Robocat

Anja Spindler • 24 Januar 2021

Zeit für den Abendspaziergang. Brauchst Du Gesellschaft, brauchst Du Gesellschaft? Der Slogan hallte bei jedem Schritt durch die leeren Straßen des grauen Bankenviertels. Der eisige Wind trieb ihn bald zurück zum Wohnblock.

Er entschied sich für die Katze. Bereits am nächsten Morgen empfing er das Paket, gerade so groß wie ein Schuhkarton. Das erste Geburtstagsgeschenk seit Jahren! Gustav holte das Messer, zerschnitt das Klebeband, ritzte die Pappe ein, zerriss die Folie. Aufgeregt. Der innere Karton kam zum Vorschein.

„Robocat, dein neuer Freund. Konfiguriert nach deinen Wünschen. Auspacken, prägen und nie mehr allein sein!“

Er öffnete den zweiten Karton und ließ die Pappe achtlos liegen. Zwei flauschige fuchsrote Ohren, die Augen geschlossen. Vorsichtig hob er die Katze heraus, ganz leicht war sie, wie ein Päckchen Tee. Weich und nachgiebig wie bei einer Silikonpuppe hingen die Gliedmaßen herab. Er berührte das seidige Fell, strich einige abstehende Haare glatt. Ihm wurde ganz warm im Bauch. Voller Vorfreude nahm Gustav die Anleitung aus dem Karton. Schritt 1: Überlegen Sie sich einen Namen. Schritt 2: Laden Sie die App MyRobocat auf Ihr Smartphone. Schritt 3: Folgen Sie den weiteren Schritten in der App.

Minou sollte sie heißen, wie die Katze der fuchsroten französischen Frau, die er wegen seiner Karriere zurück gelassen hatte. Er aktivierte die Robocat per App. Sie öffnete ein Paar ozeangrüner Augen mit senkrechter Pupille. Gustav blickte in ihr markantes Katzengesicht. Ein Piepton bestätigte die erfolgreiche Prägung. Minou mauzte zart und Gustav setzte sie auf den Boden. Sie stellte den Schwanz steil auf und flitzte los, begann mit geschmeidigem Gang die Wohnung zu scannen. Lautlos.

Mit einem Satz war sie auf dem polierten Tisch. Gustav hob sie bestimmt herunter und sagte laut und deutlich: „Nein!“ Minou sprang wieder, grub die Krallen ins Holz, zog sich nach oben, hockte sich hin und starrte ihn an. Langsam breitete sich eine Pfütze unter ihr aus.

„Die Robocat ist undicht!“ Gustav brüllte in den Hörer. „Wie bitte? Die neueste Version, besonders lebensecht?“ Aufgebracht ging er auf und ab. „Was soll das heißen, keine Rückgabe, da sie bereits geprägt wurde? So stand es doch in der Anleitung!“ Wütend knallte er das iPhone auf die Couch.

Minou sprang hinterher, schnappte das Gerät und kaute darauf herum. Als Gustav es ihr wegnehmen wollte, flitzte sie unters Bett, das Smartphone, eine exklusive Einzelanfertigung, im Maul. Mit dem Besen versuchte er, sie wieder herauszutreiben. Das iPhone blieb liegen und er musste das ganze Bett verschieben. Minou hatte inzwischen die Satingardinen erklommen, balancierte auf der Gardinenstange und beobachtete Gustavs Anstrengungen mit funkelnden Augen.

Als alles wieder an seinem Platz stand, versuchte Gustav die Robocat über die App auszuschalten, aber Minou reagierte nicht, sondern stolzierte unbeeindruckt durch die Wohnung, kaute an einem Blatt seines 100 Jahre alten Bonsais und scharrte feuchte Erde auf das wertvolle Eichenparkett. Gustav scheuchte die Katze ins Badezimmer und schloss die Tür. Dann ließ er sich erschöpft ins Bett fallen.

Es war mitten in der Nacht und stockdunkel im Zimmer, als er erwachte und seine Hand weiches Fell berührte. Gustav erstarrte. Kaum einen Meter entfernt starrten ihn zwei leuchtende Augen an. Gustav unterdrückte eine Panikattacke. „Alexa, Licht!“ Direkt neben ihm im Bett räkelte sich Minou und blinzelte. Die Badezimmertür stand auf! Im Schlafanzug rannte er in die Küche und machte sich einen Beruhigungstee. Kaum saß er am Tisch, sprang Minou auf die Tischplatte und fixierte ihn mit geweiteten Pupillen. „Was willst Du?“ flüsterte er. Minou öffnete das Maul und schnarrte mit kratziger Stimme: „Du lait!“ Gustav erstarrte, ihm wurde eiskalt. „W-was, Milch?“, stotterte er mühsam. „Un peu de lait!“ Wie betäubt gab er der Robocat, was sie verlangte.

„Sie spricht! Französisch!“, wieder war er mit der Serviceabteilung verbunden. „Sprachsoftware?! WLAN?! Automatische Updates?! Sie hat auch die Tür geöffnet! Ach, das gehört zum Standardprogramm?“ Gustav legte auf und schloss die Augen. Plötzlich hatte er einen Einfall: Fräulein Pfleger, seine Sekretärin, liebte Katzen.

Wenige Stunden später war er die Katze los und tiefe Erleichterung erfüllte ihn. Gründlich putzte er die Wohnung, beseitigte auch die letzten Spuren der Robocat, machte sich einen Entspannungstee mit Melisse und Baldrian und atmete tief durch. Endlich Frieden! Der Preis für ein bisschen Gesellschaft war einfach zu hoch.

Es läutete. Der Hermes-Bote stand davor: „Drei Pakete von Amazon für Minou Wegener. Bitte eine Unterschrift.“ Eine halbe Stunde später traf eine WhatsApp-Nachricht ein: „Hab ein Taxi genommen, treffe in etwa zehn Minuten ein. Bereite bitte schon das neue Katzenklo vor. Minou.“

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