Lob des gesunden Menschenverstandes

Achim Sohns • 14 Januar 2021

Lob des gesunden Menschenverstandes

von Dr. Achim Sohns


Der Philosoph Immanuel Kant hatte ein tendenziell vorteilhaftes Verständnis des “gesunden Menschenverstandes”. Er sei der “gemeine Verstand, sofern er richtig urteilt. Und was ist der gemeine Verstand ? Er ist das Vermögen der Erkenntnis …” [1] Der gesunde Menschenverstand kann Sachverhalte aus einer mannigfaltigen Sinneswahrnehmung (zu)ordnen und Handlungsorientierung auch in komplexen Zusammenhängen geben, ohne auf einen theoretischen Überbau zugreifen zu müssen.

Diese in Begriffen erfasste Welt ist die alltägliche Welt des Menschen – eine stetige, für ihn wahre Welt, in der er sich bewegt und sich seiner selbst bewusst ist. Er unterscheidet nach seinen Bedürfnissen das für ihn Wesentliche vom Unwesentlichen und ordnet für sich die für ihn wesentlichen Aspekte der Welt. Der menschliche Verstand erkennt hinter der Vielfalt der Sinneseindrücke eine innere Wahrheit der Dinge. In dieser Welt ist er, sind wir zuhause. Die Verstandeswelt ist notwendig auch eine gemeinsame Welt.

Die Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels unterscheidet die Vernunft vom Verstand – das “ruhige allgemeine Abbild” der Erscheinungen [2] – und gibt ihr die Aufgabe dem menschlichen Leben, der Geschichte eine abschließende Ausrichtung hin zu vernünftigen Ideen zu geben. Er gilt mithin als der wohl prominenteste Wegbereiter des deutschen Idealismus.

Der deutsche Idealismus war und ist geprägt von der Vorstellung, dass die Welt nach allen Irrungen und Wirrungen, nach allen geschichtlichen Torheiten und Rückschlägen mit Notwendigkeit in einen menschlichen und gesellschaftlichen Idealzustand der absoluten Idee einmünden würde. Ideal wäre zu guter Letzt eine vernünftige Welt ohne Torheiten, Gewalt und Kriege, immunisiert gegen materiellen Egoismus und Egozentrik – eine Welt der Gleichen und Gerechten und das auf Dauer. Das der Vernunft vorhergehende Verstandesvermögen ist für Hegel hingegen nur die erste Tätigkeit des denkenden Ich.

Ist unsere heutige Welt vernünftig geworden ? Diese Frage stellt man sich und blickt skeptisch auf das kollektive Zusteuern in eine globale Klimakrise oder auf das Agieren spätimperialer Feldherren à la Erdogan und Putin. Die Welt scheint weiterhin auch unvernünftig zu sein, auch dort wo die modernen Feldherren vernünftige Idee behaupten. Für Hegel und die deutschen Idealisten ist der Weg in eine andere vernünftige Welt – auf eine höhere Entwicklungsstufe – zwangsläufig. Die Zwangsläufigkeit ergibt sich aus dem Gegensatz zwischen Idee und Wirklichkeit, der dann in etwas besseres Neues mündet. In dieser Welt entwickelt sich die Idee des Guten zu einer dem menschlichen Miteinander immanenten Tatsache.

“Die Idee kann als die Vernunft (…), ferner … als die Einheit des Ideellen und Reellen, des Endlichen und Unendlichen, der Seele und des Leibs, … gefasst werden; …” [3]

Auch Torheiten und Gewalt sind dann vernünftig, da sie für den Idealisten nur Bestandteile der Entwicklungsstufen der Idee darstellen. Die zeitliche Erscheinung ist durch die Idee gestaltet und bestimmt: Geschichte ist Vernunftwerdung.

“Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig.” [4]

Die geschichtlichen Erfahrungen entsprechen dem eher nicht. Sie erzwingen vielmehr die grundsätzliche Frage, ob eine ideengeleitete Ordnung auf Dauer überhaupt menschenmöglich ist. Alle ideengeleiteten Gesellschaftssysteme, etwa der Marxismus, Nazismus, Islamismus, Liberalismus oder der im neuen Westen raumgreifende globalistische Humanitarismus [5], kranken am Absolutheitsanspruch der zugrunde liegenden Idee – einer unterstellten, zwangsläufigen und endzeitlichen Umgestaltung des menschlichen Lebens nach finalen Zielvorgaben (Ideologien).

Die Idee löst sich im “Ismus” von den tatsächlichen Möglichkeiten und Wirklichkeiten des Menschen – seiner verstandesmäßigen Ordnung – und wird zur absoluten Idee. Hält man dennoch an der absoluten Idee fest, bedarf es moderner Imperatoren, um sie durch Zwang oder der Androhung desselben durchzusetzen. Jede absolute Idee hat eine immanente totalitäre Potenz.

Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, in denen Ideologien zu globalen Verwüstungen geführt hatten, schien man spätestens mit dem Zusammenbruch des Kommunismus einen Erfahrungsstand erreicht zu haben, der dem Verstand, dem “gesunden Menschenverstand”, eine grundlegende Skepsis, eine Ablehnung ideologischer Machtansprüche an die Hand gab. Der Verstand hatte nach bitteren Niederlagen gegen die absolute Idee gesiegt. Zweifel an der absoluten Idee schienen auf Dauer gesetzt : Auch dies ist vergänglich. Der Mensch fällt immer wieder auf sich selbst zurück. Erfahrungen veralten und verschwinden. Der Mensch ist er selbst und kein Anderer.

Bedeutet die Erkenntnis der Unmöglichkeit zur absoluten Idee Hoffnungslosigkeit? Sicher nicht, denn die Befreiung von der Notwendigkeit zur Herrschaft einer Idee des Guten, öffnet den Blick auf die vielen gewonnenen Freiheiten. Es ist kein bestimmtes unabänderliches Verhalten zu erbringen. Auch ein Status Quo kann bereits eine erhaltenswerte Gemein- und Genussordnung bedeuten, da er eine gewachsene “innere Wahrheit der Dinge” (s.o.) beinhaltet. Der vernünftige Inhalt einer bestimmten Idee – so der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen – muss durch den “gesunden Menschenverstand” als Teil “seiner Welt” erkannt werden. Sonst funktioniert die Idee nicht. Die bestimmte, vernünftige Idee stellt eine “zeitlich befristete” Möglichkeit des menschlichen Denkens und Handelns dar – nicht deren Ende. Die sich auf die absolute Richtigkeit einer Idee berufen, wollen zumeist anderes.


[1] Immanuel Kant, Prolegomena zu einer jeden zukünftigen Metaphysik, A 196
[2] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 422
[3] Enzyklopädie, § 214
[4] Enzyklopädie, §§ 13 ff
[5] Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt den Zeitgeist der Moderne als einen, dem es "um eine Gleichheit vor dem Nichts [geht], um eine Gleichheit vor der Gleichgültigkeit, die alles auf dieselbe Stufe stellt" (Nach Gott, 2017, S. 216)
 

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