Schwebende Begegnung

Hellmuth Lilienthal • 5 August 2021

Ihre Fenster lagen ziemlich niedrig, der Blick nach innen durch dicke Stores verdeckt. Wann immer er um die Ecke kam, fiel sein Blick als erstes auf diese Fensterreihe, die ihr Aussehen nie änderte. Niemals stand eins von ihnen offen, niemals war die Gardine zur Seite gezogen, niemals sah sie heraus.

Es war diese Geste gewesen: Als er auf dem Bauch neben ihr im Bett lag, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, hatte sie die Innenseite ihres Beines über seinen Rücken gelegt, ihn gleichsam umarmend, wie ein Trost. Dafür, dass er jetzt gehen musste, weil ihr Freund kam. Dafür, dass er deswegen traurig war. Dafür, dass sie einem andern mehr verbunden war. Für ihn hatte es damit angefangen. Und es endete ein Jahr später, nachdem sie eine Nacht bei ihm gewesen war, mit dem Besuch einer Metzgerei, in der sie fürs Essen einkaufte, und dem Kauf einer Zeitschrift mit Fotos von ihr, für die sie nackt Model gestanden hatte. Dann war sie weg, und sie rief ihn nur noch zweimal, in großem Abstand an.

Nach dem ersten Mal waren sie hin und wieder zusammen gewesen und es war meist schön, bis auf einmal, als sie erkältet, mehr bei sich und nicht recht bei ihm, mit ihm war, sondern erst hinterher, als sie so klein und zusammengekauert neben ihm saß und schniefte und ihm dankte, dass er gekommen war.

Sie war verbittert und verletzt, zeigte es aber in einer leisen Art, die nicht andere für ihr Leben verantwortlich machte und andere nicht herabsetzte und mied. Manche Begegnungen mit ihr waren auch lustig. Sie saßen oder lagen beieinander, nackt und er strich mit einem Finger über die Konturen ihres Gesichts, er sah sie atmen, Bewegung in Brust und Bauch, doch lautlos. Oder wenn er ihr Geschichten über ihre Zehen erzählte, sie dabei mit ihrem Mund an seinen Ohren, seiner Nase, auf seinen Augen und an seinem Hals oder Lippen sog, leicht, lachend, so ein Spiel.

Wiederum erzählte sie von einem Messerstich, als er nach der Narbe an ihrem Bein fragte, sie sagte, sie hätte Streit gehabt, in einer Kneipe, wo sehr heruntergekommene Gestalten verkehrten und ihr Lachen war dabei hohl. Oder wenn sie erwähnte, ihr Freund würde sie überall finden, in Dubrovnik wäre sie mal mit einem Ehepaar mitgefahren, die auf dem Campingplatz eine Auseinandersetzung zwischen ihr und ihrem Freund mitbekommen hatten – ein paar Tage später stand er dann in München, vor deren Wohnung. „Warum gingst du mit?“ Darauf erhielt er keine Antwort.

Im Krankenhaus hätte er sie besuchen können, wenn er da schon ihren richtigen Namen gekannt hätte. So aber schickte er nur ein Foto und eine Geschichte über die japanischen Schirme an ihrer Wand, die beobachteten, wie sie sich nackt im Licht des stummgeschalteten Fernsehers umarmten. Wahrscheinlich war auch die nicht angekommen.

Wie auch Anrufe und Klingeln an ihrer Tür erfolglos waren und die niedrigen Fenster unverändert verschlossen und zugezogen. Denn sie war verschwunden. Später sprach sie von Sylt und Frankfurt. Und von ihrem Vater, dem sie in einer Rechtssache helfen wollte. Sie hatten London ausgewählt, als auch er mit ihr einmal weg wollte. Sie war aufgestanden und hatte sich eine Zigarette geholt, als sie davon sprachen. „Dann lass uns das mal machen“, hatte sie entschieden.

Aber in den dunklen Gassen von Soho war er dann allein, schon spät im Jahr. Denn wieder war sie nach irgendwohin aufgebrochen und war in der Welt verschwunden. Aus den Lokalen drang Reggae-Musik, die Töne ließen die Luft im Dunklen erzittern. Er war auch allein, als dort mit einer Gelegenheitsbekanntschaft in seinem Hotelzimmer lag. Später, auf der Fahrt zu den Inseln fesselte ihn das Gesicht einer Frau, das berührend schön war, dunkel und dabei sicher lächelnd. Sie kam aus Jamaika und saß ihm gegenüber, warnte ihn vor Streitereien in den Pubs und sah ihn bald in einer festen Beziehung. Hier, auf dieser etwas heruntergekommenen Fähre sagte sie es selbstgewiss, als sei sie eine Priesterin, nachdem er ihr ein Stück seiner Geschichte erzählt hatte. Sie bemerkten ihre gegenseitige Anziehung, zögerten aber, dies wie üblich auflösen. Ihr Blick und ihre Gestalt blieben ihm, als sie wegen einer Anstellung weiterfuhr. Sie hatte sich noch einmal zu ihm umgedreht.

Eines Abends, Wochen danach, ein Anruf und seine Freundin kam in einem weiten, langen Mantel, der noch heller im Dunklen wirkte. Sie blieb über Nacht. In der Zeitschrift war sie auf ihrem Bett im gelben Shirt, ihren Teddy zwischen ihren Beinen, sie war in ihrem Mantel in der Altstadt und nackt mit untergeschlagenen Beinen auf ihrem Teppich sitzend, die Arme aufgestützt, so dass ihre Brüste nach vorn fielen – während sie jetzt in seinem Zimmer ihm gegenüber war, mit dem Gesicht zum Fenster und verschwimmenden Augen. Zögernd kommt ihr Name aus ihrem Mund. Hat er jetzt eine Bedeutung? Dann kommt ein Taxi, ihre Körper in ihrer Umarmung, sie steigt ein und ist weg. Noch zwei Nächte ihr Parfüm auf seinem Kopfkissen.

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