Marcin´s Betrachtungen: eine Umweltgeschichte des Anthropozäns

Marcin Lupa • 29 September 2021
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Den Anspruch des Menschen, den John Widtsoe (Direktor im Amt für Bewässerung und Wasserkraft) 1928 formulierte, stellt der Autor Daniel R. Headrick seinem neuen Buch „Machet euch die Erde untertan“ voran: „Es ist das Schicksal des Menschen, die ganze Erde zu besitzen, und es ist das Schicksal der Erde, dem Menschen untertan zu sein“.
Es könne keine vollständige Eroberung der Erde und keine wahre Befriedigung für die Menschheit geben, solange sich große Teile der Erde ihrer völligen Kontrolle entzögen.

Danach stellt er sich die Frage, seit wann man von einem Anthropozän und von Einflüssen des Menschen auf die Veränderungen auf der Erde, die zu Kosten wilder Pflanzen, Tiere und Naturlandschaften gehen, sprechen kann.
Er kritisiert dabei den „Besitz der Erde“ als Umweltkrise und zeigt, wie spätestens die Epoche der industriellen Revolution, die 1784 mit den Entwürfen von James Watts Dampfmaschine begann, den Startpunkt für einen rasanten Abbau der Ressourcen weltweit legte. 
Aber bereits vorher schon legt Headrick den Beginn der menschlichen Beeinflussung in die Hände von Ackerbauern und Viehzüchtern der Jungsteinzeit: „Das Verhältnis des Menschen zum Boden veränderte sich tiefgreifend. Früher war der Mensch Teil der Natur gewesen; nun beutete er die Natur aus.“
Was sich im Lauf der Zeit verändert hat, war nicht der Wunsch der Menschen, ihre jeweilige Umwelt auszubeuten, sondern die technologischen und organisatorischen Mittel, die sie gegen die übrige Natur entwickelten und anwandten – und deren Folgen.

Der Autor benennt in seinem Buch auch Methoden der Natur eine Art davon abzuhalten, andere zu erdrücken und zu zerstören: Begrenzung des Ressourcenangebots in einer bestimmten Umwelt oder die Begrenzung der Ressourcen, die ein Lebewesen aufnehmen kann.

Zentral jedoch behandelt dieses Buch in 15 Kapiteln und einem Epilog, die Einflussnahme des Menschen auf die Umwelt und deren Reaktionen.
Heute können Menschen ganze Wälder entfernen, sich alles verfügbare Frischwasser aneignen, das Klima verändern und „die ganze Erde besitzen“.
Dieses Buch untersucht die komplexen Interaktionen zwischen Menschen und der übrigen Natur. 
Ökologen betonen, dass alles in der Natur einschließlich der Menschen miteinander verbunden ist und in komplexen Rückkopplungsschleifen interagiert. Darauf macht auch der Autor aufmerksam.

In den ersten Kapiteln folgt er chronologisch der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern und Viehzüchtern und zu den ersten Zivilisationen. 
Seit dem Erscheinen des Homo sapiens sei das Motiv, der Umwelt so viele Ressourcen zu entnehmen, wie die Technologie es zulässt, ein menschlicher Charakterzug. 

Es geht weiter mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren, wonach Headrick komplexe hierarchische Gesellschaften auftreten läßt.
Schließlich macht er darauf aufmerksam, dass aus Europa und Afrika eingeschleppte Krankheiten mindestens 90 Prozent der indigenen Bevölkerung Nord – und Südamerikas das Leben kosten, und die Erholung von Wäldern und Tierpopulationen erlauben.
Er erwähnt dabei auch den Schwarzen Tod, der die mittelalterlichen Gesellschaften Europas befiel.

Später wendet Headrick seinen Blick auf die Epoche der Industrialisierung und des Machtzuwachs des Menschen über die Natur, in der die westlichen Staaten zu Machtzentren wurden und die übrigen Regionen zu Objekten, denen Veränderungen aufgezwungen wurden.
Er macht auf das rasche Bevölkerungswachstum aufmerksam und auf die Plünderung natürlicher Ressourcen, die Zerstörung von fruchtbaren Boden und Wäldern, sowie die Dezimierung oder Ausrottung verschiedener Tierarten. 

Ein ganzes Kapitel untersucht die Wirkung von zwei Weltkriegen und Konflikten wie dem Vietnamkrieg auf die Umwelt. 
Es folgt die Betrachtung des Aufstiegs der Konsumgesellschaft und ihrer Umweltkosten, vor allem der Wirkungen des Autoverkehrs, der Ölindustrie und der industriellen Landwirtschaft. 
Abschließend findet Headrick zu den wissenschaftlichen Prognosen und möglichen Zukunftsszenarien, bei denen er sich dem Aussterben von Arten als Naturphänomenen widmet: „Wir erleben gegenwärtig ein sechstes, diesmal menschengemachtes Massensterben durch die Zerstörung von Biotopen, Jagd und Erderwärmung, vor allem in den tropischen Regenwäldern und der Arktis“.

Die letzten beiden Kapitel stellen Reaktionen auf die gegenwärtige Umweltkrise dar: „Seit dem 19. Jahrhundert haben Umweltschützer auf den Schaden einer schrankenlosen Entwicklung für die natürliche Umwelt hingewiesen. In den letzten Jahrzehnten sind ihre Stimmen ein Teil des politischen Diskurses.“

Dass die Notwendigkeit zum Schutz der verbliebenen natürlich Umwelt besteht, sei uns klar. Gleichzeitig sei der Druck, den Weg von Expansion und Entwicklung weiterzugehen, stärker als je zuvor.

Folgen wir dem Autor, wenn er die Frage danach stellt, ob wir mit Weisheit, Zurückhaltung und Ausgewogenheit handeln werden, Charakterzügen, die der Mensch in der Vergangenheit so selten gezeigt hat, und lesen dieses epochale Werk. 

Kommentare (6)

Luca Rosenboom

Vielen Dank für den spannenden Einblick, obgleich eine sehr ernste Angelegenheit. Letztens habe ich, allerdings beiläufig, in einer Lektüre gelesen, dass schon Platon ein "Umweltkritiker" (natürlich in sehr, sehr großen Anführungszeichen) war und Kritik an Ressourcenverschwendung übte. Aber da Platon ja generell im Vergleich zur Seele die Natur als vergänglich ansah, darf man dem sicherlich nicht viel beimessen. Generell widmete man sich größtenteils nur in beiläufigen Kommentaren darüber - heute ist das natürlich anders.
Sophokles schrieb mal in seiner Antigone, dass in Bezug auf die Umwelt "nichts ungeheurer als der Mensch sei". Auch einige Römer beklagten die eklatante Ausnutzung der Natur zu Gunsten der Wirtschaft, für die man sich nicht zu schade war, alles abzuholzen. Die Art und Weise, wie dies geschieht und wie es hier beschrieben wurde, hat nur extrem zugenommen. Man darf also mehr oder minder gespannt sein, was die Zukunft bringt.

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  • Marcin Lupa

    Interessant, dass diese Zusammenhänge bereits antiken Autoren auffielen.

    Daniel R. Headrick berichtet, dass bereits im Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum die Anfänge der Agrarwirtschaft riesige Veränderungen im C02 Gehalt der Böden aufzeigen. Aus den Kernbohrungen, die aus diesen Erdschichten entnommen wurden, geht hervor, dass die Menschen damals schon ganze Waldregionen rodeten, um Getreide anzubauen und Viehzucht zu betreiben. Dabei verbrannten sie das meiste Holz, weil dessen Asche auch einen guten Dünger lieferte und so begann der teuflische Zyklus, der sich in der Gegenwart zuspitzt und mit Umweltbeeinträchtigung, ja sogar Umweltzerstörung überschrieben wird.

    Den Grund für den Übergang zur Landwirtschaft nennt Headrick ebenso: die Bejagung und die Sammeltätigkeit der damaligen Kulturen wurden so intensiv betrieben, dass sich der Mensch unwahrscheinlich vermehrte, während das Wild und die zu findenden Ressourcen stark abnahmen, dazu kamen natürliche Klimaveränderungen und so waren die damaligen Kulturen gezwungen, sich eine neue Energiequelle zu suchen. Diese fanden sie in den domestizierten Tieren und Pflanzen mit denen sie seit längerer Zeit schon experimentierten, so dass dies die Grundlage der landwirtschaftlichen Entwicklung wurde.

    Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist, dass sich unsere Lage in den letzten 12.000 Jahren rapide verschlechtert hat - jedenfalls was die Dimensionen des nicht nachhaltigen Wirtschaftens mit natürlichen Ressourcen angeht -, während weit mehr als 90% der Zeit in der der Homo sapiens sapiens auf der Erde weilt, eine sehr entspannte Gangart mit viel Entschleunigung gegangen wurde. So jedenfalls Hendrick und seine Quellen.

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  • Luca Rosenboom

    [~2055] "[...] dass sich der Mensch unwahrscheinlich vermehrte" - auch das ist ein sehr großes Problem. Vielfach wird die Bevölkerungsexplosion, zumal in Afrika, gar nicht mitberücksichtigt! In 80 Jahren - laut Statistiken - gibt es etwa 3 Milliarden (!) Menschen mehr (ca. 1,3 bis auf 4,3 Milliarden). Nicht nur der böse, an allem schuldtragende Dieselmotor trägt die Verantwortung für die drastischen Veränderungen.

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  • Marcin Lupa

    [~3175], das ist natürlich klar. Oft vergessen die Grünen und alle Klimaaktivisten, dass frühere Gesellschaften in sogenannten "ökologischen" Welten lebten, bzw. in Systemen, die eine ökologische Lebensweise hatten. Dort aber vermehrte sich der Mensch unentwegt und auch ethisch ließ er zu Wünschen übrig.

    Hatten wir je eine Gesellschaft die zugleich ökologisch und ethisch gewesen ist? Alles was ich über Kulturen und Reiche lese läßt mich erschaudern, wie Menschen andere Menschen behandelten. Und heute ist unser Erdball in Regionen geteilt, die allesamt mittlerweile keiner ökologischen Lebensweise nachgehen - ich wage zu behaupten auch die Klimaaktivisten wüßten nicht, wie sie zu leben hätten, damit ihre Lebensweise klimaneutral und ressourcenschonend, also nachhaltig zu sein hätte. Darüber hinaus vermehren sich gerade die Armen und weniger entwickelten Menschen vehement, wohl weil ihnen der Zugang zu Bildung, also zu dem Wissen um die verheerende Dynamik und auch die Vernunft fehlt. Anders kann ich mir die Tendenz nicht anders erklären. Vielleicht verbindet man noch wirtschaftliche Interessen, Altersvorsorge, etc. mit Reproduktion und Erziehung.

    Aber Du wirfst sehr wichtige und entscheidende Fragen auf. Unweigerlich.

    Reproduktion impliziert eine Widersprüchlichkeit mit der Strategie der Nachhaltigkeit. Je mehr Menschen es gibt, desto mehr Ressourcen erschöpfen sie.

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  • Luca Rosenboom

    [~2055] Bei den Klimaaktivisten sprichst du einen wichtigen Punkt an: "auch sie wüssten nicht, wie sie zu leben hätten, damit ihre Lebensweise klimaneutral und ressourcenschonend, also nachhaltig zu sein hätte." Passend dazu habe ich letztens einen Artikel gelesen, den ich dir hier verlinke: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/klima-energie-und-umwelt/umwelt-…
    Ich habe - auch aus meinem Umfeld - öfter gesagt bekommen, die Älteren würden ja "kein bisschen Umweltbewusstsein in sich tragen". Man betreibt also nahezu Täter-Opfer-Umkehr und lädt seine eigene Verantwortung auf andere ab, obgleich unsere Vorfahren es überhaupt möglich machten, dass wir eine solche Debatte führen können - Undank ist der Welten Lohn, wie es so schön heißt. Auch die Anmerkungen der Art, dass es schon immer Klimaschwankungen gegeben hat, sind nicht gerne gesehen; dann zieht man die "Klimaleugner"-Karte, verunglimpft den anderen und scheidet aus der Diskussion aus, weil man schließlich schon gewonnen hat. Bildung ist, wie du sagtest, ein rares Gut - aber überall auf der Welt. Vor allem die Leitprinzipien einer Diskussion haben meiner Ansicht nach in jüngster Zeit stark abgenommen, vor allem im kantischen Sinne des Durchdringens eines anderen Standpunktes, als sei es der Eigene. Daher bin ich froh und dankbar, mich hier ein wenig mit anderen austauschen zu können.

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  • Marcin Lupa

    [~3175], vielleicht ist es ja gerade so, dass die jungen Generationen eigentlich vorhaben anzumerken, dass die älteren Generationen noch kein großartiges Bewußtsein von ihren Verfehlungen in Bezug auf Resourcenverbrauch und Umwelt hatten, während den jungen Generationen allmählich schon sehr deutlich klar wird, dass sie in diesem Tempo nicht mehr weitermachen können. Wenn die Menschheit, ja die Welt anderer Lebewesen in Zukunft eine Chance haben soll, müssen vor allem die jüngeren Generationen, stark auf die Bremse drücken.

    Der Ausdruck ihrer Empörung bezieht sich nicht auf die Verfehlungen der Alten, sondern vielmehr ist es ein Ausdruck ihres Widerwillens anzuhalten, ihres Unwillens Abstriche machen zu müssen.

    Es ist nicht der emphatische Schmerz, der laut wird, es ist der Schmerz des Noblen über die Aussicht, auf Bequemlichkeiten und Karieren verzichten zu müssen.

    So nehme ich es wahr.

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