Die Macht des freien Willens

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Die Macht des freien Willens 

 

Die Philosophen der Aufklärung streiten, ob es den freien Willen gibt. In einer Welt der Kausalitäten, wo eine Ursache einer Wirkung zugeordnet werden kann, müsste dieser freie Wille stark eingeschränkt sein.

So fragen sie im Anschluss, ob es denn diese Kausalitäten überhaupt gibt. Sind sie nicht vielmehr ein Produkt unseres menschlichen Verstandes, unseres Bewusstseins, dass ohne kausale Erklärung nicht erkennen kann?

Die Frage ist profund. Es geht so weit, dass Immanuel Kant ein Fragment veröffentlicht, das danach fragt, was Aufklärung an sich bedeutet. Der Mensch müsse aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit heraustreten, mit Hilfe seiner Vernunft. Was, so die Gegenfrage, wenn seine Unmündigkeit nicht selbstverschuldet ist, weil sie Teil einer systematischen Konditionierung, seitens der herrschenden Klassen ist? Stellt sich somit die nächste Frage, die sich daran anschließt, wie viel freien Willen hat der Mensch?

Es gibt bestimmt viele Determinanten des freien Willens. So ist es definitiv sicher, dass einige Triebe und Bedürfnisse den freien Willen einschränken. Der Mensch muss für sein leibliches Wohl sorgen. Dazu gehört Nahrungsaufnahme, Kleidung, Behausung. Der Hunger schränkt den freien Willen ein. Denn freiwillig würde ein Mensch vermutlich niemals etwas essen. Er wird also darin durch seinen Hunger zur Nahrungsaufnahme gezwungen, genauso wie durch die Sittlichkeit dazu gezwungen Kleidung zu tragen. Wo er wieder frei wählen darf ist, was er konsumiert und was er anzieht. Bisweilen ist er dabei auch nicht gänzlich frei. Einige Kulturen verbieten den Konsum von Fleisch oder eine Art der Bekleidung, die nicht dem gängigen Modeideal oder den Moralvorstellungen widerspricht. In vielen Gesellschaften darf ein Mann beispielsweise keine Frauenkleider tragen. Dem freien Willen sind also klare Grenzen gesetzt. Ebenso kann ein Mensch nicht frei darüber bestimmen in was für eine Familie er geboren wird, ginge es dabei liberaler zu, würden sich vermutlich alle wohlhabende Eltern aussuchen, denn dadurch würden weitere gesellschaftliche und ökonomische Schranken wegfallen. Ein freier Zugang zu Bildung und finanzieller Unabhängigkeit ist nicht gewährleistet.

Aber es gibt noch andere Faktoren, die den freien Willen determinieren. Beispielsweise Süchte oder Krankheiten. Wer wie ich abhängig von Nikotin ist, weiß, dass die Anzahl der Zigaretten, die er täglich raucht, eine freie Willensfindung stark einschränkt.

Schließlich determiniert der freie Wille mancher Individuen die freie Willensentfaltung von Anderen.

Durch die existenziellen Bedürfnisse der Einen, haben Andere, die das Monopol besitzen, diese Bedürfnisse zu befriedigen, wiederum Einfluss auf die Entscheidungen der Ersteren. Und so ist der freie Wille schnell gezügelt und unterliegt starken bis unüberwindbaren Einschränkungen. So entscheidet oft der Grad der Bildung und somit die finanzielle Kraft über den Verbleib der Individuen.

Innerhalb dieser Einschränkungen kann sich der freie Wille dennoch entfalten, oft zum Vorteil der an den Prozessen der Willensfindung beteiligten Individuen. Es steht uns meistens frei, was wir essen, wie wir uns kleiden, welche Ausbildung wir machen, wo wir arbeiten, manchmal sogar wie viel wir verdienen und wofür wir es ausgeben. Dann wiederum regeln der Staat, die Gesetze, die Gesellschaft unser Verhalten. So ist es ein Wechselspiel mit einigem Raum für freien Willen. Die Macht des freien Willen, ist es innerhalb dieser Schranken sich so gut es ihm gelingt, zu entfalten. Wie weit es mit der Selbstentfaltung bestimmt ist, zeigt uns unsere Biographie.

Manch eine Regierung determiniert Biographien, manch ein Regime zerstört sie regelrecht. Gänzlich ungezügelt und ohne Schranken ist die Sache nie. Egal wie offen und frei die Gesellschaft ist. Es gibt immer einige ungeschriebene Gesetze und auch klar verfasste Regelungen, die ihn zügeln.

Einige Philosophen des Altertums bis in die Neuzeit hinein und auch viele Gesellschaften und Kulturen gehen von der Vorstellung aus, dass die Seele des Menschen wandelt. Sie könne sich nach dem Tod von dem Körper lösen und wieder neu inkarnieren. Wenn dem so sei, wie stets es dabei mit dem freien Willen? Welche Seele, möchte freiwillig in die Körper unserer Hauskaninchen wandeln, die auf engsten Raum unter der Schirmherrschaft von uns Menschen leben, die über sie bestimmen.

Wenn ich unsere Kaninchen ansehe, über die sich meine Stieftochter sehr freut, so erkenne ich sehr viel freien Willen, allerdings auch altbekannte Zwänge: Hunger, Durst, Lebensraum. In der Wildnis würden sie nicht überleben, so sind sie gezwungen sich mit uns abzufinden. Die Verständigung klappt einigermaßen gut, wobei die Kaninchen – es sind Geschwister - gerne für sich selbst leben und am liebsten mit uns so wenig zu tun hätten, wie nur möglich. Die Streicheleinheiten meiner Stieftochter sind ihnen meistens zu viel. Das Männchen ist genügsamer und fügt sich mehr in sein Schicksal, das Weibchen flieht generell.

Vielleicht würden beide gerne auch frei auf die nächste Weide hoppeln und uns für immer den Rücken kehren, doch wo kämen sie da hin. Insofern zwingt uns die Verantwortung über sie und unsere eigene Vernunft für ihr leibliches Wohlergehen zu sorgen. Soweit unsere Mittel dafür reichen. – Eine ideale Welt gibt es für sie nicht. Sie sind Teil unseres Familienverbands und somit auch determiniert durch das existenzielle Aufgebot, über das ihre menschlichen Familienmitglieder letztendlich verfügen.

So stellt sich mir anschließend die Frage, wie eingeschränkt der freie Wille einer menschlichen Seele ist und welche Faktoren auf ihre Entscheidung Einfluss nehmen. Wo geht sie nach dem Ableben denn tatsächlich hin und was hält sie davon ab, sich eine glückliche oder Glück verheißende Existenz zu suchen. Auf Dauer wird keine weitere Welt bestand haben und in jeder weiteren Welt oder Lebensweise wird der Funken der Unfreiheit stecken, aber auch einiger Platz für den eingeschränkten freien Willen, der zur Selbstentfaltung strebt.

Immanuel Kant schuf mit seinem kategorischen Imperativ eine Instanz des Gewissens: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Er sei von der Vernunft bestimmt, sagte er – an sich eine Einschränkung und sollte von jedem, der halbwegs bei Trost ist, befolgt werden.

Kant schafft einen Unterschied zwischen sollen und müssen. Beides Einschränkungen des freien Willens, auch wenn das Gewissen, wenn es uns plagt, eine schwächere, weil nicht endgültige ist.

Und was ist, wenn die Maxime dieses Handelns auf eine bestimmte Reaktion beschränkt wird? Wo ist der freie Wille, wenn wir gezwungen sind unseren Besitz gegen Diebstahl zu verteidigen, unsere Familien gegen Mord?

Viele Reize von Außen – auch Angriffe sind welche -, machen uns ohnmächtig, schränken unseren freien Willen zumindest stark ein.

Der freie Wille bleibt ein Balanceakt, zwischen Freiheit und Zwang.

Da wir allesamt in mancher Hinsicht, wie soeben ausgeführt, nicht frei sind, bleibt die Macht des freien Willens zumindest bescheiden.

Einen eingeschränkten und bedingt freien Willen kann man dem Menschen dennoch nicht absprechen. Er kämpft sich seinen Weg durch das Dickicht der Zwänge, gleichsam einem Tiger im Dschungel.

Ich kann Entscheidungen treffen, die einen unterschiedlichen Verlauf des Geschehens konstruieren.

Es bleibt mir frei mir Gedanken über einen bestimmten Sachverhalt zu machen und abzuwägen.

Selbst wenn mein moralisches Handeln in der Erziehung, die ich genossen habe, begründet liegt, kann ich ich mich in jeder einzelnen Situation neu entscheiden, rechtschaffen zu handeln.

Die Entscheidung liegt dennoch bei mir. Sie ist eingeschränkt durch die bereits erwähnten Zwänge.

Wo der freie Wille zur Wirkung kommt, sollte man ihn kultivieren.

 

 

Kommentare (2)

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrter Herr Lupa
- Da treffen wir uns ja schon mal wieder! -
Sie eruieren mannigfaltige Dissonanzen an dem, was Sie „freien Willen“ nennen; diese beobachteten Dissonanzen seien Ihnen auch nicht bestritten: haben aber mit dem „freien Willen“ nichts zu tun, sondern mit Toleranz und Möglichkeiten, dieses und jenes zu wählen wie ebenso dieses und jenes zu ignorieren; und also aus einer vorliegenden Menge an Angeboten je nach Gusto dieses für sich zu reklamieren und jenes zu lassen. Gemeinhin nennen wir so etwas umgangssprachlich ja auch ganz richtig „Freiheit“; etwas subtiler bedacht, bestimmt sich dieser Sachverhalt aber zu „freizügig / Freizügigkeit“: da wird, von wem und durch was auch immer bedingt, in einem (zumeist klar) definierten Terrain meinem Handeln und Verhalten ‚ein freier Zug‘ gewährt. Meinem subjektiv konditionierter Gusto werden ‚Grenzen gesetzt‘ und mein Handeln und Verhalten gemäß einer übergeordneten Regel – bis hin zu Moral und Sittlichkeit – ‚sozial kompetent‘ orientiert.
• Die Sittlichkeit gewährt innerhalb des Terrains ‚Stadt‘ einen anderen ‚freien Zug‘ bezüglich Kleidung als innerhalb des Terrains ‚Schwimmbad / Strand‘.
o „Sittlichkeit“: das alltägliche und seit lang her gewohnte Einhalten des Regelwerkes für ein sozial und kommunikativ adäquates Handelns und Verhaltens (Aristoteles, NE) – verbunden mit dem Nimbus des ‚Guten‘: anständig / wohl erzogen / kultiviert / zu wissen, was sich gehört …
„Freiheit / frei“ auf der Stufe des Begriffes offenbart ein Anderes: Das Wort „Freiheit“ enthält das Adjektiv „frei“ und das substantivierenden Suffix „-heit“. Der Akzent der Bedeutung liegt auf der Silbe: frei. „frei“ bestimmt sich: clare et distincte gegenüber allem Anderen ‚frei‘ zu sein: unabhängig, von Anderem her nicht nur nicht bestimmt zu sein, sondern nicht bestimmt zu werden; präzise: gar nicht bestimmt werden zu können; salopp: frei ist frei, – basta!
So gehen wir ja auch im ganz alltäglichen, selbstverständlichen Sprachgebrauche mit dem Adjektiv „frei“ um. Vor dieser Folie des gemeinen Verhaltens ist es schon ein Eigenartiges, daß ein so klar bestimmtes Verständnis des Wortes „frei“ ins Diffuse abdriftet, wenn dieses Adjektiv per Suffix zur grammatischen Stufe des Substantives sublimiert wird. Die Substantivierung fokussiert die Aufmerksamkeit auf ‚das Wesen‘ eines Wortes und sublimiert dieses zum Begriffe: gehen ~ das Gehen; bewegen ~ Bewegung; herrlich ~ Herrlichkeit; weise sein ~ Weisheit …
Im Alltage orientiert uns unsere routinierte Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, auf die Zwänge: ziemlich lebenstauglich! Die ‚Grund-legende‘ Konditionierung der Notwendigkeit fällt – ganz pragmatisch – aus aller Aufmerksamkeit. Schon die Vorsokratiker erkannten und nachfolgend expliziert die Philosophie von Aristoteles über Leibniz, Kant, Hegel … bis Moderne logisch stringent, daß alle Notwendigkeit weder autonom, noch autark ist, sondern (äußerlich) konditioniert.
Die trivialste Gestalt der Notwendigkeit: wenn …, dann …! (das weite Feld der Natur-Wissenschaft, der Technik und unseres Alltages)
Der Fokus unserer Wahrnehmung und Aufmerksamkeit richtet sich – pragmatisch ja auch ganz richtig, gleichsam lebenstauglich – auf das „dann“; „wenn“ kommt hier nur marginal, wenn überhaupt vor. Doch das „wenn“ ist die – innerlogisch stringente – Grund-Legung der Notwendigkeit oder der Ort der Freiheit, die Notwendigkeit des „dann“ funktional in Geltung und Vollzug zu ‚setzen‘. Ohne „wenn“ in Geltung zu setzen, hat die Notwendigkeit, gefaßt im „dann“, nicht statt: wo kein „wenn“, da kein „dann“! Ob das „wenn“ gilt, terminiert nicht das „dann“, sondern die Freiheit, und also der Mensch, setzt das „wenn“ in Geltung und so den Vollzug: die Notwendigkeit des „dann“! Die Wahrnehmung vermag die Setzung des „wenn“, und also die Freiheit in concreto, nicht wahrzunehmen; der Vollzug des „wenn“ in der akuten Explikation des „dann“ hingegen sehr wohl! Das „dann“ ist die aktuelle Vergegenständlichung oder Verwirklichung des ‚in Geltung gesetzten‘ „wenn“. Freiheit kann empirisch also nicht wahrgenommen werden: Freiheit ist kein empirisches Datum. (ebenso wenig wie die Notwendigkeit; Solches ist aber ein anderes Thema!)
• En passant: In einer Diskussion über den Begriff der Freiheit antwortete einer meiner Studenten ziemlich empört und vehement: „wenn ich jetzt Hunger habe, dann ist meine Freiheit purer Schwall! Skript, Stuhl, Tisch … kann ich nicht essen! Aber essen muß ich! Nix von wegen ‚Freiheit‘ – ich muß: atmen, essen, studieren, arbeiten, Treppen steigen … – muß! muß! muß …!“
Diese Empörung kolportierte ich ironisch: „Ihre Eltern haben Sie gezeugt, und darum mußten Sie werden; Ihre Mutter hat Sie geboren, und darum müssen Sie leben; da Sie eine Frau sind, müssen Sie gebären und nicht Ihr Herr Gemahl; der Tod wird Sie eines Tages abholen, und darum müssen Sie sterben! – Von der Zeugung bis zum Tode: ein Muß nach dem anderen! – Zum Teufel mit der Freiheit!“
Meine Studenten lachten und akklamierte mit lautem Klopfen. – „Ergo: Dieser Disput zwang Sie zum Lachen und er zwang Sie zum Klopfen: quod erat demonstrantum!“ Und dann ging’s richtig zur Sache! (Jene Kommilitonin wurde einige Jahre später mit einer exzellenten Arbeit über den Begriff der Freiheit promoviert!)
Kant formuliert den Begriff der Freiheit clare et distincte: Freiheit ist, sich stellen unter eine Gesetz (GMS). Wie auch immer eine Situation, ein Sachgehalt … gegeben ist, so eignet diesem Gegebenen eine Bestimmtheit: dessen ‚Gesetz‘; doch diesem Gegebenen und seiner Bestimmtheit, seinem Gesetz, eignet gegenüber mir, diesem Menschen da und geistigem Lebewesen, keine Notwendigkeit, die mich in meinem Handeln und Verhalten terminierte. Die Bestimmtheit, das Gesetz des Gegebenen, avisiert mir, dem geistigen Lebewesen, seinen Instrumentalisierungshorizont zum Zwecke. Der Zweck resultiert eo ipso meiner ‚freien‘ Setzung und zur Einlösung des Zweckes taugt mir die avisierte Instrumentalisierung gemäß meinem ‚freien‘ Urteile. Nehme ich die avisierte Instrumentalisierung des Gegebenen zu meinem Zwecke an, löst das Gegebene seinen ‚gesetzmäßigen‘ Anspruch dann und nur dann ein, wenn ich mich in meinem Handeln und Verhalten „unter sein Gesetz“ stelle.
• Ein Hammer avisiert das Gesetz des Zuschlagens auf etwas; dann und nur dann löst der Hammer seinen ‚gesetzmäßigen‘ Anspruch des Zuschlagens ein, wenn ich dessen Gesetz ‚in Geltung setze‘, indem ich mich unter sein Gesetz stelle und mich gemäß seinem Gesetze des Zuschlagens auf etwas in meinem Handeln und Verhalten diszipliniere. – Je nachdem in welchem Maße der Perfektion ich mich unter das Gesetz des Hammers zu stellen vermag, schlägt der Hammer auf den Nagel zu oder aber auf meinen Daumen! Beide ‚Treffpunkte‘ ereignen sich, weil ich mich ‚frei‘ dazu bestimmte, mich selbst diesem Gesetz zu unterstellen und so dieses Gesetz ‚in Geltung zu setzen‘!
o Empirisch wahrnehmbar: ich nehme den Hammer und schlage zu – basta! Von frei / Freiheit empirisch: niente!
Die Notwendigkeit, mich unter sein Gesetz zu stellen, resultiert nicht dem Gesetz des Gegebenen, sondern vielmehr, daß ich mich, und also ‚frei‘, dazu bestimme, mich unter sein Gesetz zu stellen, um in der Anwendung oder Instrumentalisierung seines Gesetzes meine Intention funktional stringent einzulösen.
• wieder mal plakativ: mein Körper fokussiert per Empfindung des Hungers meine Aufmerksamkeit auf seinen Bedarf an Nahrung und avisiert mir ‚sein Gesetz‘ zur funktionalen Einlösung meiner Intention, z.B. gut zu leben. Diese Intention ist, wie mein Körper mir in der Empfindung des Hungers – ganz seinem Gesetze gemäß – anzeigt, gegenwärtig nicht vollendet gewährleistet, sondern gefährdet. Das Gesetz meines Körpers zeigt mir in der Empfindung des Hungers ein ‚Grund-legendes‘ Moment seiner Bestimmung an, und also seines Instrumentalisierungshorizontes zu meinem Zwecke des guten Lebens: Vergänglichkeit; und zugleich das spezifische Gesetz, seine Vergänglichkeit aufzuheben: Nahrungszufuhr!
Meine Intention des guten Lebens ist und bleibt von mir gesetzt; ebenso, daß zu diesem Zwecke das Gesetz meines Körpers instrumentalisierbar ist: und also: Nahrungszufuhr! Nicht, weil ich hier „muß“, sondern weil ich meine „frei“ gesetzte Intention, gut zu leben, einlösen „will“. ‚In kritischer Distanz‘ betrachte ich das Gesetz meines Körpers und dessen Instrumentalisierungshorizont, um mich, vergewissert, diesem intentional zu unterstellen.
In dieser betrachte Betrachtung der Sachlange in kritischer Distanz erkenne ich, daß mein Körper das Moment seiner Bestimmung, die Vergänglichkeit seines Intentionseinlösungshorizontes auf diverse Weisen aufhebt: direkte Nahrungszufuhr und, gleichsam ‚im Notfalle‘, Rückgriff auf eingelagerte Reserven. Nicht erst der Blick auf die Waage, sondern in den Spiegel zeigt mir, daß eine Überbelegung meines Reservearsenales schon per ‚Anbauten‘ aufgefangen wurde; also setze ich – in freier Willkür –, daß es mir behagt, den Überschuß zu reduzieren und nötige daher vermittelst meiner Weigerung einer direkten Nahrungszufuhr meinen Körper, sein Gesetz der Nahrungszufuhr per ‚Notverordnung‘ zu erfüllen.
Gemeinhin nennen wir Solches „fasten“; moderner Jargon: „weight-watching“.
Gängige Münze: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge!“ Diese Formulierung bringt allerdings noch nicht einmal ‚die halbe Miete‘; Protagoras fügt subtil hinzu: „daß und wie sie sind; wie ebenso, daß und wie sie nicht sind!“
Eine süffisante Formulierung des Begriffes von „frei / Freiheit“: innerlogisch stringent resultiert „frei / Freiheit“ zur – Verantwortung! „frei / Freiheit“ und „Verantwortung“ explizieren an sich ein spekulatives (Hegel) Verhältnis.
„Freizügigkeit“ eröffnet das weite Feld einer prädeterminierten Wahl und avisiert die Bequemlichkeit der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant). „frei / Freiheit“ fordert das Bedenken eines Sachgehaltes in kritischer Distanz – vor der Folie der eigenen Intention und terminiert die – innerlogisch stringent resultierende – Verantwortung. (Billiger ist die „selbstverschuldete Unmündigkeit“ nicht aufzuheben!)
Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle

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  • Marcin Lupa

    Sehr geehrter Herr Böhle,

    und wieder spricht Ihre Erfahrung.

    Offenbar verstehe ich die Freizügigkeit meiner Handlungen, so wie ihre Studentin, die sich später der Freiheit in Form einer Erörterung annahm:

    "Diese Empörung kolportierte ich ironisch: „Ihre Eltern haben Sie gezeugt, und darum mußten Sie werden; Ihre Mutter hat Sie geboren, und darum müssen Sie leben; da Sie eine Frau sind, müssen Sie gebären und nicht Ihr Herr Gemahl; der Tod wird Sie eines Tages abholen, und darum müssen Sie sterben! – Von der Zeugung bis zum Tode: ein Muß nach dem anderen! – Zum Teufel mit der Freiheit!“"

    Und so würde ich auch argumentieren.

    Sie eröffnen mir aber eine andere Freiheit, die Freiheit der Verantwortung. Die Freiheit zur Mündigkeit. Und dafür danke ich Ihnen.

    "Into this house we're born, into this world we're thrown, like a dog without a bone and an actor out of lone." (the doors)

    Viele Grüße
    Marcin Lupa

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