Die Problematik der Theodizee

Rüdiger Eduard Böhle • 23 Juni 2021
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Die Problematik der Theodizee entspringt weder den Religionen, noch dem Glauben; sie erteilen die göttlich verbürgte Antworte auf die Theodizee-Frage und terminieren clare et distincte was gut und was böse ist – und aus welchem Grunde her sie ‚zur Welt kommen‘: das Gute von Gott, das Böse vom Menschen; was denn auch sonst?
So etwa per Sündenfall im AT und die Beobachtung JHWHs: seht hin auf den Menschen, sein Trachten ist auf das Böse gerichtet. Damit die Sache des Bösen keinesfalls auf Gott zurückfällt, kommt im Sündenfall der göttliche Widersacher, die Schlange oder Satan ins Spiel, der vorher ja noch gar nicht da war und eine subtile Rechtfertigung des Mannes vor der Frau begründet: Eva, nicht Adam, wird von der Schlange, der ersten Gestalt des Teufels, angesprochen – und zur Reflexion über die Schöpfung und sich selbst angestoßen! Na ja, Adam kommt später auch in die Gänge, als er Gott auf dessen Anklage des Frevels, gleichsam auf der Stufe der List der Vernunft, antwortete: „Die Du mir gegeben hast, hat mich dazu verleitet!“ – Also erkennt, bene fundatum, die Philosophie: im Sündenfalle entspringt der Mensch! Was ja Gott auch bestätigt: Siehe, nun ist der Mensch geworden wie unsereiner!
Der Mensch ab dem Sündenfalle bringt Gott in die Not; anders formuliert: der Mensch läßt die Schöpfung Gottes (doppelter Genitiv!) auf den inhärenten Widerspruch auflaufen. Weshalb denn auch, um die Schöpfung wieder ins Lot zu bringen, ein Messias gefordert ist, von Gott avisiert und als Opfer dargebracht wird. – Frage: wer opfert hier wen, wem, wofür und wozu? – Falsche Fragen! Die Religion und, insbesondere, der Glaube, schließen diese Fragen elementar aus, weil sie ‚Grund-legend‘ schon immer beantwortet sind: Gott das Gute; der Mensch, offen für die Ansprache des Satan, das Böse!
Die Theodizee-Frage resultiert denn auch der Dissonanz zwischen Glauben und Denken und gehört auf besondere Weise der Kultur des Abendlandes an; dieser so ganz eigenen Kultur, der nichts ‚Heilig‘ ist und wo kein Tabu seinen Bestand wahren kann: ein süffisantes Erbe der griechischen Antike, die sich einfallen ließ, das Denken selbst in kritischer Distanz zu bedenken und vor den Richterstuhl seiner selbst zu zitieren. – Ein bemerkenswertes Resultat spricht Herodot aus: Homer und Hesiod haben den Griechen ihre Götter geschaffen! Und also: der Mensch erschafft sich seine Götter, nicht die Götter den Menschen! Was einen Xenophanes anregte: wenn die Esel und Rinder an Götter glaubten, sähen diese wie Esel und Rinder aus!
Der Kultur des Abendlandes, der Religion und Glauben – ab ovo – nicht nur in differente, sondern in widersprüchliche Sphären zerfällt, gerät der Gott der Religion und des Glaubens, und also das Christentum, in die Malaise der Theodizee.
Die spezifische Problematik der Theodizee thematisierte zuerst Leibniz; er prägte diesen Begriff. Doch schon die Apologie des Paulus gegenüber den Juden und, insbesondere, gegenüber der sogenannten ‚Jerusalemer Gemeinde‘ etabliert diese Thematik gleichsam elementare im aufkeimenden Christentum.
[Wobei es geradezu paradox-süffisant ist, daß nicht die Jerusalemer Gemeinde, und also der konkrete soziale Kontext Jesu, und auch nicht Paulus, sondern eine hellenistische Gemeinde in Damaskus, – derentwegen es zwischen Paulus und den ‚Kontrollern und Brüdern der Jerusalemer Gemeinde‘ zum heftigen bis bitter polemischen Streite kam, wie Paulus an seine Gemeinde in Korinth schreibt –, in Jesus den Christos erkannte!]
Wie die Geschichte des Christentumes zeigt, klappte die Apologie und die ‚faktische‘ Argumentation nicht so wirklich: diese ‚selbstverschuldete‘ Malaise löste die Not der Gottesbeweise bis hin zur Theodizee aus.
Diese Grund-legende Dissonanz, den Glauben im Faktischen zu verorten, evoziert die Not, die behauptete Faktizität Gottes und des Christos ‚zu beweisen‘. Der Erste, der sich dieser diffizilen Sache des Gottesbeweises annahm, war Anselm im 11.Jh.; bekanntlich klappte die Argumentation nicht so richtig, weshalb die Beweisarten sich differenzierten – bis Kant die conditio sine qua non des Beweisens überhaupt offen legte und damit diesen Weg einer Antwort auf die Gottes- und Theodizee-Frage ad absurdum führte.
Kant; KrV, Widerlegung der Gottesbeweise; Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee
Hegel; Vorlesung über die Geschichte der Philosophie, Einleitung + Kap. 51
Was die die katholische Theologie nicht anerkannte, wie die letzte mir bekannte Bemühung um einen Gottesbeweis, Peter Knauer, anzeigt.
Peter Knauer, SJ; Glaube kommt vom Hören, 1978
Knauer konstatiert die Gottesbeweise wie die Theodizee als Resultat einer ‚falschen Frage‘, denn von Gott und Göttlichem können wir Menschen nur analog reden. Dabei läßt Knauer die Logik der Analogie, wie sie schon bei Aristoteles präzise expliziert wird, außer Acht.
Über die Logik der Analogie und der analogen Rede führte ich damals im Anschlusse an unsere theologischen Vorträge eine ausgiebige Diskussion vor Ort und danach [damals gab es noch kein Internet, keinen PC und keine E-Mail] per Briefwechsel mit Knauer: Die Analogie / analoge Rede setzt, wie Aristoteles als Erster subtil erkannte, die Meta-Position gegenüber der Sache und dem anzusprechenden Bewußtsein voraus, so daß die Argumentation einer Analogie sich in sich selbst widerspricht.
Die Aussage, daß der Mensch von Gott, der eo ipso den Horizont des menschlichen Geistes unendlich übersteige, nur analog reden könne, setzt die Meta-Position voraus gegenüber Gott und Mensch. Nur aus der Meta-Position her kann die, seitens des Menschen gegenüber Gott uneinholbare, geistige Differenz erkannt und in einer Analogie – für den mental unzureichenden Geistesstatus des Menschen – ‚verständlich gemacht‘ werden.
Diese Meta-Position nimmt Knauer ein – ohne diesen Widerspruch, klassisch: contradictio in se, zu bemerken. Auch im Anblicke der Explikationen seitens Aristoteles, Leibniz, Kant, Hegel … konnte Knauer die Logik der Analogie, stringent glaubenskonditioniert, nicht anerkennen. Knauer hat mir gegenüber sehr wohl recht: „nicht die Bibel ist das Kriterium der Wahrheit, sondern die Lehre der Katholischen Kirche“! (im vorherigen Katechismus war es § 127; im neuen habe ich diesen Paragraphen noch nicht gesucht und nachgeprüft)
Nun ja: gegen die Logik ist nun mal kein Kraut gewachsen – außer die Willkür des Glaubens und dessen Anspruch auf die absolute Position über allen Arbeit und Leistung des menschlichen Geistes hinaus!
Die Religion wie der Glaube wissen – im Status der göttlichen Vergewisserung bene fundatum: Gott ist das Gute; das Böse entspringt, wie der Sündenfall erzählt, dem Menschen: seht hin auf den Menschen! (Alles Dichten und Trachten nur böse war immerdar!“ (Genesis; 6,5) Doch dieser Klarheit der Religion und des Glaubens kommen ‚die alten Griechen‘ in die Quere, die Religion und Glauben, insbesondere dessen Fundierung in der Subjektivität, in kritischer Distanz bedenken und so das Wahre dieser Sachgehalte zum Bewußtsein brachten!
Homer, Odyssee 1, 32-34; Anaximenes, Xenophanes, Protagoras; Herodot: Homer und Hesiod haben den Griechen ihre Götter geschaffen!
Das Bedenken der Problematik eines Verhältnisses von Gott und Bösem im Horizont der Religion wie, insbesondere, des Glaubens, offenbart, daß alle Aussagen hierüber sehr wohl zusammenpassen – auch die einander widersprechenden! Gott und das Böse passen bestens zusammen wie diese ebenso sehr gar nicht zusammenpassen, je nachdem wie Gott, das Böse, deren Verhältnis terminiert wird – vom Menschen!
Jede Religion trägt eine Gottesvorstellung vor; mal mehr, mal weniger schlüssig in sich selbst – für uns, die kritischen Betrachter! Eine Religion entspringt dem Geiste des Menschen; genauer: der Vorstellung des Menschen von Gott, der Welt und einer ‚guten und göttlichen‘ Ordnung zum Wohle des Menschen und zum Sinne seines Daseins. Solches spiegelt die Arbeit des Geistes, die unabzählbar unendliche Mannigfaltigkeit der konkret erfahrbaren Welt in eine einfache, überschaubare und griffige Einheit zu fassen. Das Moment des ‚Unfaßbaren‘ wird – ganz pragmatisch – in die Sphäre der diffusen Benennung eines Numinosen sublimiert und so doch präzise ausgedrückt wie ebenso in die Transzendenz bis hin zum Tabu absentiert: das weite Feld des subjektiv konditionierten Glaubens. Weshalb denn auch die Religion in der Sache selbst allerdings nur das Beiläufige ist; das hier Relevante ist der Glaube: was immer auch die Religion, das Resultat dessen, daß die Welt durch die Arbeit des Geistes gegangen ist, erzählt, setzt der Glaube zur Relevanz oder eben auch nicht, präferiert das Eine und verortet das Andere in die Nichtigkeit!
Die Empirie zeigt, in concreto erfahrbar, und die Geschichte erzählt in epischer Breite die Vergänglichkeit des Glaubens und die Bestandswahrung ab ovo ad infinitum der Religion: der Glaube präsentiert sich in der Gestalt eines volatilen Wechselbalges und so vielfärbig, daß ein Chamäleon neidisch werden könnte. Weshalb auch noch immer die Menschen die Götter wechselten, niemals aber die Götter die Menschen.
Kein christlich Glaubender des 21.Jh. glaubt gemäß dem Status eine Paulus, Augustinus, Thomas von Aquin, Torquemata, Luther … Heute erschrickt und distanziert sich der Glaubende vom Glauben des Mittelalters, des Philipp II. und der Conquistatores, eines Cromwell … – und Nord-Irlands unserer Tage. Doch jeweilen vor Ort ‚lebt und lebte‘ der Glaube ganz selbstverständlich und bedenkenlos identisch!
Und welche eine Variationspalette zeigen die jeweiligen Glaubensgestalten des christlichen Gottes durch die Geschichte hin: ein ziemlich volatiler Gott – wie eben auch dessen Kontradiktion, das Böse und der Satan!
Résumé:
Im Pantheon eine polytheistischen Religion übernehmen ‚böse‘ Götter den Part des Unheiles. In monotheistischen Religionen ist das Böse etwas heikler institutionalisiert und kann auch nur widersprüchlich verortet werden, weil hier die absolute Position und das Gute des einen und wahren Gottes nicht beschädigt werden können darf, und doch das real so sichtbare wie erfahrbare Böse irgendwie erklärt werden muß! Die einfachste Definition des Grundes für das Böse terminiert den Menschen, der eo ipso Gottes Gebote nicht achtet, gegen Gott frevelt und ganz allgemein aus dem Ruder läuft – bis dahin, daß es „Gott reuete, daß er ihn gemacht habe“ und darum „den Menschen vertilgen von der Erde“ will! (Genesis; 6,6) Und doch gelingt es nicht so wirklich, weshalb ein Soter nötig wird, um den Zerfall des Menschen mit Gott wieder zur Einheit aufzuheben.
Bei dieser Konstruktion eines Ursprunges des Bösen muß ein Bedenken der Sache in kritischer Distanz und im Anspruche einer Erkenntnis auf der Stufe von ‚wahr‘ bis hin zum Tabu und zur Blasphemie radikal ausgeschlossen werden: Der Mensch, das Geschöpf Gottes, ist, wie er geschaffen wurde und spiegelt die Schöpfungspotenz! Kein Mensch verfiele darauf, einem mißratenen Produkt die Schuld zuzuweisen!
Die Frage nach der Existenz Gottes, die Gottesbeweise, wie ebenso die Frage nach dem Ursprunge des Bösen und dessen ‚Einklang‘ mit dem monotheistischen Gotte der Schöpfung, die Theodizee, entspringen einem elementaren Mißverständnis oder einem Widerspruche des Glaubens – auf der Stufe einer contradictio in se: der Begriff der Religion wie ebenso sehr der Begriff des Glaubens inhärieren fundamental und explizieren in epischer Breite die Absurdität solchen Fragens! Nicht der Religion, wohl aber einem schon längst in sich zerfallenden Glauben stellen sich sowohl die Existenzfrage Gottes wie die Theodizee – und intendieren eine ‚einleuchtende‘ Rettung vor der Nichtigkeit seitens des Menschen, der zugleich von demselben Glauben uneinholbar von Gott, dem eo ipso Transzendenten, distanziert wird! – Absurd, wie alle contradictio in se!

Kommentare (4)

Luca Rosenboom

Lieber Herr Dr. Böhle, vielen Dank für diesen Beitrag, bei dem ich noch etwas zum 'Bösen'/'Schlechten' aufgreifen resp. hinzufügen würde, weil ich jüngst damit konfrontiert wurde und es extrem spannend fand. "Der Glaube präsentiert sich in der Gestalt eines volatilen Wechselbalges und so vielfärbig, daß ein Chamäleon neidisch werden könnte. Weshalb auch noch immer die Menschen die Götter wechselten, niemals aber die Götter die Menschen." Dies äußert sich auch in der Lehre Plotins, anhand der mir vieles klarer geworden ist, mit dem 'Hen', dem 'Nous' und der 'Psyche' (Seele), bei der die Menschen im raumzeitlichen Bereich verweilen und somit ontologisch "schlecht" sind. Dies passiert ferner dadurch, dass die Psyche sich vom Nous abspalten will und nach Individualisierung trachtet, somit zu schnelle (Fehl-)Entscheidungen trifft, woraus resultiert, dass der Mensch 'schlecht', 'böse' ist.
Das Böse jedenfalls, abgekürzt, hat auch positive Seiten und muss daher zwingend sein, denn: es ermöglicht Harmonie. Als Beispiel kann der Straßenverkehr dienen. Viele selbstständige Entitäten geraten hier in einen Konflikt. Die Folge? Es entsteht eine Art Feindschaft unter allen Partizipierenden, weil der eine z.B. an einer roten Ampel warten muss, während der andere fahren darf. „Das Böse“ also ermöglicht also eine Art Harmonie und fordert ein gerechtes Leben ein, denn die unausrottbare Existenz dessen entbindet ja nicht von der Aufgabe bzw. vielmehr Pflicht einer gerechten Lebensweise. „Das Böse/Schlechte“ ist vielmehr ein notwendiger Aspekt, der das Gesamtgefüge bzw. die Weltordnung erst harmonisiert.
Plotin vertritt allgemein die Ansicht, die Welt, so wie wir sie vorfinden, ist bereits die beste und schönste aller Planeten, weil das ‚Hen‘ sich aus Notwendigkeit vermittelt hat.
Spannendes Thema (man könnte sicherlich noch viel, viel mehr darüber schreiben) und vielen Dank noch einmal für den lehrreichen Beitrag, ich habe reges Interesse an philosophischen Themen, allerdings nur im Bereich des Privaten. Kontakt mit Plotin hatte ich ihm Rahmen meiner Altgriechisch-Vorlesung, was ich sehr spannend fand.
Viele Grüße,
Luca Rosenboom

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Rosenboom

    "Der Glaube präsentiert sich in der Gestalt eines volatilen Wechselbalges und so vielfärbig, daß ein Chamäleon neidisch werden könnte. Weshalb auch noch immer die Menschen die Götter wechselten, niemals aber die Götter die Menschen."
    Dies äußert sich auch in der Lehre Plotins, anhand der mir vieles klarer geworden ist, mit dem 'Hen', dem 'Nous' und der 'Psyche' (Seele), bei der die Menschen im raumzeitlichen Bereich verweilen und somit ontologisch "schlecht" sind.
    +++ Hier regiert (conditio sine qua non) eine präjudizierende Moral die Aussage, nicht aber die Logik der Sache!
    +++ Wenn die „im raumzeitlichen Bereich verweilen“ dem Menschen das Prädikat „schlecht“ anheftet, dann wird der Mensch qua seiner selbst oder von Grunde auf für nichtig erklärt! – und da fällt Ihnen nichts auf?

    Dies passiert ferner dadurch, dass die Psyche sich vom Nous abspalten will und nach Individualisierung trachtet,
    +++ Woher begründet sich, daß die Psyche (im griechisch-antiken ψυχή begriffen, nicht im moderne Verständnis der Psychologie!) zum Schlechten mutiert, wenn Sie „nach Individualisierung trachtet“?
    +++ Was ist Psyche, wenn nicht Individuum?
    +++ Psyche ist ein Nichtiges, wenn sie sich nicht zum Individuum differenziert und in der Bestimmung des Unterschiedes sich zur bestimmten repraesentatio mundi vel dei sublimiert; sich seiner selbst bewußt wird!
    +++ Weshalb will Psyche sich vom Nous abspalten?
    +++ Weshalb ist, „nach Individualisierung trachten“, „sich vom Nous abspalten“? – „nach Individualisierung trachten“ ist, Nous in concreto ‚zur Welt zu bringen‘! (existierender Begriff!)
    +++ Was ist Nous, wenn er nicht in der individualisierten Psyche zum Bewußtsein seiner selbst kommt?
    +++ Wo hat Nous seinen Ort, wenn nicht in der Psyche qua Individuum?
    +++ Da präjudiziert Moral und Logik fällt außer Relevanz!
    somit zu schnelle (Fehl-) Entscheidungen trifft, woraus resultiert, dass der Mensch 'schlecht', 'böse' ist.
    +++ Weil die Psyche sich irrt, ist der Mensch in toto „schlecht/böse“?
    +++ Hier regiert wieder Moral und wertet den Irrtum zum Fehler ab!
    +++ Der Wertungskatalog des Plotin beansprucht – wie alle Moral – die absolute Position; in realitate sieht es allerdings etwas anders aus – und das ist auch ‚gut‘ so; besser: lebenstauglicher und weitaus lebensfreundlicher bis hin zur Eudaimonia! (das ist Aristoteles, mit dem’s Plotin nicht so hat!)
    +++ Das Eine (τὸ ἓν), ein ‚überindividueller‘ und darum ‚absoluter‘ und ‚transzendenter‘ Geist, als unsagbar (ἄρρητον) zu bestimmen, wirft die Frage auf: wovon redet Plotin? Und das in epischer Breite!
    +++ Woher begründet Plotin seine Aussage über das Eine, wenn seine Aussage über das Eine zutrifft?

    Das Böse jedenfalls, abgekürzt, hat auch positive Seiten … (bis Ende Absatz) … Das Böse/Schlechte“ ist vielmehr ein notwendiger Aspekt, der das Gesamtgefüge bzw. die Weltordnung erst harmonisiert.
    +++ Da geht’s wohl logisch etwas wild durcheinander!
    +++ Was ist ‚böse‘, wenn’s „auch positive Seiten“ hat? Und dann auch noch „zwingend“, Harmonie zu ermöglichen!
    +++ „Das Böse ermöglicht … eine Art Harmonie und fordert ein gerechtes Leben“? – Na, dann kann die Welt ja gar nicht ‚böse‘ genug sein, damit endlich „zwingend“ Harmonie und Gerechtigkeit in die Welt kommt!
    +++ Frage: fällt Ihnen da nichts auf?
    +++ Was hat „die unausrottbare Existenz“ des Bösen mit „der Aufgabe … Pflicht einer gerechten Lebensweise“ zu tun?
    +++ Was ist an dem Bösen/Schlechten so böse/schlecht, wenn dieses „ein notwendiger Aspekt (ist), der das Gesamtgefüge bzw. die Weltordnung erst harmonisiert“?

    Zu Ihrem Beispiel, das diese Aussagen belegen soll:
    +++ Wie kommen Sie darauf, daß „viele selbständige Entitäten“ in einem zweckmäßig zum Gemeinwohle prädeterminierten sozialen Zusammenhange „in einen Konflikt/eine Art Feindschaft“ geraten? Insbesondere: notwendig?
    +++ Welcher Autofahrer gerät in „eine Art Feindschaft“ gegenüber anderen Autofahrern, weil diesen die Ampel zu fahren gewährt?
    +++ Wie kommen Sie darauf, daß Autofahrer dieser Weise bzw. überhaupt „einen Art Feindschaft“ widereinander hegen, weil Sie in einem Regelbereich sich bewegen, der intendiert, daß jeder Teilnehmer unbeschadet sein Ziel erreicht?
    +++ Wie kommen Sie überhaupt darauf, daß „selbständige Entitäten … in eine Konflikt (geraten)“? – und dann auch noch notwendig?
    +++ Die Logik der Sache: das kontradiktorische Gegenteil!

    Plotin vertritt allgemein die Ansicht, die Welt, so wie wir sie vorfinden, ist bereits die beste und schönste aller Planeten, weil das ‚Hen‘ sich aus Notwendigkeit vermittelt hat.
    +++ Das wissen/erkannten schon die Vorsokratiker – und das etwas präziser; insbesondere in der Logik der Sache fundiert. – Ganz zu schweigen von Aristoteles (mit dem Plotin, verständlicher Weise, nicht so recht zurande kommt; ihn nicht mag!)
    +++ Die von Ihnen bei Plotin eruierten Widersprüche sind zuerst einmal so bei Plotin nicht ausgeführt! (Auch nicht: cum grano salis.)
    ABER: Plotin ist moralisch fundiert – und, das sei zugegeben, präferiert seine Moral wider die Logik: mit daraus resultierenden ‚Besonderheiten‘! (aus Widersprüchlichem läßt sich, wie Leibniz so süffisant formuliert, Widersprüchliches folgern!)

    Sie hegen ein reges Interesse an philosophischen Themen, „allerdings nur im Bereich des Privaten“.
    +++ Was bedeutet diese Rede näher?

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Luca Rosenboom

    Sehr geehrter Herr Dr. Böhle,
    vielen Dank für die Antwort. Ich muss vorab sagen, dass ich lediglich etwas einwerfen wollte – ich habe selbst gemerkt, dass dies missverständlich war, da zu knapp formuliert.
    Der Intellekt bzw. Nous enthält die Entfaltung der körperlichen, raumzeitlichen Welt in einer unkörperlichen, unsichtbaren und zugleich ‚unzeitlichen‘ Form in sich. Die ψυχή vermittelt den im Intellekt liegenden Sachverhalt in die Materie hinein, wodurch dieser durch Trennung – denn im Intellekt war er schließlich verbunden – von Raum und Zeit in Konflikt gerät. Hier nannte ich das Beispiel mit dem Autofahren, weil wir hier in einem System drin sind, welches – wie ich finde – eine gute Analogie darstellen kann. Das Ziel bzw. vielmehr die Idee ist es, sich ohne Hindernisse, also zielgerichtet fortzubewegen. Dadurch aber, dass nun viele Verkehrsteilnehmer als selbstständige Entitäten ins Spiel kommen, die jeweils das gleiche Ziel verfolgen, können sie in Konflikt treten. Beispiel wäre eine Kreuzung. Das Ziel bzw. die Idee kann nun nicht mehr ‚richtig‘ umgesetzt werden; es MUSS Regelungen (Ampeln etc.) geben, die die Verkehrsteilnehmer einschränken bzw. behindern, um eben keine Unfälle zu vermeiden. Es kommt also z.B. zu Zeitverlust; das Resultat aber ist TROTZDEM, dass das ganze System funktioniert – also es trotzdem eine Art Harmonie gibt.
    Dadurch, dass die Räumlichkeit auseinandertritt, kommt es aber durchaus zu Konfliktsituationen der einzelnen Teile, Plotin 3,2,2,48ff.: „Es herrscht nicht mehr Freundschaft allein, sondern infolge des Auseinandertretens auch Feindschaft, und bei seinen Mängeln muß ein Teil notwendig Feind des anderen sein.“ Sie besitzen also keine Autonomie – will einer fahren, muss der andere warten; es besteht ein Zwang. Es gibt also ‚Feindschaft‘, die sich aber durch Regeln beherrschen lässt.

    Weshalb will sich die ψυχή abspalten? Nun, ich habe es so verstanden, dass die hypostatische Seele, die aus eigenem Antrieb ob ihrer τόλμα nach Individuierung strebt, den Drang zur Selbstständigkeit in sich hat und sich durch schöpferische Gestaltung von Materie vereinzelt. Dieses verleiht ihr ein Gefühl von Macht und Einfluss; dabei ist sie selbst aber für ihren Sturz in die Körperlichkeit verantwortlich, trachtet ferner danach, sich zu individualisieren und trifft zu schnelle (Fehl-)Entscheidungen. Das, was ich daraus hergeleitet habe, war freilich voreilig – die Seele ist schließlich nicht per se „böse“. Die Wertung ist aus dem Blickwinkel der Körperlichkeit betrachtet schließlich anders, nämlich geordnet ‚schön‘.
    „Plotin vertritt allgemein die Ansicht, die Welt, so wie wir sie vorfinden, ist bereits die beste und schönste aller Planeten, weil das ‚Hen‘ sich aus Notwendigkeit vermittelt hat.
    Das ist völlig richtig und habe ich auch nicht negiert.

    Was mich interessiert?
    Alle Themen, mit denen ich bisher in Berührung gekommen bin; seien es Werke von Aristoteles, Cicero, Plotin, oder Kant; damit war lediglich ausgedrückt, dass ein Interesse meinerseits an philosophischen/ethischen Thematiken besteht. Und wenn Zeit nebst Studium vorhanden ist, versuche ich mich dahingehend weiterzubilden.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Luca Rosenboom

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Rosenboom

    *** Plotin breitet sein Denken in mannigfachen Einzelbetrachtungen aus, die immer wieder auf dasselbe hinauslaufen: das Eine. (was mich ziemlich nervt, langweilt, ermüdet) Seine Erörterungen leisten keine Erkenntnis der Sache an und für sich wie etwa Aristoteles, sondern intendiert, jeden Sachgehalt auf das unendliche, in sich unbestimmte Eine zurückzuführen, um alles Wahrnehmen in seinem Scheine aufzuzeigen. Der Abwertung des Sinnlichen steht die Realität entgegen: was hat statt – im ‚hohen, edlen Geiste‘, da alles Sinnliche negiert ist? – Nichts! Dem Bewußtsein muß ‚hören und sehen vergangen sein‘, um zum Gedanken zu kommen; „vergangen“ bedeutet: sehr wohl gewesen und sehr wohl vernommen worden – qua etwas zum Gedanken oder zur kritischen Distanz ‚Anstößiges‘!
    Bei Plotin zweckt dieses alles, moralisch konditioniert, auf Tugend hin ab: kontemplatives Leben. (zu seiner Zeit schwappte von Indien her das Askeseideal des Brahmanentumes nach Rom; weshalb Plotin, wie Porphyrios erzählt, sich Gordianus und seinem Heereszuge nach Persien anschloß; verlief allerdings katastrophal)
    So sehr Plotin jeden Sachverhalt auf dieses Eine zurückführt, so sehr wertet Plotin alle Differenzierung in toto zum Bösen/Frevel ab; spezifisch die sich gegenüber Anderem, – insbesondere gegenüber dem in sich unendlich unbestimmten Einen, das Plotin zum Absoluten, Wahren, Guten hypostasiert, – differenzierende Bestimmung seiner selbst der Psyche zur unendlichen Bestimmung des Individuums, wie es etwa Leibniz expliziert. Bei Plotin mutiert das Individuum, die Hybris der Differenzierung seiner selbst gegenüber allem Anderen bestimmend, zum Frevel schlechthin.
    Sie bezeichneten dieses Bestreben der Psyche, das zu werden, was sie an und für sich ist, Individuum, vor der Folie des Plotin ganz richtig als: das Böse!
    *** En passant: ich nehme an, daß Sie für sich beanspruchen, ein Individuum zu sein; und also gemäß Plotin: das Böse oder Hybris in concreto!
    *** So sehr Plotin das Eine betont und moralisch zum Absoluten wertet, so wenig ist sein Denken ein Eines: von Systematik gleich einem Aristoteles weit entfernt. Was uns ‚als‘ Plotin überliefert wurde: Explikation mannigfaltiger Einzelproblematiken – zum Zwecke, das Eine als unendlich-unbestimmten Grund von allem anzuzeigen.
    Die conditio sine qua non des Plotin ist seine Moral, Wertung, Werte-Hierarchie. Fällt diese Subjektivität weg, zerfällt das Eine, woraufhin Plotin jede Einzelbetrachtung, und also die Erörterung von dessen Schein eines Bestimmten und Wirklichen, zurückführt.
    Moralisch klappt das immer; logisch nicht!

    Der Intellekt bzw. Nous enthält die Entfaltung der körperlichen, raumzeitlichen Welt in einer unkörperlichen, unsichtbaren und zugleich ‚unzeitlichen‘ Form in sich.
    *** Es sei so: wie kann Plotin Solches erkennen, wissen, sagen …? Wo die Logik der Sache?
    Es sei denn, diese Rede spricht etwas Triviales aus: ein Wort, ein Gedanke, ein Begriff, ein Bewußtsein, eine Rede, eine Erzählung … „enthält die Entfaltung der körperlichen, raumzeitlichen Welt in einer unkörperlichen, unsichtbaren und zugleich ‚unzeitlichen‘ Form in sich.“! – Was denn auch sonst?
    Einstens faßt es Parmenides so einfach wie prägnant und nicht per Moral hypostasiert, sondern in schlichter Logik: „dasselbe ist Denken/denken und Sein/sein“! Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge: daß und wie und warum sie sind; daß und wie und warum sie nicht sind“! – Die Logik der Sache steht nicht im Fokus des Plotin!

    Die ψυχή vermittelt den im Intellekt liegenden Sachverhalt in die Materie hinein, wodurch dieser durch Trennung – denn im Intellekt war er schließlich verbunden – von Raum und Zeit in Konflikt gerät.
    *** Begründung? – Keine! Die Erkenntnis der Sache expliziert ein Anderes; aber die Abwertung des Äußerlichen, Materiellen, Wahrnehmbaren zum eo ipso Vergänglichen und daher Falschen, Unwahren, Bösen … beansprucht, Platon zu vollziehen; und entläßt den Fortgang im Denken einem prädeterminierten Lauf; bei Plotin: moralisch, wertend, verwerfend …
    Die Logik der Sache ist einfacher und, insbesondere, schlüssig! Darüber hinaus: Erkenntnis der Sache an und für sich und die Eröffnung von Zukunft! Eine Sache, die bei Plotin nicht so wirklich vorkommt: man unternehme es, sich Plotin, den radikalen Asketen, mal lachend vorzustellen! So richtig in vollem Vergnügen der Lebensfreude! – dürfte nicht so klappen!

    Hier nannte ich das Beispiel mit dem Autofahren, weil wir hier in einem System drin sind, welches – wie ich finde – eine gute Analogie darstellen kann. Das Ziel bzw. vielmehr die Idee ist es, sich ohne Hindernisse, also zielgerichtet fortzubewegen. Dadurch aber, dass nun viele Verkehrsteilnehmer als selbstständige Entitäten ins Spiel kommen, die jeweils das gleiche Ziel verfolgen, können sie in Konflikt treten.
    *** „können“ geht immer; wie jeder Konjunktiv. Konjunktiv verweigert die Notwendigkeit, und also die vergewissernde Stringenz. Die Wertung aber präferiert (klammheimlich) das, was ins Konzept paßt; hier: die selbstständigen Entitäten, und also Menschen qua Individuen oder, wie es Kant formuliert: Zweck an sich selbst, fallen in toto in einen Konflikt!

    Beispiel wäre eine Kreuzung. Das Ziel bzw. die Idee kann nun nicht mehr ‚richtig‘ umgesetzt werden;
    *** weshalb? Wo die Notwendigkeit, daß die Intention, unbeschadet ans Ziel zu gelangen, hier „nicht mehr ‚richtig‘ umgesetzt“ werden kann? Die Logik der Sache zeigt ein Anderes!
    Ich fahre nun schon ein paar Jahrzehnte durch die Lande und mir ist noch nie eine Situation untergekommen, daß an einer Kreuzung – auch ohne Ampel – nicht locker vom Hocker ein allseits vorteilhaftes Verhalten vorgekommen wäre: und das in aller Höflichkeit per Gestik wie Mimik! – nicht bestritten sei, daß auch Anderes vorkam: quantité négligeabel!

    es MUSS Regelungen (Ampeln etc.) geben,
    *** wo die Notwendigkeit für ein „MUSS“? Das Argument für eine Regelungen fundiert sich in der Pragmatik und der Bequemlichkeit. Der Wechsel von der Ampel-Kreuzung zum Kreisel: praktischer, bequemer, funktionaler …! Von „MUSS“ keine Spur; wohl aber von schlichter Alltagsvernunft!

    die die Verkehrsteilnehmer einschränken bzw. behindern,
    *** Die Regelung per Ampel an einer Kreuzung entlastet die Autofahrer von der jeweilen akuten Verständigung mit anderen Verkehrsteilnehmern von Augenblick zu Augenblick – und zum Vorteile für alle! Auf regelvergewisserte Weise ist gewährt, daß jeder seine Intention, unbeschadet sein Ziel zu erreichen, auf ‚seine‘ Weise einlösen kann.

    um eben Unfälle zu vermeiden.
    *** das Mittel, um Unfälle zu vermeiden, und also Beschädigungen von Menschen und Material zu vermeiden, eine Einschränkung und Behinderung?
    Würden Sie die Regelung des Summierens, Subtrahierens, Dividierens, Multiplizierens auch als Einschränkung und Behinderung werten?

    Es kommt also z.B. zu Zeitverlust;
    *** wie das? Weil ich nicht voll durchdonnern kann, erleide ich einen „Zeitverlust“?
    Ohne Regelung müßte ich eine gehörige Portion Zeit aufwenden, um mich an der Kreuzung jeweilen mit anderen Verkehrsteilnehmern (Autofahrer, Fußgänger, Radfahrer …) auf ein unbeschadetes Vorbeikommen zu verständigen! – und welch ein Zeitverlust bis hin zum Freiflug nach oben wäre es, wenn ich voll durchdonnerte und dabei einen Unfall ‚produziere‘!

    das Resultat aber ist TROTZDEM, dass das ganze System funktioniert – also es trotzdem eine Art Harmonie gibt.
    *** die Logik sagt ein kontradiktorisch Anderes: WEIL und gerade nicht TROTZDEM. Hier hat nicht „eine Art Harmonie“ statt, sondern eine wohl intendierte, wohl konzipierte und wohl hergestellte: eine vernünftige Harmonie – zum Zwecke des allgemeinen Wohles aller Verkehrsteilnehmer! Die konkrete Situation des Straßenverkehres ist durch die Arbeit des Geistes gegangen – und resultierte, gemäß der Logik der Sache, zur zweckmäßigen und Leben wahrenden Regelung. – Wie kann, daß etwas durch die Arbeit des Geistes gegangen ist abwertend „TROTZDEM“ und nicht wohl begründet oder vernünftig WEIL bestimmt sein?

    Dadurch, dass die Räumlichkeit auseinandertritt, kommt es aber durchaus zu Konfliktsituationen der einzelnen Teile,
    *** „durchaus“ heißt doch: nicht notwendig, sondern kontingent! „durchaus“ oder kontingent zeigt an: keine logische Stringenz, sondern Annahme und Wertung!
    Ein asoziales Handeln und Verhalten kommt vor; trivial, aber nicht notwendig!
    Konfliktsituationen resultieren aus prädeterminierten Konditionen; die harmlose Kondition: Irrtum und mangelndes Wissen. Gemeinhin erfahrbar: per Moral, Sittlichkeit, Werte und deren Hierarchie, Meinen, Glauben, Hybris … Wie wäre es mit: Selbstverständnis der Denkresistenz?

    Plotin 3,2,2,48ff.: „Es herrscht nicht mehr Freundschaft allein, sondern infolge des Auseinandertretens auch Feindschaft, und bei seinen Mängeln muß ein Teil notwendig Feind des anderen sein.“
    *** solches Konstatiert Plotin – moralisch konditioniert und wenn’s in seine Konzept paßt: über viele Seiten hin! Freundschaft wird einfach mal so als Idealtypus proklamiert – ohne zu beachten, daß Freundschaft aus der Auseinandersetzung der Individuen miteinander resultiert. Eine innerlogische Stringenz aber bringt Plotin nicht bei. Diese ‚Grund-Legung‘ fällt nicht in den Horizont des Plotin!
    Und so redet Plotin auch in Ihrem Zitat: „… allein … auch … Mängel … ein Teil …“! So redet, wer beschreibt, ohne sich um die Logik der Konflikt-Genesis zu kümmern: wo führt Plotin die Notwendigkeit vor, daß „bei seinen Mängeln“ – und dann auch nur „ein Teil“! – „notwendig Feind des anderen sein (muß)“? – Wo? Wo auch nur ein Ansatz bei Plotin für die Notwendigkeit, daß „infolge des Auseinandertretens auch Feindschaft“ statt hat? Na ja, so notwendig meint es Plotin ja auch nicht: es kann so sein; es kann aber auch nicht so sein! Doch weil es vorkommen kann, daß …, gilt für Plotin: ist gewiß so! Plotin setzt bedenkenlos seine Moral zum Maße seiner Rede, denn ein Auseinandertreten führt keine Logik der Feindschaft mit sich.
    *** en passant: wenn einander sympathisch zugeneigte Personen, gemeinhin „Liebende“ genannt, nicht immer und immer wieder ‚auseinandertreten‘, sondern identisch sind und bleiben, und also nicht bei sich vorfinden, was beim Anderen nicht ebenso vorhanden ist: sich also nicht mitzuteilen haben, dann werden sie in aller Harmonie die Eiserne Hochzeit feiern, ohne auch nur einen einzigen Augenblick miteinander gelebt zu haben!

    Sie besitzen also keine Autonomie
    *** conditio sine qua non, unbeschadet am Ziele anzukommen: Autonomie! Spezifisch: die Autonomie sich selbst unter die Regel des Verkehrs zu subsumieren – zum Zwecke der eigenen Intentionseinlösung; unbeschadet!

    – will einer fahren, muss der andere warten; es besteht ein Zwang.
    *** welcher Zwang? Die Regel ist die conditio sine qua non meiner Intentionseinlösung! Das Mittel zum Zwecke anzuwenden, um meine Intention einzulösen, „besteht (für mich, den Anwender) ein Zwang“? Die Einlösung einer Intention resultiert innerlogisch stringent; alles Andere resultiert in ein Scheitern.
    Sprechen Sie auch von Zwang, wenn der Kellner die Einzelpreise Ihres Verzehres summiert und Ihnen als Rechnung präsentiert? Entsteht darum zwischen Ihnen und dem Kellner eine Feindschaft, weil sie qua Gast und Kellner ‚auseinandertreten‘?

    Es gibt also ‚Feindschaft‘, die sich aber durch Regeln beherrschen lässt.
    *** so spricht – bedenkenlos wie immer, aber selbstverständlich satt – alle Moral, Sittlichkeit, Wertung, Meinen, Ideologie … Solche Rede ist das Resultat der bedenkenlos rezipierten moralischen Doktrin: der Mensch ist des Menschen Wolf!
    *** en passant: wenn dem so wäre, benötigten Ideologien, Verschwörungslegenden … keine Agitatoren, Demagogen …, um andere Menschen aufzuhetzen: die wären’s ja immer schon!

    Weshalb will sich die ψυχή abspalten? Nun, ich habe es so verstanden, dass die hypostatische Seele, die aus eigenem Antrieb ob ihrer τόλμα nach Individuierung strebt, den Drang zur Selbstständigkeit in sich hat und sich durch schöpferische Gestaltung von Materie vereinzelt. Dieses verleiht ihr ein Gefühl von Macht und Einfluss; dabei ist sie selbst aber für ihren Sturz in die Körperlichkeit verantwortlich, trachtet ferner danach, sich zu individualisieren und trifft zu schnelle (Fehl-)Entscheidungen.
    *** Ich nehme einmal an, daß Sie für sich beanspruchen, ein Individuum zu sein: also von Grunde auf ‚böse‘ ob Ihrer τόλμα, das zu sein oder in concreto zu leben, was Sie sind? So richtig satt im „Gefühl von Macht und Einfluß“? Empfinden sie sich voll bedrückender Verantwortung „für Ihren Sturz in die Körperlichkeit“? Und wie ist es mit Ihnen, mal so ganz persönlich, übel zu Gange, da Sie, „sich zu individualisieren“, trachten? Ihre „zu schnellen (Fehl-)Entscheidungen“ resultieren nicht einem Mangel an Bedachtsamkeit und Wissen …, sondern Ihrer Hybris dessen, was Sie sind: Individuum? „(Fehl-)Entscheidung“ qua Fehler bedeutet: abgewertet; qua Irrtum: zur Einsicht in den Sachgehalt aufgehoben! Desavouierung versus Eröffnung von Zukunft!
    *** en passant: wie wäre es mit dem schlichten, alltagsverständlichen Blicke auf die Realität? Und dann vielleicht auch noch ein Bedenken in kritischer Distanz?

    Anregung für Ihr Interesse an Philosophie:
    *** Aristoteles: nicht die Metaphysik; dazu ist einige ‚Vor-Arbeit‘ zweckmäßig. Der stahlharte Logiker Aristoteles trägt in der Nikomachischen Ethik das Resultat seiner metaphysischen Arbeit vor: ganz alltäglich; so konkret wie lebendig und doch auf der logischen Stufe des Begriffes – bis hin zur Sinnsetzung und Sinnerfüllung in der Eudaimonia!
    *** Cicero: in kritischer Distanz vor der Folie der Moral, wie Solche in der Sphäre der römischen Virtus sich manifestiert.
    *** Kant: nicht die Kritiken; wie bei Aristoteles ist hier etwas ‚Vor-Arbeit‘ zweckmäßig. Besser: Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung“?
    *** in Parenthese zu Kant: Hegel „wer denkt abstrakt?“
    *** Als Einleitung bei Hegel tauglich: Propädeutik (Themen der Philosophie am Gymnasium: Unter-, Mittel- und Ober-Stufe); Geschichte der Philosophie: Sokrates und die ‚Erfindung‘ der Dialektik.
    *** Anregung zur Ethik für eine kritischen Distanz zur Moral: Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS); Nietzsche, Genealogie der Moral.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Rüdiger E. Böhle

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