Runensteine – Götzenzeichen und Gotteswort

Markus Westphal • 5 März 2022
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Runensteine – Götzenzeichen und Gotteswort

„Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum

neun Nächte lang, mit dem Ger verwundet,

geweiht dem Odin, ich selbst mir selbst, [...]

nieder neigt ich mich, nahm auf die Runen,

nahm sie rufend auf; nieder dann neigt ich mich.“

Die Edda, eine Sammlung von nordeuropäischen Götter- und Heldenliedern, gibt diese mythische Erklärung zur Herkunft der Runen: Nach selbst zugefügten Qualen kommt Odin in den Besitz der Schriftzeichen und schenkt sie den Menschen. Ein Jahrtausend lang, vom 2. bis zum 11. Jahrhundert, sind sie die einzigen historischen Zeugnisse der Nordgermanen. Während in Grabbeigaben wie Waffen, Schmuck und Fibeln eingeritzte Runen eher „privat“ sind, übermitteln Runensteine öffentliche Bekanntmachungen. Geschickt vereinnahmen christliche Missionare zum Ende der Wikingerzeit (800-1050 n.Chr.) diese heidnischen Denkmäler für ihre Zwecke. Wie konnte das Geschenk Odins zum Werkzeug Gottes werden?

Weißt du zu ritzen?

Die Runen kennen keine Schreibschrift, sondern sind mit unseren Druckbuchstaben zu vergleichen. Sie eignen sich durch ihre senkrechte Strichführung sehr gut für das Ritzen in Materialien wie Holz, Knochen, Stein und Metall. Auf einem der ältesten Runensteine Schwedens (Järsberg, 6. Jahrhundert) findet sich das Verb „wrītan“, was ritzen, reißen oder schreiben bedeutet. Im Englischen existiert es noch heute in der Form „write“. So wie unser Alphabet nach den ersten beiden Lautwerten Alpha und Beta bezeichnet wird, sprechen Sprachwissenschaftler vom f-u-th-a-r-k, nach den ersten sechs Zeichen der Runenreihe. Zwischen 200 und 700 n.Chr. umfasst die Reihe 24 Zeichen und wird „älteres Futhark“ genannt. Im 7./8. Jahrhundert kommt es, bedingt durch Sprachveränderungen und allgemeine Vereinfachungstendenzen, zu einer allmählichen Verminderung auf 16 Zeichen. Dieses „jüngere Futhark“ existiert zur Wikingerzeit und darüber hinaus: In der schwedischen Provinz Dalarna sogar noch bis ins 19. Jahrhundert

Weißt du zu färben?

Wie einzelne Funde zeigen, waren Ritzungen auf Runensteinen rot und schwarz ausgefüllt, also gefärbt. Vollständig beherrschte diese Technik nur ein kleiner Personenkreis: die Runenmeister. Sie mussten zugleich Handwerker, Künstler und Schriftkundige sein. Meist errichtete man Runensteine zum Gedenken an einen Toten. Diese Denkmäler entsprechen unseren heutigen Grabsteinen, wenn der Tote in unmittelbarer Nähe bestattet war. Oft kündigen die Inschriften aber vom Tod in der Fremde und standen an Wegen. Dies erinnert an moderne Kriegerdenkmäler, wie sie für Gefallene der beiden Weltkriege errichtet wurden. Seltener kommen Ritzungen vor, die sich nicht auf Personen, sondern auf einen geweihten Platz beziehen. Der mittlere Stein des magischen Dreieckes von Björketorp in Südschweden warnt ausdrücklich denjenigen, der es zu zerstören versucht: „Ein tückischer Tod soll ihn treffen.“

Weißt du zu raten?

Das nach skandinavischem Vorbild im 17. Jahrhundert neu gebildete Wort „Rune“ bedeutet „Schriftzeichen“. In den alten germanischen Einzelsprachen hatte es die Bedeutung „Geheimnis“ oder „geheime Beratung“ und lebt heute noch in dem Substantiv „Geraune“ und dem Verb „raunen“ fort. Obwohl es meist keine Probleme mit der Entzifferung der einzelnen Zeichen gibt, bleiben viele Inschriften tatsächlich ein Geheimnis; es gibt kaum eine, die übereinstimmend gelesen und gedeutet wird. Gegenüber Buchstaben zeichnen sich Runen nämlich dadurch aus, dass sie nicht nur einen Lautwert, sondern auch einen sinnvollen Namen tragen: „f“ bedeutet auch „fehu“ gleich Vieh, „u“ auch „ūruz“ gleich Ur (Auerochse), „l“ auch „laguz“ gleich Wasser. Da einzelne Runen manchmal auch für mehrere Namen stehen, ist nicht immer schlüssig, was im betreffenden Text gemeint ist.

Weißt du zu fragen?

Schon im 16. Jahrhundert begann eine systematische Erforschung der Runen. Zu dieser Zeit gab es noch runenkundige Leute. In Deutschland hatte es die wissenschaftliche Runenforschung wegen des Missbrauchs im Dritten Reich und der folgenden Vereinnahmung durch Esoteriker und Neonazis schwer. Einen Aufschwung brachte 1995 das „4. Internationale Symposium für Runen und Runeninschriften“ in Göttingen. Ob sich die Runenschrift aus einem mediterranen Alphabet - möglicherweise dem Latein - herleitet, konnten die Forscher noch nicht klären. Gesichert ist das Erscheinen der ältesten Runenfunde für die Zeit um 200 n.Chr.: Es handelt sich entweder um Ritzungen auf dem Kamm aus Vimose in Dänemark oder auf der Lanzenspitze von Øvre Stabu in Südnorwegen. Falls die Zeichen auf der Fibel von Meldorf in Schleswig-Holstein Runen sind, müsste deren frühestes Erscheinen allerdings rund 150 Jahre vordatiert werden.

Weißt du zu schicken?

Fast alle weiteren Funde mit älterem Futhark konzentrieren sich in den drei oben aufgeführten Gebieten, wobei noch Südschweden hinzukommt. Aus der Umbruchzeit zum jüngeren Futhark um 800 stammt der Stein von Sparlösa, der mit seinen rätselhaften Bildern und Runen den Anfang einer neuen Epoche dokumentiert. In der Wikingerzeit bleibt Südskandinavien das Hauptverbreitungsgebiet der Runen, mit den Auslandsfahrten erweitert es sich aber von Grönland bis nach Russland und im Süden bis nach Griechenland. Mit rund 2500 gibt es die meisten Runensteine in Schweden, mehr als in allen anderen Ländern zusammen. Es ist kein Zufall, dass sich die Hochzeit der schwedischen Runensteine mit der Missionisierung des Landes deckt. Angeregt durch die Missionare machen die Neubekehrten ihren Glauben öffentlich. Gibt es zuvor nur neutrale oder heidnische Ritzungen, steigt der Anteil christlicher Merkmale innerhalb des 11. Jahrhunderts auf zwei Drittel.

Der steinige Weg von Walhall zum Paradies

Erste Missionierungsversuche vom 9. Jahrhundert bis zum Anfang des 10. Jahrhunderts blieben fruchtlos, weil sie zu den Höhepunkten der Wikingerraubzüge stattfanden. Doch der Kontakt mit den christlichen Ländern zeigte Wirkung auf die ohnehin nicht exklusiven Glaubensvorstellungen der Nordmänner. Zuerst konnten die dänischen Gebiete bekehrt werden, am eindrucksvollsten geschah dies in Jelling (Mitteljütland). Hier wurde Mitte des 10. Jahrhunderts der heidnische König Gorm in einem Grabhügel beigesetzt. Sein christlicher Sohn und Nachfolger Harald errichtete daneben eine Holzkirche und ließ die Gebeine seines Vaters dorthin umbetten. Hatte Gorm auf dem kleinen Jellingstein erstmals „Dänemark“ erwähnt, so verewigte Harald auf dem großen Jellingstein Jesus und feierte sich als denjenigen, der „die Dänen zu Christen machte“. Zu Anfang des 11. Jahrhunderts greift die Missionierung zunächst von Jütland auf die benachbarten Landschaften Västergötland (bei Göteborg) und von Schonen nach Småland aus. Vorbei an den großen Seen Vänern und Vättern dringt sie rasch nach Osten und Norden vor.

Gott sei ihrer Seele gnädig

In den letzten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts stoßen die Missionare nördlich des Mälarsees, nahe der heutigen Hauptstadt Stockholm, auf heftigen Widerstand. Anhänger des alten Glauben sehen ihr Zentralheiligtum in Alt-Uppsala bedroht und damit das alle neun Jahre stattfindende große nationale Opferfest. Jeweils nach diesem Ereignis kommt es verstärkt zur Vertreibung und Tötung von Missionaren und Unterdrückung von Missionierten. Gleichzeitig erreicht die Anzahl neu errichteter Runensteine mit Kreuzen und Fürbittformeln in der Gegend um den Tempel einen Höhepunkt. Die Mehrheit der Bevölkerung scheint sich mit dem neuen Glauben arrangiert zu haben. Kaum eine Runeninschrift endet, ohne um das Seelenheil des Verstorbenen zu bitten. Doch erst mit dem ungestraften Abriss des Tempels in Alt-Uppsala und dem Bau einer Kirche an gleicher Stelle kann sich das Christentum gegenüber den alten Göttern Anfang des 12. Jahrhunderts endgültig durchsetzen.

Neue Bauten und alte Rätsel

Zu dieser Zeit hat sich das Christentum in Norwegen und im nördlichen Schweden schon etabliert. In der Landschaft Jämtland nennt der Runenstein von Frösö sogar den Mann, der das Christentum zwischen 1050 und 1080 einführt. Die Inschrift lautet: „Östman, Gudfasts Sohn, ließ diesen Stein errichten und diese Brücke machen; und er ließ Jämtland christianisieren“. Brücken- und Wegebau fördert die Kirche, indem sie den Erbauern späteres Seelenheil verspricht. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts lösen zudem Steinkirchen hölzerne Vorgänger ab. So stehen in der damaligen Hauptstadt Sigtuna die Ruinen von drei Bauten, deren repräsentativer Zweck noch heute sichtbar ist. Mit dem Dombau zu Lund vor 900 Jahren gilt Schweden endgültig als christianisiert. Die Runensteinsitte ging im Brauch der Grabsteinsetzung auf. Vereinzelt beschriftete man diese noch bis ins 16. Jahrhundert mit Runen. Intensiv arbeiten Sprachforscher, Historiker und Archäologen an der Entschlüsselung der Runen, denn viele Fragen sind noch offen. So bleibt auch der Mythos vom Gott Odin als Runenschöpfer vorläufig unangetastet.

Benutzte Quellen:

Eigene Recherchen in Schleswig-Holstein, Dänemark, Norwegen und Schweden.

Klaus Düwel, Runenkunde, 3. Auflage, Stuttgart und Weimar 2001.

Felix Genzmer, Die Edda, Sonderausgabe, München 1997, 200-206.

Arndt Ruprecht, Die ausgehende Wikingerzeit im Lichte der Runeninschriften, Göttingen 1958.

 

Kommentare (4)

Merchan Agaricus

Lieber Herr Westphal,

vielen Dank für den kurzen Überblick über einen Teil der Geschichte Skandinaviens.
Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob die Finnen auch Runen kannten?

Die Nordmänner waren im 9. Jahrhundert die Gründer der Kiewer Rus. Der Begriff "Rus" stammt von einem Wort, dass sie für "Ruderer" gebrauchten.

Ganz woanders stieß ich auch auf Steine, sogenannte Stelen, mit Wortzeichen, den Glyphen. Um die gleiche Zeit, wie die Nordmänner die Runen, arbeiteten die Maya ihre Schriftzeichen aus und verewigten sie zusätzlich in Stein, so dass sie auch heute noch zu bewundern sind (z.B. bei den Stelen von Copan im heutigen Honduras).

Mit freundlichen Grüßen
Marcin Lupa

Markus Westphal

Lieber Herr Lupa,
vielen Dank für ihren Kommentar. Finnland kannte die Runen, da über die Ostsee enge Beziehungen zu Schweden bestanden. Publiziert ist z.B. eine Inschrift aus Tuukkalat in Gustavson, Helmer/Salberger, Evert. Tuukkala-spännets runinskrifter. In: Studia Archaeologica Ostrobotniensia, 1987, 35-43.
Runensteine sind mir aus Finnland - mit einer publizierten Ausnahme - nicht bekannt. Diese Ausnahme stammt aus Stora Ängesön, bezeichnenderweise eine Insel an der finnischen Ostseeküste und ist publiziert in Åhlen, Marit. Ett nyfunnet runstensfragment från Hitis i Åboland, Finland. In: Nytt om runer. Meldingsblad om runeforskning, 13, 1998, 14-15.
Mit freundlichen Grüßen
Markus Westphal

Merchan Agaricus

Lieber Herr Westphal,

vielen Dank für die sehr präzise Antwort.

Mit freundlichen Grüßen
Marcin Lupa

Luca Rosenboom

Super interessanter Beitrag, vielen Dank! Es ist spannend, auch mal etwas von der sonst eher 'unüblichen' Geschichte zu hören bzw. von einer, die eher im Abseits steht. Mit der Edda bin ich jüngst auch in Berührung gekommen, als ich den Roman "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn gelesen habe. Dieser hat sich sehr von der alten isländischen Literatur beeinflussen lassen, vor allem was Heldentum und Fatalismus angeht, die ja beide einen genuin wichtigen Stellenwert einnehmen.


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