Platon, Demokratie und Tyrannei und was dies mit uns zu tun hat...

Thorsten Jacob • 8 November 2020

Platon, Demokratie und Tyrannei und was dies mit uns zu tun hat... ein Kommentar


Platon, seit jeher für mich philosophische Inspiration, stellte in der „Politeia“ seine ganz persönliche Rangliste der Staatsformen auf: Während die Philosophenherrschaft, die Monarchie und die Aristokratie für ihn die höchsten, da vernünftigsten Formen darstellten, so beschrieb Platon auch die zwei untersten Stufen aus seiner Sicht.

Die Demokratie belegt hierbei den vorletzten Platz und ist für Platon nur das Recht eines Jeden, ob gebildet oder nicht, sich durch Abstimmung an der Regierung zu beteiligen und so über das Wohl und Wehe des ganzen Staates zu wachen. Dieses ist nach heutigen Maßstäben das übliche, ja natürliche Merkmal der Demokratie und moderne Gesellschaften erfreuen sich hierbei an einer mehr oder weniger vollständigen Gleichberechtigung. Nicht so zu Platons Zeiten, wo weder Frauen noch Sklaven oder Nicht-Griechen beteiligt waren, und doch war der demokratische Ansatz jener, dass doch das Volk (oder zumindest dessen anerkannter Teil) Wahlberechtigung besaß und somit am Staate beteiligt war. Doch warum bewertete Platon dieses uns so geläufige wie geschätzte System so negativ? Nicht wegen der Ausgrenzung der Vielen, sondern wegen des Rechts der übrigen Wenigen zur so verstandenen gleichberechtigten Beteiligung. Ob gebildet, ungebildet, gut oder böse, ein Jeder hatte das Recht, sich zu beteiligen und durfte, unabhängig von seiner charakterlichen Eignung, in der Demokratie mitentscheiden. Dass Sokrates, Platons Lehrer, durch ein demokratisch und damit durch Mehrheit gefälltes Urteil zum Selbstmord gezwungen wurde, ist meiner Ansicht nach elementar für Platons Haltung gegenüber der Demokratie selbst.

Doch gehen wir einen Schritt weiter: Für Platon ist die Demokratie nur einen einzigen, selbstverschuldeten Schritt von der Tyrannei bzw. der Diktatur und damit ihrer eigenen Auflösung entfernt. So wären nicht alle Menschen für die Freiheit der Entscheidung intellektuell wie charakterlich geeignet, sondern sie bedürfen und dürsten nach Entscheidern, nach Lenkern, nach Herrschern, welche ihnen die eigene Last der Verantwortung abnehmen. So ist der unweigerliche nächste Schritt gen Abgrund, dass Demokratien sich selbst abwählen und von sich aus zugrunde gehen, wenn Vernunft bei manchen Wahlberechtigten fehlt, wenn eine Minderheit der Guten dem Einen oder der Mehreren des Bösen gegenüberstehen und dazwischen die Unentschlossenen überzeugt werden könnten, so sichert sich das Gute dieses durch Vernunft und Wahrheit, das Böse wiederrum durch Täuschung und Lügen. Platon sieht die Rhetorik als mögliches Mittel gegen die Vernunft, gegen die Wahrheit und gegen das Gute und zugunsten Unwahrheit. Wer lügt, der hat ein leichteres Spiel, als derjenige, der sich der Wahrheit verschrieben hat. So, prophezeit Platon, wird es nach den Regeln der Rhetorik und der Lügen zu einem Staatsführer kommen, welcher die Mittel der Demokratie nutzt, um sich selbst an die Spitze zu hieven. Moralische Verwerflichkeit führt in diesem Falle daher nicht zum politischen Scheitern, sondern zum politischen Erfolg, und derjenige, der die Lügen am meisten zu nutzen weiß, wird letztlich das Ende der Demokratie hin zur Diktatur einläuten.

Nun ist dies nur eine von vielen Interpretationen, ich mag mich täuschen, und doch passt dieses Gedankenspiel meiner Ansicht nach in die Vergangenheit wie Gegenwart (und zu befürchten wäre auch in die Zukunft), in welcher nicht nur auch, sondern gerade Clowns, Lügner und Showmaster ohne jegliche moralische Vernunft und mitunter sogar mit offen bösartiger, menschenverachtender Haltung demokratisch gewählt werden können, aber von der Demokratie nicht nur wenig halten, sondern auch deren Grundwerte beleidigen und untergraben.

Sokrates wollte Wissen und Vernunft verbreiten, die Gegner davon erzwangen seinen Suizid. Wie weit sind wir davon entfernt, dass unsere (oder andere Demokratien) sich tyrannischen, faschistischen, antidemokratischen Gegnern und ihren Mitteln gegenüberstehen? Und ist die Demokratie aus sich selbst heraus wehrlos? Carlo Schmid, einer der Väter unseres Grundgesetzes, sagte einst: „Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt bloßer Zweckmäßigkeitserwägungen, wo man den Glauben hat, dass sie für die Würde des Menschen unverzichtbar ist. Wenn man den Mut zu diesem Glauben hat, muss man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie selbst umzubringen.“

Die Demokratie ist wehrhaft. Sie muss wehrhaft sein. Sie mag zwar nicht perfekt sein, aber sie bedeutet Freiheit zu denken, zu lernen, zu lieben und zu leben, und sollte von jedem Einzelnen aus der Vernunft heraus stets bewahrt und beschützt werden.


Liebe Community,

für Kommentare, Beiträge, auch Kritik bin ich sehr offen und freue mich darüber. Natürlich ist mein Text eine persönliche Einschätzung, schreiben Sie mir gerne, was Sie davon halten. 

Herzliche Grüße

Thorsten Jacob

Kommentare (8)

Oliver Beck

Einwandfrei und gut. Danke. Und auch wenn es nicht explizit auf den nächsten Dienstag/Mittwoch abzielen mag: hoffen wir auf das Beste im Sinne der beschworenen Vernunft

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  • Raimund Flecken

    Ich pflichte Ihnen Herr Jacob bei,wobei ich hinzufüge,dass Demokratie auch Befremdliches aushalten können muss.

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  • Thorsten Jacob

    Lieber Herr Flecken, vielen Dank. Und ja, Demokratien sollten auch meiner Ansicht nach Befremdliches aushalten können, inhaltliche Kontroversen und Debatten bereichern sogar das Miteinander.

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  • Roland Tromm

    Schauen wir über den großen Teich und hoffen dort auf eine wehrhafte Demokratie

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  • Thorsten Jacob

    Und mit großer Sicherheit scheint das Ende der Demokratie drüben ein weites Stück in die Ferne gerückt...

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  • Frank Zarrentin

    Und doch wehren sich die Gegner der Demokratie gegen das Ergebnis... fürchterlich anzuschauen. :(

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  • Jürgen Germann

    Gut, lieber Herr Jacob, dass Sie das aus der Sicht eines antiken Philosophen thematisieren und abwägend kritisch gegenwartsbezogen kommentieren.
    Es scheint mir allerdings eines der großen Miss-Verständnisse in den üblichen Diskursen zu sein, wenn „Demokratie“ weitgehend über Regelungen, formale Rechte, Abstimmungen, Verfahren und Institutionen und andere Abstraktionen definiert wird. Dabei wird außer Acht gelassen, dass – wie bei anderen Herrschaftsformen – es nicht nur auf das „System“ ankommt, sondern ebenso auf die Handhabung in der Praxis, mehr noch auf das Staats-Personal u n d das Volk und deren ethische und intellektuelle Qualitäten (Bildung im weitesten Sinn).
    Wohin gerät eine Demokratie, wenn eine maßgebliche, einfache oder absolute Mehrheit von bequemen, gedankenlosen und/oder ungebildeten (zum großen Teil unwissenden und verständnislosen) Bürgern sich von ungeeigneten oder korrupten Führern rhetorisch überreden, ideologisch überwältigen und emotional (ver-)führen lässt?
    Jürgen Germann

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  • Thorsten Jacob

    Lieber Herr Germann, genau dies ist meiner Ansicht nach die Frage: wohin führt die an sich große Freude an der Freiheit der Demokratie, wenn diese von - Sie haben dies so wunderbar formuliert, dies wäre nun nur ein Zitieren Ihrer Worte - Jenen mißverstanden bis mißbraucht werden würde entgegen aller Vernunft? Ich weiß es nur in Dystopien zu sehen, ein Gutes wäre so nicht zu erlangen. Herzliche Grüße. Thorsten Jacob

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