Der Nika-Aufstand 532 n.Chr. und Kaiser Justinian I. Teil 2/3

Luca Rosenboom • 12 Januar 2022
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Anbei der 2. Teil des Nika-Aufstandes. In 6 Tagen, also am 18.01, folgt der 3. Teil, da der Aufstand am 18.01.532 - also vor 1590 Jahren - stattfand. Bei Fragen, Ergänzungen oder Quellennachweisen bitte schreiben; der Einfachheit halber habe ich die Nachweise auf ein Minimum beschränkt. Im letzten Teil werde ich auf die Interpretationsansichten zu diesem Aufstand kommen und ein abschließendes Resümee auf Basis der Quellen fassen. 

Der Aufstand wird in den Quellen bei mehreren Autoren aus verschiedenen Sichtweisen erzählt. So schildert Prokop uns die Ereignisse in den Perserkriegen aus der Perspektive des byzantinischen Kaiserhofes, bzw. aus Belisars Sicht, wohingegen Malalas und das Chronicon Paschale sie aus der Perspektive des Volkes vermitteln. Die Ereignisse des Nika-Aufstandes an sich sind, wie bereits gesagt, verworren und die Quellen über ihn machen es schwer, die Ereignisse zu rekonstruieren, weshalb eine Analyse nur an einer Handvoll Beispiele erfolgt.

So habe laut Prokop der Aufstand damit begonnen, dass sich die Blauen und Grünen – die ja sonst verfeindet waren – zusammenschlossen, um die Aufrührer der beiden Parteien zu retten, alle Gefängnisinsassen, die wegen eines minderschweren Vergehens einsaßen, zu befreien und um Konstantinopel zu zerstören, „[…] als wäre sie in Feindeshand gefallen […]“, nachdem der Stadtpräfekt von Byzanz, Eudaimon, einige Aufrührer zum Tode verurteilt hatte. Weiterhin werden Johannes der Kappadokier, sowie Tribonianos, die für die Finanzeintreibung zuständig waren, als geldgierige, die Untertanen ausbeutende Regierungsmitarbeiter beschrieben, die ihren Rang ausnutzen, um größtmöglichen Reichtum zu erlangen. Da diese beim Volk verhasst waren, entließ Justinian sie, um die Gunst seines Volkes wiederzugewinnen.

Malalas allerdings schildert, im Gegensatz zu Prokop, den Anfang der Erhebung wie folgt:

"Eudaimon war Stadtpräfekt und hatte Ruhestörer aus beiden Parteien in Gewahrsam, und bei einer gerichtlichen Untersuchung verschiedener Personen befand er von ihnen sieben Mann als des Mordes schuldig. Und er erließ sein Urteil; vier sollten geköpft, drei gehängt werden, und die Verbrecher wurden in der ganzen Stadt vorgezeigt und sie durchzogen sie. Und als man (die drei) gehängt hatte, da fielen zwei herab, weil die hölzernen Galgen zerbrachen, einer war ein Blauer, und der andere ein Grüner. Und als das umstehende Volk den Vorfall sah, da akklamierte es dem Kaiser."

Als sich in der Nähe befundenen Mönche dies mitbekamen, brachten sie die Verurteilten in die Kirche des Heiligen Laurentios, in der kirchliches Asyl gewährt wurde, da es vermutlich als Zeichen Gottes gewertet worden war, dass die Galgen zerbrachen. Eudaimon hingegen schickte eine Heerestruppe zur Kirche, um die Verurteilten vor dem Fliehen zu bewachen. Auffallend hier ist, dass in Prokops Quellen nichts von einem Galgenbruch erwähnt wird, sondern lediglich, dass sich die beiden Faktionen zusammengeschlossen hätten, um „einige Aufrührer“ aus dem Gefängnis zu befreien. So scheint es, dass Prokop diesem Geschehen entweder keine Bedeutung beigemessen hat oder dass Belisar ihm keine Informationen diesbezüglich gegeben hat, die für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen wären.

Drei Tage darauf, also am Dienstag, wurde ein Pferderennen im Hippodrom gehalten – vermutlich wollte Justinian keinen Eindruck von Angst oder Einschüchterung erwecken –, wo die beiden Parteien dem Kaiser wieder zuriefen, dass er die einst Verurteilten doch frei lassen solle. Bis zur zweiundzwanzigsten Runde harrten sie aus, doch weil der Kaiser ihnen keine Beachtung schenkte, schlossen sie sich zusammen, und schrien: „Mögen die menschenfreundlichen Grünen und Blauen lange leben!“

 Nach dem Rennen zogen sie vereint unter dem Codewort „νίκα“ (Nika: „Siege!“) ab und gingen zum Prätorium, um sich nach den Verurteilten zu erkundigen. Als sie jedoch wieder keine Antwort erhielten, steckten sie es in Brand, der auf die umliegenden Gebäude übergriff und die ganze Stadt in Brand setzte. Am nächsten Morgen habe Justinian erneut ein Pferderennen angesetzt, worauf die Parteien u.a. Teile des Hippodroms anzündeten. Justinian befahl seinen Senatoren, die Aufrührer zu besänftigen. Diese wiederum forderten die Absetzung von Johannes dem Kappadokier, von Tribonianos, sowie von Eudaimon, die direkt aus ihren Ämtern entlassen und ersetzt wurden. In der Folge rückte Belisar,[1] der sich mit Mundos[2] in der Stadt befand, mit seiner Armee gegen die Aufrührer aus, wobei es zu Straßenkämpfen kam, bei denen viele der Zirkusparteien gestorben seien. Dies war die Ursache dafür, dass die Faktionen in noch größerem Ausmaße ihr Unwesen trieben. Danach seien die Massen, vermutlich am Donnerstag, zum Haus des Probos[3] gegangen, um ihn zum Kaiser zu akklamieren, der jedoch, möglicherweise weitsichtig gedacht, nicht im Hause anzutreffen war, woraufhin sie auch dieses in Brand setzten. An den folgenden Tagen kam es zu weiteren Straßenkämpfen, ehe am Samstag, so schildert Prokop weiter, Justinian die anderen zwei Neffen des Anastasios I., Hypatios und Pompeios – also für Justinian mögliche Usurpatoren –, in ihre Häuser entließ, um entweder einen möglichen Anschlag auf ihn zu verhindern oder weil es so prädestiniert sei.

Am achtzehnten Januar, also dem Sonntag, stellte sich Justinian dem erzürnten Volk im Hippodrom, mit der Bibel in der Hand – zur Bekräftigung der Reue – und der Absicht, zu verkünden, dass er ihm alle Schuld für die Vergehen abspreche. Das Volk teilte sich nun in zwei Gruppierungen auf; die einen begaben sich wieder auf seine Seite, wohingegen die anderen Hypatios zum Kaiser akklamierten. Zuvor hatte das Volk vernommen, dass die zwei Neffen aus dem Kaiserpalast von Justinian weggeschickt worden seien, weshalb sie zum Haus des Hypatios eilten, um ihn zu erheben. Als sie ihn wieder ins Hippodrom geführt haben, legten sie kaiserliche Insignien um sein Haupt und brachten ihn in die kaiserliche Loge. Hypatios habe dann heimlich im Vertrauen einen Gesandten, Ephraem, an Justinian mit der Botschaft, dass er alle Feinde im Hippodrom versammelt habe, geschickt. Doch als dieser zurückkam und vermeldete, dass Thomas, ein kaiserlicher Leibarzt, gesagt habe, dass Justinian sich gar nicht mehr im Palast befinde, sondern geflohen sei, war er sich seiner Sache sicher und erschien als Usurpator. Justinian, der sich derweil mit den anderen Senatoren in seinem Palast beriet, ließ diesen schützen und begab sich in eine sichere Position, denn es waren bereits 250 schwer gepanzerte Grüne auf dem Weg, in der Hoffnung, sie können den Palast erobern. Narses habe unterdessen versucht, für Unruhen innerhalb des Volkes zu sorgen, indem er den Blauen Geld (aus eigener Hand) gab, so dass sie sich wieder auf die Seite des Kaisers begaben und riefen: „Augustus Justinian, mögest du siegreich sein.“

In der Folge soll unter der Masse abermals eine Straßenschlacht entstanden sein, bei der die Grünen sie mit Steinen beworfen haben sollen, so dass der Versuch letztendlich gescheitert sein soll. Justinian musste also wieder handeln. Er soll versucht haben, Schutztruppen im Palast – die bis zur endgültigen Entscheidung neutral gesinnt waren - zu seinen Gunsten zu beeinflussen, vermutlich gegen Gelder oder Zusicherungen jedweder Art. Nachdem Belisar vergeblich versucht habe, Zugang zum Hippodrom zu bekommen, bekam er den Befehl, die Chalke und die Vorhallen von außen (in den Angriff) zu nehmen. Als er weiter vorgedrungen war, war es ihm möglich, die im Hippodrom versammelten Menschenmassen niederzumetzeln und die Usurpation des Hypatios erfolgreich niederzuschlagen.

 Am Ende kamen über 30.000 Menschen ums Leben. Die beiden Neffen wurden gefangen genommen, am nächsten Tag hingerichtet und ins Meer geworfen. Zudem ließ Justinian Thomas enthaupten und schickte Ephraem ins Exil. Daraufhin ließ er in allen Städten die Botschaft verbreiten, dass er gegen seine Usurpatoren siegreich gewesen sei, ebenso ließ er die Wiedererrichtung der Stadt anordnen. Die Parteinahme an der Usurpation, an der 18 Senatoren beteiligt waren, habe ihn veranlasst, diese zu verbannen und ihren Besitz zu konfiszieren. Der Besitz sei aber schlussendlich, soweit nicht schon ausgegeben oder verschenkt, an ihre Besitzer zurückgegeben worden. Zudem beschreibt Prokop, dass der Nika-Aufstand zum Anlass genommen wurde, jedes kostbare Gut der Senatoren beschlagnahmen zu lassen und alles, was in irgendeiner Weise wieder Geld durch Steuern generiere, „unter dem Schein der Milde“ zurückgegeben wurde.

 

 

[1] Belisar war, neben Narses, einer der bedeutendsten Feldherren des 6. Jhr. und hat u.a. (erfolgreiche) Kriege gegen die Goten geführt.

[2] Wie Belisar und Narses, Feldherr von Justinian.

[3] Ebenfalls ein Neffe des Anastasios I. – also ein möglicher Usurpator.

Kommentare (4)

Kira Geiger

Ein spannender Artikel, Herr Rosenboom! Hätten Sie eine Literaturempfehlung für mich, wenn ich mich intensiver mit dem Nika-Aufstand beschäftigen wollen würde?

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  • Luca Rosenboom

    Vielen Dank, Frau Geiger. Es kommt darauf an, in welcher Hinsicht Sie sich mit dem Nika-Aufstand beschäftigen wollen. Aus Interesse oder fürs Studium? Ich könnte u.a. Rene Pfeilschifter, Der Kaiser und Konstantinopel. Kommunikation und Konfliktaustrag in einer spätantiken Metropole; oder Mischa Meier, Die Inszenierung einer Katastrophe. Justinian und der Nika-Aufstand empfehlen. Es gibt noch weitere Literatur. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen eine Liste per Nachricht schicken.

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  • Marcin Lupa

    Spannend. Erschien jedoch nicht in meiner Timeline und ich fand den Beitrag erst jetzt, beim Besuch der Gruppenseite.

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