Ruprecht Vondran zum Jubiläum der deutsch-japanischen Partnerschaft: „Brückenköpfe“ - Mit Kultur Politik machen

wbg Redaktion • 2 August 2021
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„Brückenköpfe“

Mit Kultur Politik machen

von Ruprecht Vondran zum Jubiläum der deutsch-japanischen Partnerschaft
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Aus meiner Sicht muss die traditionsreiche Partnerschaft mit Japan derzeit erheblichen Belastungen standhalten. Das spreche ich deutlicher aus als andere. Viele unserer Unternehmen sehen in China gegenwärtig ihren mit Abstand größten Kunden. Beispielsweise finden unsere Automobilkonzerne im „Reich der Mitte“ den Markt für ein Drittel ihrer Gesamtproduktion. Je mehr die USA den Zugang versperren, umso wichtiger ist Deutschland als Technologie-Lieferant geworden. Eine geradezu stürmische Entwicklung! Die Abhängigkeit, die sich daraus für uns ergibt, ist für Tokyo Gegenstand der Sorge.  Denn Japan sieht in China nicht nur einen großen wirtschaftlichen Konkurrenten, sondern vor allem im ost-und südchinesischen Meer auch einen gefährlichen geopolitischen Herausforderer. 

Deutschland betont nachdrücklich seine Wertegemeinschaft mit Japan, verfolgt aber Wirtschaftsinteressen, die in andere Richtung zielen. Es verwickelt sich in Widersprüche. Das findet mahnende Kritik, zum Beispiel aus London: „Sicherheitspolitik und Wirtschaftspolitik (sind), anders als bisher, nicht als unverbundene, gleichsam autonome Entitäten zu betrachten, sondern als ineinandergreifende Kernelemente deutscher Strategie“ (FAZ 23.7.21). Die sich offenbar entwickelnden Gegensätze bedürfen der Auflösung. Kulturelle Werte sind anders als Wirtschaftszahlen nicht leicht zu addieren. Aber sie müssen im Bewusstsein stehen, wenn über Prioritäten zu entscheiden ist. Dieses Bewusstsein zu schaffen, ist mein Anliegen. Deshalb habe ich das Buch „Brückenköpfe“ geschrieben.  Ich habe lange in Japan gelebt und dort deutsche Wirtschaftsinteressen wahrgenommen. Dies gab mir die Chance, einen Überblick zu gewinnen: Welchen Beitrag konnten wir Deutsche leisten, ein vertieftes gegenseitiges Verständnis unserer Völker zu begründen? Das Buch deckt einen Zeitraum von mehr als zweihundert Jahren ab und macht Lebenswelten von ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten sichtbar – von Politikern und Industriellen, Wissenschaftlern und Künstlern – bis in die Gegenwart. 

Es lässt auch erkennen, was wir zu tun ist, um einer bewährten Partnerschaft neue Kraft zu geben. An Möglichkeiten fehlt es nicht. Mit entsprechender politischer Vorgabe könnten wir „Leuchtturmprojekte“ ansteuern, auf die wir von beiden Seiten unsere Kräfte konzentrieren. Große Themen, um Schwerpunkte zu setzen, gibt es genug – die Überwindung von Pandemie(n), die Bewahrung unserer gefährdeten Umwelt, Risiken und Chancen durch Künstliche Intelligenz…Wissenschaftliche Kooperation über Grenzen hat bei uns große Tradition.

In den „Brückenköpfen“ finden sich auch zwei Projekte, die ich in schon in meiner Zeit als Präsident des „Verbandes Deutsch-Japanischer Gesellschaften“ angesprochen habe. Sie erfordern vergleichsweise geringe Mittel, sind aber von großer symbolischer Kraft:

-    Japan hat schon vor Jahren eine „UN- Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“ auf den Weg gebracht und vorbildlich umgesetzt. Es wäre von großem Gewinn, wenn Japan uns Deutschen helfen könnte, daran Orientierung zu finden.

-    Auch wäre es an der Zeit, ein „Deutsch-Japanisches Jugendwerk“ zu schaffen, um den Austausch zu erleichtern und damit die gute Botschaft unserer Partnerschaft auch in die nächste Generation zu tragen. 

Die Theodor Heuss hat einmal gesagt, mit Politik könne man keine Kultur machen, aber vielleicht könne man mit Kultur Politik machen. Ein gutes Wort. Die „Brückenköpfe“ regen an, das Tat werden zu lassen. 

Ruprecht Vondran


Brückenköpfe
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Brückenköpfe

Im Dienst der deutsch-japanischen Partnerschaft

Beschreibung

Am 24. Januar 1861 schlossen Japan und Deutschland ihren ersten „Freundschafts- und Handelsvertrag“ - der Beginn einer reichen Geschichte des gegenseitigen Austausches und gemeinsamen Lernens. Genau betrachtet gibt das Datum keinen Anlass zum Jubel. Aller Girlanden entkleidet, war der Vertrag Ausdruck eines kolonialen Diktums. Es begünstigte deutsche Interessen und nahm Japaner in die Pflicht. Dennoch entwickelte sich im Laufe der Zeit, je näher man sich kam, eine ebenbürtige, offene Beziehung. Ein Grund dafür war sicher eine gegenseitige Faszination. Ein Strom hochrangiger Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer, Politiker und anderer Fachleute („Brückenköpfe“) findet seither den Weg ins Partnerland. Daraus hat sich ein dichtes Netz entwickelt, das dem kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Nutzen beider Länder dient. Das Buch bietet anhand von 20 Lebensskizzen einen Einblick in die fruchtbare Verbindung zwischen beiden Ländern - eine Partnerschaft, die es zu bewahren gilt.


Vondran

Ruprecht Vondran, langjähriger Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl, war als junger Mann von 1969-1973 Leiter des Tokyo-Büros seines Verbandes. Später für zwei Legislaturperioden MdB. Er gehört zu den Gründern des „Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreises“ (DJW) und ist Herausgeber der 2014 vom „Verband Deutsch-Japanischer Gesellschaften“ vorgelegten Festschrift „Gelebte Partnerschaft“.

 

 

 


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