Der Mut zum Verbotenen - Nietzsche als Christin lesen

Nadine G. • 13 September 2020

Es war das Jahr 2004, als in meinem so geordneten, so friedlichen Leben in einem rheinischen Dorf ein Vulkan ausbrach. Mit 17 Jahren widmete ich damals einen großen Teil meiner Zeit meinem katholischen Glauben. An Wochenenden trug ich als Lektorin Fürbitten vor, mittwochs ging ich zum Schulgottesdienst, einmal pro Woche dirigierte ich einen christlichen Jugendchor und in Ferienzeiten trat ich als Aushilfsorganistin auf. Gerne wollte ich später Theologie studieren, um mein Leben dem Dienst an Gott und seiner Gemeinschaft zu widmen.

Wäre da nicht dieses dünne, lindgrüne Büchlein gewesen. Ein Freund – viele Jahre älter, um viele Erfahrungen reicher als ich – drückte es mir eines Tages in die Hand. Ich müsse es lesen, drängte er mich, es würde mein Leben verändern. Der Buchdeckel zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Der porträtierte Autor blickte träumerisch vor sich, sein Kopf von der rechten Hand gestützt. Ein viel zu großer Schnauzbart verdeckte seinen Mund, sodass die Mimik versteckt blieb. Dann erblickte ich den Buchtitel: „Der Antichrist“. Ich schauderte. Was sollte dies sein? Ein Manifest für Atheisten oder gar Teufelsanbeter?

Das Buch wanderte zunächst ins Regal und verschwand neben dicken Lexika und Wortbüchern. Doch wann immer mir dieser unerhörte Titel in den Sinn kam, fühlte ich, wie der Stachel der Neugier sich Stück um Stück tiefer in mich bohrte – so lange, bis ich das Buch tatsächlich aufschlug.

In nur 124 Seiten tat sich dort etwas auf, dass meine bisherige Welt völlig zerstörte. Das Christentum, so hieß es, verneine die Natur des Menschen sowie alle seine Sinne und lebenserhaltenden Instinkte. Statt ihn für das Leben zu stärken, habe es den Fokus auf das Jenseits verlegt und damit dem Leben den Sinn genommen. Speerspitze dieser Entwicklung seien die Priester gewesen, welche den Menschen durch ein ganzes Sammelsurium an Konzepten wie dem der Sünde unterdrückt und krank gemacht hätten. „Der Mensch soll nicht hinaus, er soll in sich hinein sehen; er soll nicht klug und vorsichtig, als Lernender, in die Dinge sehn, er soll überhaupt nicht sehn: er soll leiden… Und er soll so leiden, daß er jederzeit den Priester nötig hat.“ Diese unglaublichen Worte säten in mir den Zweifel, der zögerlich und leise in mir aufkeimte. Der Christ: „das Herdentier, das kranke Tier Mensch“. Aber was bedeutete dies alles?

Irgendwann hatte ich genug Mut angesammelt, um von diesen Zeilen aufzublicken und um mich zu schauen. Und was ich sah, war gar nicht gut. Fühlte ich mich denn nicht jedes Mal, wenn ich zur Beichte ging, erniedrigt und entmündigt, weil unser Dorf-Priester mir die Absolution erteilen musste? Wie aber konnte jemand über mein Leben richten, der ein Alkoholiker war und sein eigenes Leben nicht im Griff hatte? Je länger ich grübelte, desto häufiger dachte ich an Christen, die als „Sünder“ sanktioniert worden waren, obwohl sie natürlichen menschlichen Bedürfnissen nachgegangen waren. Meine Religionslehrerin etwa. Nach der Scheidung von ihrem Mann hatte sie erneut geheiratet. Dem heimischen Kirchenvorstand war dies suspekt, und so wurde ich am Telefon ausgefragt, ob diese Lehrerin nicht ketzerische Ansichten verbreitet hätte.

Schließlich stellte sich mir aber noch ein ganz andere, viel unglaublichere Frage: Wie konnte es denn sein, dass ein Buch, welches 100 Jahre vor meiner Geburt geschrieben wurde noch so erstaunlich genau meine christliche Lebenswelt und deren Verfehlungen beschrieb? Es war unfassbar.

Nach Monaten des Ringens mit mir selbst, der Gewissensbisse, der Scham und des Schauderns war die Unsicherheit zur Gewissheit angewachsen. Ich wollte kein Herdentier mehr sein, sondern frei und selbstständig meinen Lebensweg gehen. Die Konsequenz daraus konnte ich nicht weiter aufschieben. Am 27. September 2004 betrat ich einen sechsstöckigen Betonklotz in einer nahen Kleinstadt. Ich schob dem Beamten auf der anderen Seite des Schreibtischs meinen Personalausweis und 30 Euro entgegen. Dann reichte er mir ein Dokument, auf dem ich mit meiner Unterschrift bestätigte, dass ich aus der römisch-katholischen Kirche austreten wolle. 17 Jahre Zugehörigkeit zum Christentum innerhalb von zwei Sekunden offiziell abgelegt. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf – noch ehe ich sie meinen Eltern selbst überbringen konnte.

Aus mir ist nie eine Philosophin oder eine Nietzsche-Forscherin geworden. Während meines Studiums trat der Mann mit dem Schnauzer für mich in den Hintergrund. Doch mehr als jeder Denker, mehr als jeder Schriftsteller, den ich je gelesen habe, hat dieser Mann mir die Tür geöffnet zu einem kritischen Denken, das unentwegt Zustände hinterfragt und nichts als gegeben ansieht. So anstrengend dies auch sein mag, so wenig kann ich mir mein Menschsein ohne dies denken.

Nietzsche birgt auch nach über 100 Jahren eine enorme Sprengkraft, welche die Fesseln des menschlichen Geistes entzweireißen kann. Und so habe ich es vor allem ihm zu verdanken, dass aus mir keine Theologin, sondern eine Religionswissenschaftlerin geworden ist.

 

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