Shakespeare als skeptischer Europäer. Gastbeitrag von Michael Szczekalla

wbg Redaktion • 30 April 2022
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Shakespeare als skeptischer Europäer

von Michael Szczekalla


‚Shakespeare und kein Ende‘ hieß es bereits in der deutschen Klassik, also lange bevor sich die heutige Shakespeare-Philologie zu etablieren vermochte. Warum nicht erneut über das Theater einen Zugang zu Shakespeare finden? Hamlet oder Lear sind schließlich keine Lesedramen. Deutungen einzelner Stücke, die von der Bühnenwirksamkeit ihrer Protagonisten abstrahieren, sollten uns fragwürdig erscheinen.

Wer jedoch für das Theater plädiert, nimmt damit zugleich eine skeptische Erkenntnishaltung ein, die schon in der Antike keine ungeteilte Zustimmung fand. Platon sprach abfällig von der „Theatrokratie“ (Nomoi 701a), die er überdies mit der demokratisch verfassten Polis in Verbindung zu bringen wusste, wobei er beide durch die Herrschaft der Philosophie ersetzen wollte, wie unlängst noch einmal Simon Critchley gezeigt hat (Tragedy, the Greeks, and Us, 2019).

Auch Shakespeares Renaissance-Skeptizismus, dessen Anschlussfähigkeit an die Moderne ein großes, weil Literatur und Philosophie auf einzigartige Weise verbindendes Thema ist, hat antike Wurzeln. Doch gilt es einem Missverständnis vorzubeugen. In des Wortes ursprünglicher Bedeutung ist eine ‚Skeptikerin‘ keine Zweiflerin, sondern eine Person, die es wissen will und gerade deshalb genau hinschaut.

Auf der Shakespeare-Bühne geht es also um Erkenntnis. „Und immer wusste er die Wahrheit zur Poesie zu erheben“, lautete das Urteil Heinrich Heines über den Dichter. Vielleicht ist dies nicht nur der schönste, sondern auch der wichtigste Satz in Shakespeares Frauen und Mädchen (1838). Er dürfte auch heute noch aus verschiedenen Richtungen Widerspruch provozieren. Dabei ergibt er sich ganz folgerichtig aus der fundamentalen Einsicht in den analytischen Charakter fast aller Shakespeare-Dramen, wie sie erstmalig in der Romantik formuliert wurde – von John Keats, der von Shakespeares „negative capability“ sprach, womit er das völlige Verschwinden des Dichters hinter seinen Dramenfiguren meinte, ein Umstand, der es auf besonders nachhaltige Weise unmöglich macht, eindeutige dichterische Botschaften aus den Stücken herauszudestillieren.  

Freilich darf man mit Karl Heinz Bohrer, der auf den „poetischen Intensitätsdiskurs“ abhebt, darauf insistieren, dass es in Shakespeares Dramen um Liebe und Hass geht (Mit Dolchen sprechen, Der literarische Hasseffekt, 2019). Allerdings haben Gefühle auch eine kognitive Dimension. So bedient sich ausgerechnet Kleopatra eines philosophischen Idioms, mit dem sie die Schönheit ihres Geliebten ontologisch privilegiert: „Stoff mangelt der Natur, / Die Wunderform des Traums zu überbieten; / Doch dass sie einen Mark Anton ersann, / Dies Kunststück schlug die Traumwelt völlig nieder, / All ihre Schatten tilgend!“ Doch ist diese Liebe bei Shakespeare wirklich mehr als ein égoïsme à deux? Im Prolog zu Heinrich V. wird die Bühne hingegen zum theatrum belli (ein bildhafter Ausdruck, dem wir in der frühen Neuzeit nicht nur in Werken über die Kriegskunst begegnen): „O! Eine Feuermuse, die hinan / Den hellsten Himmel der Erfindung stiege! / Ein Reich zur Bühne, Prinzen darauf zu spielen, / Monarchen, um der Szene Pomp zu schaun!“ Da Heinrich jedoch unmittelbar nach der Thronbesteigung seinen ‚Lehrer‘ Falstaff verstoßen hat, gewissermaßen als eine seiner ersten Amtshandlungen, ist es an uns, dieses Staatsschauspiel nicht nur zu ‚schaun‘, sondern auch zu ‚durchschaun‘.

Augenblicklich erleben wir auf schreckliche Weise, dass der Krieg mehr ist als eine Metapher. Gleichwohl scheint es nicht vermessen, darauf zu verweisen, dass die Auseinandersetzung mit Shakespeare gegenwartserhellend sein kann – zumindest wenn es gelingt, ihn als einen ‚skeptischen Europäer‘ zu begreifen, dessen Stücke, gerade weil sie keine Botschaften haben, zeigen können, was es heißt, gegen Lüge und Tyrannei aufzubegehren. Dann und nur dann dürfte der Skeptizismus nicht die „europäische Krankheit“ sein, als welche Nietzsche ihn denunzierte, sondern ein Zeichen von Stärke.


AutorMichael Szczekalla ist außerplanmäßiger Professor für Englische Philologie an der Universität Greifswald sowie Schulleiter in Nordrhein-Westfalen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählt neben der englischen Literatur, Historiographie und Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts vor allem die Zeit Shakespeares.

 

 

 

 


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Shakespeare als skeptischer Europäer

Wer vermag zu sagen, ob in Shakespeares Julius Caesar die Senatspartei oder die Caesarianer im Recht sind, ob Antonius und Cleopatra in einer Apotheose der Liebe endet oder in einer Hinterfragung der Pax Augusta, in Richard II. die politische Theologie mehr ist als eine Ressource dramatischer Poesie? Oder ob Heinrich V. einen legitimen Anspruch auf den französischen Königsthron hat, Hamlet besser nicht auf den väterlichen Geist gehört hätte, Der Sturm Prosperos Vorstellung von einem ‚guten Regiment‘ bekräftigt oder negiert? Michael Szczekalla zeigt in einer politischen Lektüre ausgewählter Shakespeare-Dramen, dass diese Stücke die politische Urteilskraft zu schärfen vermögen und wir deshalb in Bezug auf die wiederhergestellte ‚gute Ordnung‘ skeptisch sein sollten beziehungsweise den Dichter als ‚skeptischen Europäer‘ bezeichnen dürfen.


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