Pressehinweis: "Der Geschmack der Freiheit" - Zum 90. Geburtstag von Michail Gorbatschow ein Beitrag in "Badisches Tagblatt"

wbg Redaktion • 5 März 2021
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Der Geschmack der Freiheit

Bei uns ein Superstar, in seiner Heimat der Buhmann: Michail Gorbatschow wird heute 90 

Quelle: Badisches Tagblatt vom 02.03.2021 / von BT-Redakteur Dieter Klink


Baden-Baden – Er hat die Welt verändert, den Friedensnobelpreis erhalten, den Kalten Krieg beendet und die deutsche Einheit erst ermöglicht. Doch zuhause wird er bis heute als der Mann gesehen, der die Sowjetunion zerstört hat: Michail Gorbatschow. Heute wird der frühere Staats- und Parteichef 90 Jahre alt. Eine Geschichte voller Mut und Tragik.

Gorbatschow hat den Menschen im Vielvölkerstaat Sowjetunion Mitte der 80er Jahre Freiheiten zugestanden. Er hat Transparenz versprochen („Glasnost“) und den „Umbau“ des Staates vorangetrieben, die berühmte „Perestroika“, ein Reformprogramm, das zunächst wirtschaftliche Erfolge bringen sollte, danach aber auch eine politische Öffnung hin zu mehr Demokratie und Gewaltenteilung versprach. Politische Gefangene wie Andrej Sacharov kamen frei, und über die Verbrechen der Stalin- Zeit durfte nun offen geredet werden. Die Russen atmeten
den Geist der Freiheit. 

Das Imperium hat abgedankt

Und doch wird Gorbatschow zuhause nie die Anerkennung finden, die ihm eigentlich zusteht. Zu diesem Urteil kommt der Filmemacher und Historiker Ignaz Lozo, der im Verlag wbg Theiss eine neue Biografie vorgelegt hat („Gorbatschow der Weltveränderer“). „Zar Peter der Große, Zarin Katharina die Große haben ihren aufwertenden Beinamen bekommen, weil sie das Russische Reich ergrößerten“, schreibt Lozo. Doch Gorbatschow wird in Russland, in dem der imperiale Leitgedanke dominiere, nie zu solchem Kultstatus kommen. Für die Russen „war er ein schwacher Staatenlenker, weil er das Imperium abgewickelt hat“, bilanziert Lozo in seiner Biografie, die lesenswert das ganze Drama aufrollt und den Hauptdarsteller mit viel Sympathie bedenkt.

Der nun 90-Jährige hat einen Prozess begonnen, den er am Ende nicht mehr steuern konnte. Die Perestroika verselbstständigte sich – und begrub ihren Erfinder unter sich. Im Westen brach mit dem Amtsantritt Gorbatschows im März 1985 eine Zeit der Hoffnung an. Unter anderem bei seinem Besuch in Bonn und Stuttgart Mitte Juni 1989 jubelte ihm die Menge zu: „Gorbi, Gorbi“!

Die „Gorbimania“ erfasste speziell die damals noch kleinere (West-)Bundesrepublik, während die DDR mit Erich Honecker auf Distanz zum Neuen in Moskau ging. Mit dem US-Präsidenten Ronald
Reagan, der die Sowjetunion zuvor noch als das „Reich des Bösen“ tituliert hatte, traf er sich zu mehreren Gipfeln, entwickelte die Idee einer atomwaffenfreien Welt, schloss mit Reagan den INF-Abrüstungsvertrag, den Donald Trump wieder gekündigt hat. Als die Staaten Mittel- und Osteuropas von Moskau wegstrebten, als die bereits bestehenden Bürgerbewegungen Reformen forderten, versicherte der Sowjetchef, man werde sich nicht einmischen. Anders als 1956 und 1968, als Panzer die Bewegungen in Budapest und Prag niederwalzten, ließ Moskau die Demokraten dieses Mal gewähren. Die Ungarn durften im Sommer 1989 den Grenzzaun zu Österreich zerschneiden. Die Polen durften sich an Runden Tischen versammeln. Durch Perestroika fand Europa wieder zusammen.

Die DDR war ein Sonderfall. Gerungen wurde 1990 besonders um die Frage, ob ein wiedervereinigtes Deutschland die Bündniszugehörigkeit frei wählen, also ob es als Ganzes in die NATO durfte. Das wollte Gorbatschow lange Zeit verhindern. Am Ende ließen die Sowjets das zu, die Einheit wurde mit einem Zwei-plus-Vier-Vertrag am 3. Oktober 1990 vollzogen.

Zu dem Zeitpunkt stand Gorbatschow in seiner Heimat bereits so sehr unter Druck, dass er den Perestroika-Prozess nicht mehr steuern oder beeinflussen konnte. Er glaubte bis zuletzt, legt Lozo nahe, dass sich der Sozialismus reformieren lasse. Dass sich die Sowjetunion mit der Vorherrschaft der Kommunistischen Partei verändern lasse. Dass die Ideen des Staatsgründers Lenin richtig waren und nur richtig angewandt werden müssten. Dass Partei und Volk eins seien. Alles fatale Fehleinschätzungen. Lozo: „Glasnost in sozialistischen Bahnen halten zu wollen, war im Grunde immer ein Widerspruch an sich.“

Das System war nicht reformierbar. Die Bürger wurden spätestens 1987 mürrisch: „Von der Perestroika können wir uns nichts kaufen“, lautete die Kritik. Wirtschaftliche Erfolge des Staatsumbaus stellten sich nicht ein, im Gegenteil, überall stieß man auf Mängel.

Gorbatschow wurde zerrieben zwischen den kommunistischen Systembewahrern und denen, denen es nicht schnell genug ging, unter ihnen der populistische und unberechenbare Boris Jelzin. Gorbatschow hatte ihn einst in sein Team geholt. Nun wurden die beiden zu erbitterten Gegnern.

Und dann: Die Bürger nahmen sich gerne die Freiheitsrechte, die Gorbatschow ihnen gewährte. Die Nationalitätenfragekam mit aller Wucht auf  die Tagesordnung: Wenn Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Bulgaren und Rumänen sich von Moskau lossagen durften, erwachte der Freiheitsdrang auch bei den Balten, Kasachen und Georgiern.

Die Ukraine als Sargnagel 

Als sich im Dezember 1991 die Ukrainer per Referendum mit 92 Prozent für die Unabhängigkeit entschieden, war die Sowjetunion faktisch am Ende. Gorbatschow wollte sie so lange erhalten, wie es ging. Er sah den Zentralstaat immer als etwas Erhaltenswertes. Doch 1991 zerfiel die Sowjetunion in ihre Einzelteile. Ein Imperium implodierte. Fast alle Sowjetrepubliken, darunter Russland, erklärten sich für souveräne Staaten. Gorbatschow, der für den Erhalt der Union eintrat, galt nun als ihr Totengräber.

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) wusste, dass er nur ein kleines Zeitfenster hatte, die Deutsche Einheit unter Dach und Fach zu bringen. Schon im Sommer 1990 kursierten Putschwarnungen in Moskau und Ende 1991 trat „Gorbi“ zurück. Kohl hatte eine stabile Beziehung zu Gorbatschow entwickelt, beide hatten Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, das verband. Und half, die Zustimmung zur staatlichen Einheit zu erhalten.

Gorbatschow wird in einfachen Verhältnissen im Nordkaukasus geboren, er arbeitet sich nach seinem Jura-Studium an der Moskauer Lomonossow-Universität rasch nach oben. Er verhält sich lange völlig systemkonform, ist selber beteiligt an Intrigen, schmiedet Bündnisse, um persönlich voranzukommen. Die bleierne Zeit der alterskranken Sowjetchefs Breschnew, Andropow und Tschernenko geht mit seinem Amtsantritt 1985 zu Ende. Was für ein neuer Stil, den Gorbi mit seiner Frau Raissa einführt! Er hört den Bürgern zu, will ihre Meinung wissen. Es beginnt sein Aufstieg zum Superstar des Westens und zum verschmähten Reformer in Russland.

Nach seinem Sturz 1991 schreibt er Bücher, gründet eine Stiftung, ist als gut bezahlter Redner gern gesehener Gast im Westen. Zeitweise engagiert er sich auch für den Petersburger Dialog, mischt sich auch heute in die russische Politik ein.

Gorbatschow, der Idealist, der Humanist. Er hatte Mut, und doch zauderte er. Er hat eine Zeitenwende eingeleitet, der Ausgang ungewiss war. Beides ist falsch, die Überhöhung im Westen wie die Verdammung in Russland. Dazu ist sein großes Leben zu facettenreich.


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Lozo, Ignaz

Gorbatschow - Der Weltveränderer


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Pressestimmen

Präzise, kritisch und mit Empathie: die erste Gorbatschow-Biografie aus deutscher Feder, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.

Prof. Gerhard Simon

 

Lozos differenzierte Biografie Michail Gorbatschows ist Impfstoff gegen politische Mythenbildung.

Prof. Andreas Rödder

 

Ein berührendes, einfühlsames und fesselndes Buch.

Prof. Jörg Baberowski