Prof. Dr. Tobias Straumann: Lehren aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre

wbg Redaktion • 30 April 2020

Lehren aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre

von Tobias Straumann


Wenn immer eine Wirtschaftskrise ausbricht, taucht bald die Frage auf, ob wir auf eine Katastrophe wie in den 1930er Jahren zusteuern. So schrieb zum Beispiel der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner Frühjahrsprognose vom April 2020, es handle sich bei der gegenwärtigen Krise um die schlimmste Rezession seit den 1930er Jahren. Gemäß Statistiken von Mediendatenbanken wird das Wort “Große Depression” seit einigen Tagen viel häufiger verwendet als noch vor wenigen Wochen. Viele rechnen mit dem Schlimmsten.

Der Rückgriff auf die Geschichte in Zeiten von großer Unsicherheit ist das Kennzeichen jeder Krise. Der Blick in die Zukunft ist trübe geworden, also versucht man in der Vergangenheit Szenarien zu finden, die einem Aufschluss über die weitere Entwicklung geben können. In der Regel ist die Suche vergebens, denn die Geschichte wiederholt sich nicht. Gleichwohl ist es sinnvoll, eine Analyse von vergangenen Krisen vorzunehmen, denn nur dadurch können wir die Besonderheiten der Gegenwart erfassen und somit den Radius der Unsicherheit verkleinern.
Was den Auslöser des Abschwungs anbelangt, so fördert der Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre nur Unterschiede zutage. Damals war die Rezession, die im Sommer 1929 einsetzte, eine Folge von sukzessiven Zinserhöhungen durch die Zentralbanken, während heute die Zinsen auf rekordtiefem Niveau liegen. Damals nahm die Rezession nur langsam ihren Lauf, während heute ein äußerst abrupter Einbruch den Krisenbeginn charakterisiert. Der New Yorker Börsencrash vom Oktober 1929 wirkte zwar kurzfristig krisenverstärkend, aber dessen negative Folgen sind nicht mit denjenigen, die aus der Verhängung der Ausgangsbeschränkungen vom März 2020 erwachsen sind, vergleichbar.

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In der Halle des St. Francis Hotels in San Francisco verfolgen Aktieninhaber die Kursbewegungen an der New Yorker Börse. Foto von Erich Salomon (1886–1944). © akg-images

Der Vergleich mit der Finanzkrise von 2008/09 ist aufschlussreicher. Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 führte zu einem dramatischen Rückgang des Welthandels und einem temporären Einfrieren der globalen Wertschöpfungsketten. Für einige Wochen befand sich die Weltwirtschaft gleichsam im freien Fall, und nur dank umfangreichen Bankenrettungsprogrammen, rekordhohen Liquiditätszuschüssen und finanzpolitischen Stützungspaketen konnte der jähe Abschwung nach ein paar Monaten beendet werden. In einer ähnlichen Lage befinden wir uns heute. Der wirtschaftliche Infarkt infolge der Ausgangsbeschränkungen hat kurzfristig in einem dramatischen Rückgang der Realwirtschaft und des Welthandels resultiert, der nur dank außerordentlicher wirtschaftspolitischer Maßnahmen eingedämmt werden kann. Das internationale Finanzsystem wäre im März 2020 kollabiert, wenn die Zentralbanken und Regierungen nicht mit großer Entschlossenheit reagiert hätten. Vor allem die beispiellose Ausdehnung der Liquidität durch die amerikanische Notenbank hat entscheidend dazu beigetragen, dass die anfängliche Panik wieder verflog.

Weil der Krisencharakter in den 1930er Jahren ein ganz anderer war als heute, dürfte sich auch der Krisenverlauf wesentlich unterscheiden. Das Kennzeichen der Großen Depression war die beispiellose Länge der Abwärtsbewegung, die durch eine höchst kontraproduktive Wirtschaftspolitik verursacht wurde: Sie begann im Sommer 1929 und endete erst im Frühjahr 1933. Entsprechend entwickelte sie immer mehr politische Sprengkraft, da die Menschen die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung allmählich verloren und empfänglich für radikale Ideen wurden. Die heutige Krise dürfte hingegen verhältnismäßig kurz sein. Das zweite Quartal 2020 bringt zwar einen rekordhohen Einbruch der Weltwirtschaft, aber damit ist die Talsohle wohl bereits erreicht. Nur wenn eine große zweite Ansteckungswelle über die Welt hinweg rollte, könnte sich ein erneuter Wachstumseinbruch ereignen, aber selbst dann würde nicht eine dreijährige Depression folgen. Regierungen und Zentralbanken reagieren heute besser auf Krisen als in den 1930er Jahren, als sie durch den Goldstandard und das schwere Erbe der Kriegsschulden in ihrem Handlungsspielraum stark eingeschränkt waren, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Großbritannien.

Ganz wegwischen sollte man den Vergleich mit der Große Depression allerdings nicht, denn in Südeuropa existiert nach wie vor eine Konstellation, die eine gewisse Ähnlichkeit mit derjenigen der frühen 1930er Jahre aufweist. Der Euro ist ökonomisch gesehen eine Fremdwährung für Griechenland, Italien, Portugal und Spanien, wie es der Goldstandard in der Zwischenkriegszeit war, d.h. die Zentralbanken der Euro-Mitgliedsländer haben nicht die erforderliche monetäre Souveränität, um eine autonome und auf die Bedürfnisse der einheimischen Wirtschaft zugeschnittene Geld- und Währungspolitik zu betreiben. Das schränkt den konjunkturpolitischen Spielraum enorm ein. Die Europäische Zentralbank (EZB) sorgt zwar dafür, dass die Zinsen tief bleiben und sich die Südländer weiterhin zu günstigen Konditionen auf dem Markt verschulden können. Aber dies ist auf die Dauer kein haltbarer Zustand. Die Ungleichgewichte zwischen den Überschussländer im Norden und den Defizitländern im Süden nehmen durch die Corona-Krise weiter zu, da die Staatsschulden Italiens und Spaniens nochmals kräftig ansteigen werden. Es rächt sich einmal mehr, dass der Euro eingeführt wurde, bevor die Europäische Union einen gewissen politischen und fiskalischen Zentralisierungsgrad erreicht hatte, wie dies in allen erfolgreichen Währungsunionen der Vergangenheit gegeben war.

Viele fordern heute die Einführung von sogenannten Corona-Bonds, um die fehlende fiskalische Zentralisierung nachzuholen. Es wäre überraschend, wenn die Euro-Länder bei dieser Frage zu einem Konsens kämen, und selbst wenn sie es täten, würde das Instrument nicht reichen, um die Konstruktionsfehler der Währungsunion zu beheben. Eine Vergemeinschaftung der Schulden funktioniert nur dann, wenn es eine übergeordnete Sanktionsbehörde mit einem großen Budget gibt. Diese fehlt aber nach wie vor, weil die EU von den Mitgliedsländern dominiert wird und nur einen relativ kleinen Staatshaushalt verwalten darf. Die Einführung von Corona-Bonds würde daran nichts ändern.

So dürfte die Situation weiterhin blockiert bleiben. Natürlich bedeutet dies nicht, dass die südeuropäischen Länder wie die späte Weimarer Republik politisch und wirtschaftlich zusammenbrechen werden. Aber man sollte sich bewusst sein, dass die Kombination von fehlender geldpolitischer Autonomie, steigenden öffentlichen Schulden und schwachem Wirtschaftswachstum ein großes Gefahrenpotenzial birgt. Italien ist dadurch zur Achillessehne der Währungsunion geworden. Seit mehr als zwanzig Jahren stagniert das durchschnittliche Einkommen, ein beträchtlicher Teil der jungen qualifizierten Arbeitskräfte wandert aus, und die etablierten Parteien sind fast gänzlich verschwunden. Es kann durchaus der Moment kommen, in dem eine Mehrheit der italienischen Stimmberechtigten wegen der anhaltenden wirtschaftlichen Misere einen Kurs befürwortet, der mit den Institutionen der EU offen bricht. Dies wäre eine weit größere Zäsur als der Brexit, denn Italien ist ein Gründungsmitglied, während Großbritannien sich immer nur halbherzig an der europäischen Integration beteiligte.

Mit anderen Worten: Wir sollten die Erinnerung an die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre nicht nur aus medialem Interesse wachhalten, sondern weil sie uns aufzeigt, was ein verfehltes geldpolitisches Regime und hohe Schulden im schlimmsten Fall anrichten können.


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Tobias Straumann / Foto Copyright Ruedi Keller

Prof. Dr. Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker mit Schwerpunkt auf der Geschichte der europäischen Geld- und Währungspolitik. Er lehrt als Titularprofessor an der Philosophischen und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich und ist für die NZZ am Sonntag als Wirtschaftskolumnist tätig. Bei der wbg erschien von ihm zuletzt »1931. Die Finanzkrise und Hitlers Aufstieg«.

 

 


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1931 - Die Finanzkrise und Hitlers Aufstieg

Die Welt im Ungleichgewicht: wie die Finanzkrise 1931 Hitlers Aufstieg ermöglichte

Während der Weltfinanzkrise von 2008 ist wohl kein Ereignis der Wirtschaftsgeschichte so oft in Erinnerung gerufen worden wie der Börsencrash von 1929 und die deutsche Finanzkrise von 1931. Sie waren Ausgangspunkt einer politischen Entwicklung, die zum Zusammenbruch der Weimarer Republik und zum Aufstieg Hitlers führte und im 2. Weltkrieg mündete. Doch was geschah damals wirklich? Das schildert Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich, in seinem Buch

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