Marcin´s Betrachtungen: Pythagoreismus

Marcin Lupa • 13 September 2021
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Pythagoras kam etwa 570 in Samos zur Welt. Da er die dort herrschenden politischen Verhältnisse unter dem Tyrannen Polykrates mißbilligte, verließ er Samos in Richtung Kroton (im heutigen Italien). 

Während Polykrates die Demokratie und mit ihr den Handel und das Gewerbe stärkte, damit Samos auch prosperieren konnte, wollte Pythagoras die alte Aristokratie aufrecht erhalten, die vor allem der Landwirtschaft zu gute kam. 

Kroton, wo die Adelsherrschaft unterbrochen war, nahm eher einen Krieg in Kauf, als anti-demokratischen Emigranten Zuflucht und Hilfe zu verweigern.

Für mich ist dieses Beispiel sehr überraschend, da ich früher annahm, ein Tyrann ist per se jemand schlechtes, an Egoismus nicht zu übertreffen. Dass eine Tyrannenherrschaft demokratischen Bestrebungen einen Nährboden liefern konnte, ist für mich neu. 
Wohingegen die Aristokraten, die selber aus den grundbesitzendem Adel hervorgehen, eine Hierarchie erhalten wollten, die man durchaus damals schon als wertekonservativ empfinden konnte. Mit ihnen Pythagoras. 

Pythagoras war in erster Linie Mathematiker. Aristoxenus ging so weit, zu behaupten, die Hochschätzung der Mathematik durch Pythagoras und die ihm zugeschriebene Angleichung aller Dinge an Zahlen sei durch die wirtschaftliche Praxis bedingt gewesen. Für Pythagoras bestand jedoch die Wirklichkeit aus Zahlen und ihren geometrischen Entsprechungen. Dafür hatten die Pythagoreer kategorisierte Systeme.

Heutzutage gibt es eine Entsprechung, die die pythagoreische Mathematik im gewissen Sinne bestätigt. Digitale Kamerasysteme chiffrieren das Abbild der durch optische Linsen aufgenommenen Wirklichkeit in Form von Bits. Abfolgen von Nullen und Einsen, Strom ein Strom aus, auf langen Gliederketten. Für moderne Kamerasysteme ist es ein mathematischer Prozess, die Realität abzubilden und wiederzugeben. 

Ein gegen die Pythagoreer gerichteter Aufstand zwang aller Wahrscheinlichkeit nach Pythagoras gegen Ende seines Lebens zur Flucht aus Kroton. Im nahen Metapont starb er um 500 v. Chr..

Kommen wir zu der Philosophie der Pythagoreer:

Wolfgang Röd schreibt dazu: „Auf der einen Seite steht die Auffassung, der zufolge die Politik im Mittelpunkt des pythagoreischen Denkens stand, auf der anderen die Meinung, daß die politischen Bestrebungen der Pythagoreer lediglich eine Anwendung ihrer religiös-ethischen Lehren darstellten. Indessen hat sich eine ausgewogenere Beurteilung des fraglichen Zusammenhangs durchgesetzt, der zufolge die politischen Motive zwar als für den älteren Pythagoreismus wesentlich, nicht aber als Ursprung des pythagoreischen Gedankensystems gelten.“

Pythagoras, über dessen durch den dichten Schleier der Legende verhüllte Persönlichkeit sich so wenig mit Sicherheit aussagen läßt, war ganz zweifellos (da die älteste Überlieferung in diesem Punkte einhellig ist) tief in religiösen Traditionen verwurzelt, von denen vermutet wurde, daß sie aus dem thrakischen bzw. skythischen Norden und letzten Endes aus dem schamanischen Kulturkreis Asiens stammten.

Geht man ganz weit in der Zeit zurück erkennt man eine Spaltung der schamanistischen Überlieferung in asiatische Motive und amerikanische Klischees. Fakt ist, dass die Indianer Nordamerikas auch ihre schamanischen Riten kannten, die der Interpretation eines Pythagoras gar nicht fern waren.

Der zentrale Gedanke dieser religiösen Weltanschauung war die Annahme, daß es eine vom Leib, sei es in Trancezuständen, sei es im Traum, sei es im Tode, abtrennbare Seele gebe, deren Identität unabhängig von ihrer Verkörperung in diesem oder jenem Leibe erhalten bliebe. 

Pythagoras erhob diese Vorstellungen auf die Ebene einer philosophischen Lehre, für die der Glaube zentral war, daß die Seele das „wahre“ Wesen des Menschen darstelle, das durch die Verbindung mit dem Körper in seiner Reinheit beeinträchtigt werde. 

Der Körper, und im Verlauf der weiteren Entwicklung dieser Auffassung die Materie im allgemeinen, galten als Schranke der Freiheit des Geistes, als Ursache seiner Trübung, als Grund des Übels und insofern als etwas Negatives, das zu überwinden ist. 

Folge war, dass die Pythagoreer sich und ihr Verhalten einer Reinigungslehre unterstellten. 

Mit dieser Anthropologie setzte sich nicht nur die Auffassung im Bereich der Philosophie durch, daß die Seele vom Leib verschieden und im Unterschied vom sterblichen Leib unvergänglich sei, sondern durch die Überzeugung, daß Unsterblichkeit ein Attribut des Göttlichen ist, so daß mit der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele zugleich die Auffassung durchdringt, daß die Seele der Region des Göttlichen angehöre, der sie entstamme und in die sie zurückzukehren bestimmt sei. 

Bei Plato, der in dieser Hinsicht dem Pythagoreismus verpflichtet war, sollte die Lehre von der Präexistenz der Seele außer der ethischen auch erkenntnistheoretische Bedeutung erhalten. 

Bei Pythagoras trat der Unsterblichkeitsglaube, wie bei den Orphikern und Vertretern verwandter Lehren, in Form der Seelenwanderungslehre auf. Die Seele durchläuft dieser Lehre zufolge eine Reihe von Verkörperungen, bis es ihr gelingt, sich von allen Einflüssen der Körperlichkeit zu lösen, d.h. den Kreislauf der Geburten zu durchbrechen und in die Region des Göttlichen zurückzukehren. 

Wem bereits jetzt schon nicht die Alarmglocken schrillen, der sollte vielleicht gar nicht mehr weiterlesen. Denn wir befinden uns bereits Mitten in den Kernthesen des Hinduismus und Buddhismus. Eine Äquivalenz ist unverkennbar. 

Über das Schicksal der Seele entscheidet die Art der Lebensführung. Die Seele des moralisch Höherstehenden wird in einer höheren Daseinsform wieder geboren; die Seele des moralisch Minderwertigen steigt zu niederen Daseinsformen ab. Die Reinigung der Seele, die die Erlösung aus dem Kreis der Wiedergeburt sichern soll, erfolgt durch eine asketische Lebensweise und durch wissenschaftliche Bemühungen. 

Die Gebote und Verbote, die diese Lebensweise äußerlich normieren, haben vielfach den Charakter primitiver Tabus, deren ursprünglicher Sinn sich nicht mehr erkennen läßt.

Dass hier die Grundlagen einer Philosophie der Ethik gelegt werden, ist offensichtlich. Die wbg suggeriert uns an dieser Stelle folgende Position: https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/30965/das-gute-leben

In diesem Sinne frohes Schaffen Euch allen und bleibt koscher nach Möglichkeit. Ich verabschiede mich an dieser Stelle und kehre gerne zurück, sobald es mir Gesundheit und Zeit genehmigen. 

Kommentare (2)

Dietmar Jäger

Eine sehr spannende Ausarbeitung, Dankeschön. Ich wusste von der Trennen von Leib und Seele bei Platon, dass dieses auf Pythagoras zurückgeht, war mir neu. Seelenwanderung ist auch tatsächlich kein esoterisches Geschwätz, denn Psychotherapie oder Hypnose geht ja auch weg vom Hier und Jetzt (physischen) hin zur Konzentration auf den Geist. Danke, Herr Lupa, und gute Besserung!

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  • Marcin Lupa

    Gesundheitlich geht es mir wieder vollauf gut. Jetzt nur noch den Zeitfaktor berücksichtigen. Danke für Ihren Kommentar, Herr Jäger.

    Übrigens: ich habe als Kind immer gedacht, wir würden in etlichen Leben weiterleben. Als ich beispielsweise merkte, dass ich im Tennis nichts erreichte, sagte ich damals: in einem nächsten Leben werde ich Tennisstar.
    Mittlerweile bin ich gänzlich im Diesseits angekommen und denke, dass es kein Fortbestehen nach dem Tode geben wird. Jedoch stolpere ich gerne, über eine altgriechische Philosophie, die mich der Thematik wieder öffnet. Was wen doch? - Das wäre zumindest interessant. Und ob es dabei irgendwelche Gesetzmäßigkeiten gibt. Allerdings liegen mir keinerlei Informationen von einem früheren Leben vor, nirgendwo gibt es dafür faktische Anhaltspunkte, egal wie tief ich in meiner Erinnerung und auch seelischen Empirie forsche. Einzig meine Phantasie suggeriert mir diese Möglichkeit. Vielleicht ist das eher eine Form der Autosugestion und somit Wunschdenken.

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