Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Gesine Hitschler • 17 Mai 2022
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Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Vor 100 Jahren ereigneten sich in der noch jungen Weimarer Republik mehrere Attentate, die in dem Mord an dem Reichsaußenminister Walter Rathenau gipfelten. Mich beschäftigten die Fragen, wie es überhaupt zu den Attentaten kommen konnte, wer für diese Taten verantwortlich war und welche Ziele mit den Anschlägen erreicht werden sollten.

Der erste tödliche Angriff wurde auf Matthias Erzberger, früherer Reichsfinanzminister, verübt. Er befand sich zur Erholung im Schwarzwald, als er dort von zwei Mördern regelrecht am 26. August 1921 hingerichtet wurde. Erzberger war kein Jude, aber er war in den Augen der Rechtsextremisten ein Volksverräter, da er den Knebelungsvertrag von Versailles unterschrieben hatte. Das nächste Opfer war Philipp Scheidemann, erster Reichsministerpräsident, der mit Blausäure aus dem Weg geschafft werden sollte. Durch glückliche Umstände hat er überlebt. Scheidemann war ebenfalls kein Jude. Das dritte Opfer war Walter Rathenau, der auf offener Straße in Berlin am 24. Juni 1922 erschossen wurde. Rathenau war Jude. In seiner Funktion als Reichsaußenminister verfolgte er die sogenannte „Erfüllungspolitik“ des Versailler Vertrages, was ihn zum Todeskandidaten machte. Das nächste Attentat galt dem jüdischen Publizisten Maximilian Harden, der allerdings schwer verletzt überlebte.

Am meisten erschütterte der Mord an Rathenau die Republik. Anders als bei den Mördern von Erzberger, die mit Hilfe höherer Stellen ins Ausland fliehen konnten, wurden diese Mörder quer durch das Reich gejagt; in die Enge getrieben, verübten sie Selbstmord.

Wichtiger Bestandteil des Buches sind die Gerichtsverfahren, die gegen alle an den Morden Beteiligten - soweit man deren habhaft wurde - geführt wurden. Drei Verfahren sollen exemplarisch das Vorgehen der Gerichte aufzeigen.

Für den Erzberger-Prozess ist die Offenburger Staatsanwaltschaft zuständig. Dieser gelingt es, die Identität der Täter zu ermitteln und stößt während der Fahndung auf die Spur einer weit verzweigten, rechtsextremistischen Geheimorganisation, die Organisation Consul (OC), deren Kopf Hermann Erhardt ist. In dieser Organisation finden sich Offiziere wieder, die sich in der neu gegründeten Republik nicht zurechtfinden. Gemeinsam ist allen Mitgliedern der Hass auf die Demokratie. Ihr Wille ist deren Zerschlagung und die Errichtung einer Diktatur. Der Polizei gelingt es, mehrere, für die Organisation wichtige Mitglieder festzunehmen. Durch den Prozess wird die Geheimorganisation enttarnt und (vordergründig) aufgelöst.

Gänzlich anders verläuft das Gerichtsverfahren gegen die Beteiligten am Rathenaumord, der vor dem Leipziger Staatsgerichtshof stattfindet. Sabrow schildert detailliert, wie das Gericht die einzelnen Tatumstände bewertet und mit der ganz offensichtlichen Beweislage, dass eine Organisation hinter dem Mord stehen muss, umgeht und diese dennoch ausklammert. Gegen die OC soll separat ermittelt und der Prozess geführt werden. Nach dem Erzberger-Prozess hat sich die Organisation Consul völlig unbemerkt und durch geschickte Gründung eines ganz normalen Vereins getarnt neu und schlagkräftiger aufgestellt. Gerade der Rathenaumord sollte die Linken provozieren eine Revolution zu starten, so dass die OC mit Unterstützung der Reichswehr den Sturz der Regierung herbeiführen und die Diktatur etablieren kann. Mit dem Tatmotiv hat sich der Leipziger Staatsgerichtshof kaum befasst. Einer der Angeklagten versicherte, „das Attentat sei weder aus fanatischem Antisemitismus geboren, noch habe es lediglich der Person des Außenministers selbst gegolten. Der Stoß wurde gegen das System geführt, das in ihm seine Verkörperung fand….“ (S. 199). Bei einigen Bewertungen der Tatumstände durch die Richter fragt man sich als Leser, ob diese nicht nationalistisch geprägt waren. In dem später geführten Verfahren gegen den Geheimbund wird der Verdacht durch deren Rechtsanwalt deutlich, dass „Geheimbund und Richter eine gemeinsame Distanz zur Republik verband“ (S. 256).

Das Gerichtsverfahren gegen die Organisation Consul ist eine einzige Farce. Von den ursprünglich Angeklagten waren inzwischen 44 aus Mangel an Beweisen außer Verfolgung gesetzt worden, gegen 4 weitere Beschuldigte hatte das Gericht das Verfahren ganz eingestellt, darunter der Kopf der OC, Hermann Erhardt. Das Gericht nahm unverhohlen Partei mit den Angeklagten. Es stellte immerhin eine gewisse Mitschuld bei allen Attentaten fest, die jedoch folgenlos blieb. 16 Angeklagte erhielten lediglich Strafen von drei bis acht Monaten Gefängnis. „In der Zusammenschau…tritt das Bild einer Serie politischer Gewalttaten zutage, die in ihrer Anlage der von Erhardt und anderen Köpfen der deutschen Gegenrevolution beharrlich verfolgten Strategie einer Destabilisierung und Zerschlagung der ersten deutschen Republik gehorchte, der buchstäblich jedes Mittel recht war“ (S. 270/271).

Der Kopf der Organisation Consul, Hermann Erhardt, konnte auch später nicht zur Rechenschaft gezogen werden, da man ihm nichts nachweisen konnte. Unter der Diktatur des Nationalsozialismus konnte er sich sogar mancher Taten rühmen und später war er geschützt durch die bis 1969 geltende Verjährungsfrist von zwanzig Jahren für mit lebenslanger Freiheitstrafe bedrohte Verbrechen.

In allen Gerichtsverfahren wird deutlich, dass die Gerichte nicht „willens und fähig waren“, wie Sabrow bereits in der Einleitung feststellt, die Hintergründe zu erhellen.

 

Das Buch enthält eine Fülle von Informationen, die auch einem interessierten Laien die Zusammenhänge verstehen lassen. Die vielen Namen der Beteiligten machen es mitunter dem Leser nicht leicht, die Übersicht zu behalten. Zum Teil wird auch Wissen vorausgesetzt. Die Ausführungen Sabrows legen ausführlich dar, wie wachsam Politik sein muss, auch in Bezug auf die Gerichte.
Leseempfehlung für alle, die sich über diesen Zeitabschnitt der jüngsten deutschen Geschichte ausführlich informieren wollen.

Das Buch ist in thematische Kapitel eingeteilt. Die aktualisierte Neuausgabe schlägt im letzten Kapitel den Bogen zu den aktuellen Attentaten bis einschließlich 2019. Literaturhinweise, Anmerkungen und Personenregister sind hilfreich und führen ggf. weiter.


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Kommentare (5)

Gabriele Jung

Liebe Frau Hitschler,
herzlichen Dank für Ihre sehr lesenswerte Buchrezension. Ich halte das Thema auch heute noch für äußerst wichtig. Und so wie es klingt, ist die Darstellung und Analyse der gerichtlichen Aufarbeitung der politischen Attentate in der Weimarer Republik von Martin Sabrow erstmalig in dieser Ausführlichkeit erfolgt.
Auf die Problematik einer oftmals antidemokratisch orientierten Gerichtsbarkeit in der Weimarer Republik bin ich bereits beim Lesen der Gerichtsreportagen der Schriftstellerin und Journalisten Gabriele Tergit gestoßen. Und sowohl Ihre Rezension wie auch Tergits Texte machen deutlich, dass die tendenziöse Rechtssprechung in diesen Jahren mit zum Untergang der Weimarer Republik geführt hat.
Wie sensibel das Thema einer nicht staatsloyalen Gerichtsbarkeit ist, zeigt sich auch heute noch z.B. angesichts der Debatte um den AFD Politiker Jens Maier und seine Rückkehr ins Richteramt.
Aber auch nach 1945, als ehemalige NS-Juristen in großer Anzahl die Nachkriegsjustiz prägten, bleibt für mich offen, wie loyal diese tatsächlich gegenüber der neuen Republik waren und wie stark sie antidemokratische Einflüsse ausübten.
Ich habe mir das Buch vorgemerkt und werde es ebenfalls lesen, auch wenn es sicherlich keine leichte Lektüre ist. Herzlichen Grüße!

Gesine Hitschler

Liebe Frau Jung,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Ja, Sie haben recht, es ist keine leichte Lektüre, die man einfach so wegliest. Die
Rezension war auch nicht ganz einfach: was schreibe ich, was lasse ich weg. Ich habe mich an meinen eingangs erwähnten Fragen orientiert. Sabrow erwähnt, dass sich die Weimarer Republik immer weiter nach rechts entwickelte. So konnte sie leicht zu Fall gebracht werden. Und die "Rehtsprechung" war einfach kathastrophal. Er hat übrigens das Buch anfangs der neunziger Jahre geschrieben; es war seine Dissertation. Bei der Neuausgabe erwähnt er ausdrücklich, das der Forschungstand weiterhin aktuell ist. A propos Jens Maier: ich finde seine Rückkehr ins Richteramt höchst bedenklich. So fängt es an.
Herzliche Grüße

Gesine Hitschler

Liebe Frau Jung,
ich habe vergessen zu erwähnen, dass wir nun noch ein Buch haben, über das wir uns zu gegebener Zeit austauschen können. Das Buch von Ismail Kadare werde ich nochmals lesen, da es schon viele Jahre her ist, dass ich es las. Herzliche Grüße

Gabriele Jung

Liebe Frau Hitschler, ich lese es gerade und kann es nicht mehr aus der Hand legen. Die Geschichte und die Sprache, beides zieht mich regelrecht in einen „Lesestrudel“ und ich tauche ab in diese ganz andere, fremde Welt. Eine großartige Empfehlung. Ich freue mich auf unseren Austausch. Haben Sie einen schönen Abend!

Gesine Hitschler

Freut mich sehr, dass auch Sie diese fremde Welt so magisch anzieht, liebe Frau Jung. Mich hat das Buch auch sehr gefesselt. Bis demnächst und herzliche Grüße


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