S. Bode - Die vergessene Generation

Lara Hitzmann • 1 Oktober 2021
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Sabine Bode - Die vergessene Generation

Uns trennen nur 60 Jahre. Was sind schon 60 Jahre mit Blick auf die Geschichte des Menschen? Weniger als ein Blinzeln, weniger als ein Augenschlag im Rad der Zeit. 

Trotz dieser wenigen Jahre verstehen wir sie nicht. Wir verstehen nicht, warum sie Essen bunkern, warum sie sonderbare Kindererziehungsmethoden befürworten, warum sie über ihre Kindheit schweigen. Manchmal zeigen sie uns einen kleinen Einblick in ihre Seele und wir können kurz die Angst und den Schmerz erahnen, den sie in der wichtigsten Zeit ihres Lebens ertragen mussten. 

Unschuldig, allein, voller Angst. 

Sabine Bode hat auf eine interessante, aber dennoch emotionale Art und Weise Erzählungen, Interviews und Zeitzeugenberichte unserer Großeltern aufgearbeitet und zeigt nicht nur ratlosen Großkindern, was unsere Großeltern alles erlebt haben, sondern spricht ihnen auch endlich die Opferrolle zu, die ihnen zu steht - und die sie, wenn wir mal ehrlich sind, nie für sich beansprucht haben. 

Es geht um die Kriegskinder, diejenigen, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden und die laut Bode nun endlich "ihr Schweigen brechen".

Überraschend war für mich (neben all dem Grauen, was diese Menschen ertragen mussten), inwieweit uns die Erfahrungen, die unsere Großeltern machten, im Alltag immer noch prägen. 

Deshalb kann ich nur wärmstens Susanne Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen von 2015 empfehlen. 

Anders als zu erwarten schwebt über dem Buch keine dunkle Wolke der Trauer und Angst, sondern es geht um Hoffnung, Liebe und neue Chancen. 

Sind Sie im Umgang mit Ihren Eltern oder Großeltern auch auf Überbleibsel ihrer Kindheit im Krieg gestoßen?

Kommentare (4)

Thorsten Jacob

Tatsächlich hatte ich (Jahrgang 78) ein Trauma-Seminar der Neurologie am UKE (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) zusammen und doch getrennt voneinander mit meiner Mutter (Jahrgang 39) besucht, wie Erfahrungen des Krieges sich auf die eigenen Kinder überträgt. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn ich an meinen Vater (Jahrgang 17) denke, der Flucht aus Ostpreußen und als Soldat erlebte. Nie wieder Krieg, nie wieder Nationalsozialismus war das ewige Credo.

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  • Marcin Lupa

    Das sind wahre und wohlüberlebte Worte. Ich schließe mich ihnen an und setzte noch dazu, nie wieder eine kommunistische Diktatur, nie wieder Ausbeutung der Massen unter dem Vorwand des Gemeinwohls.

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  • Gabriele Jung

    Interessanterweise waren für meine Eltern (Mutter Jahrgang 1939, Vater Jahrgang 1941) die Kriegserfahrungen im Gespräch nie so zentral wie - vor allem bei meiner Mutter - das Gefühl der Ausgrenzung als Flüchtling in den Nachkriegsjahren. Einzig die lebenslange Angst meiner Mutter vor Feuer, ausgelöst durch das Bild der brennenden Stadt Arnswalde 1945 zeugte von den vermutlich sehr großen inneren Verwerfungen, die dieser Krieg in den Kinderseelen ausgelöst hat. Letztlich waren aber die Folgen des Krieges: der Tod des Vaters, der Verlust des Zuhauses, eine überforderte Mutter und das inmitten einer Gesellschaft, die einen ausgrenzte statt aufnahm, das lebenslange Trauma meiner Mutter - das sie letztlich aber irgendwann so in sich verschloss, das für mich als Tochter diese Verletzungen nie spürbar wurden. Für meinen Vater - das jüngste von 15 Kindern - war der Krieg und die Fluchterfahrung wohl aufgrund seines Alters nie Thema. Die Zeit nach 1945 erlebe ich in seinen Erzählungen dagegen immer als großes Abenteuer. Er hat daran überhaupt keine schlechten Erinnerungen - und ich glaube nicht, weil er sie verdrängt hat, sondern weil meine Großmutter irgendwo immer der verlässliche, sichere Hafen für ihn und seine Geschwister war.
    Ich werde Sabine Bode, Die vergessene Generation mit Interesse lesen und danke sehr für die Buchempfehlung.

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  • Astrid von Soosten

    Mein Vater war Jahrgang '21. Mit 20 Jahren verlor er, der Geige spielte und ein lebensfroher Mensch war, an der Front einen Arm und ein Bein. Er überlebte knapp, wurde zeitlebens von Phantomschmerzen geplagt und erlebte sich nur als einen Schatten seiner selbst. Dass junge Menschen so ruch- und sinnlos als Kanonenfutter losgeschickt wurden, macht mich bis heute wütend. Ich werde dieses Buch mit großem Interesse lesen.

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