Prokrastination im Wertesystem der modernen Gesellschaft

Julia Machmutova • 1 Januar 2022
8 Kommentare
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Prokrastination im Wertesystem der modernen Gesellschaft

Neulich habe ich eine Folge vom Podcast DIE Lösung gehört, in der es um Abschalten-Können bzw. Nicht-Abschalten-Können ging. Es wurde auf die Frage eingegangen, dass einige Menschen in einen bestimmten Gedankengang geraten und sich davon nicht mehr lösen können, sprich, es gelingt ihnen nicht, den Kopf freizukriegen. So eine gedankliche GeiselGeistesnahme geht öfter mit dem nächtlichen Hin-und-Her-Wälzen im Bett einher und als Folge dessen mit schlaflosen Nächten. Die Gedankenspirale hält einen fest.

Das Nicht-Abschalten- Können macht sich unter anderem bemerkbar, indem man sich selbst unter Druck setzt, auch in seiner Freizeit produktiv zu sein. Man gönnt sich einfach nicht das schöne Nichts-Tun mit einer großen Prise von Prokrastination. Derjenige, der alleine das Wort Prokrastination haarsträubend findet, kann sich kaum vorstellen, am Strand einfach so rumzuliegen und den Sand die Finger rieseln zu lassen. Zum obligatorischen Strandequipment müsste unbedingt ein Fachbuch gehören, weil man nebenbei daraus etwas lernen kann. Oder wenn man abends nach Hause zurückkommt, könnte bei einem Prokrastinationsmuffel der Gedanke, den ganzen Abend auf der Couch zu lümmeln und Serien zu gucken, ein starkes Naserümpfen hervorrufen. Stattdessen würde er sich eine sinnvollere und nützlichere Tätigkeit einfallen lassen.

Beim Hören dieser Folge konnte ich andauernd den Gedanken nicht loswerden, dass ich das einfach nicht weiß, wie ich mich selbst gefühlsmäßig bei dem Thema einordnen kann. Soll ich auf mich stolz sein wegen meines Talents im Prokrastinieren ohne Gewissensbisse? Oder soll ich mein ganzes Lebenskonzept hinterfragen?

Prokrastination ist mein zweites Ich. Abgesehen von erstklassiger Aufschieberei, deren ich mächtig bin, beherrsche ich so gut diese Kunst, dass ich nicht mal äußere Impulse brauche, um in der Rolle der Prokrastinierenden aufzugehen. Ich benötige nur einen Punkt, den ich anstarren kann und wups kann ich schon meinen Gedankenschwarm summen hören. Ich denke sie alle auf einmal, ohne einen einzelnen herauszupicken. Und wenn ich nicht unterbrochen werde, kann ich so eine gute Stunde lang locker rumsitzen. Dabei habe ich keine Skrupel, dass ich somit meine wertvolle Lebenszeit vergeude und stattdessen in der Zeit Selbstoptimierung betreiben könnte.

Das bringt mich manchmal auf den Gedanken, der Gott der Prokrastination, lasst ihm den Namen Prokrastinatus geben, hat meine Seele mit Bacchus geteilt. In Kleinschrift: Bacchus ist in der griechischen Götterwelt der Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase @Wikipedia. Der zuletzt genannte Aufgabenbereich kommt allerdings in letzter Zeit zu kurz, lieber Bacchus. Also, wenn du bereits meine Seele und Körper eingenommen hast, erwarte ich bitte schön eine volle Gegenleistung von dir – Ekstase gefällig! Und bitte erspar mir deine Pandemie-Ausreden!

Oft komme ich mir selber wie ein kleines Mädchen vor, das auf einer Bank sitzt, die Beine baumeln lässt, an seinem Kirscheis leckt und euch, meine lieben unermüdlichen Selbstoptimierer, zuschaut. Und ja, in mir kommt häufig der Wunsch hoch, euch nachzueifern, eine bessere Version meiner selbst zu werden und der übrige Kram. Aber zu meiner Linken neben mir auf der Bank sitzt Bacchus, streichelt mich am Kopf, sieht mir in die Augen, lächelt mir zu und fragt:

-Brauchst du das wirklich, mein Apfelpopöchen?

- Äääähhh, ich glaub’ schon, oder? – frage ich Prokrastinatus, der zu meiner Rechten sitzt.

- Aber natürlich, Apfelpopöchen, wie du willst, aber nicht heute, ok? Du weißt doch, was du heute kannst besorgen, das verschiebe unbedingt auf mooooorgen, - sagt er mir und kneift mir dabei zärtlich in die Wange

- Ja, Prokrastinatus, du hast völlig recht. Ich mache das unbedingt, aber nicht heute halt. Morgen. Oder Übermorgen. Oder vielleicht auch nächste Woche. Ich brauche einen günstigen Zeitpunkt, wisst ihr?

- Aber freilich! – antworten die beiden.

Und so bleibe ich mit diesen zwei weiter auf der Prokrastinationsbank sitzen. Der eine im Gammellook winkt euch freundlich in die Kamera zu. Der andere mit heftiger Alkoholfahne trällert ein Lied. Die Kamera wird langsam zurückgefahren. Hinter uns ist ein schöner Sonnenuntergang zu sehen, der mir, einer Prokrastinierenden, als eine schöne Kulisse im Wertesystem der Leistungsgesellschaft dient.

Kommentare (8)

Wolfgang Hammer

Ich hab ihn liebgewonnen, Ihren Prokrastinatus, liebe Frau Machmutowa, und lege ihn gleich neben meinen Oblomow ins Bett. Wenn das Prokrastinieren eine Tugend würde und es mit dem Oblomowieren den Walzer der Gemütlichkeit tanzt, ist mir um die Welt nicht bange. Die gängigen Werte zwängen und zwingen und vor lauter Tätigkeiten verschwindet die Welt unter dem Wertemüll. Es leben der Prokrastinatus und der Oblomow. dann lebt auch die Welt.

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  • Julia Machmutova

    Lieber Herr Hammer, vielen dank für Ihr tolles Feedback! Ihre Wortkreation "Oblomowieren" fand ich besonders gelungen!:) Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, dass ich beim Lesen schon etwa auf der dreißigsten Seite war und Oblomow immer noch auf dem Sofa liegen blieb. Also, er ist somit eine perfekte Verkörperung des von den Selbstoptimierern so verpönten Wertesystems :)

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  • Marcin Lupa

    Ich halte das mit der Extase nicht mehr für notwendig. Das war mal eine gute Erfahrung, sie erlebt zu haben, heute gilt mir das apollonische mehr, als alles andere.

    Müssiggang kann mir jedoch nie genug sein, zumal ich da eher gar nicht denke. Wenn ich aber etwas zu denken bekomme, um meinen leeren Kopf wieder mit etwas gehaltvollen zu füllen, kommen mir tausende von Ideen. Am liebsten schreite ich dann zum Bücherregal.

    Schöne Metaphern, haben Sie erzeugt, Frau Machmutova und bleibende Werte, ganz im Sinne dieser Kür.

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  • Julia Machmutova

    Lieber Herr Lupa, ich danke Ihnen für Ihren netten Kommentar! Bücherregal als Inspirationsquelle - es ist so schön, so was zu lesen in der Zeit des massiven Vormarsches von Onlinemedien...

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  • Marcin Lupa

    [~7459], ich muss zugeben, dass ich manchmal auch auf das Tablet zugreife, als Reader und als Informationsquelle, auch meine Zeitschriften lese ich auf Readly. Und es scheint mir sogar umweltfreundlich zu sein. Nichts geht allerdings über ein aufgeschlagenes Buch. Olfaktorisch ist es viel hochwertiger als Elektronik.

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  • Lara Hitzmann

    Liebe Frau Machmutova, vielen Dank für Ihren Beitrag zum Thema Werte! Ihr Gedanke ist - zumindest in meinem Umfeld - ein sehr präsenter und ich finde es außerordentlich erfrischend, dass Sie der Prokrastination eine positive Konnotation geben! Zudem gefällt mir die bildliche Art, in der Sie Ihre Meinung gepackt haben. Es ist viel schöner, als sich zu bestrafen und sich schlecht zu fühlen, weil man anstelle zu arbeiten Löcher in die Luft starrt oder sich dabei zu erwischen, wie man bei den Vorlesungen einfach nicht mehr zuhört.

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  • Julia Machmutova

    Liebe Frau Hitzmann, vielen Dank für Ihren Kommentar! Nach meinem subjektiven Empfinden kann einem ein bisschen Prokrastination ohne Gewissensbisse nie schaden, da man in dem Moment das ständige Wettrennen für eine kurze Weile lassen und sich selbst fragen kann: das, was ich tue, tue ich für mich selbst oder nur um den Maßstäben der Leistungsgesellschaft weiter entsprechen zu können? Zweifelsohne haben beide Verhaltensmuster, sowohl Selbstoptimierer als auch Prokrastinierer, ihr gutes Recht auf Existenz. Ich finde es bloß etwas traurig, dass die zweiten sich zuweilen gezwungen fühlen, sich vor den ersten dafür zu rechtfertigen, dass sie die Werte der Höher-Weiter-Schneller-Gesellschafft nicht teilen wollen oder auch können...

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  • Marcin Lupa

    Zumal diese Gesellschaft mit ihrem Höher-Weiter-Schneller spätestens dann die Grenze dieses Gewinnstrebens und Wachsens erreicht, wenn die Erde keine Ressourcen mehr bereithält.
    Der Prokrastinierer scheint mir das einzige zukunftsfähige Modell für den Menschen zu sein.
    Vielleicht sieht man bald öfters Leute mit einer Leinwand in der Landschaft sitzen, die dem Augenblick frönen.

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