Marcin´s Betrachtungen: Die Rationalität bei Heraklit

Marcin Lupa • 19 September 2021
12 Kommentare
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Weisheit besteht darin, das Wahre zu sagen und nach der Natur, auf sie hörend, zu handeln. Für Heraklit war der Kosmos vernünftig. Über allem war das Allgemeine, dem Logos zugängliche der Wirklichkeit.

Allerdings war es den meisten Menschen nicht vergönnt, dieses Logos zu erkennen. Einsicht hatten nur die wenigsten, die Massen waren blind. „Die Vielen sind schlecht, wenige nur gut.“ Eine elitäre Vorstellung fürwahr. 

Nach seiner Auffassung müssen die der vollen Einsicht Unfähigen den wenigen Einsichtigen, im Grenzfall einem einzigen Einsichtigen folgen.

Ziel dieser Folgeleistung ist stets die Entwicklung zur Vernunft, das Prinzip heraklischer Rationalität.

An dieser Rationalität des menschlichen Verhaltens, an der Vernünftigkeit des Menschen, hängt der Ansicht Heraklits nach, nicht nur das Schicksal des Einzelnen, sondern zugleich damit auch das Schicksal der Gemeinschaft, das ihm genauso am Herzen liegt, wie das Schicksal des Individuums.

Da alle Dinge in Bewegung sind – man steigt niemals in den selben Fluß, so wie man niemals in den gleichen Wald geht; er mag am selben Ort sein, doch die klimatischen Bedingungen und das Wachstum der Pilze darin unterliegen Veränderungen, Schwankungen, Strömungen – ist das Ziel des Logos die Entwicklung. Eine Entwicklung zum Höheren? Zum Vernünftigen?

Die den Menschen von Heraklit zugewiesene praktische Aufgabe: in einer Welt, deren vernünftiger Grund kaum zutage tritt, Vernunft durchzusetzen, impliziert daher die tragische Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. 

Kommentare (12)

Rudolf Pirnbacher

Weise Worte eines großen Philosophen, das Problem liegt wohl im Detail.
“Die Experten scheinen in der Summe alles zu wissen, was heutzutage zu tun ist und was man wissen muss, aber jeder weiß eben nur in einem Ausschnitt Bescheid und verlässt sich auf die Kompetenz der anderen Experten im allergrößten Rest.“ (Zitat aus Abels, 2017). Dabei fehlt zunehmend eine Instanz, die ohne Bevorzugung bestimmter Teilbereiche eine Synthese über das gesammelte Wissen bildet. Insbesondere zwischen Natur- und Geisteswissenschaften treten häufig Widersprüche auf, und die Bereitschaft zum institutionellen Dialog hält sich in Grenzen. Als Beispiel sei die Diskussion über die Willensfreiheit genannt mit den unterschiedlichen Ansätzen und voneinander abweichenden Schlussfolgerungen von Philosophie und Neurobiologie. Dies bietet wiederum Raum für Vorurteil, Falschinformation und Diffamierung. Scheitern wir an der Vielfalt und Komplexität des Wissens, oder fehlt es nur am (politischen?) Willen einer institutionalisierten fächerübergreifenden Wahrheitssuche der Wissenschaften?

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  • Marcin Lupa

    Ich glaube nicht, dass die Vielfalt und Komplexität des Wissens die Hürde darstellt, sondern schon eher der politische Wille, den Sie ansprechen.
    Oder auch die Beschaffenheit des einzelnen Menschen an sich, der zu wenig Lebenszeit hat, um die Transferleistung zu tätigen, die sich aus allen wissenschaftlichen Disziplinen ergeben. So bleibt ein jeder Experte auf seinem Gebiet. Wer aber schafft es fächerübergreifend und zugleich profund gebildet zu sein und darüber hinaus seine Position nicht für eigene Zwecke zu mißbrauchen?

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  • Rudolf Pirnbacher

    [~2055]: So ist es wohl wie bereits von Heraklit gesagt: alles ist möglich, die Zukunft wird die Antwort liefern.

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  • Marcin Lupa

    [~6757], da haben Sie natürlich völlig Recht. Man kann durchaus immer dem Aufblitzen eines Genius entgegenhoffen.

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  • Dietmar Jäger

    "Weisheit besteht darin, das Wahre zu sagen und nach der Natur, auf sie hörend, zu handeln." Dankeschön für den sehr guten Beitrag und jene Formulierung trifft es so genau, wie ich den Begriff "Weisheit" noch nicht formuliert bekam.

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  • Marcin Lupa

    Tatsächlich ist diese Formulierung der "Geschichte der Philosophie" von Wolfgang Röd entnommen, die ich lediglich - ohne mir dabei auf die eigenen Schultern klopfen zu dürfen - kommentiere.

    Daher auch für Sie gesondert die Empfehlung, Herr Jäger: https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/36200/geschichte-der-philosophie.

    Eine sehr schöne Art sich der Philosophie zu nähern und Zeit sinnvoll zu gestalten.

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  • Luca Rosenboom

    πάντα ῥεῖ - Panta rhei ("alles fließt") war glaube ich das erste, was ich gelernt habe, als ich mich der altgriechischen Sprache gewidmet habe. Die Formel fasst das ewige Lernen schön zusammen, zumal man ja wie geschrieben, niemals in denselben Fluss steigt und ständig andere Sichtweisen auf etwas hat bzw. bekommt.

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  • Marcin Lupa

    Das ist ein weiterer Aspekt. Die Änderung der Betrachtungsweise einer und der selben Situation. Und dann die Änderung der Meinung.
    Bei Panta hei denke ich immer wieder an die flow Erlebnisse, die ich manchmal erlebe. Zuletzt beim Schreiben des Beitrags für den Schreibwettbewerb. Da war ich plötzlich für eine gute Stunde im Fluss ...

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Lupa
    So kompliziert und so überheblich, wie Sie Heraklit schildern, ist Heraklit keineswegs. Heraklit spricht die einfache Logik der Sache aus. Die Logik der Sache auf die einfache Weise zu verstehen und möglichst auch noch zu begreifen, hindert gemeinhin nicht ein Unvermögen des individuellen Geistes, der langt immer zu Sache hin!, sondern das bedenkenlose und hermetische Selbstverständnis des Gewohnten, des Meinens, des Glaubens ... (das Ausmaß und die Hermetik des Selbstverständlichen spiegelt das Ausmaß und die Stabilität der Borniertheit)
    Was Sie an Heraklit „elitäre Vorstellung“ nennen, fundiert sich in der konkreten und auf der kritischen Distanz fundierten Erfahrung – versehen mit etwas Ironie bis hin zum Sarkasmus.
    Was auf uns von Heraklit tradiert wurde, sind Fragmente, deren Kontext wir zumeist nicht kennen. Was von Heraklit vorliegt, spiegelt ein Bewußtsein, das im Anblicke des gemeinen Selbstverständnisses des trivialen Alltages im Umgange mit der Welt wie der Menschen untereinander des Öfteren in die Malaise fällt, vernehmen zu müssen, wie lässig, wie bedenkenlos die simple Logik der (Alltags-)Vernunft verschlampert wird – und resultierende Dissonanzen auf Anderes bis hin zu den Göttern geschoben werden: die Logik eines Sachverhaltes zu erkennen, ist nicht, wie Sie es auf Heraklit bezogen sagen, „den meisten Menschen (nicht; REB) vergönnt“, sondern die Menschen zeigen dem ‚tiefer vernehmenden und denkenden‘ Heraklit, daß es weitaus bequemer ist, irgendwelchen Vorgegebenheiten zu folgen, anstatt den eigenen Hirnskasten zu betätigen. – Könnte vielleicht auch heute gelten!
    Wie konkret Heraklit die Logik der Sache erkennt und sich ‚in die Pflicht genommen empfindet‘, seinen sozialen Kontext so etwas ‚auf die Sprünge zu helfen‘, erzählt der Kontext des Satzes: „Gott ist in jedem Ofen!“ Natürlich nicht Zeus samt olympischer Entourage, sondern der Geist oder das elementare Vermögen des Menschen: zu denken! Denn der Ofen da, vor dem Heraklit kniet, weil er Feuer anzünden will, fiel ja nicht vom Himmel in Heraklits Wohnzimmer, sondern spiegelt, gegenständlich konkret erfahrbar, die Arbeit des Geistes, die Logik des Feuers zum Zwecke des Menschen, z.B. eine warme Bude, zu instrumentalisieren. (Es sei an die Problematik in Mekone und Prometheus erinnert!)
    Was das Verhältnis von Logos und Kosmos betrifft: „Alles Wirkliche ist Vernünftig; alles Vernünftige ist wirklich!“ wird etwas später Hegel es prägnant formulieren.
    Was das Verhältnis der Einsichtigen zu den Einsichts-Unwilligen betrifft (zur Einsicht Unfähige schließt, da der Mensch nachweislich ein geistiges Lebewesen ist, sich eo ipso aus), so wird ein Thukydides über die athenischen Staatsform sagen: „die Demokratie des einen Mannes!“ und Platon wird in der Politeia diese Problematik auf subtile Weise im Höhlengleichnis explizieren – mit dem in concreto belegten Zusatz, daß derjenige, der aus Erkenntnis her sich verpflichtet empfindet, seinen sozialen Kontext anzuregen, das alltäglich Triviale auch mal etwas genauer und in kritischer Distanz zu bedenken, damit rechnen muß existentiell bedroht zu werden – bis hin zum Tode! – und doch erweist die Logik der Sache in jedem Moment der Realität, da sie in gewahrt wird, ihre fundamentale Vergewisserung einer prosperierenden Sozialität; wo sie nicht gewahrt wird, ereignet sich das Verhängnis. – trivial.
    Eine Anmerkung zu „panta rei“: Heraklit spricht nicht in dem von Ihnen angeführten Fluß-Fragment von der ‚natürlichen‘ Veränderung, sondern vom Logos der Sache: die Logik des Flusses, zu fließen, verweist darauf, daß wir sowohl in den Fluß steigen wie ebenso sehr und zugleich nicht in den Fluß, der vorüberfließt, steigen; gar nicht steigen können! Wie wir, die da in den Fluß steigen wie nicht steigen, sind und es zugleich nicht sind, da wir, Lebe-Wesen, und also Leben sind, dessen Logik sich darin zeigt, daß es vorübergeht: Leben ist, im Vollzuge vorüberzugehen sich entfaltet oder eben: lebt!

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Marcin Lupa

    Sehr geehrter Herr Böhle,

    kompliziert und überheblich erscheint mir einzig Ihr Kommentar, da er meiner Meinung nach die Intention der Allgemeingültigkeit transportiert.

    Was meinen Sie mit Gott, denn Güte erkenne ich in keinem Herdenfeuer? Es mag für mich gut sein, da es mich wärmt, der Baum von dem das Holz stammt, musste bereits leiden. So einen Gott gibt es nicht. Wie auch gar keinen anderen. Jedenfalls nicht für mich. Und gebe es sie, wäre es unsere Pflicht sie anzuklagen und zu verurteilen, mindestens zum Tode.

    Sie mögen die Philosophie anders verstehen, als ich. Mir jedoch nehmen Sie bitte nicht meine Interpretation und halten sich mit Ihrer Kritik zurück. Alles andere wäre impertinent.
    Ich besuche hier schließlich nicht eines Ihrer Seminare.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marcin Lupa

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  • Uwe Seelinger

    Ich würde zu mehr Gelassenheit raten. 1. Wir wissen, dass nur dürftige Fragmente sich erhalten haben. 2. Mir fällt es schwer, nach dem blutigen 20. Jh, nach Hiroschima und dem Holocaust, das Wort Vernunft in den Mund zu nehmen. 3. Die Probleme der Antike waren überschaubar im Vergleich zu unseren globalen Problemen mit fast 10 Mrd. Menschen an Bord des Raumschiffs Erde. 4. Philosophie muss man "erden" als konkrete Politik (das wäre sicher im Sinne von Aristoteles) 5. Ich selber spiele Schach in der Bezirksliga. Denkfehler von mir bekomme ich sofort widerlegt. Sehr erfrischend! Macht sehr bescheiden!

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Seelinger,

    mit Schach habe ich es bereits probiert. Das hat mir leider keinen Spaß gemacht. Besser erging es mir schon beim Bridgespiel. Das Schöne daran war für mich, die Tatsache, dass ich einen Partner hatte, der entweder ebenso Denkfehler unternahm oder mich freundlich darauf aufmerksam machte, oder aber meine Denkfehler auszubaden vermochte.

    Ein gelassener Mensch bin ich durchaus, meistens auch sehr entspannt.

    In meinen Betrachtungen gebe ich meistens die Gedanken anderer Geschichtswissenschaftler, die sich mit der Geschichte der Philosophie befassen wieder. Weniger meine eigenen. Es kommt dennoch vor, dass sie sich mit der Wiedergabe durchmischen. Eben sehr selten und dezent.

    Man mag in der Philosophie anderer Meinung sein. Das sei jedem gegönnt.

    Bezüglich der Fragmente, die vor allem durch Aristoteles von den Vorsokratikern überliefert sind, haben Sie natürlich Recht. Dass ich es bisher unerwähnt lies, mag eine Nachlässigkeit von mir gewesen sein. Jetzt haben Sie es erwähnt, vorher schon Herr Böhle.

    Ich schreibe Betrachtungen, keine Lehrsätze und auch keine allgemeingültigen Behauptungen, Prinzipien, Maximen, etc.. Nur einfache Betrachtungen meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte der Philosophie nur, nicht einmal mit der thematischen Philosophie selbst.

    Einen schönen Abend Ihnen!

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