Mein Freund

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Ich möchte Ihnen von einem mir sehr teuren Freund erzählen.

Es ist nun einige Jahre her, ich war noch voll der jugendlichen Unsicherheit, die er mir im Laufe der Zeit nehmen sollte. Er ist ein Freund meines Vaters und stellte sich mir als Walter Kömpff vor, doch lernte ich später noch eine Vielzahl seiner Identitäten kennen. Diese erste Begegnung jedoch, war die wohl prägendste, denn sie eröffnete mir eine völlig neue Welt. Eine, in der ich sein kann, wie ich bin. Eine, in der ich meine tiefsten Gefühle offenbaren und mich zusammen mit ihm mit mir als Mensch auseinandersetzen kann.
In den ersten Stunden, die wir zusammen verbrachten, erzählte er mir eine Geschichte und referierte über die Existenz Gottes, ein Streitthema, dem wir uns noch öfters widmeten und es wohl auch noch in Zukunft werden. Am Ende dieses ersten intensiven Austauschs kam er zum Entschluss Gott zu leugnen, auch wenn er dabei die Furcht hatte, dass er ihn dafür bestrafen würde. Eine Sichtweise, die auch ich in gewisser Weise annahm.
Als Johann Veraguth lernte ich ihn in einer Phase kennen, in der ich allein und er einsam war, deshalb verbrachten wir viel Zeit miteinander. Meistens saßen wir im Sessel oder auf einer Bank an einem Feld und sprachen über die Unwichtigkeit alles Materiellen und wie für uns eigentlich nur einzelne Personen und unsere Gefühle zu eben jenen von Bedeutung waren, von denen wir uns dennoch von ihnen entfernten. Ach, ich flüchte immer zu ihm. Er spricht mir aus der Seele und hilft zu formulieren was mich bewegt. Wenn ich von einem langen Tag ermüdet aus der Universität komme, wende ich mich an ihn. Wenn ich einsam oder traurig bin, wende ich mich an ihn. Selbst auf Reisen ist er mein ständiger Begleiter. In gewisser Weise ist er mein Refugium, in dem nur ich und er existieren. Als Theophil Brachvogel entfachte er in mir eine wahre Begeisterung für Bücher und brachte mir bei, wie ich sorgsam aber nicht distanziert mit ihnen umzugehen habe. Dafür bin ich ihm auch heute noch besonders dankbar.
Seine größte Leistung aber ist es, mich durch seine Worte und seine bloße Existenz vor der Apathie zu retten.

Addendum:
Ich denke einige von Ihnen werden wohl schon erkannt haben, dass es sich bei dem von mir geliebten Freund um Herman Hesse in Form seiner Werke handelt.

Kommentare (5)

Marcin Lupa

Herrmann Hesse ist natürlich ein großartiger Mentor. Bewegend war sein Siddharta für mich. Mit dem Steppenwolf lernte ich Opium zu rauchen. Und auch Narziss und Goldmund begleiten mich durchs Leben.

Einzig, wer glaubt Gott könne ihn bestrafen, ist nicht frei von ihm. Erst wenn man jeglichen Einfluß Gottes überwunden hat, kommt man frei von ihm.
Mir halfen die Aspekte der Theodizee sehr von ihm freizukommen. Wenn er existiert, nimmt er keinen Einfluß auf uns. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich manchmal noch geneigt bin eine Kerze in der Kirche zu entzünden und ein Gebet an ihn zu richten, möge er die Zeiten zu besseren ändern. Wie immer antwortet er nicht, tut nichts, ist nicht da.

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  • Ferdinand S.

    Interessanter Komemntar von Ihnen, den Narziss und Goldmund finde ich auch sehr prägend/begleitend, aber zu Siddharta habe ich (noch) keinen Zugang gefunden. Das eine oder andere mal in die Hand genommen aber dann doch relativ schnell beiseite gelegt. Ich glaube jedes Buch hat so bisschen „seine Situation“ in der der Leser Zugang zu ihm findet und man sollte es auch nicht erzwingen.

    Tja die Sache mit Gott ist natürlich etwas worüber man sich wohl sein ganzes Leben gedanken macht und erst am Ende gewissheit erlangt.

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  • Marcin Lupa

    [~6575], strebt man Gewissheit an, dann helfen einem die Naturwissenschaften. Allerdings ist Gewissheit oft unbefriedigend, erscheint phantasielos.
    In Bezug auf das Leben nach dem Tod, beantworten die Naturwissenschaften alle Fragen mit einem klaren: "es liegen keine fundierten Beweise vor". Daher ist man zur Spekulation im Sinne eines Glaubens verdammt.

    Und da ich mit damals sechzehn Jahren als frisch an der Philosophie interessierter Jüngling dazu kam, mir Fragen des Glaubens zu stellen und eben viel spekuliert habe, war es für mich ein Segen, dem Siddharta von Hesse zu begegnen. Dieser erklärte mir so einiges, worauf ich selber schon gedanklich stieß. Vielleicht sogar angeregt durch den Kontakt mit älteren Mitmenschen, die bereits mit einem Gedankengut aus der Indischen Philosophie und Religionswissenschaft konfrontiert wurden.

    Auch heute noch erscheint mir eine Haltung des Verzichts und der Bescheidenheit angesichts der Tatsache, dass wir früher oder später buchstäblich alles verlieren, nämlich unser Leben, als sinnvoll.

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  • Rita Lipelli

    Total schöner Beitrag und in der Verbindung zu Hermann Hesse noch schöner, Dankeschön ?

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