Moment

Carolin Martens • 1 März 2022
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Meine Großmutter ist damals als Deutsche in Lodz aufgewachsen, bis sie zum Ende des 2. Weltkriegs nach Deutschland fliehen mussten. Ich bemühe mich, wenn sie sich an etwas erinnert (was leider immer weniger wird), das für die Zukunft aufzuschreiben, damit diese schreckliche Zeit nicht in Vergessenheit gerät. Diese Geschichte enthält also einige Details, die sie mir von ihrer Flucht erzählen konnte.

 

Rumms. Mit jeder Sekunde wurde es lauter. Mit jedem Knall bebte die Erde stärker. Sie kamen und bald würde es zu spät sein. Auf der Suche nach ihrer Stiefmutter huschte das Mädchen durch die Flure. Ein lautes Klirren und darauffolgende Flüche lockten sie in das Wohnzimmer.
„Sei vorsichtig!“, schimpfte die große Frau.
Vor ihr kniete ein Gärtner, der hastig versuchte, die zu Boden gefallenen Kerzenständer einzusammeln. Rumms. Die Erde vibrierte mit neuer Kraft und entführte den letzten Kerzenständer, bis er vor den Füßen des Mädchens Halt fand. Schnell schnappte es den glänzenden Gegenstand und reichte ihn dem verzweifelten Mann. Dieser bedankte sich mit einem kurzen Lächeln und verließ vollbepackt den Raum. Sie schaute ihm kurz hinterher, ehe sie sich ihrer Stiefmutter zuwandte.
„Wir müssen hier raus, schnell!“
Die Frau hastete am Sofa vorbei zu den großen Fenstern und schob einen Stuhl neben die Vorhänge.
„Einen Moment noch.“
Verunsichert stellte sich das Mädchen neben seine Stiefmutter und schaute hinaus in den Garten. Dort grub der Gärtner eilig ein tiefes Loch. Er war der letzte Angestellte im Haus. Alle anderen waren längst geflohen. Auch ihre große Schwester war schon seit Monaten wieder in Deutschland, um als Sekretärin zu arbeiten und da ihr Vater irgendwo an der Front war, würden es bald nur noch sie und ihre Stiefmutter in dem jetzt viel zu großen Haus sein. Der Gärtner war anscheinend fertig mit der Grube und kletterte schnell wieder raus.
„Was macht er da draußen?“
„Er verbuddelt unsere Wertsachen, damit wir sie wieder ausgraben können, wenn wir zurückkehren“, erklärte die Frau, während sie auf dem wackeligen Stuhl stand und nach den Vorhängen griff.
Das Mädchen beobachtete, wie der Mann Kerzenständer, Kristallgläser und das gute Besteck in eine große Kiste schmiss, die er anschließend im Loch versenkte. Hastig griff er wieder zur Schaufel, um die Grube zu schließen. Rumms. Der Stuhl ihrer Stiefmutter rüttelte bedrohlich hin und her, doch sie ließ sich von ihrer Aufgabe nicht ablenken. Besorgt blickte das Kind zu ihr hoch.
„Sollten wir nicht endlich gehen? Dorle hat uns doch schon längst gewarnt, dass sie kommen würden und wir fliehen müssen!“
„Einen Moment noch. Halt mal.“
Sie reichte dem Mädchen den Stoff an und kletterte vom Stuhl, um die Vorhänge wieder entgegenzunehmen.
„Deine Schwester hat schon immer gern die Pferde unnötig scheu gemacht. Wir haben Zeit.“
Selbstbewusst marschierte sie aus dem zitternden Zimmer. Das Kind setzte an, um ihr zu folgen, als es aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Der Gärtner war fertig und rannte mit der Schaufel in den Händen über den Hof, am Zaun vorbei und vom Gelände, bis er nur noch ein kleiner Fleck am Horizont war. Das war es also. Jetzt waren sie nur noch zu zweit. Rumms. Rumms. Es wurde schlimmer. Sie waren fast da. Das verängstigte Mädchen raste aus dem Raum die Treppe hoch, wo es seine Stiefmutter im Kleiderzimmer fand.
„Was machst du da?“, fragte sie entsetzt.
Die Frau schaute kurz hoch und rollte mit den Augen.
„Wonach sieht es denn aus?“
Bügeln. Sie bügelte die Vorhänge.
„Aber warum tust du das?!“
„Na, weil wir hier ja keinen Saustall hinterlassen können. Schließlich sind wir in ein paar Tagen wieder zurück und dann muss alles ordentlich sein. Also einen Moment noch und dann können wir gehen.“
Rumms. Rumms. Rumms. Der Schrank hinter ihr kippte um, die Vorhänge rutschten vom Bügelbrett und mit einem Mal schien der Stiefmutter die Situation klar zu werden. Wortlos schnappte sie sich den fertigen Koffer an der Badezimmertür mit der einen Hand und das Handgelenk des Mädchens mit der anderen. Sie liefen die vibrierende Treppe hinunter und beluden sich so gut es ging mit dem an der Haustür bereitstehenden Gepäck. Das Mädchen riss die klappernde Tür auf und stolperte eilig die Stufen hinunter. Die beiden rannten so schnell ihre Füße sie trugen, um zum letzten Zug zu kommen, der sie nach Deutschland bringen würde. Lärm und Bomben umgaben sie, der Staub brannte in ihren Lungen, doch sie konnten nicht stehenbleiben, denn das würde den sicheren Tod bedeuten. Rumms. Vor ihnen. Hinter ihnen. Überall. Sie verloren den Großteil ihres Gepäcks, doch es gab in dem Moment kaum etwas, das weniger wichtig gewesen wäre. Sie wateten die letzten Meter durch den Schmutz und Staub, der die Luft mittlerweile komplett ausmachte und gelangten endlich zum Zug. Links und rechts ragten Menschen aus allen Fenstern und Türen, doch die beiden schafften es noch knapp, sich in die Menge zu drängen, ehe die Lok losfuhr. Es war ein Gefühl kollektiver Erleichterung, als der Zug sich rödelnd und bebend von dem Lärm entfernte. Jeder wusste, dass es noch nicht vorbei war. Auch nicht, wenn sie endlich in Deutschland ankommen würden, doch für diesen einen Moment hatten sie wenigstens Hoffnung und für diesen Moment war alles gut.

Kommentare (7)

Gabriele Jung

Die Geschichte, die Sie Frau Martens hier schildern, kreist glaube ich gerade in den Köpfen vieler alter Menschen und was ich auch wahrnehme ist, dass das, was wir im Augenblick erleben, die sogenannte Kriegsgeneration noch einmal auf eine ganz andere Art in Angst und Schrecken versetzt als mich, die ich Krieg und Flucht nur vom Hören und Lesen kenne. Mein Vater, Jahrgang 1941, war zwar noch sehr klein, als er mit dem letzten Zug gen Westen gerade noch einmal dem Schlimmsten entkommen konnte, aber wenn ich seine Reaktionen jetzt erlebe, merke ich, wie tief die Erfahrung sitzt. Manchmal denke ich darüber nach, warum zumindest im meiner Familie nicht viel intensiver über das Erlebte gesprochen wurde. Aber zum einen waren meine verwitweten Großmütter viel zu sehr damit beschäftigt, irgendwie einen lebenswerten Neuanfang zu schaffen und andererseits erinnere mich eben auch daran, wie viele der jüngeren Generation von den Kriegsgeschichten nichts mehr hören wollten und das „Ich erzähl’ Euch mal von früher“ eher zu leeren Tischen geführt hat als zu einer aufmerksamen Zuhörerschaft. Geschichtsbewusstsein ist wichtig und Erinnerungen wie von Ihnen geschildert sind ebenso wichtig. Und der immer wiederkehrende Reflex, Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, erweist sich zumindest für mich heute falscher denn je. In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihren Beitrag.

Carolin Martens

Vielen Dank für Ihren Kommentar, Frau Jung. Als ich mich gestern mit meiner anderen Oma, die zu Kriegszeiten viel jünger war, kurz über die aktuelle Lage unterhalten habe, wurde sie, vermutlich ähnlich wie Ihr Vater, direkt wieder in die Vergangenheit geschickt. Zwar hatte sie das Glück, nicht fliehen zu müssen, die Nachkriegszeit und die damit einhergehende Armut und den Hunger, musste sie leider komplett miterleben. Kindheit gab es damals leider nicht. Daher kann ich Ihnen nur beipflichten. Die Vergangenheit ist gruselig und grausam, aber wenn wir sie verdrängen, gehen wir die Gefahr ein, sie zu wiederholen.

Merchan Agaricus

Diese tragischen Zeiten, die Sie, Frau Martens, in Ihrer Erzählung schildern, machen gerade die Menschen in der Ukraine durch. Schon seit Jahren geht es den Syrern so und auch andere Nationen kannten diesen Moment, während wir hier den westlichen Weg in einem beachtlichen Wohlstand gegangen sind.
Keiner will, dass diese Zeiten zurückkehren - wirklich keiner? Scheinbar gibt es sadistische Aggressoren, wie Putin, die das Leiden der anderen genießen. Sie genießen es Menschen Angst zu machen, weil sie selber so ein schwaches Ego haben, in Wahrheit winzig und unsichtbar sind, machen sie mit Gewalt, Terror und Mord auf sich aufmerksam.
Bleibt für uns Menschen einer gesünderen Welt nur eines, zusammenzuhalten, gegen diese Terroristen.

Die Szene mit den gebügelten Vorhängen erinnert mich an eine Szene, die ich bei Asfa-Wossen Asserate gelesen habe. Auf dem Weg zur Hinrichtung durch die Guillotine fragte ein französischer Adeliger seinen Mitverurteilten, wie viel Trinkgeld man dem Henker zahle. Das sind gute Manieren. Schön wäre es, wenn mehr Menschen diese Manieren hätten, dann hätten wir auch das Problem mit den Kriegen nicht, schätze ich.

Vielen Dank Ihnen für die Schilderung Ihres Moments.

Carolin Martens

Vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Lupa. Ihre Aussagen kann ich nur unterschreiben. Ein paar machthungrige Menschen an der Spitze und beide Seiten müssen unfassbares Leid ertragen. Ich habe einmal irgendwo ein kleines Zitat gelesen: „Worin unterscheiden wir uns von Flüchtlingen? Glück.“. Ein Zitat, das leider zu jeder Sekunde immer irgendwo auf der Welt passend ist. Krieg ist aus Menschen wohl nicht rauszubekommen. Aber wer weiß, vielleicht haben wir ja eines Tages alle Glück.

Merchan Agaricus

Das Problem mit dem Glück ist, dass es zu wenig verlässlich ist.
Ich weiß an dieser Stelle nicht, wie sich die Nationen entwickeln müssen, damit nie wieder Krieg herrscht zwischen ihnen.

Und so lange wir nichts verlässlicheres haben, setzen wir auf alles, was wir kriegen können. Gerne auch auf Glück und ein täuschendes Gefühl von Bestimmung.

Ansgar M. Cordie

Erzählende Texte wie dieser sind wichtig. Denn nur durch sie wird lebendig, was die beteiligten Personen erlebt haben. Erzählungen wie diese machen uns empathiefähiger.

Carolin Martens

Vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Cordie. Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Es ist immer wichtig, den Menschen hinter den (Flüchtlings-)Zahlen und Geschichten zu sehen. Alles andere anonymisiert nur und gerät in Vergessenheit.


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