Leibniz über den Zweck des Bösen und des Leids

Lara Hitzmann • 10 Dezember 2021
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Leibniz über den Zweck des Bösen und des Leids


„Wir leben in der besten aller möglichen Welten. Alles, was geschieht, ist gut.“
Gottfried Wilhelm Leibniz


Der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) beschäftigte sich mit der Frage, weshalb der Mensch leiden muss und wieso das Böse existiert. 
Leibniz‘ Antwort darauf ist simpel: Der Mensch muss leiden, weil er es nicht versteht. Der Sinn des Bösen sei unergründlich, da der Mensch dies nicht begreifen kann. 


Diese Antwort, so einfach sie auch sein mag, leitet Leibniz von seinem starken christlichen Glauben ab. Laut des Philosophen habe (im Folgenden immer der christliche) Gott das Böse in der Welt als Mangel an Gutem zugelassen, als Prüfung für den Menschen. Einhergehend mit diesem Konzept von Gut und Böse ist Leibniz jedoch der Meinung, dass es zwar schwer sei, an einen gütigen Gott zu glauben, Gott aber gütig sei, denn die Prüfung durch das Böse wäre nur zum Besten des Menschen. Es ist ein Paradoxon: Das Böse ist also für einen guten Zweck da. Wäre dies dann ganz nach Niccolò di Bernardo dei Machiavelli: Der Zweck heiligt die Mittel?


Dieser Zweck sei dann, so Leibniz, der Glaube an Gott und seine vollendete Schöpfung. Der Philosoph geht allerdings noch weiter: Das Böse sei nur Böse, weil der Mensch es als solches verstehe und dies liege schlussendlich nur daran, dass das Wissen des Menschen begrenzt wäre. 
Diese Erklärung stützte Leibniz auf seine Gewissheit, „daß es unendlich viel mögliche Welten gibt, von denen Gott mit Notwendigkeit die beste erwählt hat, da er nichts ohne höchste Vernunft tut.“ 


Bestärken tut er diese Theorie mit der Existenz von Gegenteilen, so würden Farben beispielsweise erst durch Schatten richtig hervortreten und Harmonie würde erst dann ersichtlich, wenn eine Dissonanz bestehe. 
Das Böse erklärt Leibniz, im Gegensatz zu vielen anderen Philosoph:innen, als malum metaphysicum, also kosmologisch, wohingegen beispielsweise Augustinus und Thomas von Aquin eher von einem subjektivem Bösen ausgehen. 


Es wird Sie kaum überraschen, dass Leibniz auch das Leid in der Welt durch die Allmacht und Vollendung Gottes erklärt. 
Im zweiten großen Abschnitt des Alten Testament, in den sog. Schriften, macht das Buch Ijob/Hiob den Auftakt. In 42 Kapiteln ist dort die Geschichte des Gläubigen Iiob (akkadisch, „Wo ist der Vater“; die Betitelung „Hiob“ entspringt der Übersetzung Martin Luthers) beschrieben, der im Land Uz ein wunderbares Leben führt. Er ist gesund, verheiratet, hat viele Kinder und sehr wohlhabend. Der Satan überredet Gott schließlich dazu, Iiob langsam alles wegzunehmen, um seinen Glauben zu testen. Iiob, immer kränker, ärmer und unglücklicher werdend, sagt daraufhin zu seiner Frau: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2, 10). Schlussendlich wird Iiob alles außer seiner Frau genommen.


Im Zentrum der Erzählung steht die Frage, weshalb jemandem, der ein gutes und frommes Leben lebt, so viel Leid geschieht. Mehrmals ist Iiob am Zweifeln, ob er tatsächlich fromm genug ist. Am Ende der Erzählung erhält der standhaft Gebliebene alles doppelt zurück, was ihm vorher genommen wurde. Eine Antwort, weshalb ihm Gott alles genommen hat, erhält er trotz andauernder Rückfragen nicht. Das Motiv des unergründlichen Handels einer höheren Macht bzw. Gottheit begegnet einem auch in anderen antiken Texten, beispielsweise im Ägyptischen und Babylonischen. 


Das Problem mit der Rechtfertigung Gottes bezeichnet Leibniz als Theodizee. Er begründet diese Theorie mit Röm. 3, 5: „Ist‘s aber so, dass unsre Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit erweist, was sollen wir sagen? Ist Gott dann nicht ungerecht, wenn er erzürnt ist?“ 


Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Leibniz Böses und Schlechtes als eine Prüfung seines Gottes sieht, die nur zum Besten des Menschen seien. Dieses Vorgehen ist für den Menschen nicht ersichtlich, da er das Wesen und Walten des Gottes nicht begreife.


Während der Recherche kam mir immer wieder die Frage auf, ob Leibniz ebenfalls der Meinung gewesen wäre, alles Böse wäre eine Prüfung seines Gottes, wenn er die Zeit vom Nationalsozialismus miterlebt hätte. 
 

Die Texte aus der Bibel stammen aus der revidierten Lutherbibel von 2017.


Links und Literatur: 
http://philocast.net/zusammenfassung-leibniz-theorie-des-boesen
M. Rösel, Bibelkunde des Alten Testaments. Die kanonischen und apokryphischen Schriften (Göttingen 2018).
https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/gottfried-wilhelm-leibniz-vo…

 


 

Kommentare (10)

Luca Rosenboom

Vielen Dank! Sehr spannend, wenn man sich nicht mit solchen Themen beschäftigt, aber einen kurzen lehrreichen Input bekommt.

Marcin Lupa

Ein sehr schöner Beitrag. Allerdings widerspreche ich Leibnitz schon zutiefst. Eine Erklärung für das Böse werden wir zwar nicht finden, jedoch ist mir ein Gott, der mit Satan feilscht nicht sympathisch. Es klingt mir alles nach arger religions-psychologischer Gehirnwäsche. Jemand tut Dir böses, er meint es aber nur gut mit Dir. Das ist verwerfliche Manipulation und erzeugt schwerwiegende Traumata.
Schon eher gefallen mir jene Philosophien, die im Sein eine Ambivalenz erkennen, die sinnlos ist, von der man aber keinen Abstand nehmen kann.
Dass das Böse eine Tatsache ist, erfahren wir immer wieder. Welchen Grund es hat, können wir nicht eruieren, nicht weil unser kognitiver Denkapparat nicht vollendet genug dafür ist, sondern weil es diesen Grund vermutlich gar nicht gibt.
Vom Bösen profitieren, diejenigen, die sich dadurch Vorteile verschaffen, dass sie andere peinigen, unterdrücken, morden. Wie die im Beispiel genannten Nazis.

"Bestärken tut er diese Theorie mit der Existenz von Gegenteilen, so würden Farben beispielsweise erst durch Schatten richtig hervortreten und Harmonie würde erst dann ersichtlich, wenn eine Dissonanz bestehe." - Schatten und Dissonanz sind als Analogien für das Böse nicht zuläßig. Der Schatten ist etwas herrliches, wenn man gerade durch eine heiße Steppe unterwegs ist, und sich in seinen Schutz begeben kann, wie das Gepardenweibchen und ihre Jungen. Und Dissonanzen sind primär zufällige Geräusche, in der klassischen Musik aber Elemente einer vollkommenen Symphonie.

Das Böse aber ist verheerend, voller Leiden, Schmerz, Tragödie. Nichts schönes daran, nur Hass und Tod.

Das meine Meinung. Vielleicht irre ich mich auch.

Lara Hitzmann

Vielen Dank für diesen schönen Gedankenanstoß! Ich würde Leibniz insofern zustimmen (er war sicher nicht der erste mit diesem Gedanken), dass sich nicht alles am Bösen begreifen lässt. Aber Ihr Ansatz sagt mir doch deutlich mehr zu.

Marcin Lupa

Ja, dem kann man durchaus zustimmen. Begreiflich ist am Bösen nicht viel.

Jürgen Germann

Ihr Thema hat viel mit dem Wettbewerbsthema "Werte" zu tun. Denn sobald jemand von "gut" und "böse" spricht, hat man immer auch Vorstellungen von deren Wertigkeit und Maßstäbe dafür.
Sucht man sogar noch "d a s Böse" zu ergründen, benötigt man ein Vielfaches an Gedanken und Kriterien dafür, was denn nun "das Böse" [welcher Personen?] ausmache und woran man es misst und wie man es jeweils bewertet.
Das fängt mit "unfair" und "gemein" und "boshaft" an und geht über "schädlich", bösartig bis verpönt und hin zu "verbrecherisch" und "inhuman-pervertiert".
Es fällt leichter, das Böse an und von anderen (Menschen, Gesellschaften, Parteien, Staaten usw.) zu ermitteln und zu verurteilen. Aber es gibt auch das Böse in jedem Menschen | an mir | an sich selbst, das man nicht gerne untersucht. Dennoch liegen in jedem Menschen die Triebe, Anlagen und Neigungen, Interessen und Motive, die auch zum Bösen beitragen können - einschließlich des (freien?) Willens.
Schon an der Beantwortung der letzteren (freier Wille?) Frage entscheidet sich, wie und worin man das Böse glaubt identifizieren zu können.
Will man ältere Autoren und ihre Auffassung vom "Bösen" verstehen, gehören dazu sicher alle übrigen Grundannahmen, z.B. über die Welt und Gott als ihren Schöpfer. Je nach dem, was man ihm zuschreibt und überzeugt glaubt, lautet die Antwort über den Ursprung, "Sinn" und Ablehnung des Leides und Leidens anders.

Georg Büchner hat (im "Danton", wenn ich mich recht erinnere) einen der Protagonisten sagen lassen: ">>Warum muss ich leiden?<< - [diese Frage] das ist der Fels des Atheismus ..."
Und es gibt eine zunächst verstörende, aber auch sinn-reiche Erzählung | Legende davon, dass nach dem Weltkrieg sich Juden zu einem Prozess gegen ihren Gott versammelt hätten, weil sie ihm vorwarfen, ER habe sein Volk während der Shoah verlassen und es dem Leiden und Tod preisgegeben.
Ohne diese Geschichten als Argument anzuführen, sollen beide Beispiele hier nur zeigen, dass man aus verschiedenen Blickwinkeln das Böse und das Leid und Leiden betrachten und als "vermeidbar", "zu bekämpfen", "Prüfung" oder "Schicksal" und "menschengemacht" u.a.m. darzustellen. Man kann sich (zu) dem unterschiedlich stellen, auch dem eigenen Bösen ...
Und die Antworten auf Böses können von "unvermeidlich" bis "möglichst ignorieren" gehen, von "abzulehnen" und "bekämpfen" bis "durch Strafen sühnen" bzw. "unbeabsichtigt" und "büßen", von als Strafe für ... "annehmen" bis "gnadenlos verfolgen".
Allein, wenn man selbst gefragt und gefordert ist: wird entscheidend, ob man selbst das Böse erkennt, bei dem man mitmacht, das man unterstützt - und wie man sich später mit Gründen rechtfertigt, nichts Böses gewollt oder getan zu haben, oder nur auf Zwang hin und aus Not "tun musste", was angeordnet wurde - oder ob man sein eigenes Handeln frei, verantwortlich und mit allen negativen Konsequenzen auf sich nimmt. Genau an dieser Stelle ist das Böse "überwindbar" oder "unterlassbar" – dem sich j e d e r Mensch stellen kann. Man hat die Wahl. Und hat ein Gewissen. Und kann entscheiden.
Aber für welche Lösung? Und mit welcher Begründung und Rechtfertigung?

Marcin Lupa

Das eigene Böse zu erkennen ist oftmals sehr schwer, auch weil man selbst niemanden äußeren zulässt, der darüber befinden soll, was an einem selbst böse ist.
Kennen Sie den Spruch: "nur Gott kann mich richten.", Herr Germann? - oder möchten wir meinen, dass nicht einmal dieser es vermag, schließlich ist er nicht ohne Fehl und man findet genug Böses an ihm.

Ich lasse dann von Zeit zur Zeit die Meinung anderer zu, die ich für intelligent genug mich zu überzeugen halte.
So habe ich es mit Jean Ziegler versucht. Ihm nach sind wir alle schuld, weil wir einen großen Prozentteil der Weltbevölkerung verhungern lassen. Dabei genießen wir volle Amnestie und halten das System am laufen. Doch sobald man sich dagegen auflehnt, das Auto gegen ein Fahrrad eintauscht, und versucht den Widerstand zu leben, wird man schnell einsam und kommt unter die Räder.
Wieder lächelt das Schöne milde dabei.

Ich habe es mal versucht, gut zu sein, auch keine Tiere zu essen. Irgendein Mechanismus am Sein hat mich selbst dafür noch bestraft. Zynisch.
So versuche ich etwas Neues, etwas gleichgültiger zu sein. Das läßt die Probleme nicht weniger werden.

Im Grunde kann ich nur sagen, die Situation scheint ausweglos zu sein. Zumindest habe ich den Dreh noch nicht raus.
Wie verhält man sich akkurat, wenn die Gesetzesgeber und Gesetzeshüter selber korrupte Schwindler sind? Vielleicht helfen da Individualgesetze und eine Prinzipienordnung? Sicherlich ein starker Kopf.

Jürgen Germann

Ihre Fragen und Zweifel und Einwände kenne und verstehe ich. Es sind Gedanken und Enttäuschungen, die man als Vertrauender auf politische Versprechungen und täuschend hohe religiöse Zuschreibungen erlebt (z.B. auf das bezogen, was man in verschiedenen Kulturen jeweils "GOTT" oder Weisheit, Ethik oder Schicksal, Gerechtigkeit und "gute | richtige Politik für das Volk" nennt und ihm öffentlich nachsagt).
Es ist eine humane Grunderfahrung und wahr, dass so gut wie jeder Gläubige und Vertrauende | Mensch mehrmals im Leben und zuweilen grundsätzlich ins Zweifeln kommt und zuweilen verzweifelt.
Dagegen kenne ich kein (All-)Heilmittel, nicht einmal den Wunsch nach "allseits bester Ordnung, Gerechtigkeit und Glück" kann ich weiterhin uneingeschränkt vertreten.
Der Grund: maßlose und dann verzweifelte Enttäuschung(en) kommen dann zustande, wenn und weil man zwei ideal überhöhte Erwartungen hegt, die das letztendlich nach sich ziehen. Das sind (1) der Wunsch, selbst n i c h t (unschuldig oder zu Unrecht) l e i d e n zu müssen, und (2) der Wunsch, dass alle Menschen immer und überall g e r e c h t sein müssten.
Es gibt philosophische "Schulen", die sich mit diesem Thema befassen: wie man (sinn- und maßlosen) Schmerz (ver-)meiden kann – und wie man gelassen, glücklich oder zufrieden oder frei von Begehren, Trieben, Wünschen und Zielen werden | bleiben kann.
Man kann diese Schulen Rat suchend studieren (wenn ich recht weiß, z.B. die Stoa, Buddhismus, ...) – oder auch selbst weiter denkend aus eigenen Erfahrungen Leiden als lebensnotwendige Stufen zu möglicher Reifung zu verstehen und anzunehmen.
Etwas kurz und apodiktisch wirkend könnte man es so sagen: leiden (Schmerzen, Enttäuschungen) und Unrecht erleben | erleiden gehört zu den unausweichlichen Lebens-Ereignissen, die man nur überstehen, überleben, bewältigen oder verschmerzen kann, wenn man nicht n u r "Opfer" und "Leidender" bleibt, sondern sich ... überwindet und darüber hinaus wächst, wenn man das Negative nicht beseitigen oder umgehen oder überwinden und besiegen kann.
Die Sorge um und für eine bessere politische und Gemeinschafts-Kultur ist Sache der "polites" | Bürgerinnen und Bürger - wenn und weil Bürger die "Sache" anderen überlassen, können die sich so (1) wie auch immer unangemessen bis korrupt oder Gemeinwohl-schädlich verhalten - oder wenn sich jemand selbst dort hinein begibt, erkennen, dass (2) die Dinge viel weniger klar und nicht so einfach liegen, wie man sich das als "polites" einbildet und wünscht … also sich derjenige Bürger oft nur irrt, wenn er fast alles als übel und "korrupt" bewertet, was ihm nicht passt. Doch dieses Feld ist so schwierig, weil alle Urteile darüber abhängen von dem Maß, Umfang und der Qualität des eigenen Sach- und Fachwissens und Verstehens der Zusammenhänge. Es gibt kaum Bürger, die offen zugeben, dass sie geirrt haben.
Oder das erst sehr spät: wie Günter Schabowski oder Franz Müntefering (SPD), der kürzlich selbst (sinngemäß zitiert) schrieb: "als Fünfundzwanzigjähriger wurde ich zum Klugscheißer, der alles besser wusste und den Ministern und Kanzlern schrieb, was ich für falsch hielt". Erst als er in die Politik ging und Funktionen übernommen habe, lernte er Unwissen und Irrtümer besser einzuschätzen.
Ich hoffe, dass Sie meine Bemerkungen etwas trösten und trotz allem zuversichtlich machen können.

Marcin Lupa

Vielen Dank, Herr Germann für Ihre sehr weisen Zeilen. Sicherlich sind sie mir Trost, denn ich finde mich in dem von Ihnen Beschriebenem wieder. Meine Elterngeneration und ihre Freunde berichteten mir ähnliches, Literatur, Funk und Film weiteres. So bin ich in dem Geist erwachsen geworden, dass viele Dinge die bereits geregelt wurden, noch nicht ausgeführt werden. Vieles was geschieht, hinkt der Vereinbarung hinterher und leider ist am Sein nicht alles perfekt, weil die eine oder andere Form des Leidens zu uns kommt.
Auch die von Ihnen erwähnten Schulen der Stoa und des Buddhismus kenne ich aus Literatur und Diskurs. Vertiefen werde ich mich demnächst in die Schule der Stoa, da sie praktisch auf meinem Weg durch die Geschichte der Philosophie liegt.

Bezüglich der von Ihnen eingeflochtenen Aussage von Franz Müntefering kann ich berichten, dass ich immer auf mich in der Vergangenheit als einen Mensch voller Irrtümer und Fehlzüge (Schach als Allegorie zur Existenz) herabblicke. Früher war ich stärker radikal, was aber nicht notwendigerweise gut war. Eben weil ich bei Vielem falsch lag. Ein radikaler Irrtum ist aber stärker zu Gewichten, als ein schwacher kleiner Irrtum, hinter dem eine gewisse Einsicht und Unsicherheit steht.
Früher war ich aber auch gespalten, so dass Freunde fragten, warum ich mich nicht mit Argumenten an den Dialogen beteiligen will. Ich antwortete, dass mir meine Argumente als nicht solide genug erscheinen, um sie hervorzubringen. Ich war kein Rhetoriker, sondern ein Dialektiker. Dieser wägt aber schon in sich ständig ab, welche Argumentationsstruktur denn zulässig wäre. So habe ich vielleicht mehr aufgenommen, als selber mitentschieden. In Bezug auf die Tätigkeit der Polites, ist diese Position zu wankelmütig, zu schwach. Mir erschien sie jedoch als klüger. Obwohl ich natürlich auch klar positionierte unverrückbare Werte und Vorstellungen hatte, sie auch zur gegebenen Zeit mitteilte. Zum Beispiel hielt ich für die einzige wahre Moral, die des Kosmopoliten. Denn Fremde schien es in einer globalen vernetzten Welt nicht zu geben. Es gab aber auch Menschen, die für andere als Fremde galten, qua ihres Aussehens und ihrer Sprache, die aber nicht rechtschaffen waren. Und auch als Kosmopolit erwartete ich eine Anpassung an die Grundrechte und etwaige Gesetze. Damit konnte ich sogar bedingt missionieren, was mir zum Beispiel im Amazonasbecken vor Ort nicht mehr zustand. Da dort sich anderes geziemte und anderes Sitte war, als bei uns. Ich hielt unsere Ansichten für überlegen oder der Wahrheit näher. In Bezug auf das menschliche Zusammenleben, nicht in Bezug auf die technische Entwicklung, die momentan den Regenwald dort so schnell rodet, dass es mir mein Herz bricht. Irgendwo bin ich mit den dortigen Indianern emotional wenigstens verwurzelt. Ich bedauere den Wald und seine Lebewesen. Auch die Menschen vor Ort.

Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit für Ihre gelungenen und bei mir gut angekommenen Erklärungen genommen haben. Schön, dass es unter uns Menschen gibt, die diese Schule durchgingen und eine Urteilskraft besitzen, die intelligent und Gegenstandsbezogen ist.

Für heute wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrte Frau Hitzmann
Mit Leibniz hatte schon Voltaire, Arnauld u.A. ihre Probleme; nicht weniger Newton. Den Satz, den Sie zu Anfang zitieren, gehört zu den gängigen Mißverständnissen; gemeinhin wird er so moralisch wie wertemäßig aufgefaßt, nicht logisch gedacht. Leibniz ist Logiker: ein subtiler Logiker; ein brillanter ‚Dialektiker‘ – lange vor Hegel. (z.B.: Descartes löst seinen Anspruch, alles zu bezweifeln nicht ein: er bezweifelt alles, – allerdings nicht seinen Zweifel!)
Geradezu ein Genuß sind seine Erörterungen der Mathematik, die zur Herleitung und Begründung der Infinitesimale resultiert (Calculus, Briefw. Bernoulli, Varignon): die Mathematik habe ihn in seiner Jugend ‚charmiert‘, so erzählt Leibniz von seiner Naivität gegenüber der Mathematik, bis er erkannte, daß sie nur darum so exakt ist, weil sie sich erlaubt, über (logische) Ungenauigkeiten ganz pragmatisch, und also bene fundatum, hinwegzusehen: der Fehler kann immer kleiner gemacht werden, als angezeigt! (Briefw. Bernoulli, Arnauld) – Ein Huygens kam aus dem Staunen nicht heraus, mit welch subtilem Können Leibniz bei ihm sich um die Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren bewarb.
Den Satz, der gemeinhin aus seinem Zusammenhange gerissen zitiert wird, zu verstehen, fordert, sich mit der Erörterung der Differenz zwischen possible pure und compossible auseinanderzusetzen (Bernoulli, Clarke, Arnauld, calculus, de veritate, generales inquisitiones …): „möglich“ oder „possible pure“ bedeutet nur „abstrakt“; terminologisch: formale Logik. Abstraktion verweist an sich auf ein Anderes und Übergeordnetes, wovon intentional oder unter der Ägide eines Zweckes abstrahiert wird: eine Bestimmtheit wird relevant gesetzt, eine andere irrelevant. Die relevant gesetzten Bestimmtheiten schließen gemäß dem Satze des Widerspruches oder formallogisch schlüssig zum Resultat. Das, wovon abstrahiert wurde, wird zur Sache transzendent gesetzt, und mutiert, intentional konnotiert, vom fundierenden Ganzen zur petite perception! „compossible“ hingegen wahrt jedes Moment der unendlichen Bestimmung eines Sachgehaltes ‚gleich-gültig‘ und spiegelt daher die Welt: miroir du monde et Dieu! „possible“ spiegelt eine intentional konnotierte Abstraktion (alltäglich-pragmatische, erfahrungskonditionierte, technisch-wissenschaftliche Aussagen); „compossible“ spiegelt das Wahre, das Wirkliche! [Hegel: das Wahre ist das Ganze; Phän.]
Der legendäre Satz Leibnizens spricht eine Trivialität aus: die wahre oder wirkliche Welt bestimmt sich als das, wovon alle möglichen oder formallogisch schlüssigen Konstrukte von Welt, die wir gemeinhin Thesen, Theorien, Paradigmen, Erfahrungen … nennen, intentional abstrahiert wurden: alle möglichen oder formallogisch schlüssigen Aussagen setzen, um brauchbare oder taugliche Aussagen sein zu können, die wirkliche und wahre Welt als conditio sine qua non voraus und zugleich transzendent! (Kant; KrV: Erscheinung und Ding an sich) Daher ist denn auch alles, was in der Welt sich ereignet, innerlogisch stringent, und also nicht moralisch, gut!
In der Monadologie: alles, was der Monade zustößt, stößt ihr aus eigenem Grunde her zu, denn sie bestimmt sich qua Individuum oder unendlicher Bestimmung zur speculatio mundi vel dei oder zur monde aparte! Daher bestimmt sich das, was gemeinhin „das Böse“ genannt wird, zum Irrtume oder zum Widerspruche des Bewußtseins und fordert von der Arbeit des Geistes, den Widerspruch an sich selbst zum Grunde gehen zu lassen oder zum Guten aufzuheben: der Geist, „der sich nachdrücklich dagegen verwahrt, das zu leugnen, was er beiseite gesetzt und von dem er entscheidet, daß es in irgendeine gegenwärtige Überlegung nicht eintreten dürfe. … während doch eine Abstraktion kein Irrtum ist, wenn man nur bedenkt, daß es das sehr wohl gibt, wovon man absieht.“ (Nouveaux Essais; Einl.): alles, was geschieht, ist gut: Logik, nicht Moral! – Was denn auch sonst! Denken wir „gut“ nicht von der Logik des Begriffes her, sondern subsumieren „gut“ unter das Verdikt einer Moral, dann wird „gut“ so volatil bestimmt, wie die hypostasierte Moral „gut“ ad hoc definiert – je nach Gusto!
Nietzsche begriff den Satz des Leibniz: das Böse ist so lange böse oder zerstörend, so lange es nicht „in den Dienst genommen“ und von sich selbst her – innerlogisch stringent – zum Guten aufgehoben wird! (Menschliches …; Genealogie der Moral)
Und so verhalten wir uns doch auch ganz trivial und lebenstauglich – allerdings und gemeinhin bedenkenlos: ein Schmerz zeigt an, daß an dieser Stelle des Körpers etwas nicht in Ordnung ist und der Körper zerstört wird. Solches bezeichnen wir als „böse“. Den Schmerz, das Böse, in den Dienst nehmen, befähigt, die Ursache der Zerstörung des Körpers zu erkennen und zweckmäßig zur Gesundheit, dem Guten, aufzuheben. Den Schmerz, das Böse, nicht 'in den Dienst nehmen', sondern für sich zu wahren, indem wir Schmerztabletten nehmen, wahrt vollendet das Böse oder die Zerstörung der Gesundheit.
Alltäglich: wenn an Ihrem Fahrzeug irgendetwas klappert, dann bringen Sie es in die Werkstatt, wo der Mechaniker dieses Klappern ‚in den Dienst nimmt‘, den Grund des Klapperns anzuzeigen und präzise zu explizieren, so daß das Klappern stringent zur optimalen Funktion Ihres Fahrzeuges aufgehoben werden kann. – trivial!
Von Leibniz her gedacht, zeigt sich kein Anderes; schon gar kein kontradiktorisch Anderes im Horizont der Theodizee: der Mensch leidet oder erfährt das Böse, und also das, was das Leben von Grunde auf zerstört, in der Gestalt des Desasters, wenn er die Leistung des Geistes, die Erkenntnis des Wahren, nicht etwa nicht zu erbringen vermag, sondern sich weigert, diese Leistung zu erbringen!
Erkenntnisverweigerung oder die Hege und Pflege der Dummheit kostet das Leben; triviale Logik und keineswegs einem „starken christlichen Glauben“ geschuldet. (zumal Leibniz nie von „Gott“ spricht, sondern immer nur von dem, „was wir ‚Gott‘ nennen“! eine so feine wie Grund-legende Formulierung.) Daher liegt auch kein Paradoxon vor: das Böse – auf der Stufe der Logik, nicht auf der Stufe der Moral (wider Augustinus und Thomas v. Aquin) –, ist die conditio sine qua non, daß ein, warum auch immer, unterlaufener Irrtum, eine, warum auch immer, sich ereignende Gefährdung des Lebens überhaupt und des Menschen im Besonderen, so drastisch erfahren wird, daß eine Aufhebung dieser Dissonanz zur Wahrung des Lebens geleistet werden kann, indem das Böse ‚in den Dienst genommen‘ wird: das Böse ist der elementare Anstoß, ein vorliegendes und das Leben gefährdendes Defizit in der Leistung des Geistes zum Bewußtsein gebracht und in der Leistung des Geistes auf der Stufe des ‚bösen‘ Sachgehaltes oder der Logik erkannt, begriffen und so stringent wie effektiv zum Guten oder zur Eröffnung von Zukunft für das Leben überhaupt und des Menschen im Besonderen aufgehoben wird. (wider Spinoza, Descartes, Malebranche, Bayle)
Konkret: nehmen Sie das (logische, nicht moralische) Böse weg, so daß Sie z.B. die Zerstörung Ihrer Gesundheit nicht per Schmerz, wenn Sie Ihre Hand auf die heiße Herdplatte legen, vernehmen, dann dürften Sie kaum Chancen haben über länger hin zu überleben! Dieses Triviale hat auch auf der ‚höheren‘ Stufe von Dasein statt: wenn Sie nicht ‚das Böse‘ einer Situation im Privaten wie Beruflichen erfahren und ‚in den Dienst nehmen‘, heben Sie die Gefährdung Ihres Lebens nicht zum Sinne Ihrer selbst auf. Sie existieren dann zwar ein Leben lang; haben aber gerade nicht ein Leben lang gelebt. (vom Verhängnisse; discours de …; Monadologie)
Das Böse ist also gerade kein Paradoxon, sondern die conditio sine qua non des Lebens überhaupt und des Menschen im Besonderen, daß er sich zum Sinne seiner selbst vollende. – Im Alltage verhalten wir uns genau so! Nur wenn’s etwas ‚höher‘ oder ‚bedeutender‘ wird, kommt uns die Sache paradox oder komisch vor! (Wenn’s um mein Leben geht, ist die Wertung von paradox und komisch mir ziemlich schnuppe!)
+#+# Der Zweck heiligt die Mittel: wenn Sie ein Bild aufhängen wollen, nehmen Sie dann einen Zahnstocher und ein Wattebäuschchen? Wohl kaum, so nehme ich an; sondern Hammer und Nagel; besser: Schlagbohrer, Dübel und Haken! Der Zweck ‚heiligt‘ die Mittel; was denn auch sonst! Doch auch hier sei frei weg zugegeben: logisch, nicht moralisch! Von der Moral her läßt sich das Absurdeste ‚heiligen‘ bis hin zur Desavouierung und Liquidation von Menschen: Inquisition, Hexen, Genozid …; von der Logik her nicht! Auf der Stufe der Logik spiegeln die Mittel den ‚wahren‘ Zweck (das Wahre ist das Ganze! Hegel), und also die Einfugung des Zweckes in den Horizont von Welt, Leben, Mensch und Zukunft: compossible!
+#+# Gottes Notwendigkeit der besten Welt: das prinzipium boni führt Leibniz sowohl in den „nouveaux essais“ aus wie im „discours“ gegenüber Arnauld; spezifischer in der Monadologie und „de veritate“. Auch hier expliziert Leibniz auf der Stufe der Logik etwas Triviales: keine Handlung, kein Verhalten, kein Meinen … resultiert anders, denn gemäß dem prinzipium boni! Das und nur das goutieren wir, was wir ‚für das Gute halten‘; ob dieses sich dann auch als das Gute an und für sich erweist, zeigt sich in realitate und erfordert sowohl Aufmerksamkeit wie insbesondere Erkenntnis. (discours …; ars inveniendi …) Die ‚Garantie‘ des Gelingens verbürgt die Logik, wie Leibniz in der „harmonie préétablie“ darlegt: Gott ist nicht Schöpfer seines Verstandes! Ebenso wenig seiner Vernunft! Ebenso wenig seines Geistes! (Gottes Schöpfung: doppelter Genitiv! Leibniz setzte sich auch mit der Sprache, spezifisch mit der deutschen Sprache, auseinander: unvorgreifliche Gedanken …)
+#+# p.s.: was Ihre Ausführungen zum Buche Hiob angeht, schlagen Sie hier ein neues Thema an, das ich gesondert beantworten möchte. Vielleicht wenden Sie sich an Herrn Jacob, dem ich, wenn auch unter anderem Impetus, hierzu vor einiger Zeit meine Anmerkungen zusandte; eventuell hat Herr Jacob diese gespeichert und läßt sie Ihnen zukommen. Böte schon mal einen ‚Vorgeschmack‘.
Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle


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