Mind-Uploading — zwischen Science-Fiction und Unsterblichkeit

Hendrik Fleischmann • 30 Dezember 2020

Prolog

 

„As humanism freed us from the chains of superstition, let transhumanism free us from our biological chains.”

Simon Young

 

Das unangenehme an Vorhersagen ist, dass sie die Zukunft betreffen[1]; das macht die meisten von ihnen auch so fürchterlich falsch – man denke nur an die Bloody Boring Prophets aus Monty Phytons Life of Brian! Statt mich also an Horoskopen zu versuchen – in dieser Kunst bin ich leider doch reichlich wenig geschult –, will ich in diesem Essay eine vielleicht anfangs minimal wirkende Frage erörtern: die des Mind-Uploadings. Wer Arthur C. Clarkes Die sieben Sonnen gelesen oder etwa Altered Carbon gesehen hat, wird mit diesem abstrusen Terminus womöglich mehr anfangen zu wissen als der Durchschnittsleser; ja selbst unter Philosophen wird dieses Thema kaum behandelt – zu Unrecht, wie ich finde.

Der Prozess des Mind-Uploadings beschreibt im Wesentlichen die Prozedur, ein – wie auch immer geartetes – Bewusstsein, auf eine andere Materialität zu übertragen: von einem menschlichen Gehirn zum Beispiel in die Schaltkreise eines »Roboters« – vom leiblichem ins mechanische. Dem Bewusstsein selbst soll das nicht abträglich sein: Lediglich der »Körper« ist ein anderer – wenn es denn einen solchen dann noch gibt. Diese schemenhafte Skizze möchte ich im ersten Teil dieses Essays etwas ausdifferenzieren: Wir werden kurz verschiedene theoretische Möglichkeiten des Mind-Uploads kennenlernen und uns anschließend fragen, welche gedanklichen Konzeptionen dieser Idee zu Grunde liegen und ob ein »hochgeladenes« Ich denn überhaupt eine solche Erfahrungsmöglichkeit hätte, wie die heute vorherrschenden, biologischen Ich-Bewussten Wesen (darunter zählt freilich der Mensch – so könnte Ich diesen Text ja nicht schreiben und Sie selbigen nicht lesen – aber auch gewisse Formen der höheren Primaten etc.) – und schließlich, inwiefern das Mind-Uploading Konsequenzen auf das eigene und das gesellschaftliche Leben (im weitesten Sinne: Ich will darunter auch politische, ökonomische, kulturelle etc. Interaktionsräume subsumieren) haben könnte. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Topik kein sinnfreies Gedankenspiel ist – und das Kontemplieren darüber keine bourgeoise Tätigkeit. Im Gegenteil: Auch wenn uns der Gedanke heute skurril erscheinen mag und die Beschäftigung damit wenig relevant, so werden doch womöglich schon unsere Urenkel davon ganz direkt betroffen sein – betrachtet man gegenwärtige Entwicklungen (etwa Elon Musk Neural Link Pläne oder das stark subventionierte Human Brain Project), will ich meinen, damit meine Sorge bestätigt wissen zu können; und es ist gewiss besser sich vorher damit zu befassen, als nachher vor gemachten Tatsachen zu stehen – und womöglich erst dann zu merken, bereits knietief in einer dystopischen, politischen Gesamtwirklichkeit zu stecken. Die Philosophie ist hier ganz direkt in der Bringschuld: Während die naturwissenschaftlichen Disziplinen positives (im Sinne von ponere: abgelegt, fixiert – darunter ist keine Wertung zu verstehen) Wissen erzeugen, muss der Philosoph hier dreifach wirksam sein: Erstens sicher darin festzustellen, wie und ob ein solches Unterfangen denn überhaupt gelingen kann – eine erste Skizze werden wir hier, auf den Schultern anderer, entwickeln. Zweitens ist es ganz unerlässlich die ethischen Begrifflichkeiten dieser technologischen Unternehmen auszuloten: Ethische Normen sind nichts, was man auch im noch so leistungsstärksten Teilchenbeschleuniger der Welt ausfindig machen kann (sieht man mal von Sam Harris‘ traurigen Versuchen ab, ethische Gesetze durch neurophysiologische Korrelate auszubaldowern: Ein solches Abenteuer gleicht dem Versuch dem Wesen einer Kanone dadurch auf die Spur zu kommen, indem man den Einschlag ihrer Kugel vermisst und dann verlautbart, es handle sich bei Kanonen offensichtlich um kreisrunde, fliegende Untertassen) – und dennoch sind sie gerade hier wichtig: Ist ein digitales Leben überhaupt zu befürworten? Ist der Tod etwas, das überwunden werden soll? Kann ein unendliches Leben ein subjektiv sinnerfülltes sein? Und schließlich: Wie verhalte ich mich meinem derzeitigen Leben gegenüber in der Gewissheit, zukünftig digital unsterblich zu werden? Wie werden uns Fragen solcher Art – wie erwähnt -  gegen Ende etwas annähern. Drittens schließlich: Die Philosophie darf sich nicht vom herrschenden Diskurs knechten und von Strukturen vereinnahmen lassen; sie muss das evaluieren, was möglich ist – und das reflektieren, was sich entfaltet. Entwicklungen sind objektiv, Fortschritt ist Sache der Interpretation: Gerade im Sinne des Mind-Uploadings ist nicht alles Gold, was glänzt. Die theoretischen Möglichkeiten beinhalten beides: Die Dystopie der totalen Überwachung, der vollkommen Entindividualisierung, der absoluten Unterjochung – aber auch die Utopie eines ewigen Lebens; eines Lebens frei von Mangel, Sorge und Ausbeutung.

 

 

 

Schritt I: Was bedeutet das alles?

 

„Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen. Führe mich von der Dunkelheit zum Licht. Führe mich vom Tod zur Unsterblichkeit.“

Aus den Upanishaden

 

Um uns später nicht zu verstricken, wollen wir nun gleich zu Beginn unsere begrifflichen Fundamente klären: für philosophische Arbeit ist das unerlässlich. Sezieren wir also den aufgenommenen Terminus, treffen wir zwei Bestandteile an: Mind und Upload – was ist damit also genau gemeint? Schon bezüglich des Begriffes Mind kann man hier ins Stocken geraten: Denn selbst unter Philosophen ist nicht so recht sicher, was das Mind denn überhaupt ist – oder wie man es denn definieren soll. Schwieriger wird es noch, versucht man den Begriff ins Deutsche zu übertragen: Traditionellerweise ist «Geist« hier das semantische Korrelat (im engeren Sinne gibt es hier keine richtige deutsche Übersetzung, denn es gibt kein exaktes Synonym) – im Übrigen ist hiermit nicht solch eine metaphysische Entität zu verstehen, wie Das Kleine Gepenst eine ist (ob und wie diese Dinge nun existieren – ja, auch darüber kann man, wie über beinahe alles innerhalb der Philosophie, streiten). Mit dem Geistbegriff impliziert man – auch schon im alltäglichen Sprachgebrauch -  schnell einen gewissen Dualismus: Geist hier und Körper dort. Geistige Gesundheit hier, körperliche Gesundheit dort. Oder noch schlimmer: Einen Substanzdualismus – geistige Substanz (das, was Sie zum Lesen dieser Zeilen befähigt) hier, körperliche Substanz (also Zellen, Gewebe etc.) dort. Auf diese Probleme werden wir weiter unten noch zu sprechen kommen. Nur vorweg: Ich verstehe mich nicht als einen Dualisten (zumindest nicht in diesem Sinne) und möchte den Geistbegriff deshalb in diesem Rahmen auch nicht einfach kontextlos einführen. Für jetzt reicht uns folgendes als Arbeitsdefinition: Unter Geist verstehe ich die Menge aller innerpsychischen Prozesse, Ereignisse, Fähigkeiten und Dispositionen (z.B.Gefühle, Absichten, Empathie, Empfindung etc) – also kein Einzelding, sondern einen Bereich psychischer (also als nicht „körperlich“ empfundener) Abläufe. Wie dieser Bereich geartet ist, was ihn hervorbringt und wie er beschaffen ist: all das muss uns jetzt noch nicht weiter interessieren.

Durch das Mind-Uploading soll ein solcher Geist gewissermaßen übertragen werden: von einer Materialität, in eine Andere. Relevant ist vor allem, dass eine personale Identität und die entspechende Ich-Bewusste Perspektive beibehalten werden kann. Wir können unseren Überlegungen drei verschiedene Kategorien von Mind-Uploadings voranstellen (ich orientiere mich hierbei stark an Wiley, 2014): Upload durch das graduelle Ersetzen neuronaler Schaltkreise, durch Duplikation oder schließlich durch Division.

Stellen wir uns Testperson A vor. Testperson A besitzt ein herkömmliches, menschliches Gehirn: Es beinhaltet etwa 90 Milliarden Nervenzellen (genannt: Neuronen), besteht zu 80-90% aus Wasser und wiegt um die 1400 Gramm. Das Gehirn von Testperson A soll ge-uploaded werden. Vorstellbar ist die Bemühung winziger, mechanischer Geräte („Nanobots“), welche selbst als Neuronen fungieren könnten: Jeweils eine Maschine solcher Art würde ein entsprechendes Neuron besetzen, es zerstören (bzw. stilllegen) und seinen Platz einnehmen. Es ist im Übrigen nicht einmal notwendig vollständiges Wissen über die exakte Funktionsweise eines Neurons zu haben, um auf diese Weise erfolgreich zu sein: Auch die Behavioristen, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts tätig wurden, wussten nicht, welche physiologischen Mechanismen eine bestimmte Reaktion innerhalb eines Organismus auslösten – empirisch messbar war, dass diese Reaktion existierte und man mit ihr arbeiten konnte. In diesem Sinne können wir uns auch eine singuläre Nervenzelle gewissermaßen als eine Reiz-Reaktions Blackbox vorstellen: Durch die Ausschüttung verschiedenster Neurotransmitter in den synaptischen Spalt wird ein postsynaptisches Potential ausgelöst, dessen Stärke in der Weitergabe eines Aktionspotentials codiert wird – welches wiederum über das Axon und eine große Menge an Dendriten auf die Nachbarzellen übertragen wird; und immer so weiter. In der Tat ist dieser Mechanismus  - wie ich ihn hier holzschnittartig dargestellt habe – freilich wesentlich komplexer; und auch wesentlich unklarer. So oder so aber, kann ein rein technisches Korrelat eine ganz ähnliche Funktionsweise ausführen; und damit selbst eine gewissermaßen neuronale Kette werden. Man kann sich freilich vorstellen, worauf diese Überlegung hinauslaufen wird: Mit einer gewissen Geschwindigkeit wird jedes Neuron Stück für Stück ersetzt – und damit A’s biologisches Gehirn in ein Metallenes verwandelt. Als Konsequenz dessen erhielten wir eine materielle Konstruktion, welche – rein funktional – A’s Gehirn vollkommen identisch wäre; wir hätten damit Person A’s physikalisch-biologisches Gehirns in ein physikalisch-computerisiertes Gehirn verwandelt. Milliarden verschiedener Prozessoren (respektive: Nanobots) replizieren die topologische Verfasstheit (das heißt: die Orte jedes einzelnen Neurons) des ursprünglichen Substrates innerhalb dieses spezifischen Netzwerkes (das heißt: der Neuronenabfolge) und konstruieren dabei das Bewusstsein, das A (von sich selbst) hat.

Eine zweite Variante wäre die Duplikation. Auch Person B möchte ihren Geist übertragen. Person B würde sich einem »Scan« unterziehen (hinreichende Bedingung für den Erfolg einer solchen Prozedur wäre die Statik des Ausgangsorganes – denn in jeder Sekunde ändern sich ja die Verknüpfungen innerhalb ihres Hirns: B’s Gehirn müsste also „eingefroren“ sein), durch welchem das Konnektom (die Gesamtheit der neuronalen Verknüpfungen; analog übrigens zu „Genom“) dreidimensional erfasst wird -  und diese räumliche Verfasstheit schließlich könnte durch einen Computer nachgestellt werden. Ein entsprechend leistungsfähiger Computer (oder eine ganze Reihe an solchen) könnte dieses hochkomplexe Netz wieder zum Leben erwecken; und das Licht des Bewusstseins würde erleuchten[2].

Schließlich ist auch noch eine dritte Variante denkbar: Man teilt das ursprüngliche Substrat – also das Gehirn, etwa von Person C – zu einem gewissen Anteil, etwa zu 50%; die nun fehlende Hälfte wird, entsprechend ihrer vorherigen Struktur, ergänzt. Zweifellos würde das auch mit einem wesentlich kleineren Anteil funktionieren; und entsprechender Weise mit einer wesentlich größeren Menge an geuploadeten Gehirnen als Produkt – etwa wenn man 1% veranschlagt, jeweils ein Hundertsel abzwackt und hundertmal den Rest rekonstruiert. Für unsere Überlegungen ist diese Idee nicht zusätzlich relevant, aber ich will sie dennoch mit aufführen, denn: Noch bevor wir zu den philosophischen Erwägungen bezüglich der Identitäts-und Bewusstseinserhaltung kommen, können wir die Grenzen eines «traditionellen» Seelenbegriffes erkennen. Denn angenommen Person C ist mit einem ganz persönlichen, metaphysischen Geist beseelt: Wo käme denn selbiger hin, würde man C’s Gehirn aufteilen und auf diese Weise uploaden? Wäre er in C-1 bis C-100 ebenmäßig verteilt? Oder wäre es mehr von C in C-2 und etwas weniger in C-34? Oder hätte er sich gar komplett aufgelöst? Aber wer (oder: was) wäre dann in den Gehirnen aller hundert C’s?

 

 

Schritt II: Aber ist das denn möglich?

„Der Körper ist das Grab der Seele.“

  Platón

 

Alle diese Überlegungen fußen auf einer ganz zentralen Annahme: Dass eine solche Übertragung überhaupt möglich ist. Womöglich ist das, was auf der anderen Seite entsteht, nicht identisch mit dem Bewusstsein, welches man sich uploaden angemaßt hat – womöglich wäre das Endprodukt sich gar nicht selbst bewusst? Oder vielmehr: Kann denn ein rein künstliches Netz überhaupt ein solches Bewusstsein hervorbringen, welches uns erlaubt die Fünfte Sonate Bachs zu hören oder Monets Rosengarten zu betrachten? Feinste, farbliche Abstufungen wahrzunehmen, frisch gemähtes Gras zu riechen oder Schokolade zu schmecken? Ist Person D, welche wir uploaden, am Ende tatsächlich dieselbe? Wie können wir uns dabei sicher sein?

Diese Fragen sind natürlich nicht einfach zu beantworten – in der Tat wissen wir noch heute nicht, mit welchen Methoden wir die Frage des Bewusstseins überhaupt beantworten sollen; noch wie man Bewusstsein im Generellen definieren kann, ohne es dabei schon vorauszusetzen (Versuchen Sie sich mal selbst daran!). Wegen der Komplexität dieses Themas und der Vielfältigkeit seiner Beantwortungsmöglichkeiten, haben sich in der Philosophie des Geistes eine enorme Anzahl an Lösungsansätzen entwickelt; beginnend schon mit der Antike, etwa dem platonischen »Dualismus«. Auch nur eine kurze Präsentation weniger Positionen würde den hier veranschlagten Rahmen sprengen; die Darstellung dieser Debatte könnte ganze Bibliotheken füllen – und selbst damit wäre sie wohl nicht erschöpfend beantwortet. Ich will also folgendes versuchen: Wir wollen uns gemeinsam kurz grundlegende theoretische Kategorien anschauen, welche einen gewissen, konzeptionellen Rahmen für die Lösung unseres Problems bieten können – wir werden fundamentale Unterschiede kennenlernen und entsprechende Probleme, zu deren Lösung eine funktionierende Theorie zumindest grundlegend befähigt sein muss. Als Resultat werde ich (mit Dennett, 1991) eine funktionalistische Konzeption vorschlagen, deren Implikationen – zumindest hypothetisch – die Möglichkeit eines Mind-Uploads beinhalten würden.

Die Genese des Bewusstseins (wie auch immer wir es denn definieren wollen; vergleiche etwa: Pauen, 2001[3]) ist die eigentliche Preisfrage: Oft wird selbiges unter dem Label des „Leib-Seele“ Problems verhandelt, wobei eine treffendere Bezeichnung eher „Gehirn-Bewusstsein-Problem“ wäre; denn es geht weniger um die »Seele« (oder den „Geist“, siehe oben) im engen, metaphysischen (d.h. platonisch, christlich-jüdischen Sinne) Sinne, sondern um mentales Erleben im Größeren. Was heißt das nun? Bearbeitet wird die eine zentrale Fragestellung: Wie entsteht aus Neuronen – welche selbst ja keineswegs, auch nicht in rudimentärer Form, mit Bewusstseins gesegnet sind -, das, was wir als Ich-Bewusstsein erleben? Ist mentales Erleben – das, was wir eben nicht als körperlich, wie Bauchschmerzen etwa – erfahren, bloß eine Konsequenz der geregelten Aktivität von Milliarden an Neuronen? Oder ist der Geist etwas ganz verschiedenes zum „nur“ Materiellen (respektive: Neuronalem)?

Die damit skizzierten Positionen spiegeln grob die Trennung wieder, welche sich zwischen Monisten auf der einen Seite – welche meinen, dass wir uns in der Beantwortung auf die Bewusstseinsfrage auf nur eine Art von Zuständen zu berufen brauchen (nämlich materielle bzw. neuronale) -, und Dualisten – welche, opponierend, von zwei wesentlich verschiedenen Zustandskategorien ausgehen (also materielle und mentale) –, aufgetan hat. Es geht dabei heute weniger um physische Klassen, als um Rubriken von Zuständen; ein magnetisches Feld ist ja auch nicht physisch im Sinne des Materialismus des 19. Jahrhunderts und dennoch existiert es in einer gewissen Hinsicht; und genauso können sowohl mentale, als auch neuronale Prozesse physisch sein – aber dennoch in sich andere Zustände. Dualist kann man (bzw.: konnte man) trotzdem durchaus in ganz verschiedener Hinsicht sein: Descartes meinte etwa noch (wie oben kurz erwähnt), dass Körper und Geist fundamental verschieden sind – denn der Geist bestehe aus geistiger Substanz, der Körper (und die übrige, eben unbeseelte, Welt) lediglich aus einem materiellen Korrelat; als psychophysischen Interaktionspunkt vermutete er die Zirbeldrüse (Epiphysis cerebri). Es handelt sich hierbei also um einen Substanz(en)dualismus, nicht (nur) um einen Dualismus zwischen mentalen und physiologischen Zuständen! Das entscheidende Problem: In der Zirbeldrüse passiert in der Tat nichts dergleichen; die Hauptkritik an solch dualistischen Vorstellungen ist damit folgerichtig diese: Wie interagiert mein Geist (wenn ich etwa mit meinem Finger einen Stift anheben möchte) mit meinem Körper, wenn beide doch prinzipiell andersartig sind (Problem der psychophysischen Interaktion)?

Leibniz (Psychophysicher Parallelismus) – und ebenso, wenn auch auf andere Weise, Geulincx und Malebranche (Okkasionalismus) - meinten dieses Problem mit dem Eingriff Gottes auflösen zu können; modernere Ansätze mit dem Postulat sogenannter Psychonen (Popper und Eccles[4]) oder der Idee, dass mentale Zustände nur Begleiterscheinung physiologischer, das heißt neurologischer Aktivität sind (aber dennoch eben grundliegend anderer Art; Problem: Wie kann ich dann kausal auf meine Gedanken Einfluss nehmen, wenn mein Geist nur Nebenprodukt in sich geschlossener, nervlicher Erregungsketten ist?[5]).

Wie sieht es also mit dem monistischen Gegenspieler aus? Die Aufgabe ist: Wie erklärt man psychische Phänomene, mit entsprechend mentaler Qualität (das Sehen eines Baumes etwa), wenn man ja lediglich neuronale Abläufe als valide Erkenntnisgrundlage voraussetzt? Auch hier gibt es freilich ganz verschiedene Ansichten (welche untereinander durchaus unverträglich sind): Mentale Phänomene könnten mit Neuronalen identisch sein (Identitätstheorie), oder: mentale Phänomene als solche gibt es gar nicht, sondern deren Wahrnehmung ist eine Verhexung durch die Alltagspsychologie (Eliminativer Materialismus)! Oder: Psychische Akte sind identisch mit – von außen beschreibbaren – Tätigkeitsdispositionen (Logischer Behaviorismus); der innere, mentale Akt wäre also gar nicht von Gewicht. Oder: psychische Phänomene sind zwar nicht von anderer Art als Neuronale (das heißt: sie sind anormal) und entsprechend nicht auf sie reduzierbar, wohl aber abbildbar: und damit physikalisch, kausal erklärbar (Anomaler Monismus). Alle Überlegungen haben zweifellos große Vorzüge (gerade gegenüber der dualistischen Stiefmutter), aber sind – mehr oder minder –, mit gewichtigen Probleme behaftet; und eine weitere Auseinandersetzung mit den Gegenpositionen wird uns im Folgenden auch erspart bleiben.

Ebenfalls monistischer Grundlage ist der sogenannte Funktionalismus, welchen ich nun ausführlicher darstellen werde (und welchen ich in der Tat für die tragfähigste Konzeption halte; tatsächlich hat er auch in der heutigen Philosophie des Geistes einen gewichtigen Einfluss. Ich kann es nicht komplett vermeiden, dass das Folgende etwas abstrakt wird – denn das Thema ist ja leider keines, das man mit Zettel und Stift lösen kann. Ich bitte um Verzeihung!): Der Funktionalismus setzt voraus, dass mentale Zustände durch ihre funktionale Rolle innerhalb eines relationalen Systems definierbar sind. Stellen Sie sich Ihr Automobil vor: Es kann fahren dadurch, dass es einen Motor besitzt; dessen Funktionalität hängt wiederum von einem (befüllten) Tank ab und so weiter. Nicht nur müssen alle jeweils an einer Stelle ihres Autos angebracht sein (und nehmen dadurch eine gewisse Rolle innerhalb des Gesamtsystems Auto ein), sondern sie hängen ganz entschieden voneinander ab. Wir sehen hier also eine ganz einfache, funktionale Kette.

Entscheidend bei der Beschäftigung mit unserem Thema hierbei: Auf eine empirische Eingabe (etwas das Sehen eines schaurigen Objektes, während ich mich in einem düsteren Wald bewege), wird (stets) eine entsprechende Reaktion ausgelöst (die Emotion des Fürchtens womöglich – oder das Bedürfnis wegzurennen). Selbige funktionale Rolle kann dann durch einen entsprechenden physischen Prozess realisiert werden: etwa haben gewisse Neuronen innerhalb meines Neocortex eben diese Aufgabe, jene erwähnte Furchtreaktion auszulösen; wären die Neuronen woanders, dann hätten sie folgerichtig auch eine andere Rolle innerhalb des Gesamtsystems. Schon aus – natürlich verhältnismäßig – wenigen Neuronen, ist auf diese Weise ein einfacher Schaltkreis bastelbar, welcher einen ganz basalen Ablauf ausführt. Mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung ganzer Gattungen blieb es freilich nicht bei solch »einfachen Abläufen«; je nach selektiver »Notwendigkeit« sind einfache Änderungen (durch zufällige, randomisierte Mutationen) denkbar, welche einen damit entsprechend anderen Mechanismus kodieren – welcher wiederum eine womöglich ganz andere Funktion ausführt. Unser Gehirn – und das einer ganzen Kette unserer nahestehen, biologischen Verwandten –, wäre damit mitnichten eine perfekte Maschine: sondern durchaus das Resultat einer schier unendlichen Kette an minimalen, funktionalen Umbauten; was damit eben auch heißt, dass jede physiologische Reaktion – und das jedes cerebrale Phänomen –, einen funktionalen Ursprung, respektive Unterbau besitzt; und was damit heißt, das sich jede Hirnaktivität – und durchaus auch solche, welche einen phänomenalen Aspekt besitzen (etwa Schmerz) – auf eine spezifische Funktionalität zurückführen lässt.

Nun fehlt uns dann nur noch eines: Das Bewusstsein! Denn während Automaten, welche in gewisser Hinsicht ebenfalls eine rein funktionale Struktur beinhalten, ja kein Bewusstsein von den Aktionen zu scheinen haben, welche in ihnen einen Ausgang nehmen, so ist das bei uns ja freilich ganz anders gelagert; wir scheinen sogar die Kontrolle über eben jene Akte zu haben, während ein Getränkeautomat so oder so – eben nicht, ob er gerade möchte oder nicht – nach dem Einwurf eines materiellen Gegenwertes eine Dose variablem Genus exprimiert.

Um auch Bewusstsein funktional zu erklären kann uns eine Analogie zur Informatik helfen (folgende Darstellung fußt komplett auf: Dennett, 1991): John von Neumann – der ungarisch-amerikanische Mathematiker - entwickelte in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts eine theoretische Architektur funktionierender Rechenmaschinen (man mag sich vergegenwärtigen: Ohne irgendeine rechte Art eines damaligen, funktionierenden Korrelats!), auf welchen auch noch heute beinahe alle Computer fußen. In der Neumann-Architektur gibt es fundamentale Mechanismen und Schaltkreise – die wichtigsten: ein random acceess memory (RAM) und eine CPU, welcher entsprechende Befehle kodiert und genau zwei Register enthält. Auch wenn heutige Computer freilich wesentlich komplexer sind, sind diese funktionalen Schaltkreise ihre einfache, - eben funktionale - Grundlage. Aber freilich fehlt hierbei noch etwas: Nämlich die Benutzeroberfläche! Sonst wäre die Benutzung ihres Computers sicherlich ein nicht unwesentlich schwierigeres Unterfangen.

Die Benutzeroberfläche ist eine Virtual Machine, das heißt, sie imitiert die Hardware durch ein Programm, eine Software: Durch die Konzeption dieser virtuellen Schicht wird der Hardware, unter der Oberfläche, eine spezifische Instruktion auferlegt, also tausende an funktionalen Befehlen, vermittelt jeweils durch virtuelle Entitäten: Textblöcke und Dateien, Verzeichnisse und Menüs und schließlich Pfade, welche alles verbinden. Diese virtuellen Objekte sind das, was der Name impliziert: Sie existieren nicht in der Hardware, sondern durch selbige – flapsig ausgedrückt – über ihr. Theoretisch ist jeder Rechenprozess durch eine solche virtuelle Maschine darstellbar, welche wiederum ein Abbild einer Neumann-Architektur sein könnte: und da das Gehirn selbst – wenn wir unserer funktionalen Prämisse von oben Glauben schenken –, ein Konglomerat von Milliarden an winzigen, mechanistischen Abläufen (respektive: Rechenprozessen) ist, ist auch das Gehirn durch die Neumann-Struktur vermittelt vorstellbar: Als eine riesige Rechenmaschine und – das ist die finale Idee – mit dem Bewusstsein als ihrer Virtual Machine, ihrer Benutzeroberfläche; und wir schließlich als Benutzer selbiger. Das hieße: Es gibt nicht einen Ort, irgendwo unter Ihrer Schädeldecke, welcher das Bewusstsein beinhaltet (oder das, was Sie „Ich“ nennen). Das Gehirn ist eine unvorstellbar große Ansammlung von winzigsten, funktionalen Prozessen – welche Ihre Hardware sind –, und einer Superstruktur, dem Bewusstsein, welches uns hilft diesem Gerät Herr zu werden, auf diesem monumentalen Bock zu reiten – Ihre Software. Ein Diwasserstoffoxid (H2O) Molekül ist selbst nicht das, was wir gemeinhin Wasser nennen – und auch nicht zwei, nicht zehn, nicht tausend: Aber Billionen von ihnen sind das – verbunden durch spezifische chemische Verbindungen –, was Sie Tag für Tag in Ihrem Glas trinken. Und genauso verhält es sich vielleicht mit Ihrem Gehirn: Bedenken Sie! Ein Stück an cerebralem Gewebe – etwa in der Größe eines einzigen Sandkornes – enthält etwa 100 000 Neuronen und eine Milliarde Synapsen. Insgesamt halten etwa 90 Milliarden Neuronen den Laden am Laufen! Ein einzelnes Neuron fühlt keinen Schmerz, auch nicht zwei, nicht zehn, nicht tausend: Aber Millionen von ihnen – verbunden in einer spezifischen, funktionalen Struktur – erzeugen das, was Sie schließlich als Schmerz empfinden, wenn Sie mit dem Hammer ihren Finger geschickt verbreitert haben.

Um diese Konzeption zu verteidigen bedürfte es vieler weiterer Bücher (welche es im Übrigen auch schon gibt); an dieser Stelle können wir uns aber dennoch fragen: Was ist (oder wäre) damit gewonnen? Ich sage Ihnen: Eine ganze Menge! Schenken wir dieser Idee glauben, dann haben wir nicht nur eine gewisse Erklärung des Bewusstseins; wir haben auch gesehen, dass Ihr Gehirn (und ebenso meines) vollkommen durch seine funktionale (das heißt damit auch: örtliche) Mikrostruktur ausgedrückt werden kann. Und nun ist auch der letzte Schritt nicht mehr groß: Ebenso wie die topologische Struktur (das heißt: die Gesamtheit der Orte aller Spielfiguren) zu einem spezifischen Zeitpunkt innerhalb eines Schachspieles ganz verschieden materiell realisiert werden kann (auf einem Spielbrett aus dem Supermarkt oder einem solchen mit Elfenbeinfiguren), so könnte es sich auch mit dem Gehirn verhalten: Ist seine topologische Struktur so bekannt, dass die Funktionalität ihrer Teilsysteme ausreichend beschreibbar ist, so fällt der Gedanke nicht schwer, dass auch nicht-biologische Neuronen diese Rolle einnehmen könnten. Person D würde als solche wieder auferstehen, in welcher sie sich dem Upload unterzogen hat: und in der Tat ginge nichts verloren.

 

 

Schritt III: Aber was wären denn die Konsequenzen?

 

„Sheldon, ob es dir gefällt oder nicht: Solange du es nicht schaffst, deinen Verstand in einen selbstversorgenden Orbitalsatelliten mit Breitbandinternet und Tarnvorrichtung hochzuladen, bist du abhängig von anderen Mitgliedern der Menschheit.“

„The Big Bang Theory“, Staffel 4 - Episode 15

 

Unternehmen wir eine kurze Zeitreise: Reisen wir in Gedanken hundert, oder tausend Jahre in die Zukunft; und stellen wir uns vor, dass Mind-Uploading tatsächlich funktioniert (andere Autoren gehen von dieser Möglichkeit im Übrigen schon im/ab dem Jahr 2045 aus!) – und in der Gesellschaft in gewisser Hinsicht verankert ist. Was würde sich für unsere menschliche Lebenssituation ändern?

Ich kann auch hier gewiss Nichts vorhersagen; ja, es mag sogar gänzlich neue Phänomene (im weitesten Sinne) geben; solche, welche wir uns heute nicht einmal vorstellen können. Und weder kann – noch möchte ich mich hier – an soliden Prognosen überhaupt spezifisch versuchen; all diese Felder (Ökonomie, Kultur, Politik, Individum) – und durchaus jedes einzelne – bedürfen ganz eigener Untersuchungen. Ich möchte eher Kategorien vorschlagen, in welchem sich das Mind-Uploading – wie ich denke -  gewichtig auswirken könnte; inwiefern im Genauen? – das wird zu erforschen sein. Machen Sie sich selbst Gedanken!

Ich bin grundsätzlich überzeugt, dass die ökonomischen Rahmenbedingungen einen ganz entscheidenden Einfluss darauf haben werden, inwieweit »blühende Landschaften« zu erwarten sind: Mit einer potentiell unsterblichen Arbeiterschaft hat die kapitalistische Produktionsart gewiss kein fundamentales Problem – im Gegenteil werden jene Kosten, welche Marx Reproduktionskosten hieß (das heißt etwa: Geldmittel [im Arbeitslohn inbegriffen] für Kleidung, Nahrung etc. – das, was den Arbeiter leistungsbefähigt bleiben lässt), sicherlich stark sinken: und damit ein Fenster für eine noch größere Ausbeutung geöffnet. (Im Übrigen eine Entwicklung, welche durch eine stetige Entwicklung Künstlicher Intelligenz in Teilen nivellierbar ist; allerdings: Sind sich jene Maschinen auf eine Weise selbstbewusst, wie auch wir es sind, dann erstrecken sich ethische Bedenken durchaus auch auf sie!) Von ökomischen Rahmen – eines »digitalisierten Kapitalismus«? – sind gewiss noch andere Felder tangiert: Inwiefern ist wirkungsvoller Datenschutz möglich, wenn der Mensch – platt gesagt – selbst zur Maschine wird? Inwiefern ist er überhaupt noch durchsetzbar? Kann ich verhindern, dass mein Bewusstsein Opfer von größeren Strukturen wird? Inwiefern kann es zu einem sozialem Zwang werden sich zu »uploaden«? Außerdem: könnte die Möglichkeit des persönlichen Uploads hierarchische Strukturen zementieren? Etwa, wenn Diktatoren dem gemeinen Volk jene Möglichkeit nehmen, um sich selbst als ewigen Herrscher zu etablieren – hier dann in einem starken Sinne auf »Lebenszeit«? Könnte hier in der Hinterhand das entstehen, welches Nietzsche als das eigentliche, aristokratische Ziel des Menschen fabulierte: Die Herrschaft der »Übermenschen«, durch Mind-Uploading unendlich entwickelter als ihre biologischen Verwandten, und dem Rest als ihre Sklaven? Wie soll Strafvollzug möglich sein, wenn der Häftling der Zukunft ja ohnehin ewig lebt?

Könnte der ontische Status – Upload oder Nicht-Upload – als Gusseisen ganz neuer Arten der intersubjektiven Diskriminierung werden? Neben Geschlecht, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit et cetera? Gerade bezüglich etwa der Konkurrenz auf zukünftigen Arbeitsmärkten? Wird es (eben deshalb womöglich) eigene Parteien geben, welche die Interessen ge-uploadeter Individuen vertreten werden? Und apropos Religion: Inwiefern ist das spirituelle »Urbedürftnis« des Menschen an die Notwendigkeit des personalen Todes geknüpft? Warum ein gottgefälliges Wesen sein, wenn er (es?) mich niemals richten wird – lebe ich doch theoretisch ewig? Eng daran geknüpft sind ethische Fragen – ethisch auch ganz im Sinne der Stoiker: Im Sinne des Guten Lebens; denn: wie ist ein solches zu bewerkstelligen in der Aussicht ewig zu leben? Ist der Tod eine notwendige Begrenzung des Lebens (Heidegger, 2006) oder reine Kontingenz, eine reine Absurdität (Sartre, 1991); eine solche, deren Auflösung im Verhältnis zum Leben eben nichts fundamental ändern würde?

Hier kommen wir schnell zur individuellen Ebene: Ein Leben in einem – auch mechanischen -  Korpus ist mit gewisser mentaler Verrenkung sicherlich nicht undenkbar (Typ I); aber wie sieht es denn mit einer rein virtuellen Existenz, gewissermaßen innerhalb eines Computers aus (Typ II)? Wird es innerhalb dieser Strukturen – welche ja gewissermaßen eine Parallelwelt sind – eigene soziale, politische Mechanismen geben? Und außerdem: Eine Subjektivität ohne vermittelnde Leiblichkeit? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Welchen Wandel werden innerpsychische Mechanismen erfahren (sowohl bei Typ I, als auch Typ II)? Das Gefühl der Zeitlichkeit womöglich? Liebe? Sexualität? Das Unbewusste? Psychische Krankheiten? In welcher Hinsicht bleiben Geschlechterunterschiede bedeutsam? – wo sich doch das Gehirn von Frauen und Männern eben kaum substantiell unterscheidet (außer, dass das von Frauen im Schnitt 10% größer ist – aber natürlich ist das hierfür dann auch nicht mehr wichtig).

 

Epilog

 

„Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war.“

Yogi Berra

 

Wir können nun kurz durchatmen. Was haben wir gelernt? Wir sahen, was Mind-Uploading überhaupt ist; dann, auf welche Arten es womöglich realisierbar ist; dann betrachteten wir verschiedene philosophische Konzeptionen, welche ganz konstitutiv für die zu Grunde liegende Debatte ist, nämlich ob dieses Vorhaben überhaupt denkbar ist – und schließlich, dass es gewiss nicht ganz abwegig ist, diese Frage zu bejahen. Ich bitte Sie, sich durch die anfängliche Befremdlichkeit hindurch zu kämpfen; es ist mit Sicherheit von Wert, sich darüber Gedanken zu machen – vielleicht haben Sie auch ein Gespür dafür bekommen, warum.

Freilich empfinden wir alle diese Aussichten als das, was sie heute auch noch sind: als Science-Fiction. Aber bedenken Sie, dass wir hier womöglich unweigerlich ein Opfer unserer Zeit sind; denken wir an Jules Verne’s Idee der Unterwasser-Boote (realisiert nach 28 Jahren; bereits im ersten Weltkrieg – ausgebrochen nur neun Jahre nach Verne‘s Tod – starben durch ihre entfesselte Macht bereits unzählige Menschen), an die Tablets und Mobiltelefone aus Star Trek (realisiert nach etwa 40 Jahren), das mit Elektrizität tatsächlich ein Leben (wieder-)erweckt werden kann (wenn auch nicht im Sinne Shelleys Frankenstein; realisiert nach etwa 130 Jahren), die Atombombe (H.G. Wells Befreite Welt; realisiert nach etwa 30 Jahren), Video Anrufe (Man denke an Metropolis; realisiert etwa 90 Jahre später), Exo-Skelette (realisiert nach etwa 20-30 Jahren) und noch so vieles mehr. Und natürlich: Es gibt hier wesentlich mehr Fragen, als es Antworten gibt – das sahen wir ja gerade im letzten Abschnitt; aber ich bin mir sicher, dass gerade das ein gewinnbringender Indikator dafür ist, sich diesem Thema anzunehmen. Denn: nicht nur sind diese Aussichten gedanklich stimulierend – sie sind (ganz im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, mit denen Philosophen sich tagtäglich beschäftigen) im höchsten Sinne auch, und gerade, praktisch wirksam: Ich will ausdrücklich klarstellen, eben solche Entwicklungen – welche die Möglichkeiten der Unterdrückung und Ausbeutung zukünftiger Geschlechter ganz gewiss beinhalten – entschieden vermeiden zu wollen: Ich bin durchaus kein Anhänger jener transhumanistischen Strömungen, welche innerhalb der kapitalistischen Logik an der Condición humana herum zu werkeln meinen (etwa Googles Chefingenieur Ray Kurzweil); gerade deshalb ist es ja notwendig, diese Entwicklungen philosophisch zu reflektieren und sie eben nicht »auf sich zukommen« zu lassen. Denn was dann auf uns zukommt ist nichts mehr, was sich noch ändern ließe; die Zukunft ist dann formbar, wenn man sie als konkrete Möglichkeit erkennt – und als Handlungsaufforderung versteht; nicht, wenn sie schon mit einem Fuß in der Tür steht – und der Mensch mit einem Fuß im Grab. Naturalisierende Fortschrittsmythen sind damit gerade hier brandgefährlich: Technische Entwicklungen sind nichts, die einfach so – quasi im luftleeren Raum – passieren (so, als wären es Naturphänomene); sie sind ganz entschieden abhängig von materiellen und sozialen Umständen und damit auch ganz entschieden abhängig von uns selbst – und inwiefern wir diese Umstände als form-, und deshalb veränderbar wahrnehmen. Ich habe das Mind-Uploading als etwas vorgestellt, das passieren kann – es liegt an uns festzustellen, wie es passieren soll.

 

 

 

Verwendete Literatur:

Dennett, D. (1991). Consciousness Explained (English Edition) (1. Edition, Bd. 1991). Back Bay Books/Little, Brown and Company.

Heidegger, M. (2006). Sein und Zeit. De Gruyter.

Pauen, M. (2001). Grundprobleme der Philosophie des Geistes (2. Auflage). Fischer Taschenbuch Verlag.

Sartre, J.-P. (1991). Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Philosophische Schriften, Band 3. Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. (T. König, Hrsg.; 1.Aufl der Neuübers. Aufl.). Rowohlt.

Wiley, K. (2014). A Taxonomy and Metaphysics of Mind-Uploading. Humanity+ Press and Alautun Press.


[1] Frei nach Karl Valentin.

[2] Vorausgesetzt, dass dieses Vorhaben praktisch wirksam wäre, ergäben sich sogar noch spannendere Möglichkeiten: Denn wenn ein virtuelles Netzwerk – ohne physikalische Korrelate – in der Tat ein Ich-Bewusstsein ausbilden könnte, so wären auch ganz andere »Superprogramme« denkbar, mit ganz anderen virtuellen Verfasstheiten (Riley nennt selbige „Virtual higher-order“); und spätestens an dieser Stelle, mag einem die potentielle Gefährlichkeit von sogenannter Künstlicher Intelligenz gewisse Sorgen bereiten: denn auch wir hätten gesehen, dass auch ein Computerprogramm – theoretisch – sich selbst bewusst sein.

[3] Gewisse definitorische Eckpfeiler (Pauen, 2001): Bewusstsein ist eine Eigenschaft von Ereignissen (die Imagination eines Apfel kann ich mir vorstellen – dann hat diese Imaginationseinheit eben diese Eigenschaft, nämlich [mir] gerade bewusst zu sein), es ist aus einer privilegierten Perspektive erfahrbar (aus der „Ich-Perspektive“; auch wenn wir später sehen werden, dass das durchaus kein notwendiges Kriterium ist) und es ist narrativ von Sprache unabhängig (ich kann mir die Szene eines Spielfilmes visuell erlebbar machen und davon Dritten berichten, ohne weiter zu schlussfolgern – es ist mir also gestattet, den mir bewussten Inhalt nach außen zu tragen, ohne ihn vorher substantiell bearbeiten zu müssen).

[4] Oft wird auch damit argumentiert, dass eine echte Willensfreiheit nur dann möglich wäre, wenn der Geist eben nicht determinierter, biologischer Aktivität entspräche; aber tatsächlich verschiebt sich das Problem damit nur (Pauen, 2001): Denn dann müsste man ja dennoch erklären, wie Willensentscheidungen funktionieren (man denke etwa an unbewusste Einflüsse auf anscheinend freie Willensakte etc.) -  nur hätte man dann nicht mal mehr ein Substrat (nämlich Neuronen), auf welches man sich bei Beantwortung dieser Problematik prinzipiell stützen könnte; wissenschaftlich würde man damit ein dünnes Brett bohren.

[5] Es bleibt dennoch zu sehen, in welche Richtung zukünftige empirische Erkenntnisse tendieren; könnte man tatsächlich nachweisen, dass autonome nervliche Erregung eine grundsätzliche Möglichkeit innerhalb neuronaler Schaltkreise ist, spräche das ja durchaus dafür, dass es einen Geist gibt, welcher – wie auch immer -, auf die materiellen Netze „einwirken“ könnte (Pauen, 2001)

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