Die Lübecker Märtyrer

Lara Hitzmann • 10 November 2021
Blogbeitrag in der Gruppe Geschichte
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Die Lübecker Märtyrer


Am 10. November 1943 wurden die vier Lübecker Märtyrer wegen ihrer Kritik am Nationalsozialismus hingerichtet. Die Gruppe bestand aus einem evangelischen Pastor und drei katholischen Priestern, die über ihre Konfession hinweg ein tiefes Band der Freundschaft verband und die sich den totalitären Aussagen und Taten der Nationalsozialisten widersetzten. 


Pastor Karl Friedrich Stellbrink kam 1934 als Anhänger des nationalsozialistischen Regimes nach Lübeck und glaubte fest daran, dass sich der Nationalismus mit der evangelischen Theologie vereinen ließe. Ein romantisiertes Deutschlandbild durch Studienaufenthalte in Brasilien und das alte evangelische Bild, was sich gegen katholische und jüdische Anhänger:innen richtete, stärkten diesen Fanatismus zusätzlich. Schlussendlich wurde Stellbrink jedoch klar, dass eine Symbiose zwischen dem Christentum und dem Nationalsozialismus reine Illusion war. Im Zuge dieser Erkenntnis näherte sich der Pastor immer weiter an die katholische Kirche Lübecks an und eine tiefe Freundschaft zu den drei Kaplanen Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller entstand. Die vier Lübecker Märtyrer, wie sie heute genannt werden, orientierten sich zunehmend an den Predigten des Bischofs von Münster, Graf von Galen und thematisierten die verbrecherischen Taten der Nationalsozialisten. „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet – die Lübecker werden wieder lernen zu beten.“ Karl Friedrich Stellbrink 1942. Als Stellbrink den Nationalsozialismus 1942 bei seiner Palmarum-Predigt öffentlich anprangert, wurde er inhaftiert. 


Im Gegensatz zu Stellbrink haben die drei jungen katholischen Kaplane nie mit dem Nationalismus sympathisiert. Der Dienstälteste der Kaplane der katholischen Herz-Jesus-Gemeinde war Johannes Prassek, der bereits während seiner Ausbildung an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt am Main als eigenständiger und gleichsam sehr frommer Mann auffiel. 1939 wurde er Teil der Herz-Jesus Gemeinde in Lübeck und machte schnell durch systemfeindlich Aussagen auf sich aufmerksam. Seine Predigten behandelten oftmals Kritik an der nationalsozialistischen Weltanschauung und in Gesprächskreisen thematisierte er oft den unmenschlichen Umgang mit den Schwachen sowie mit den Menschen in den besetzten Gebieten. Auf Anraten der Gemeindemitglieder, Vorsicht walten zu lassen, soll Prassek geantwortet haben: „Aber einer muss die Wahrheit doch sagen!“ Prassek stach zusätzlich damit hervor, dass er polnisch lernte, um polnischen Zwangsarbeiter:innen die Möglichkeit zu bieten, polnische Gottesdienste zu besuchen und ihnen insgeheim als Seelsorger beizustehen. 


Neben Prassek war auch Hermann Lange Kaplan der Herz-Jesus Kirche, aber anders als Prassek verstand sich Lange besonders auf rhetorisch ausgefeilte Reden. Auch Lange lehnte die Ideologie der Nationalsozialisten ab. Er nutzte jede Gelegenheit, mit Soldaten über das Wesen und den Sinn des Krieges zu diskutieren, denn er war der Meinung, dass der christliche Glauben damit unvereinbar war. 


Der letzte im Bunde war der Kaplan Eduard Müller. Nach seinem Theologiestudium betreute er neben der kirchlichen Arbeit auch Jugendgruppen. Durch seine erfolgreiche Jugendarbeit versuchten die Nationalsozialisten schnell, ihn für die Hitlerjugend abzuwerben, was Müller jedoch entschieden ablehnte. Mit seiner Jugendarbeit schaffte er eine Konkurrenz zur HJ und legte die Termine und Ausflüge so, dass die Jugendlichen nicht mehr an den nationalsozialistischen Aktivitäten teilnehmen konnten. Müller wusste, wie er die Jugendlichen für seine Sache begeistern konnte und zeigte ihnen mit seiner lockeren Art, dass es auch etwas anderes als die Nationalsozialisten gab. Zusätzlich stellte sich Müller gegen das Regime, indem er einerseits immer wieder bei gesellschaftlichen Anlässen darüber diskutierte und andererseits regimefeindliche Schriften vervielfältigte. Mit seiner Sanftmut und seiner Frömmigkeit stellte sich Müller gegen den Nationalsozialismus. Der Mithäftling und spätere Moraltheologe Stefan Pfürtner berichtet über Müller: „Seine stillen, sanften Augen werde ich wohl nie vergessen: Wie sie mir in der Frühe ‚Guten Morgen‘ und abends einen Gute-Nacht-Gruß zublinzelten. Es schien mir, als ob er keiner Fliege etwas zuleide tun könne.“ 


Stellbrink, Prassek, Lange und Müller tauschten sich seit 1941 immer wieder regelmäßig über Nachrichten und Predigten aus, besonders verband die Freunde das Interesse an dem Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, dessen Protest-Predigten sie zugänglich machten. 1942 wurden die vier Freunde schließlich der „Wehrkraftzersetzung, Heimtücke, Feindbegünstigung und Abhören von Feindsendern“ angeklagt und schlussendlich von dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Wilhelm Crohne der „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ schuldig gesprochen. Am 10. November 1942 wurden Stellbrink, Pressek, Lange und Müller exekutiert. „Wir sind wie Brüder“, schrieb Lange vor seinem Tod über ihn und seine Mitangeklagten. Briefe, die die Geistlichen in ihrer Haft abgefasst haben, im Besonderen die Abschiedsbriefe, sind heute in der Gedenkstätte Lutherkirche in Lübeck zu lesen. 
Stellbrink, Prassek, Lange und Müller sind gestorben, weil sie sich über ihre Konfession hinweg gegen das totalitäre Regime der Nationalsozialisten gestellt haben. Prassek, Lange und Müller wurden 2011 seliggesprochen und Stellbrink ist 1969 in den Evangelischen Namenskalender aufgenommen worden. 

 


Weiterführende Informationen unter: 
https://www.luebeckermaertyrer.de/de/index.html
https://luebeckermaertyrer.erzbistum.hamburg/
https://www.gedenkstaette-lutherkirche.de/
 

Kommentare (1)

Marcin Lupa

Liebe Frau Hitzmann, vielen Dank für diese Erinnerung. Insbesondere Prassek wird nun ein Teil meiner persönlichen Geschichte werden. Wer sich für uns Polen einsetzte, gilt uns als vornehm.

Aber auch die anderen erwähnten drei Mätryrer haben den Widerstand gelebt, der uns ermahnen sollte, immer da sich zu erheben, wo Unrecht zur Sitte wird.


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