Meister Eckhart

Lara Hitzmann • 14 Dezember 2021
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Meister Eckhart


Der Theologe und Philosoph Meister Eckhart gilt heute als prägende Figur der Philosophie, Vordenker und Erfinder der Gelassenheit. Zu seinen Lebzeiten wurde er jedoch als Häretiker angeklagt und einiger seine Texte von Papst Johannes XXII verboten. Zentrum Eckharts innovativer Überlegungen war der christliche Gott und die menschliche Seele sowie ihr Verhältnis zueinander. 


1260 in Hochheim geboren trat Eckhart bereits in seiner Jugend den Dominikanern bei. Im Laufe seiner theologischen Tätigkeit stieg Meister Eckhart immer weiter im Orden auf. Als er seinen Lebensabend erreicht hatte, wurde er wegen seiner vermeidlich ketzerischen Schriften der Häresie angeklagt. Sein Gedankengut, harsch formuliert und sehr provokativ, stellte sich gegen die damaligen Ansichten der katholischen Kirche. Angeklagt wurde er schlussendlich wegen seinen Ansichten zur Einheit von Gott und Mensch und der damit einhergehenden Göttlichkeit des Menschen. Vor Ende des Inquisitionsprozesses starb Meister Eckhart eines natürlichen Todes in Avignon. Er selbst entging also dem Scheiterhaufen, aber seine Teile seiner Schriften wurden posthum als Irrlehren durch Papst Johannes XXII verboten und ebenso ihre Verbreitung. Es ist ein Glücksfall, dass seine Werke uns trotz der päpstlichen Verurteilung immer noch erhalten sind.


Der „Erfinder der Gelassenheit“, wie der Deutschlandfunk ihn nennt, sieht als Mittel zur Freiheit des Menschen die Loslösung von den Dingen. Es geht darum, nicht von äußeren Dingen abhängig zu sein. Damit ist nicht gemeint, ein minimalistisches Leben ohne Gegenstände zu führen, sondern sich von diesen Dingen nicht beherrschen zu lassen – ein Gedanke, der in unserer heutigen Konsumgesellschaft beinahe lächerlich erscheint?


Als Theologe beschäftigte sich Meister Eckhart aber vor allem mit Gott und der menschlichen Seele. Eckhart wollte die Menschen über das Wesen Gottes und der menschlichen Seele aufklären, aber auch ihr Verhältnis zueinander deutlich machen. Dies lies sich für Eckhart praxisbezogen am einfachsten verwirklichen: Hier zeigt sich seine neuplatonische Herangehensweise, da das Publikum anhand der eigenen Selbst-und Gotteserfahrungen durch Anleitung zu Eckharts Einsichten gelangen sollte. Dazu fragte er sein Publikum, wie Gotteserkenntnis zustande kommt und welche Voraussetzungen dazu erfüllt werden müssen. Für diesen Prozess sei die zuvor erläuterte Gelassenheit, so Eckhart, eminent.  
Es geht darum, gelassen zu werden: also alles, was ich will und wissen und haben will erstmal sein zu lassen. Nicht meine eigenen kurzsichtigen Ziele zu verfolgen, sondern sozusagen, das Leben auf mich zukommen zu lassen,“ erklärt Professorin Christine Büchner der katholischen Theologie der Universität Hamburg im Deutschlandfunk. 


Zusätzlich hinterfragte Eckhart immer wieder kirchliche Dogmen: 
„Solange du deine Werke um des Himmelreiches oder Gottes oder eines ewigen Heiles Willen, also von außen her, wirkst, so lange ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt. Du bist zwar in Ordnung, aber das ist noch nicht das Beste.“
Aus den deutschen Predigten Nr. 53, Meister Eckhart: Vom Atmen der Seele.

Seine Predigten beeindruckten sowohl Zeitzeugen, als auch seine Nachwelt. So formte Meister Eckhart nicht nur die spätmittelalterliche Spiritualität im niedersächsischen, französischen und deutschen Raum, sondern gestaltete die philosophische Fachsprache mit. 
Gerade in heutiger Zeit wird Meister Eckhart dank einiger seiner auf die moderne Gesellschaft anwendbarer Theorien als moderner Vordenker wiederentdeckt. 
Dabei ist seine Kritik an praktischen Vorgaben und Regelwerken besonders anziehend für die Menschen. Eckhart beschreibt nicht, was böse und was gut ist und hält nicht viel von Regeln und Autoritäten im Glauben und Regierung. Ganz im Gegenteil: Eckhart ermöglicht einen Raum für Selbstreflektion und der Aufdeckung von Mechanismen. 


Die Eckhart-Rezeption findet besonders in Asien großen Anklang: In Japan, Korea und China gilt Eckhart als ein Zeichen der Entdeckung östlichen Denkens in der westlichen Welt. Eckharts These zu der Einheit in allem und Gott, die Absichtslosigkeit und das Loslassen von Dingen findet sich zum Beispiel auch in der Tradition des Zen-Buddhismus wieder. 

 

Links: 
Mechthild Klein, Meister Eckhart. Erfinder der Gelassenheit, in: Deutschlandfunk (2016)
Gregor Papsch, Prophet der Achtsamkeit – Wer war Meister Eckhart? (2021)
https://www.meister-eckhart-erfurt.de/
 


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Inhaltsübersicht zur Biographie »Meister Eckhart« Prolog; TEIL I. Die Welt loslassen: Der Mönch; TEIL II. Gott loslassen: Der Gelehrte; TEIL III. Sich selbst loslassen: Der Prediger; TEIL IV. An der Religion festhalten: Die geistige Ikone; Epilog

Leseprobe unter »Weitere Informationen«

»Manche Menschen suchen Wissen um des Wissens willen; das ist Neugier. Andere suchen nach Wissen, um von anderen geschätzt zu werden; das ist Eitelkeit. Es gibt Menschen, die wissen wollen, um zu erbauen,und das ist [ein Ausdruck von] Liebe.«Bernhard von Clairvaux (1090–1153)

Auszug aus dem Prolog aus »Meister Eckhart« »Der Gegensatz zwischen dem gegebenen Rahmen und der Botschaft hätte kaum größer sein können. Man schrieb das Jahr 1318; der Ort war das Liebfrauenmünster in der deutschen Stadt Straßburg, der Anlass eine gewöhnliche Sonntagmorgenmesse. Der Mann, der in Kürze sprechen sollte, war Eckhart von Hochheim, der Nachwelt besser bekannt als Meister Eckhart. Rund 300 Männer und Frauen saßen schweigend auf den Holzbänken. Einige murmelten lateinische Gebete, während sie die erst kürzlich erfundenen Gebetsperlen, den sogenannten Rosenkranz, durch die Finger gleiten ließen. Die meisten warteten still, ihr Blick ruhte auf dem Priester mittleren Alters, der mit ernster Miene links vom Altar saß. Sein Haupt war nach der üblichen Tonsur der Mönchsorden rasiert, der Mann selbst auffällig gekleidet – er trug die bestickten, grünen Gewänder der liturgischen Jahreszeit.«

 


 

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Kommentare (3)

Marcin Lupa

Dass die Kirche etwas gegen eine freien Umgang mit Gott - befreit von ihren Fesseln der Liturgie und christlichen Hierarchie - sehr kritisch sieht, ist offensichtlich. Sie verliert dadurch ihre Vormachtstellung, hat sie doch, wenn ich frei mit Gott sprechen kann, keinen Einfluß mehr auf meinen Glauben. Jedenfalls nicht einen so starken, wie sie gerne hätte. Wie jede Organisation ist auch die Kirche auf die Gelder aus den Geldbeuteln der Bevölkerung angewiesen.

Natürlich ist ein freier und ungezwungener Umgang mit Religion und Gott vorteilhaft. Individuelle Auslegung von Schriften und Glaubenssätzen, persönliche Erfahrung mit der Versenkung in Gott, mit der Mystik des göttlichen, machen einen Geist erst reif. Wer der eigenen Seele begegnet, der findet etliche Anhaltspunkte darin, dass Gott in uns wohnen könnte. Wir finden durch rechtes Handeln und Denken zu ihn, nicht durch Unterwerfung unter ein kirchliches Diktat.

Dass Meister Eckart solche Ansichten vertrat, wußte ich nicht. Ich hielt diese Interpretationen des Glaubens für eine indische Disziplin. In der westlichen Welt wußte ich alles durch Gnostik beeinflußt. Schön, dass ich eines Besseren belehrt wurde.

Interessantes Thema.

Uwe Seelinger

Harrington schreibt explizit, dass über das Leben von Eckhart wenig bekannt ist, seine Briefe und persönlichen Schriften sind verloren, in Akten wird er selten erwähnt. Daher schreibt Harrington auf seinen über 500 Seiten viel über die Dominikaner und über mittelalterliche Universitäten. In die Theologie wagt sich Harrington lieber nicht. Das Buch von Karl-Heinz Witte ist da wesentlich anspruchsvoller. Zu empfehlen wäre auch die Eckart-Vorlesung von Johannes Brachtendorf, Uni Tübingen, die auf Timms frei verfügbar ist und einen schönen Einblick gewährt in sein Denken. Eckhart ist ganz sicher nichts für die meisten modern oberflächlichen Menschen. Würde Eckart uns heute besuchen wäre er sicherlich entsetzt, bei uns wird doch täglich eine neue Sau durchs Dorf getrieben, da helfen auch keine Achtsamkeitsübungen mehr. Manchmal wünschte ich, selber in einem Kloster leben zu können, nur bin ich Atheist, für uns Atheisten gibt es solche Rückzugsorte eigentlich nicht. Das ich mich aber als Atheist mit Eckhart beschäftige, eine mir persönlich bekannte Pastorin aber gerade nicht, sagt auch schon einiges aus. Zur Zeit lese ich den Klassiker "Der Gott der Philosophen" von Weischedel. Auch darin natürlich ein Abschnitt zu Eckhardt. Mit dem "Bürglein in der Seele" sind wir Gott gleich. Das musste ja die Inquisitoren interessieren. Nein, so stellt sich die Kirche ihre Schäflein ganz sicher nicht vor.

Marcin Lupa

Klosterähnliche Rückzugsorte für Atheisten habe ich einige eruiert, Herr Seelinger. Für mich, selber ein überzeugter Atheist, sind es die Abgeschiedenheit der Berge und die bayrischen Seen. Dort bin ich dem Nichts, das ich für die Existenz als die beste Lösung halte, am nächsten. Der Weltraum mit seinem Sternenzelt und die Aussicht, irgendwann in einem schwarzen Loch zu verglühen.
Ansonsten, so lange ich Mensch sein muss, kommen für mich Bibliotheken den Klöstern eines gottesfürchtigen Menschen am nächsten. In Bibliotheken herrscht Ruhe und man findet viel Weisheit. Man kann aber auch jeweils das eigene Buch, das man gerade liest mitnehmen und ein wenig unter den Lesenden und unter den Büchern verweilen. Willkommene Erscheinungen sind es mir bisweilen. Es ergibt sich auch das eine oder andere warme Gespräch. Viele interessanten Leute ziehen Bibliotheken an. Mehr als Klöster, nehme ich an. Und Gott ist nicht überall in der Bibliothek zu finden, mitunter seine schärfsten Richter, wie Nietzsche und Feuerbach.

So findet man sich auch als Atheist eine Nische innerhalb unserer Gesellschaft. Auch ein christlicher oder jüdischer Friedhof, eine Synagoge oder eine Kirche, können nette Orte zum Verweilen sein. Kultur steckt in ihnen sehr viel. Ich bewundere zum Beispiel all die Kirchenkünstler, Maler, auf Friedhöfen Bildhauer oder Steinmetze, die ihre Erzeugnisse preisgeben.


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