Sartres Existentialismus

Lara Hitzmann • 3 Dezember 2021
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Sartres Existentialismus 


»Das Leben hat a priori keinen Sinn. Ehe Sie leben, ist das Leben nichts; es liegt bei Ihnen, ihm einen Sinn zu verleihen, und der Wert ist nichts anderes als der Sinn, den Sie wählen.«
Jean-Paul Sartre


Er gilt als Vordenker und Hauptvertreter des Existentialismus: Der Franzose Jean-Paul Sartre (1905-1980) begründete ein philosophische Strömung, die durch die steigende Zahl an Atheist:innen heutzutage präsenter denn je ist. 


Sartre nannte seine Idee den »atheistischen Existentialismus«. Um diesen zu darzulegen, muss zunächst erklärt werden, wie Sartre die Welt wahrnahm. Er teilte alles Existierende in zwei Kategorien. Zum einen gibt es laut dem Philosophen das »An-sich-seiende«. Das »An-sich-seiende« ist zufälliges Dasein in der Welt, welches kein Bewusstsein hat; also unbelebte Objekte, wie beispielsweise Steine. Zum anderen gibt es aber das »Für-sich-seiende«. Dies sieht Sartre als ebenfalls zufälliges Dasein, allerdings besitzt es ein Bewusstsein, so wie beispielsweise Menschen. 
Sartres Unterscheidung ist simpel. Im Gegensatz zu dem „An-sich-seienden« entwickelt sich das »Für-sich-seiende« wie folgt: Beim Menschen geht die Essenz (also das Wesen, was einen ausmacht, unabhängig davon, was mit einem geschieht, ohne ihre grundlegende Natur zu ändern), der Existenz voran. Bei dem »An-sich-seienden« ist die Existenz bereits vor dem Dasein bestimmt. Beim Menschen ist es nun jedoch laut Sartre so, dass die Existenz des Menschen erst durch sein Handeln bestimmt wird.


Der Mensch ist also frei, sich selbst zu bestimmen. Damit geht hingegen auch die Pflicht einher, sich selbst zu definieren, denn der Mensch muss die Konsequenzen seines Handels tragen. 


Atheistisch wird Sartres Existentialismus dadurch, dass ein christlicher Gott, nicht existieren kann, denn »Gott« hätte vorherbestimmt sein müssen. Und somit wäre auch der Mensch nicht selbstbestimmt. Sartre schreibt dazu:


»Dostojewski hatte geschrieben: „Wenn Gott nicht existierte, wäre alles erlaubt!“ Das ist der Ausgangspunkt des Existentialismus. In der Tat ist alles erlaubt, wenn Gott nicht existiert (…).«

Jean-Paul Sartre: Der Existenzialismus ist ein Humanismus, 1946


Weiter schreibt Sartre: 


»Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, anderweit aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut. Der Existentialist glaubt nicht an die Macht der Leidenschaft, er wird nie denken, daß eine schöne Leidenschaft ein verwüstender Wildbach ist, der den Menschen unvermeidlich zu gewissen Taten führt und der deshalb eine Entschuldigung ist. Er denkt, der Mensch sei für seine Leidenschaft verantwortlich. […]«
Jean-Paul Sartre: Der Existenzialismus ist ein Humanismus, 1946

Ein Leben im Existentialismus birgt also viele Möglichkeiten und gleichermaßen Bürden. 
Trotz, dass mir Sartres Aussagen sehr zusagen, so sind mir einige Dinge an dieser Philosophie noch unklar: 


1.    Was ist mit Tieren? Klar, Tiere haben ein Bewusstsein, sie entwickeln sich und entwickeln eigene Charaktere. Aber sind sie selbstbestimmt? Und in welche Kategorie gehören sie? Sind sie »Für-sich-seiendes« oder »An-sich-seiendes«?


2.    Sartre sieht sich selbst als Humanist. Im Humanismus geht es doch im Wesentlichen darum, dass der Mensch immer das Gute wählt, wenn er die Wahl hat. Wenn der Mensch aber immer das Gute wählen muss, wie hat er dann die Wahl? Dies wirkt auf mich eher wie ein Widerspruch.


3.    Gern wird Sartre mit dem Determinismus in Verbindung gebracht. Diese Theorie besagt, dass alles einen Grund habe. Auch solche Überlegungen widersprechen meiner Meinung nach dem Existentialismus. 


4.    Was ist mit psychischen und körperlichen Krankheiten? Dadurch wird der Mensch so eingeschränkt, dass einige Entscheidung nicht mehr möglich sind. Wird man so von einem »Für-sich-seienden« zu einem »An-sich-seienden«?
 
Mir persönlich ist Sartre das erste Mal in einem ganz anderen Kontext begegnet. In dem 1964 erschienenem Buch »Colonialisme et Néo-Colonialisme« (Verlag: Èditions Gallimard) wurden sieben Essays gesammelt, in denen Sartre den Kolonialismus Frankreichs im Spiegel seiner Zeit betrachtet. Diese Diskussionen und Gedanken, die in der damaligen Bevölkerung der Kolonialherrschaft thematisiert und von Sartre kommentiert wurden, waren für mich ein einmaliger Einblick in diese Zeit und mit großem Interesse habe ich diese Essays gelesen. Sartre stellt sich gegen den Rassismus und erklärt auf seine ganz eigene Weise, wieso dieser furchtbar und zugleich unnötig ist. Seine Überlegungen lassen sich auch gut auf die heutige Zeit anwenden. Welche Umstände sind notwendig, dass ein Mensch selbstbestimmt sein kann und was ist er, wenn die Umstände dies nicht zulassen?

 

Weiterführende Links: 
https://www.philomag.de/lexikon/existentialismus
https://beruhmte-zitate.de/autoren/jean-paul-sartre/
https://www.hdg.de/lemo/biografie/jean-paul-sartre
Mehr zu Sartres Religionskritik: http://www.dober.de/religionskritik/sartre.html
 

Kommentare (3)

Marcin Lupa

Das Individuum ist der Versuch des Willens Freiheit zu erlangen, während er ständig durch Gesetzmäßigkeiten determiniert wird. Der freie Wille ist wie Wasser, dass ständig den Weg des geringsten Widerstandes fließt, weil es fließen muss.
Staut es sich einmal an, überwindet es den Widerstand erst, wenn die Masse des angestauten Wassers (=Wille) größer als der Widerstand wird.

Walter Seliger

„Welche Umstände sind notwendig, dass ein Mensch selbstbestimmt sein kann und was ist er, wenn die Umstände dies nicht zulassen?“

Der erste Teil der Frage zielt auf (Selbst-)Bildungsprozesse ab, die, erst einmal vollzogen, nicht so ohne weiteres reversibel sind; der zweite Teil fragt nach den Grenzen der Selbstbestimmung:

Insofern das Für-Sich-Sein bei Sartre ein Selbstreflexionsverhältnis menschlicher Subjektivität be-zeichnet wären Einschränkungen, welcher Art auch immer, so lange keine Einschränkung, wie die Möglichkeit der Stellungnahme des Selbst zu sich selbst möglich ist. Victor Frankl hat das als die letzte aller menschlichen Freiheiten bezeichnet:

"Die letzte aller menschlichen Freiheiten, die man dem Menschen auch nicht unter den extremsten Bedingungen nehmen kann, ist die innere Freiheit. Jene Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnis-sen „so oder so“ einzustellen."

Wem bzw. ob mir eine solche Distanznahme in derartigen Extremsituationen - in die ich hoffentlich gar nicht erst gerate - faktisch dann noch möglich ist bzw. sein wird, mag auf einem anderen Blatt stehen.

Der Weltenbummler

In diesem Beitrag befindet sich ein grundlegender Fehler bei den Begriffen "Existenz" und "Essenz". Sartre postulierte nicht, dass beim Menschen die Essenz der Existenz vorausgehen würde, weil daraus müsse man schlussfolgern, dass der Mensch von Geburt an ein vorbestimmtes Wesen besitzt. Das wäre nur möglich, wenn es einen Schöpfergott gäbe, aber genau das verneint Sartre.
Für Sartre geht die menschliche Existenz der Essenz voraus. Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, weil er unfreiwillig existiert und sich dann auch noch selbst gestalten muss.

Ich bin zwar keinesfalls studierter Philosoph und auch kein Sartre-Kenner sondern nur Oberstufenschüler, aber diesen Fehler wollte ich richtigstellen.


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