Das Leben nach der Pandemie – Star Trek oder The Walking Dead?

Judith Hages • 25 Dezember 2020

Zu einer Zeit, in der jeder nur bis zum Anfang des nächsten Lockdowns vorausplanen kann, sind Visionen einer Welt im 22. Jahrhundert wahre „Zukunftsmusik“. Viel zu sehr ist man damit beschäftigt, Homeoffice und Kinderbetreuung zu verbinden, depressive Gedanken in der Isolation zu verdrängen und Hamstereinkäufe zu tätigen. Die Zukunft findet nur noch auf Streaming-Plattformen statt, denn ehrlich gesagt, will man gar nicht mehr an die kommende Zeit denken. Das vergangene Jahr hat der Menschheit gezeigt, dass man nur noch mit schlechten Nachrichten rechnen muss. Warum also von der Zukunft träumen, wenn sie sowieso alle Pläne vernichtet oder uns mit weiteren Hiobsbotschaften quält? 
Da setzt man sich doch lieber auf die Couch und schaltet Netflix ein. Hier gibt es noch ein „Morgen“, hier findet noch Fortschritt statt, während der eigene Alltag stillsteht. Auch wenn diese Tätigkeit zur Kategorie „Verdrängung der bitteren Realität“ gehört und die Verfasserin hier nicht die vielen Opfer der Pandemie bagatellisieren möchte, zählt diese Beschäftigung allmählich zum Volkssport. 
Bezeichnend für unsere Zeit ist die Allgegenwärtigkeit der Seuche. Egal, welche Materie behandelt werden soll, die Pandemie und ihre Folgen spielen immer eine Rolle. So ist es unvermeidlich, dass das Thema „Zukunft“ zum Thema „Virus“ mutiert – ganz zeitgemäß. 
Man sollte diesem Krankheitserreger nicht erlauben, nachdem er unseren kompletten Alltag übernommen hat, das letzte menschliche Refugium zu erobern: die Imagination. 
Die ferne Zukunft scheint generell nicht besser zu werden als unsere Gegenwart. Sucht man mithilfe von Google im Internet nach den Worten „Zukunft in 100 Jahren“, erhält man 101.000.000 Ergebnisse. Grundsätzlich hat man sich auch in der Prä-Corona-Zeit viele Gedanken zu diesem Thema gemacht und man war sich einig, dass uns eine dystopische Zeit bevorsteht. Die Visionen reichen von Überbevölkerung, Klimakatastrophen, Meteoriteneinschlägen, Vulkanausbrüchen, Pandemien, Atomkrieg bis zur Zombie-Apokalypse und Alien-Invasion. Bis zum Jahr 2020 existierten diese Szenarien nur als Fiktion in Hollywoodfilmen und in der Literatur. Dystopische Serien erlebten einen wahren Boom, wie beispielsweise „The Walking Dead“ und „The Rain“. Dieses Jahr fühlt sich jedoch jeder wie ein Statist, anstatt eines Zuschauers, der in einem dieser Dystopien gefangen ist. Über dieses Zeitalter der Pandemie hinaus zu sehen, erfordert ein gewisses Maß an Anstrengung und es fällt gleichsam schwer, einen optimistischen Blick in die Zukunft zu richten. 
Eine hoffnungsvollere Vision bietet das Star Trek-Universum, weshalb nach Meinung des Autors „Tele 5“ der vielversprechendste Fernsehsender in diesen Zeiten ist. 
Laut Star Trek ist in hundert Jahren bereits der Warp-Antrieb erfunden worden, später wird die "Vereinigte Föderation der Planeten" gegründet, wobei die Gesellschaftsform einem utopischen Kommunismus gleicht. Es gibt weder Geld noch Streben nach dem Besitz materieller Güter oder Wettbewerb. Die Menschen leben gleichberechtigt und zusammen ohne Ländergrenzen auf der Erde. Wahrgewordener Kommunismus gepaart mit demokratischen Wahlen – ein erstrebenswertes Ziel. Doch der Weg dorthin kostet 600 Millionen Menschen das Leben. In sechs Jahren wird laut Star Trek der dritte Weltkrieg beginnen... 
Man kommt nicht umhin sich zu fragen, ob unsere Zivilisation eine Art Verfallsdatum besitzt und nun, nach einer langen Phase des Aufstiegs, der Höhepunkt unserer Kultur erreicht ist und der unwiderrufliche Niedergang bereits begonnen hat. Es gibt genug Epochen in der Menschheitsgeschichte, die von Hochkulturen und deren Untergang geprägt waren. 
Ist der Kollaps unsere Bestimmung? Werden wir nach all dem Hochmut, der Gier und des Wohlstands erst eine Zeit der Läuterung ertragen müssen, ehe wir friedlich zusammenleben können – als Menschheit im Einklang mit unserem Planeten? 

Kommentare (2)

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