Marcin´s Betrachtungen: Die Metaphysik des Parmenides

Marcin Lupa • 24 September 2021
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Parmenides Heimat war das wirtschaftlich rege griechische Unteritalien. Dort war er politisch aktiv, als Gesetzgeber seiner Vaterstadt Elea tätig, wo man anders als in den anderen Städten Großgriechenlands nicht die aristokratischen Verhältnisse in Frage stellte.

Seiner aristokratischen Einstellung entspricht sein Anspruch in Besitz ausgezeichneter und nicht allgemein zugänglicher Einsichten zu sein. Sein Wahrheitsanspruch basiert auf einer Erleuchtung und klingt in seinem Lehrgedicht ekstatisch, nicht so seine metaphysischen Grundlagen.

Darin wird eine metaphysische Lehre von der Wirklichkeit und eine hypothetische Welterklärung entwickelt. Es trägt nachgerade den Titel „Über die Natur“.

Parmenides stellt zwei Gegensätze heraus, zum Einen metaphysische, zum Anderen empirische Erkenntnis. 

Die metaphysische Einsicht wird der Beobachtung bzw. der wissenschaftlichen Erklärung übergeordnet. 

Bei Parmenides tritt die Metaphysik in Opposition zum empirischen bzw. wissenschaftlichen Denken. Er kreidet der Methode der empirischen Generalisation an, dass sie immer nur zu hypothetischen Resultaten führt. Für ihn hat die naturphilosophische Welterklärung prinzipiell nur provisorischen Charakter.

In Hinblick auf seine Metaphysik hielt er hingegen den Anspruch absoluter Wahrheit fest. Sie nannte er von Vernunft gegebene Einsicht, in eine Wirklichkeit der Welt hinter den Erscheinungen. 

Zu ihr führe seiner Ansicht nach nur eine Methode apriorischer, d.h. erfahrungsunabhängiger Erkenntnis. 

Man muß im Sinne des Parmenides zwischen zwei Erkenntnis – und Seinsweisen unterscheiden: zwischen apriorischer und empirischer Erkenntnis bzw. zwischen der wahren Wirklichkeit, die nur mit dem Verstand zu erfassen ist und hinter den Erscheinungen steht, sowie den Beobachtungstatsachen als Objektbereichen der beiden Erkenntniswelten.

Nun denke ich persönlich, dass Parmenides in seiner Metaphysik einem Irrtum unterlag. Dank der Psychologie wissen wir heutzutage, dass jeglicher Erkenntnis ein empirisches Erleben vorausgehen muss. 

Selbst die genetisch programmierten Instinkte und Intuitionen in uns, die durch eine hohe Emotionalität gekennzeichnet sind, gründen auf epigenetischen Erfahrungen unserer Vorfahren mit der Wirklichkeit. 

Den Verstand und mit im jegliche Metaphysik sehe ich als Resultat von Erfahrungen. 

Kommentare (4)

Luca Rosenboom

Danke für den erhellenden Beitrag. Parmenides von Elea nimmt auch bei Plotin, mit dem ich mich mal etwas beschäftigt habe, eine besondere Stellung ein (über Plotins Beitrag, sofern einer kommt, würde ich mich auch freuen). Seiner Ansicht nach besteht Parmenides' Bedeutung darin, dass er das Seiende als intelligibel, d.h. als dem raumzeitlichen Bereich gegenüber, der nur scheinbar wirklich ist, transzendent und nur im Denken erfassbar verstanden habe. Damit sind "Sein" und "Denken" für ihn zu einem identischen Paar erklärt. Überdies finden sich bei Parmenides auch über die via negativa negative Bestimmungen des Seienden, die "es" vom anderen abgrenzen soll und die da lauten: ungeworden, unerschütterlich, unvergänglich, etc. (ἀγένητον, ἀτρεμές, ἀνώλεθρον). Jedenfalls möchte ich nicht zu sehr vorgreifen - die Thematik, zumal die Vorstellungen von der Lebenswelt, finde ich sehr spannend, obgleich viele ob der mentalen Entfremdungen auf Grund der kulturellen Andersartigkeit von der Antike nichts mehr damit anfangen können oder vielmehr wollen.

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  • Marcin Lupa

    Bei Plotin bin ich lange noch nicht. Aber es ist Fakt, dass Parmenides das Seiende als intelligibel aufgefasst hat. Für ihn war es nicht im Werden begriffen. Ganz gegensätzlich zu Heraklits Vorstellung vom Sein.
    Es war unbewegt, hat nie begonnen und konnte nie aufhören. Es war eine Vorstellung, die die Auseinandersetzung mit dem Verstand hervorruft. Und dennoch sei dieses Seiende real, eben in einer Dimension fern der sinnlichen Erfassung.

    Ich finde diese Vorstellung sehr amüsant, habe ich doch schon bei Platon davon gelesen, bzw. als ich über Platon las. Dieser postulierte eine Ideenwelt hinter dem Seienden.

    Mir persönlich fehlt da jeglicher Bezug dazu. Ich vermute die reale Existenz ganz anders, eher so wie Heraklit es mit dem Prozess des Werdens veranschaulicht. Für mich gibt es auch keine Aufsicht auf die Welt. Es sind meiner Meinung nach nur die Individuen des lebendigen Seins, die das Seiende erfassen und darauf im gegenwärtigen Augenblick Einfluß nehmen. Darüber hinaus gibt es meiner Meinung nach keinerlei weitere Dimension.
    Und vor allem ist das Sein alles andere als perfekt. Es ist voller katastrophaler Fehler. Aus meiner Sicht eher eine Anomalie als alles andere.
    Würde ich ihm eine Schulnote geben, wäre es Ungenügend oder Mangelhaft, in guten Zeiten ein Ausreichend.

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Lupa
    Zur ganz pragmatischen Distanz in der Sache rät uns das Faktum der Überlieferung: Parmenides (~ 520 – ~ 455 ac.) liegt uns in indirekter oder zitierter Wiedergabe und nur in mal mehr mal weniger umfangreichen Fragmenten vor; vorzüglich in der Überlieferung durch Sextus Empiricus (~ 160 - ~ 210) und Simplikios (~480 – ~560), und also rundweg 600-1000 Jahre Differenz. (neben, natürlich, Diels-Kranz wäre auf Tusculum; Parmenides, Fragmente, zu verweisen). Darüber hinaus lassen sich mannigfach Fragmente auch Xenophanes zuordnen. Platon (428-347 ac), der Parmenides im gleichnamigen Dialog einen ausgezeichneten Ort in der Philosophie anweist, trennen Jahrzehnte. Allerdings sei zugestanden, daß jene Zeiten ein etwas effektiveres Gedächtnis wahrten und Platon die Schriften des Parmenides sehr wohl vorlagen; weshalb, was Platon ‚seinen‘ Parmenides sagen läßt, zumindest ziemlich wörtlich übernommen sein dürfte.
    So kompliziert, wie Sie es darstellen, geht’s bei Parmenides nicht zu: „Nur mit der Vernunft mußt Du die vielgeprüfte Lehre erwägen, die ich (die Göttin, die Parmenides leitete und lehrt; REB) Dir sagen werde. Den Weg (den Logos der Sache; REB) verfehlt allein die Begierde.“ Weshalb denn auch nur zwei „Wege des Wissens sind: Der eine daß nur das Sein ist und daß nicht ist das Nichtsein; dies ist der Weg der Einsicht und nur auf ihm ist die Wahrheit. Der andere Weg, daß das Sein nicht ist und daß notwendig das Nichtsein: Solches, so sage ich Dir, ist Widerspruch. … Es ist notwendig, daß das Sagen (die Sprache; REB) und Denken das Seiende ist. Das Sein ist; das Nichts ist gar nicht“, weshalb es auch nicht gesagt werden kann: wenn wir das Nichts sagen, sagen wir, daß das Nichts ‚ist‘. „Die Wahrheit aber ist nur das ‚ist‘. … Das Denken und das, um dessentwillen der Gedanke ist, ist dasselbe. Denn nicht ohne das Seiende, in welchem es sich ausspricht, wirst Du das Denken finden.“ Gemeinhin kenne wir den Satz: Dasselbe ist Denken und Sein. (Wobei „Denken“ und „Sein“ immer zugleich qua Substantiv wie qua Verb gedachte werden muß, um die Bedeutung des Satzes ‚auf den Begriff zu bringen‘: τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῐν ἐστίν τε καὶ εἶναι.)
    Wenn Sie diese Sätze, um es im Jargon Hegels zu formulieren: ‚in der Anstrengung des Begriffes auf den Begriff gebracht‘ haben und sich dessen auch bewußt bleiben, dann dürften Sie Parmenides alle Referenz erwiesen haben!
    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Böhle,

    deshalb sagte ich in der Einleitung, dass ich mich nicht der Orginalquellen bediene, sondern die Interpretation der "Geschichte der Philosophie" von Wolfgang Röd wiedergebe und das nicht als Fachmann, sondern als interessierter Laie.

    Insofern sind meine Betrachtungen durch ein sehr reduziertes und modernes Prisma gebrochen.

    Danke Ihnen für Ihre weitaus genauere Expertise.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marcin Lupa

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