Der „Mann“, der bei meinen Eltern wohnt

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Obwohl er ein Dach über dem Kopf hatte, konnte man ihn nur schwer von einem Obdachlosen unterscheiden. Es waren hauptsächlich die Haare, die das bewirkten: auf ersten Blick einfach lange nicht gewaschen, und vielleicht sogar nie gekämmt; wenn man aber näher kam, verstand man direkt, das es sich in Wirklichkeit gar nicht um Haare handelte, sondern um eine Art Wucherung aus Heu und Stroh. Er wirkte aber nicht abstoßend; dafür war er viel zu sauber. Auch die Energie, mit der er strahlte, machte ihn zu jemanden, dem man vertrauen konnte.

Ich habe es erst sehr spät erfahren, dass er im Haus meiner Eltern wohnte, und ich bin mir nicht sicher, ob sie es selbst wussten. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, guckte er mich an als ob die Frage von Anfang an sinnlos wäre. Also habe ich ihn gefragt, wieso er hier war, in der Mitte des Badezimmers. Mit einem kleinen selbstsicherem Lächeln fragte er mich, wer auch sonst sich um all das Ungeziefer sorgen würde, wenn er nicht hier wäre. Plötzlich war alles klar: Er pflegte und fütterte alle kleinen Viecher wie Spinnen, Mäuse und Käfer. So wie wir Haustiere hatten, hatte er all das, was wir als Haustiere nicht haben wollten, und das wir kaum im Hintergrund unserer Gedanken behielten. 

Wir haben die Kreaturen im Stich gelassen. Die selbstverständliche Folge eines solchen Vorgehens ist das Ankommen eines Notpflegers - und der stand bevor mir in seinem braunen, dreckigen Mantel, den ich kaum von seinem Körper unterscheiden konnte, als ob er mit ihm schon vor langem verschmolzen wäre. 

Ich hatte es ihm zu danken, dass ich mir keine Sorgen über die Kleintiere machen musste. Solange er sich um sie kümmerte, bekam ich sie nicht zu sehen. Er machte sicher, dass sie sich nur dort bewegten, wo sie willkommen waren. Das galt auch für mich und meine Familie. Manche Änderungen, wie beispielsweise wo was weggeschmissen wird, musste mit dem Mann vereinbart werden. Das letzte Mal, als ich etwas falsch gemacht hatte, hielt er einen Vortrag über die Regeln des Hauses. Er war dabei unzulänglich gemein und überschätzte seine Rolle im Haushalt außerordentlich. 

Man konnte aber nichts tun – obwohl er im Haus lebte, unterlag er anderen Regeln als wir. Er war zwar sehr menschlich, aber sein Menschsein ließ er nicht beweisen. 

 

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