichten!“ An diesen provokanten Forderungen erkennt man sofort: Harald Lesch brennt für das Thema Bildung. Der Physiker, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator deckt in seinem Diskussionsbuch „Wie Bildung gelingt. Ein Gespräch“ die Ursachen der seit fast zwei Jahrzehnten bestehenden Bildungskrise auf.

Zusammen mit den Philosophen Ursula Forstner und Wilhelm Vossenkuhl entwickelt Lesch neue Ideen und überraschende Impulse für ein Umdenken in Schulen und Universitäten.

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