POLARISIERUNGEN

Túlio Augusto Lobo • 6 Mai 2022
14 Kommentare
Gesamtanzahl der Likes 6 gefällt

                                                                                                           Ich habe die Wahrheit!

Clara wurde im 21. Jahrhundert geboren und wuchs Seite an Seite mit der Entstehung und Verbreitung des wichtigsten Kommunikationsmittels für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen auf - den sozialen Netzwerken. Man könnte sagen, dass sie im Laufe ihres Lebens Phasen innerhalb dieser Netzwerke durchlaufen hat.

Als Kind schaute sie sich gerne Videos mit Zeichnungen und Fotos von der Schule an, in der sie studierte. In ihrer Jugend interessierte sie sich für andere Menschen, um eine Art von Beziehung zu haben, und nutzte die Netzwerke, um zu sehen, was diese Menschen taten, und versuchte, sie besser kennen zu lernen. Als sie die Highschool beendete, hielt sie sich für sehr reif und zu abgestumpft vom Leben, dank der Beziehungen, die sie mit Mädchen und Jungen hatte, die ihr das Herz brachen. Als sie an der Universität ankam, engagierte sie sich in einer politischen Bewegung und entdeckte von da an, dass sie im Besitz der absoluten Wahrheit war und dass ihre Argumente, egal aus welchem Grund, die absolute Wahrheit waren. Als sie ihr Studium abschloss, war sie endlich bereit, die Welt mit ihren Wahrheiten und ihren Urteilen zu verändern, so wie es so viele Milliarden andere Menschen getan haben. Aber tief in ihrem Inneren glaubte sie, dass sie anders war, weil ihre Wahrheit "die Wahrheit" war.

Eines Morgens wachte sie auf, putzte sich die Zähne, nahm ihre Tasse mit einer positiven Botschaft in die Hand und setzte sich vor ihren Computer, wie sie es jeden Tag tat, bevor sie zur Arbeit ging.

Sie erinnerte sich daran, dass sie sich am Abend zuvor mit mehreren Leuten darüber gestritten hatte, wer mehr Recht hatte oder die beste Wahrheit hatte. Sie öffnete eines ihrer sozialen Netzwerke und sah nach, ob ihre Konkurrenten erkannt hatten, dass ihre Ideologie weitaus weniger gültig war als die ihre.

Clara sah, dass ihre Gegner auch nach dem Zugang zu der Wahrheit, die sie ihnen schenkte, immer noch auf ihrer eigenen beharrten, und so ging der Konflikt weiter.

Sie tippte also, dass diese Menschen manipuliert wurden.

Sie sind es, die entfremdet werden. Jemand erwiderte.

Als sie erkannte, dass der Dialog über ihre "absolute Wahrheit" die Argumentation ihrer Peiniger nicht ändern würde, beschloss sie, die Taktik zu ändern: Sie begann sofort, Hassreden zu halten.

Für diejenigen, die es noch nicht wissen: Hassreden sind eine gute Option für diejenigen, die versuchen, jemanden von ihren Fehlern zu überzeugen. Aber wenn die Rede voller Wut nicht ausreicht, sagen Sie Ihrem Gegner einfach ab, und er wird aufhören zu existieren, wodurch jedes Problem gelöst wird.

In diesem Moment kam ihr Hund, der ihr immer Gesellschaft leistete, während sie ihren Kaffee trank, ins Zimmer. Er fing an zu bellen und schlug mit der Pfote auf die Computertastatur, als wollte er ihre Aufmerksamkeit erregen. Sie versuchte ein paar Mal, ihn zu entfernen, da sie nicht viel Zeit für diese Diskussion hatte und es fast Zeit war, zur Arbeit zu gehen. Der Hund bellte und scharrte so lange, bis sie einen dieser Sätze sagte, die wir zufällig sagen, ohne zu erwarten, dass es tatsächlich passiert:

Was ist los Hund, sag mir was du willst?

Darauf antwortete er:

Weniger Hass und mehr Liebe, lasst uns versuchen, eine bessere Welt zu schaffen. Glauben Sie wirklich, dass eine absolute Wahrheit, eine Hassrede oder die Annullierung von Menschen die besten Mittel sind, um zu ändern, was jemand denkt? Das bezweifle ich. sagte der Hund und zeigte damit eine Weisheit, die weit über die der meisten Menschen hinausgeht.

Clara hatte keine Chance zu antworten, da sie buchstäblich vor Schreck starb, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass ihr Hund sprechen könnte.

Kommentare (14)

Marcin Lupa

Clara scheint mir ein narzisstisches Ekel zu sein.
Das macht sie unsymphatisch. Die Wendung mit dem Hund schöpft den Plot und macht ihn sowohl witzig als auch interessant.

Ich persönlich bräuchte den magischen Realismus nicht, um die Geschichte als gut zu empfinden. Nichtsdestotrotz schmückt er sie zusätzlich aus.

Von mir bekommen Sie, wie gewohnt die volle Punktzahl.

Túlio Augusto Lobo

Eine Welt, in der jeder "Recht" hat, ist eine Welt im Niedergang. Ich denke, die größte Herausforderung besteht heute darin, zu lernen, zuzuhören und offen zu sein für die Tatsache, dass es keine letzte Wahrheit gibt.
Danke, dass Sie meinen Text gelesen haben, Marcin.
Was den Humor angeht, so verwende ich ihn gerne, auch wenn das Thema ernst ist.
Eine große Umarmung!

Marcin Lupa

Túlio Augusto Lobo, wir leben nach wie vor in einer Welt, in der eine kleine Klasse an Wohlhabenden die Wahrheit für sich reklamiert. Sie beutet die große Masse an Aussenstehenden aus und diktiert ihr die Regeln des Verhaltens, von dem sie sich selber ausschließt.

Ich glaube nicht, dass wir jemals frei kommen von Unterdrückung. Unsere Feinde werden stets zahlreich sein und wir werden immer kämpfen müssen. Das ist die Natur des Menschen, die wir erst mit unserem Ableben verlassen.
Wenn es dabei zu Koalitionen kommt, Freundschaften entstehen, dann ist es großes Glück, denn unser Naturell scheint die Fürsorge nicht zu sein.

In Ihrem Land, Herr Lobo, Brasilien, tritt dieses menschliche Verhalten vielleicht ein wenig offener zu Tage. In meinem Land, ist es ein verdecktes Spiel, bei dem der Gewieftere den Naiveren zu täuschen versucht.

Entweder man gewöhnt sich an dieses Spiel und bleibt Optimist oder man ereifert sich in einer pessimistischen Kritik. Ums Überleben kämpfen, wird man unabhängig von seiner Grundmotivation immer müssen. So lange jedenfalls, wie es das Leben und der Trieb erforderlich machen. Das irgendwann das Ende kommt, ist aus meiner bescheidenen Sicht nur eine Erleichterung. Eine Aussicht auf Versöhnung mit diesem unverständlichen, unharmonischen Leben, das gerne Monster favorisiert und Engel verbrennt.

Michaela N.

Clara ist ein armes "Kind" der Neuzeit. Mir tut sie ehr leid. Wirkt sie für mich doch wie ein Irrlicht in der Dunkelheit.
Wie den meisten Kindern der Neuzeit , fehlt es ihnen an Sozialisierung.
Jeder versucht auf seine Art seine Welt oder die der anderen besser zu machen, als die Vorgänger.
Man vermeidet Erfahrungen gekonnt, in dem man sie googelt.

Unsere vorherigen Generationen haben sich noch selber in das "Abenteuer Leben" gestürzt.

Die sozialen Medien scheinen er zu vereinfachen in vieler Augen.

Clara hat aber aus den Blick verloren, was das wichtigste ist im Leben.
Zeit sich für das hier und jetzt zu nehmen. Zeit für sich selber und Zeit für die "Lebensgefährten", in dem Fall den Hund zu haben.

Menschen die nicht hören wollen, werden auch nie hören. Ueber Sinn und Unsinn Dinge zu ändern, das möchte ich in dem Fall gern im Raum stehen lassen.

Bevor man aber die Welt versucht zu ändern, muss der eigene Kosmos erstmal in Ordnung sein.

Leider beherzigen das zu wenig "Weltveraenderer" wie man immer wieder sieht.

Schade, daß sie am Ende stirbt. Hunde reden in der Tat und mich hätte der weitere Dialog interessiert in der "selben" Sprache.

Eine traurige und gute Erzählung der Neuzeit.

Túlio Augusto Lobo

Ich habe versucht, periodische Romane zu schreiben, die die Welt um mich herum völlig ignorieren, aber ich muss sagen, dass ich damit nicht zufrieden war. So unglücklich die Realität auch sein mag, ich schreibe sie gerne.
Diese kurze Geschichte entstand aus Beobachtungen in sozialen Medien.... Wenn man beobachtet, wie die Menschen miteinander umgehen und wie jeder die unerschütterliche Gewissheit hat, dass er mit dem, was er glaubt oder sagt, Recht hat.
Danke fürs Lesen, eine Umarmung Michaela

Gwendolin Simper

Sind es nicht eher diejenigen, die NICHT mit den sozialen Medien aufgewachsen sind, die zu Starrsinn neigen, was ihre eigene Meinung in ebendiesen sozialen Medien angeht? Das ist zumindest meine Beobachtung.

Túlio Augusto Lobo

Ich denke, ohne zu verallgemeinern, können wir sagen, dass beide Generationen ein Problem mit dem Dialog haben. Wir haben gehofft, dass diese Welt der Informationen, die die sozialen Medien mit sich bringen, die Debatten erweitern und zum Beispiel die Demokratien stärken würde. Aber zumindest nach meiner Beobachtung gehen wir in die entgegengesetzte Richtung.
Jeder will seinen Raum erobern, um nur zu reden und fast nie zuzuhören.
Aber das ist nur meine Meinung. Ich lebe in Brasilien und vielleicht ist der Kontext ein wenig anders. Ich danke Ihnen, dass Sie meinen Text gelesen haben Gwendolin.

Gabriele Jung

Túlio Augusto Lobo, ich stimme Ihnen vollkommen zu, glaube aber, dass das kein neues Phänomen ist, sondern durch die sogenannten sozialen Medien nur noch einmal potenziert wird bzw. stärker in den Blick rückt. Zuzuhören, andere Meinungen zuzulassen, manchmal dem Anderen Recht geben und die eigene Meinung ändern, manchmal aber auch zu schweigen oder zu sagen: „Ich weiß es nicht“, das sind für mich wesentliche Bestandteile einer guten Kommunikation. Eine Kommunikation, die mir hilft, mein Denken und Wissen fortzuentwickeln. Das setzt aber voraus, dass ich eben nicht glaube, im Besitz der „absoluten Wahrheit“ zu sein. Das setzt auch voraus, dass ich mein Gegenüber und seine ggf. gegenteilige Meinung akzeptiere und respektiere. Und das war und ist leider für viele - mich eingeschlossen- schwierig und immer auch - wieder auf mich bezogen- ein permanenter innerer „Kampf“. Vor allem, wenn das Gegenüber nicht den Dialog sucht, sondern den Monolog liebt. Und in Bezug auf die neuen Medien: Vielleicht haben wir zu viel Hoffnung in die neue Technik gesetzt und sie damit überfrachtet. Vielleicht wollten wir auch nicht sehen, dass jede gute Sache (denn die Vorzüge sehe ich durchaus) immer auch eine Schattenseite hat. Die große Problematik der „sozialen“ Medien ist für mich, die vermeintliche Anonymität, die einen alles sagen lässt, die „soziale Abgeschiedenheit“ und Einsamkeit vor dem Rechner, der fast schon zwanghafte Drang quasi im Sekundentakt Meinungen zu formulieren ohne länger nachzudenken, aber auch die Möglichkeit, sehr schnell „Gleichgesinnte“ zu finden und so die eigenen Wahrheit zur absoluten Wahrheit zu machen. Ihre Geschichte hat das für mich sehr gut getroffen und der „überraschende“ Schluss war nur folgerichtig. Herzlichen Dank für Ihren Text, der sehr zum Nachdenken anregt.

Marcin Lupa

Gabriele Jung, wie gewohnt ein geistreicher Kommentar von Ihnen, der zum Nachdenken anregt.

Auch für mich gehört ein permanenter Revisionismus meiner eigenen Meinung zu der Dialektik, die ich im Zuge der Wahrheitsfindung bei der Beschäftigung mit diversen Sachverhalten anwende. Klar, dass auch ich gegen meine eigene Regel verstoße und manchmal nicht nur voreilig urteile, sondern auch amoralisch. - Besonders im Affekt.

Der Text von Herr Lobo transportiert meines Erachtens aber die Vorstellung von einer voreingenommenen Person, die eben wenig bis gar nicht selbstreflexiv ist.
Natürlich ist diese gerade von mir getätigte Aussage reine Interpretation - und es gab schon hier auf der wbg Leute, die mir nicht einmal diese Feststellung erlaubten und mit unklaren Definitionen von "Interpretation" heranrückten, um offenbar auch eine Art von Totalitarismus der Kommentare zu etablieren - ganz so schlimm war es dann doch nicht.

Kommunikation jedoch soll geübt sein und es geht nicht immer um das Finden von Gleichgesinnten, gut jedoch, wenn sie sich zu einander Gesellen, einander ergänzen oder bekräftigen.
Das passiert hier auch. Trotz aller Dialektik kommen viele nachdenkliche und gebildete Kommentatoren zu ähnlichen oder sogar gleichen Schlussfolgerungen. Und ich muss an dieser Stelle zugeben, dass beim Abwegen und Meinung herauskristallisieren, ich oft den Kommentaren von anderen Folge leiste, durch sie aufgeklärt werde. Dies geschieht sehr oft, bei Ihren Kommentaren und Beiträgen. Insofern habe ich da immer aufschlußreiche Erlebnisse.

Es gibt hier in der wbg zahlreiche Kommentatoren, die im Schreiben sehr geübt sind und auch scharf und präzise zu denken und zu formulieren vermögen. Das ist sehr lehrreich für mich.

Daher öffne ich mich sehr wohl den digitalen Medien, insbesondere wenn ich eine Platform wie die wbg finde, wo sich Wissen mit geistreichem Austausch mischt und darüber hinaus ein sehr vornehmer Ton herrscht.

Der Grundtenor der Community scheint die nachdenkliche Kommunikation zu sein, auch wenn die Themenbreite - und das ist sehr begrüßenswert - sehr variabel, zugleich umfangreich ist.

Um beim Text von Herrn Lobo zu bleiben. Insgesamt sei bei digitalen Medien weiterhin viel Vorsicht mit dem Umgang mit ihnen geboten. Ich bin froh, dass ich einige Kanäle gefunden habe, die mir eine Beschäftigung mit geisteswissenschaftlichen Themen, über die Auseinandersetzung mit Literatur, Radio und Film/Fernsehen ermöglichen.
Hier bei der wbg insbesondere die Dialogfunktion.

Mit Personen wie Ihnen, Frau Jung, aber auch Herrn Lobo hat die Kommunikation seit langem schon sogar diskursiven Charakter. Diese Art von Diskursivität bekomme ich aber in meinem in sehr starken und auch starren Schranken verlaufendem Alltag an keiner anderen Stelle in einer frequenteren und auch qualitativ hochwertigeren Form. Außer natürlich in den Gesprächen mit meiner sehr klugen und beseelten Frau (ein riesiger Gewinn diese Verbindung).

Im möchte hiermit aber nicht im Allgemeinen eine Lanze für digitale Medien gebrochen haben, sondern im Besonderen.

Gabriele Jung

Ich sehe das wie Sie, lieber Herr Lupa, das sind die guten Seiten der neuen Technik, die ich meinte.
Und ja, auch da stimme ich mit Ihnen überein: die von Herrn Lobo geschilderte Protagonistin seiner kurzen Geschichte wähnt sich im Besitz der „absoluten Wahrheit“ und führt eben keinen Dialog mehr, ist nicht zu einer konstruktiven Kommunikation bereit, sondern lässt nur noch „ihre“ Wahrheit gelten und erklärt alle anderen, die sich nicht überzeugen lassen, zu Feinden, denen man nur noch mit Hassreden beikommen kann. Ein nicht unbekanntes Phänomen, dass man bei den unterschiedlichsten Themen im Netz verfolgen kann.

Marcin Lupa

Richtig. Unsere Gesellschaft scheint diese Haltung beinahe schon vorauszusetzen. Denn alles andere scheint indiskutable Unsicherheit zu sein. Und welcher Profi darf es denn überhaupt zugeben, dass er in vielen Punkten unsicher ist und einen Irrtum einräumt?

Michael Pfeiffer

Es ist sehr schlüssig, dass Clara am Ende stirbt: hätte sie überlebt, hätte sie sich ja ändern müssen!

Kalle Simon

Passend zum digitalen Thema, hat sie sich ausgeloggt, was alle Diskussion prinzipiell unterbindet.

Túlio Augusto Lobo

Ich glaube, ich habe sie mit Absicht getötet. Ich sehe Menschen in sinnlosen Konflikten, weil es ihnen leichter fällt, ihre ideologische/politische Position beizubehalten, als sich zu verändern und dem anderen zuzuhören, sich in seine Lage zu versetzen.


Please anmelden or sign up to comment.