Marcin´s Betrachtungen: abgeleitet aus der Schriftkritik in Platons Phaidros

Marcin Lupa • 16 Dezember 2021
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Sokrates erörtert im platonischen Dialog „Phaidros“, welcher Gebrauch der Schrift vertretbar ist und welcher nicht. Dabei stellt er die Frage nach der Ziemlichkeit (euprepeia) oder der Unziemlichkeit (aprepeia) des Gebrauchs der Schrift.

Der antike Philosoph referiert: einfältig ist es zu meinen, man könne eine Kunst (techne) in der Schrift vermitteln, oder daß sich aus Schriften etwas Klares und Verläßliches gewinnen lasse. Geschriebene Darlegungen können nicht mehr leisten als den schon Wissenden daran zu erinnern, wovon das Geschriebene handelt.

Die Schrift bedürfe außerdem stets ihres Urhebers als Verteidiger, wenn sie mal zu unrecht geschmäht wird, da sie sich selber nicht zur Hilfe kommen könne.

Der geschriebene Logos ist nur ein Bruder des besseren und fähigeren Logos, der in die Seele der Lernenden geschrieben wird, der sich wehren kann und überdies auch weiß, zu wem er reden oder schweigen muss.

Damit bezieht sich Platon mit den Worten seines fiktiven Sokrates (dessen Grundlage der echte Philosoph ist) auf die Kunst des Dialogs und mit ihm verbundenen philosophischen Diskurses. Genuin philsoophische Erkenntnis kann nicht alleine durch Lektüre generiert werden. Ohne mündliche Belehrung schafft sie nur Scheinwissen (und arrogante Einbildung dazu). 

Jetzt bin ich selber ein Mensch der Bücher, der sein Wissen vor allem aus schriftlichen Quellen bezieht und der wenig echten Dialog betreibt. Dennoch muß ich zugeben, daß auch ich von guten Unterhaltungen profitiere. So genieße ich Vorträge an der Universität sehr, insbesondere wenn sie Diskurscharakter entwickeln. So kann ich meine Überlegungen überprüfen. Einen geschriebenen Text kann ich weniger eindringlich analysieren und besprechen, als es mir im Dialog möglich wäre. 

Es stellt sich mir dennoch die Frage, ob in unseren Zeiten der vielfach kodierten Information, Kommunikation wird vielfältig betrieben, ich höre gerne Podcasts oder schaue auf Youtube bereits aufgezeichnete Dialoge (z.B. Sternstunden der Philosophie, SFR), das gespeicherte Wissen mir nicht doch zum Vorteil gereicht, gegenüber eher flachen Dialogen, die mein Alltag mit sich führt. Sehr profitiere ich von der Plattform der wbg. Hier wird der Dialog zwar geschrieben, eine Unterhaltung bleibt er allzumal. 

Im Sinne Platons teilt sich jegliche Erkenntnis durch den dialogischen Diskurs mittels der Dialektik mit. So bot ihm die Plattform der antiken athenischen Akademie eine Möglichkeit über seine geschriebenen Dialoge hinaus, seine Philosophie im mündlichen Gespräch zu betreiben. Sein Schüler Aristoteles schreibt, dass Platon seine wahren Erkenntnisse zurückhielt, und sie nicht aufschreiben ließ. Auch sind seine Überlegungen zur Prinzipienlehre nicht schriftlich überliefert. Aristoteles und andere Philosophen nennen aber insbesondere diese, den Kern der Platonischen Philosophie. 

Fehlt einem die Anbindung an Netzwerke in denen viel miteinander diskutiert wird, über philosophische Themen bisweilen, so greift man zurück auf das, was einem zur Verfügung steht. In meinem Fall ist das der Weg in die Buchhandlung, wo ich das geschriebene Wort, die Literatur, vorfinde. 

Man stelle sich nur im Kontrast zur Einsicht Platons die Welt ohne Belletristik vor. Wie trostlos und öde wäre sie.

Obschon in der Antike ausgezeichnet auswendig gelernt und hervorragend rezitiert wurde. Homer soll blind gewesen sein. Seine epische Dichtung ist dennoch beeindruckend.

Schließlich läßt uns Sokrates im „Phaidros“ wissen, dass uns der Dialog das Gedächtnis schult, uns voranbringt, eine höhere intellektuelle Leistung abzurufen.

Was mögen Sie mehr, das ruhige geschriebene Wort oder das Gespräch? Ziehen Sie überhaupt eines der beiden vor, oder greifen Sie gerne auf beide Formen des Wissentransfers zu? 

Kommentare (15)

Lara Hitzmann

Lieber Herr Lupa,

was für eine spannende Diskussion! Ich denke, sowohl die Kunst des Schreibens als auch die des Sprechens sind bedeutend. Um hier auch ein antikes Beispiel zu nennen: Ciceo war bekannt für hervorragende Reden, aber gleichermaßen war es für ihn sehr wichtig, diese auch gekonnt niederzuschreiben.
Da mir persönlich das schreiben viel leichter fällt, bewundere ich diejenigen, die sich meiner Meinung nach vor Publikum durch ihre Worte gewandt und gekonnt ausdrücken können. Aber sicher ist dies eine Fähigkeit, die erlernbar ist.

Jürgen Germann

Tradierte Texte halten nicht nur das einst Gedachte zuverlässig fest, sogar (literarisch kunstvoll gestaltete) "Dialoge", sie bieten auch eine große Fülle von Gedanken, mit denen wir Nachgeborenen uns wiederholt und tiefer auseinandersetzen können. Im "flüchtigen", weil vorübergehenden Gespräch und Dialog geht es eher um die gemeinsame Entwicklung von Gedanken (sofern man nicht nur streitet). Aber nur dort wird der Wert des Austauschs offenbar, weil das Gespräch praktischer Umgang mit Mitmenschen ist – und belebt.
Lektüre dagegen bleibt in ihrem Ergebnis, Erfolg und Wert eher beim Lesenden und zunächst stumm. Und bloße Belesenheit und kognitive Bildung haben ihren Wert noch nicht erwiesen.
B e i d e Formen des Austausches – der Auseinandersetzung mit und in Geistigem – haben ihren eigenen Wert. Gut, wenn beide für die Gestaltung der eigenen Lebenspraxis und -kultur dienen und genützt werden.
Und wie wir in diesem Forum erfahren und praktizieren, ist auch der schriftliche Dialog – Briefe, E-Mail-Kommentare – wertvoll.

Marcin Lupa

Liebe Frau Hitzmann,

genau so ergeht es mir. Ich finde erst beim Schreiben die nötige Konzentration und Ruhe, die mir der rasante Dialog nicht bietet. Obschon es auch Momente in meinem Leben gibt, in denen ich meiner Sache sicher bin und auch gelegentlich kleinere Vorträge halte. Ansonsten ist ein mündlicher Austausch, gerne am Telefon, auch schon sehr belebend.

Lieber Herr Germann,

Sie bringen da sehr gute Beispiele. Auch ich möchte beide Möglichkeiten voll auskosten und keine von ihnen missen. Strukturierter erscheint mir die schriftliche Wiedergabe, zumal sie meinem Gedächtnis stets auf die Sprünge hilft. Obschon, wie Frau Hitzmann oben schon sagte, beides kultiviert werden kann, das Sprechen und das Erinnern.
Das Leben besteht aus zahlreichen Dialogen und auch die Denksequenzen in uns, ähneln einem Selbstgespräch. Darüber hinaus pflege ich mich mit meinen Tieren und auch wilden Tieren im Wald, in den Bergen, etc. zu unterhalten. Dabei erfahre ich ähnlich, wie im Gespräch mit Gott oder dem Göttlichen keine Antwort. Kleine nuancierte Antworten bekomme ich von meinen Katzen, die eine sehr rudimentäre Kommunikation mit mir aufrecht halten.

Auch ich profitiere sehr von den niedergeschriebenen Dialogen in Form von Literatur oder von großen Erzählungen und schön, dass es diese Möglichkeiten der Datenspeicherung gibt. Ein E-book, besser noch ein physisches Buch, bieten mir die Möglichkeit der Vergangenheit näher zu kommen, sie ein wenig zu erleben. Oft tauche ich einfach nur in die niedergeschriebenen Geschichten ein. Da geht es nicht mehr um Dialog und Kommunikation an sich, sondern um das Erlebnis der Erzählung, verbindende Gesichten.

Diese Plattform bietet uns diverse schöne Möglichkeiten. Dafür bin ich sehr dankbar.
Und auch Ihnen für Ihre Antworten.

Norbert KNOLL

Lieber Herr Lupa! Was macht den Dialog so wertvoll? Es ist zum einen, dass er uns den Zugriff auf das Wissen eines anderen Individuums erlaubt. Unser Wissen ist fragmentiert, weil wir ja keine allwissenden Gottheiten sind. Zum andern, eröffnet es Zugang zu Perspektiven, die jenseits der von uns selbst wahrnehmbaren Erlebnis- und Vorstellungswelten liegen.

Nun könnte man sagen, beides ließe sich auch durch einen (lesbaren) Text erreichen - der ein ergänzendes, bislang fehlendes Puzzleteil oder eine zusätzliche Perspektive liefert. Ich gehe in die Bibliothek und siehe da, jenes Buch, das ich aus dem Regal ziehe, bringt für mich zum Vorschein, was andere Individuen (selbst solche, denen ich nie begegnen könnte, weil sie einer früheren Generation angehören oder auf einem anderen Teil dieser Erde leben) erkannt haben oder erkennen, als Wissende.

Nein der wesentliche Unterschied liegt wohl eher darin, dass mich der Gesprächspartner auf eine viel intensivere Weise fordert, meine Urteile zu begründen und dass ich ihn nicht suchen und finden muss in einem Regal, sondern, dass er das was ich ihm gegenüber als "überlegenes Wissen" behaupte, kritisch hinterfragt. Der Dialogpartner verfügt nicht über das Wissen und den Wissenshorizont eines Kollektivs, aber er entwickelt im Dialog ein recht genaues Bild von meinem Standort, meiner Perspektive, meiner Denklogik auf die er mit seinen Fragen und Antworten wie mit einem Skalpell präzise reagiert.

Der Wert geschriebener Texte liegt vorwiegend darin, dass sie die Breite der Erkenntnisse eines "Kollektivs von Individuen" - etwa eines Kollektivs der Mitglieder einer hochspezialisierten "scientific community" -zugänglich machen. Der Wert des Dialogs, den ich mit einem Menschen führe, liegt hingegen meist darin, dass ich Kritik an dem herausfordere, was "ich" bisher zu denken gewohnt war.

Marcin Lupa

Lieber Herr Knoll,

wie zu erwarten kommt von Ihnen eine sehr präzise Ausarbeitung zum Thema. Und ich stimme Ihnen zu, wenn sie den Dialog beschreiben, als prägendes Gespräch, dass die Kritik herausfordert, das bisher Gedachte, fortzuführen.

Der Dialog stimuliert uns zu tieferem Denken, er ist Austausch. Dies führt zu Perspektivwechseln und Empathie. Kommunikation ist der Schlüssel für das menschliche Zusammenleben. Geschrieben Texte sind immer abschließende Zusammenfassungen. Man blickt mit ihnen immer in die Vergangenheit, selten in die Gegenwart oder Zukunft. Es sei denn, es sind Vorgangspläne oder Utopien.

Lassen Sie uns alle hier, unseren schönen wbg Dialog fortführen. So, wie es uns möglich ist, mittels geschriebenen Texten, die in Dialogform verfasst werden, aber auch einen Gedanken oder ein Thema zusammenfassenden Beiträgen.
Wir profitieren alle sehr gut davon, denke ich.

Es ist mir eine Freude, von so vielen reflektierten Menschen hier immer wieder einiges interessantes zu lesen.

Michael Deckers

Sehr interessant, vielen Dank!

Ein Gedanke, der mir beim Lesen der Beiträge kam:

Kennen Sie auch die philosophische Hintertreppe -- das Argument, das einem erst einfällt, wenn der Gesprächspartner schon weg ist? Da sagt zum Beispiel einer, vor jeder Tatsache komme doch eine Tat, und erst wenn er wieder weg ist (auf der Hintertreppe eben), fällt mir auf, dass das ja gar nicht stimmt. Und nach Wochen erklärt mir jemand die Replik: dass vor so mancher Weisheit die Nase komme.

Michael Deckers.

Michael Deckers

"Thinking, Slow and Fast" von Daniel Kahneman habe ich nur teilweise gelesen, und einiges, was ich (meiner Meinung nach) darin verstanden habe, halte ich für falsch. Natürlich denken die Menschen nicht nur rational, sondern immer auch im "system 1" -- dass einem ein Wein besonders gut schmeckt oder jemand sympathisch ist, gilt jedenfalls nicht als "rationales" Urteil. Das ist nichts Neues.

Aber ich glaube, dass ich immer in beiden "systems" denke und keines je "abschalten" kann. Und dass man sinnvoll aus einem einzigen kuriosen Experiment mit ein paar Richtern und Würfeln schliessen könne, wie "wir" (die restlichen acht Milliarden) in einer speziellen Situation denken, scheint mir bestenfalls eine krasse Fehleinschätzung zu sein (oder sonst ein Missverständnis der naturwissenschaftlichen Methode).

Michael Deckers.

Jürgen Germann

Michael Deckers Norbert Knoll Marcin Lupa
Ihre Beiträge lassen erkennen, wie stark Menschen von ihrem Denken Gebrauch machen und dies in einen Diskurs einbringen können. Für Sie geht es letzten Endes auch um Wissen(schaft) und Verständnis dessen, was uns geistig und praktisch angeht.
Die Gabe des wissenschaftlichen Denkens hat sich längst in mehrere Richtungen verzweigt und verselbständigt.
Stark abstrahiert sind das (in meinen Worten): der Wahrheitszweig, dem es vor allem um richtige und gültige Erkenntnis und (dialektisches) Denken geht; den Nützlichkeitszweig, der sich mit Technologie und Wirtschaft verbündet hat; der Wissbegierzweig, der auch letzte Rätsel und Geheimnisse und Lebensgrundlagen zu erforschen sucht; der Geltungszweig, der eine erhabene Stellung über den Häuptern der Menschheit verspricht; der Machtzweig, der sich der Sicherheit und der Lebenskontrolle verschrieben hat; und der philanthropische Zweig, der sich der Bildung und der Entwicklung des Menschseins und der Mitmenschlichkeit widmet.
Vielleicht hat bei Ihnen wie bei mir bei der Lektüre des Kahnemann-Werkes ein Widerstreben mitgespielt, solches ausgebreitetes Wissen auf hunderten Seiten Redundanzen vorgesetzt zu bekommen. Statt auf 30 bis 70 Seiten eine menschliche, verständliche und hinreichende Zusammenfassung für ... Laien wie uns, die gleichwohl denken und verstehen möchten.
Mir gefällt ausnehmend gut, wenn Diskurse wie dieser in der wbg-community w e i t e r führend gestaltet werden.

Norbert KNOLL

Lieber Herr Jürgen Germann & Herr Lupa, an eines glaube ich ganz fest:

Dass sich das wissenschaftliche Denken gar nicht so weit vom Alltagsdenken, ganz einfacher Menschen - wie wir es sind -unterscheidet. Natürlich werden in den Wissenschaften - und das ist insbesondere klar für Gegenstände der Naturwissenschaften - Messmethoden und formale Systeme (wie sie aus der Mathematik bekannt sind) in weitaus differenzierterer Weise angewandt, als wir es aus dem Alltag gewohnt sind. Da werden Gleichungssysteme und Differentialgleichungssysteme erstellt, mit einer Vielzahl von Parametern und Variablen, die im Alltag niemals Verwendung finden könnten, weil im Alltag weder Kapazitäten & Fertigkeiten noch Zeit verfügbar wären für entsprechende Lösungsansätze von Alltagsproblemen.

Aber im Grunde muss alles auf die gleiche Art funktionieren, die "gleiche Art von Aktivitäten" muss im Alltag und in den Wissenschaften stattfinden, um "Aktivitäten des Denkens", zur Schaffung und Überprüfung neuer oder Zurückweisung weit verbreiteter (und doch als überholt zu entlarvender) Erkenntnisse zu ermöglichen.

Einer meiner Lieblinge unter den Klassikern der Soziologie, Alfred Schütz, hat einmal einen Essay geschrieben in dem er die Verteilung von Wissen in der Gesellschaft auf drei Idealtypen (ganz nach dem Ansatz Max Webers) postuliert hat. Idealtypen des (a) auf ein Spezialgebiet konzentrierten Experten, (b) des Manns (politisch korrekt: Menschen) von der Straße, der lediglich über Wissen verfügt, das ihn unmittelbar in seinem Alltag berührt und (c) des gut informierten Bürgers, als verbindendem Zwischenglied, das leider vom Aussterben bedroht ist.

Ich sage leider, weil das Wissen der Experten (aller denkbaren biologischen Geschlechter) ein Elend ist und die Verfangenheit ins Wissen der Menschen von der Straße (an dem sich die Meinungsforschung und in weiterer Folge die Politik anhängen) nicht minder elend ist.

Wenn in mir ein Widerstreben gegen Kahnemann aufgebrochen ist, dann weil es nur zwischen zwei Formen des Denkens zu unterschieden versucht, die beide der reinen Rationalität huldigen. Wie oben erwähnt, halte ich den "homo ludens", der sich spontan äußert (ohne vorher Handlungspläne und Szenarien entwickelt zu haben) und einfach nur experimentiert (ohne irgendein Ziel dabei zu verfolgen) für einen mindestens ebenso wertvollen Bestandteil der aktiven Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt und seiner sozialen Mitwelt. Dieser spielerisch-spontan-experimentierfreudige Teil des Menschseins scheint sich zwar im Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden immer mehr zu verringern, aber ohne ihn könnte der Mensch nicht Mensch sein, wäre dann eher so etwas wie eine Gottheit oder eine Maschine, denen wir bereit sind eine "höhere" und erstrebenswerte Stufe von Rationalität zuzugestehen

Es freut mich außerordentlich, dass in dieser Runde noch Gedanken geäußert und ausgetauscht werden können, die den Charakter des spontanen Experimentierens aufweisen dürfen.

Marcin Lupa

Michael Deckers, das gibt mir zu denken.
Ich gehe auch davon aus, dass wir in beiden Systemen denken. Das Intuitive wird jedoch nicht immer reflektiert und bleibt in zahlreichen Situationen, die wenig Zeit lassen, Reflex.

Marcin Lupa

Jürgen Germann, lieber Herr Germann, den Nützlichkeitszweig beginne ich gerade erst zu entdecken, da mich Bildung und Dialektik anfänglich so sehr fesselten, dass ich das Praktische als Minderwertig betrachtete. Ein Fehler meines Denkens, zugegeben. Nichtsdestotrotz erscheinen mir auch heute die beiden erstgenannten als edel. Und Macht ist sehr mit Vorsicht zu genießen, da sie meines Erachtens verdirbt, wenn sie unreflektiert bleibt.

Jürgen Germann

Norbert KNOLL
... und den ganzen Reichtum menschlichen Daseins, Tuns und Denkens nicht aus den Augen verlieren.
Und vielleicht mindert faire Wertschätzung der verschiedenen Typen von Denk-Richtungen und -Niveaus ja die unschöne Geringschätzung?

Norbert KNOLL

Lieber Herr Lupa,
der Kahnemann ist mir schon ein Begriff, obwohl ich das Buch - als er damals grade zum Nobelpreisträger gekürt wurde - nach 50 oder 70 Seiten weggelegt habe. Ich hab ja in meinem Vorleben in den 80er Jahren Ökonomie studiert und da wird einem in der Mikroökonomie eingebläut, dass sich die Leute rational verhalten, also in ihrem Tun und Unterlassen als Werktätige & Konsumenten den individuellen Nutzen bzw. (als produzierende Firmen und Kapitaleigner ) ihren Profit maximieren. Das sind gelegentlich recht nützliche Annahmen, weil sich damit (durch Anwendung mathematischer Methoden) einfache Berechnungen zum Verhalten der Akteure/Menschen anstellen lassen, die sogar in die Zukunft gerichtete Prognosen erlauben sollen.

Jetzt ist aber selbst in der ökonomischen Zunft irgendwann einmal ein paar Leuten aufgefallen, dass diese letztlich einem primitiven Behaviorismus geschuldete Theorie der Nutzenmaximierung mit der Realität gar nicht so gut zusammenstimmen will.

Ihnen selbst ist ja vielleicht auch schon gelegentlich ein Mensch begegnet, an dessen "Nutzen maximierendem Verhalten" Sie Zweifel hatten. Denken sie nur an Formen des Verhaltens, die Veblen vor 100 Jahren als "demonstrativen Konsum" beschrieben hat, an ihre Gesundheit schädigende Raucherinnen oder an altruistische Handlungen, die eine ganz eigenartige Vorstellung von "maximalem Nutzen" im (in der ökonomischen Theorie doch eher egoistisch gestrickten) Menschenbild voraussetzen.

Sie haben sich dann vielleicht sogar gedacht, dass diesen armen Menschen zur Lösung ihrer Maximierungsprobleme ein paar Informationen fehlen, oder dass sie halt bei der Lösung mathematischer Gleichungssysteme in der Schule nicht so gut aufgepasst haben und deshalb die aus ihren Handlungen ablesbaren Ergebnisse nicht gerade vor Rationalität strotzen, sondern intellektuell eher bescheidenen Überlegungen folgen; na ja beim einen oder anderen haben Sie sich vielleicht sosehr gewundert, dass Sie diesen Menschen gar für verrückt gehalten haben, was ja auch nicht so selten vorkommen soll.

Jedenfalls, ist dieses Problem realitätsferner Theoriebildung Teilen der ökonomischen Zunft mit der Zeit doch aufgefallen und sie haben Gefallen an der Idee gefunden, dass es bei Menschen im Umgang mit Rationalität & Logik nicht immer so weit her ist. Tja und da kann man nur froh sein, dass die psychologische Zunft - und einer wie der Kahnemann - aushilft und alternative Erklärungen anbietet.

Was die Grundidee der Unterscheidung von schnellem & langsamen Denken anlangt, so finde ich das Konzept recht brauchbar und interessant. Es passt zu meinen eigenen Überlegungen, dass eine Besonderheit menschlicher Individuen darin liegt, eben nicht gezwungen zu sein - so wie unsere Genossen aus dem Pflanzenreich und der Tierwelt - unmittelbar & genetisch / instinktivisch auf jegliche aktuell auftretenden Umweltänderungen und äußeren Reize reagieren zu müssen.

Nein, "wir entwickeln" indem wir "in Kollektiven sozialisiert" werden im Verlauf des Lebens eine ganz eigene Vorstellungswelt.

Erhalten wir Indikationen für Veränderungen in unserer sozialen Mitwelt oder in unserer natürlichen Umwelt, dann nehmen wir diese auf und nutzen sie dazu, denkend in der Vorstellungswelt Szenarien zu verschiedenen Konsequenzen potenzieller Antworten zu entwickeln und rein gedanklich durchzuspielen, ehe wir tatsächlich eine Handlung setzen.

Wenn wir jetzt noch bedenken - was ich früher gesagt habe - dass wir (a) eben nicht allwissend sind, also immer nur über fragmentiertes Wissen verfügen (b) jedes Handeln auf bestimmte / unterschiedliche Zeithorizonte angelegt ist sowie (c) unterschiedlich viel Zeit darauf verwenden Entwürfe unseres Handelns (planend) vorzubereiten, dann brauchen wir uns auch nicht wundern, dass die Unterstellung von "Rationalität der Individuen" uns nur unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen hilft, menschliches Verhalten & Handeln überhaupt - oder gar besser - zu erklären.

Nur ein Nachtrag, weil es mir spontan einfällt: Ich habe ja insgesamt das Gefühl, dass Rationalität falsch gedacht wird, wenn man ihr das Triebhafte, Instinkthafte als (meist abwertend konnotierten) Gegenpol gegenüberstellt. Hat vermutlich mit der Prominenz der psychoanalytischen Modellvorstellung von Überich/Ich/Es zu tun. Meiner Meinung nach müsste man der Rationalität das spontane und "Spielerische" als durchaus legitimen (zum Menschsein gehörenden) Gegenpol gegenüberstellen. Der "Homo Ludens" des Soziologen Johan Huizinga, der spontan agiert und in seinem Handeln nicht ständig auf Ziele und Zwecke fixiert ist, die sich "als rational und begründbar" rekonstruieren lassen und damit das Handeln quasi legitimieren. Aber das wäre wieder eine ganz andere Geschichte.

Marcin Lupa

Lieber Herr Knoll,

vom Homo Ludens erzählt mir meine Frau sehr viel, weil sie ihn gelesen hat, daher gehe ich davon aus, dass diese Theorien schlüssig sind.

Was unsere Zweckorientiertheit angeht, vermute ich, dass wir zwar in die Zukunft planen, jedoch viele von uns nicht hartnäckig rational genug sind, die Hindernisse und Spannungen bis dahin aufzulösen, bzw. Strategien dazu entwickeln, die uns entweder umleiten und auf Abwege bringen oder gänzlich hindern unsere Ziele zu erreichen.

Wer alt werden will, um friedlich betagt zu entschlafen, sollte nicht rauchen. Umgekehrt wird niemand alt, der sich nicht mit einer Zigarette hilft, ein übles Bauchgefühl loszuwerden, wenn ihn der Arbeitgeber, wie in vielen Fällen üblich, genüsslich foltert.
Die Zigarette ist durch andere Mittel, gerne auch Sport, austauschbar. Hier dürfen wir im Sinne des Vorrigen weiterhin spielerisch sein.


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