Protagoras; Der Mensch ist das Maß aller Dinge

Rüdiger Eduard Böhle • 20 Oktober 2021
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Der Mensch ist das Maß aller Dinge

Die Hybris als Normalität

Rüdiger E. Böhle

Der Satz des PROTAGORAS: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ hat zu allen Zeiten die Gemüter bewegt, da in ihm eine umfassende Hybris des Menschen anklingt. Wir kennen den Satz des PROTAGORAS nicht von ihm selbst her überliefert, sondern nur per Rezeption [Platon, Theaitetos; Sextus Empiricus – 152; Pyrrhoniae hypotyposes – I, 32, § 216]; bei PLATON lautet er: „Von allen Dingen ist das Maß der Mensch; von dem, was ist, daß es ist; von dem, was nicht ist, daß es nicht ist.“

PROTAGORAS (480-410 ac), etwas älter als SOKRATES (469-399 ac), wurde in Abdera geboren; stammt also aus derselben Stadt wie ein anderer großer Vertreter der Ionischen Philosophie, der Atomist aus der eleatischen Schule, DEMOKRIT (460-380 ac). Abdera, eine Stadt ganz eigener Art und Atmosphäre, die Christoph Martin Wieland, der subtile Repräsentant des deutschen Rokoko im Übergang zur Klassik, in seinem Roman „Die Geschichte der Abderiten“ so süffisant beschreibt.

PROTAGORAS nannte sich als erster „Sophist“, reiste als Lehrer der Philosophie, d.h. der allgemeinen Bildung und des Gedankens, durch Griechenland gleich den Rhapsoden und Dichtern. Er las öffentlich aus eigenen Schriften und gab sonstigen Unterricht. Der nähere Inhalt: ganz elementar das Denken, wie es selbstverständlich ist, kritisch werden zu lassen, und also mit dem Denken überhaupt und, spezifisch, mit dem Denken des Denkens gleichsam >bekannt< zu machen.

Seine Wanderung durch Griechenland brachte ihn, so unvermeidlich wie zielstrebig: nach Athen, wo er lange verweilte und, insbesondere mit Perikles, eine intensive Freundschaft pflegte. Im Alter von etwa 70 Jahren wird er, wie so mancher große Geist dieser Zeit, etwa Anaxagoras (um 500-420 ac), aus Athen verbannt; auf der Fahrt nach Sizilien kommt sein Schiff in ein Unwetter und er ertrinkt. Die Ursache seiner Verbannung: „Von den Göttern weiß ich  nicht, was an ihnen erkennbar wäre; weder ob sie sind, noch ob sie nicht sind. Vieles verhindert eine Erkenntnis hierüber; sowohl die Dunkelheit der Sache selbst wie ebenso sehr das Leben des Menschen, weil es nicht lange genug währt.“ Der erste Satz eines Buches des PROTAGORAS; es ging uns verloren, weil es in Athen öffentlich verbrannt wurde!

Soweit unsere historische Kenntnis reicht, ist es das erste Buch, das öffentlich und auf Anordnung des Staates verbrannt, und also der Gedanke ‚hingerichtet‘, wurde. Es ereignete sich das Große wie das Beschämendste der Menschheit bei den Griechen, insbesondere, am Orte ihrer höchsten kulturellen Gestalt, in Athen, diesem Grundstein unserer abendländischen Kultur! Humanität und Bestialität gehören bei den Griechen, bei den Athenern insbesondere, ganz eng zusammen: erinnern wir uns nur an den Melier-Dialog des Thukydides!

PROTAGORAS zeichnet sich darin besonders aus, daß er nicht nur die Bildung schlechthin lehrte, sondern das Denken selbst in seinem Ursprunge, die kritische Distanz zu sich selbst, radikalisierte; nicht umsonst vermag PLATON keine hinreichend aufhebende Antwort auf die Philosophie eines PROTAGORAS zu geben. Und seine Sätze, soweit sie uns überliefert sind, enthalten Erkenntnisse auf der höchsten logischen Stufe; es ist die Stufe, auf der sich das Denken selbst zum Gegenstand hat, und also sich in eine kritische Distanz zu sich selbst setzt: Das Denken bedenkt, einen Sachgehalt im Anspruche der Erkenntnis denkend, zugleich sich selbst in kritischer Distanz.  

Der uns hier interessierende Satz ist einer der großen Sätze der Philosophie; weshalb auch ganz richtig die Philosophie sich seit über 2500 Jahren nicht von ihm verabschieden kann! Er faßt, wohl erstmals so radikal, das Denken als bestimmt wie ebenso sehr und zugleich als bestimmend: das Denken bestimmt sich einen Inhalt zum Gegenstand seiner Arbeit – und zugleich schafft es selbst, den Gegenstand auf Erkenntnis hin bedenkend, erst diesen Inhalt. Dieses „zugleich“ hält den Satz in der Schwebe und fordert, beide Momente in der Erkenntnis zur Identität aufzuheben: zum Einen die primär subjektive Seite des Menschen, von der her das Maß der Dinge kontingent und nach >eigenem Gutdünken< bestimmt ist; zum Anderen aber primär Vernunft und seiner selbst sich bewusst geworden zu sein – und darum das >absolute Maß< der Dinge, das sich aus der Erkenntnis der Dinge her fundiert: die Dinge sind durch die Arbeit des Geistes gegangen! (Hegel; er wird in der Logik diese Bewegung des Denkens zur „die Negation der Negation“ bestimmen.)

Dem Satze des PROTAGORAS eignet also keine, umgangssprachlich formuliert: willkürliche Subjektivität des sich überhebenden Menschen, sondern vielmehr der immer im Bewußtsein – vermittelst der Leistung des Erkennens – einzulösende Anspruch: Mensch zu sein! Der Begriff des Menschen repräsentiert sich im Geiste; HEGEL wird vom Menschen sagen, daß er „der existierende Begriff“ ist oder das existierende Begreifen dessen, was ist – auf der logischen Stufe, das Wahre zu erkennen! PROTAGORAS spricht in seinem Satz, daß der Mensch das Maß aller Dinge ist, die Mitte oder den Ursprung des menschlichen Daseins vors bedenkliche Bewußtsein: der elementare oder existentielle Anspruch des Menschen, Mensch zu sein, und diesen Anspruch in der Erkenntnis, worinnen die Dinge >ausgemessen< werden, einzulösen; – und also sich dessen bewusst zu werden, daß alle Dinge oder die Totalität von Welt immer nur in Beziehung auf das Bewußtsein >alle Dinge oder die Totalität von Welt< ist: ohne die Beziehung auf ein vernehmendes Bewußtsein ist – nichts. „Dasselbe ist Denken und Sein“, sagte PARMENIDES. („Το γαρ αυτο νοειν εστιν τε και ειναι“ übersetze ich mir sowohl qua Verbum wie zugleich qua  Verbalsubstantiv: Dasselbe nämlich ist denken / das Denken und sein / das Sein.)

Das Denken, und nichts sonst, spiegelt sich in den Dingen, wie sie an und für sich sind, oder die Dinge sind Spiegelungen des Denkens; terminologisch: Spekulation. So aber zeigt sich der Mensch oder das denkende, geistige Lebewesen oder der existierende Begriff (das konkret existierende >Begreifen von etwas<), das Absolute zu sein. Der Mensch ist das Maß von allem: der Mensch oder das Bewußtsein seiner selbst, insofern es den Anspruch einlöst, >alle Dinge oder die Totalität von Welt< zu denken oder zu erkennen und so >auf den Begriff zu bringen<. Im Denken – eo ipso auf der logischen Stufe der Erkenntnis – leistet die Arbeit des Geistes, und also der Mensch: die Schöpfung >aller Dinge oder die Totalität von Welt<. Der Mensch, das geistige Lebewesen, und also der elementar subjektive oder der individuelle Geist, bringt den Inhalt oder die Welt hervor: nur der subjektiv in der Arbeit des Geistes hervorgebrachte Inhalt, und also die Welt, existiert. – Das klingt modernen Ohren vermessen; man nehme aber das Subjekt, und also den Menschen, das geistige Lebewesen, hinweg, – auch den „letzten Menschen“ Nietzsches, der hinter dem Eisberge hervor in die menschenleere Welt blickt: was bleibt dann noch? Was ‚ist‘ dann noch?

Doch hat die Subjektivität, um „das Maß aller Dinge“ sein zu können, die geistige Leistung der Erkenntnis, und also das Wahre vors Bewußtsein zu bringen; erbringt die Subjektivität diese Leistung nicht, so ruiniert sich die Subjektivität, und also der Mensch an und für sich, zur Partikularität oder zur Nichtigkeit – und fundiert so die Gemengelage einer Relativität: So verstehen wir in alltäglicher Gemeinheit auch das Subjektive. Um diese Subjektivität aber, die sich vom Anspruche des Menschen schon immer verabschiedet hat, geht es PROTAGORAS gerade nicht. Doch alles Relative, und also auch das Relative der gemeinen oder partikularen Subjektivität auf der Stufe von Nichtigkeit, fordert an sich selbst dennoch den Grund oder das Allgemeine bis hin zum Absoluten zu eruieren, woran sie sich im Subjektiven des Meinens, des Vorstellens, des Empfindens etc. doch messen kann; und also >relativiert<. Um dieses Absolute oder Wahre geht es im Satz des PROTAGORAS: das Wahre oder das Maß der Dinge ist, was das Bewußtsein an den Dingen in der Anstrengung der Erkenntnis sich eruiert. [Sextus Empiricus; Adversus mathematicos VII, § 388; Platon; Theaitetos 152] Die Welt des Menschen ist durch die Arbeit des Geistes gegangen und in der Erkenntnis zum Wahren oder Wirklichen aufgehoben.

Es ‚ist‘ immer nur das, was ein – subjektiv konditioniertes – Bewußtsein erkennt, daß es ‚ist‘; und es ‚ist‘ immer nur etwas so, wie ein –subjektiv konditioniertes – Bewußtsein erkennt, daß es so und nicht anders ‚ist‘. – Die gemeine Gestalt dieses subjektiv konditionierte, aber sich dessen nicht bewußte, Bewußtseinsstufe: Glaube, Meinung, Überzeugung, Ideologie …: der Absolutheitsanspruch des Nichtigen!

So aber verweist uns PROTAGORAS auf die prinzipielle Relativität >aller Dinge oder der Totalität von Welt< – auf ein vernehmendes Bewußtsein. Alles das, was ist, ist nur das, was es ist, in seiner Bezogenheit auf ein Bewußtsein. So aber ist alles das, was ist, immer nur so bestimmt, wie es für ein Anderes ist: für den Menschen. Und also resultiert der Mensch sowohl in der Subjektivität auf der Stufe der gemeinen oder partikularen Relativität wie ebenso sehr auch auf der Stufe der Erkenntnis und des Begriffes notwendig in die Verantwortung dessen, was ist und wie es ist: Der Mensch ist das Wahre, und also das Maß, aller Dinge – darum auch notwendig alle Verantwortung! (Das erkannte und explizierte schon Homer wie ebenso das antike Theater von Aischylos an; so süffisant wie sublim: Aristophanes.)

In der Geschichte spiegelt und tradiert sich die geleistete Gestaltung der Welt durch den Menschen – zur Welt ‚des‘ Menschen. Die nähere Bestimmtheit des Zweckes, worinnen der Mensch sich selbst – gemäß seinem Maße – erfüllt, resultiert, wie jeder Zweck, aus der Setzung des Menschen. Der Mensch ist, so können wir jetzt mit PROTAGORAS und KANT erkennen, Zweck an sich selbst. Die nähere und konkrete Bestimmtheit des Zweckes, worinnen der Mensch sich verwirklicht und zur Welt bringt, differenziert die Menschen in ihrem Weltumgange und in ihrer Weltgestaltung – in der Spannweite von Kultur oder Identität und Vollendung bis Widerspruch und Selbstverleugnung. Der Weltumgang und die Weltgestaltung im Status der Identität und der Vollendung entspringt dem Maße, das sich das Bewußtsein aus eigenem Grunde her bestimmt; während der Weltumgang und die Weltgestaltung im Status des Widerspruches und der Selbstverleugnung dem Maße entspringt, das sich von einem Anderen und Fremden her bestimmt.

Doch woraus her das Maß des Weltumganges und der Weltgestaltung sich konkret bestimmt, aus eigenem oder fremdem Grunde, immer ist es das Maß des Menschen. Jenes das Maß der Autonomie; dieses das Maß der Subsumption. ARISTOTELES differenziert hier klar zwischen dem Menschen und dem Sklaven! (Heinrich Mann beschreibt diesen Sachverhalt und dessen desaströsen Konsequenzen in seinem Roman „Der Untertan“)

Resümee

Vor keiner Kritik und keinem, meist moralisch konditionierter, Einwand zerfällt die Erkenntnis des PROTAGORAS, sondern bestätigt sich: denn so, wie der Mensch die Dinge sich >vermisst<, hiernach verhält er sich in der Welt und gestaltet, aus diesem Grunde her sich bestimmend und verbürgend, die ihm gegenwärtig gegeben Welt auf seine intendierte Welt hin. Verantwortung resultiert innerlogisch stringent; ist Resultat und nicht, wie Jonas behauptet, Prinzip!

Bedenken wir nun den Zeitgeist und seine Stellung im Weltverhalten des Menschen, so können wir von PROTAGORAS her erkennen, daß der Zeitgeist im gemeinen Bewußtsein völlig unkritisch die allgemeine oder absolute Position einnimmt. Der Zeitgeist nimmt die absolute Position so selbstverständlich wie bewußtslos ein, das Maß der Dinge zu setzen und aus dieser Setzung her die Welt, und also das Leben des Menschen, zu gestalten: daher sieht die Welt des Menschen auch konsequenter Weise wie unsere gegenwärtige Welt aus! Die Welt die uns ganz alltäglich oder trivial gegenwärtig ist, ist die Welt des Menschen: diese und keine andere Welt ‚ist‘; und sie ‚ist‘ die vom Menschen intendierte Welt. Die uns gegenwärtige Welt, in der wir ganz konkret und in trivialer Alltäglichkeit  leben, resultiert aus dem Maße, das die Menschen seither und die heutigen Menschen im Besonderen an den Dingen >vermessen< haben; und so ‚ist‘ diese aktuelle Welt wahr – und wirklich!

Das Unbehagen, das uns unmittelbar ergreift, wenn wir auf die Welt, in der wir leben, hinblicken, bedarf, um die Welt werden zu können, die wir in einer idyllischen Illusion ganz richtig als „die Welt des Menschen“ bezeichnen, eben des Menschen, der dem Anspruche eines PROTAGORAS genügt. Mit Kant gesprochen: der Mensch ist Zweck an sich selbst! Das Leben des Menschen gelingt – innerlogisch stringent – dann und nur dann, wenn der Mensch sich, und also sein Leben und die Welt, im Kriterium des kategorischen Imperatives gestaltet; und also die Leistung des Geistes erbringt, die wir gemeinhin „Denken“ und „Erkennen“ nennen!

Und also hätten wir in einem ersten Schritte unsere Wertung des Satzes, daß der Mensch das Maß aller Dinge ist und hier eine Hybris des Menschen sich offenbart, kritisch zu bedenken. In einem hieraus resultierenden Schritte dann diese ehemals als Hybris verdammte Position entschieden oder verantwortlich einzunehmen und aus diesem Grunde her die aktuell gegebene Welt zur Welt des Menschen (doppelter Genitiv) qua geistigem Lebewesen oder existierendem Begriffe zu gestalten!

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ ist nichts weniger als Hybris, sondern die schlichte Normalität des Menschen – auf der Stufe seiner selbst, und also in der Spannweite des Bewußtseins von Borniertheit bis Zweck an sich selbst oder der existierende Begriff!

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ resultiert, innerlogisch stringent, zur Verantwortung – vor der Menschheit im Allgemeinen und vor der konkreten Sozialität im Besonderen und spezifisch vor und für sich selbst!

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