Der längste Krieg der Menschheitsgeschichte

Alina Kindl • 8 Juni 2020

Der längste Krieg der Menschheitsgeschichte

 

Was macht einen Krieg außergewöhnlich? Ist es die Zahl der Toten, die Dauer oder die involvierten Parteien? In den Geschichtsbüchern stehen ausführliche Kapitel über den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg. Abgesehen von den Kriegen, die durch ihren schieren Umfang bekannt sind, gibt es auch diejenigen, die nach ihrer Dauer benannt sind, wie beispielsweise der dreißigjährige und der hundertjährige Krieg. In diese Kategorie fällt auch der längste Krieg der Menschheitsgeschichte, über den man während der Schulzeit höchstwahrscheinlich nie etwas gehört hat. Der dreihundertfünfunddreißigjährige (335) Krieg zwischen den Niederlanden und den Scilly-Inseln brach 1651 aus und wurde erst 1986 offiziell beendet.

Der Konflikt startete am 30. März 1651 als eine Konsequenz des Endes des englischen Bürgerkrieges, welcher zwischen den Anhängern des englischen Parlaments, den Parlamentariern, und den Verfechtern König Karls I., den Royalisten, geführt wurde. Während des Bürgerkrieges, und mit dem Sieg der Parlamentarier, wurden die Royalisten gezwungen sich aus London in die äußeren Gebiete von England zurückzuziehen. Gegen Ende des Bürgerkrieges waren die Anhänger Karls I.  aus den größten Teilen Englands verjagt worden. Eine Ausnahme hierzu bildeten die Scilly-Inseln. Dies ist eine Gruppe von mehr als 140 Inseln die an der Südwestspitze von England zu finden sind. Von den 140 Inseln sind heutzutage noch 5 bewohnt. Sie gehören offiziell zu der Grafschaft Cornwall.

Ein neuer Konflikt

An diesen Punkt fragen Sie sich möglicherweise, wie die Niederlande in einen Konflikt passen, der sich aus dem englischen Bürgerkrieg entwickelt hat. Die Niederländer, welche an diesem Punkt bereits langjährige Verbündete Englands sind, hatten sich in dem Bürgerkrieg auf die Seite der Parlamentarier, die Siegerseite, geschlagen. Dies wurde von den Royalisten als ein Verrat der vorherig bestehenden freundschaftlichen Beziehungen angesehen und als Vergeltungsmaßnahe überfielen sie die niederländischen Schifffahrtswege im Ärmelkanal. Bis 1651 wurde die Schiffsflotte der Royalisten auf die kleinen Scilly-Inseln zurückgedrängt. In Unterstützung ihrer Verbündeten, den Parlamentariern, entsandten die Niederlande 12 Kriegsschiffe, welche sich zugleich auch für die aus den Überfällen resultierenden Handelseinbußen revanchieren sollten.

Nachdem die Royalisten nicht auf die Forderungen des niederländischen Admirals, Maarten Tromp, eingingen und sich weigerten Reparationen zu zahlen erklärte dieser am 30. März den Scilly-Inseln den Krieg.

Einem Brief aus den Memoiren Whitelockes, einem parlamentarischen Anwalt und Schriftsteller, nach „kam Tromp nach Pendennis und berichtete, dass er auf Scilly war, um eine Entschädigung für die holländischen Schiffe und Güter, die sie ihnen genommen hatten, einzufordern; als er keine befriedigende Antwort bekam, soll er ihnen laut seiner Kommission den Krieg erklärt haben.“ Diese Kriegserklärung spezifisch gegen die kleine Inselgruppe gerichtet, da England zu diesem Zeitpunkt bereits vorwiegend unter der Kontrolle der Parlamentarier war.

Bereits kurz nach der Kriegserklärung, im Juni 1651 wurde die Royalisten-Navy von parlamentarischen Truppen unter der Führung von Admiral Robert Blake zur Kapitulation gezwungen. Dies führte dazu, dass die nun überflüssigen niederländischen Kriegsschiffe in ihre Heimat zurückkehrten ohne während des gesamten Konflikts einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben. Dies verleiht dem Krieg zwischen den Niederlanden und den Scilly-Inseln zusätzlich die Besonderheit, dass es keinen einzigen Toten und kein Blutvergießen gab. Aufgrund der seltsamen Umstände dieses Krieges, der zwischen einer Nation und nur einem kleinen Teil einer anderen ohne wirkliche Schlachten ausgetragen wurde, haben sich die Niederlande zurückgezogen ohne offiziell Frieden zwischen sich und den Scilly-Inseln zu erklären.

Das offizielle Ende

Einige Jahre später – 334 um genau zu sein – in 1985, stolperte der Historiker und Vorsitzende des Scilly Islands Council, Roy Duncan, über Informationen zu dieser schon fast in Vergessenheit geratenen Kriegserklärung und kontaktierte die holländische Botschaft in London um klarstellen zu können, ob die Inselgruppe und die Niederlande nach mehr als drei Jahrhunderten eigentlich offiziell noch im Krieg miteinander sind. Nachdem von Mitarbeitern der Botschaft entdeckt wurde, dass tatsächlich nie ein Friedensvertrag unterschrieben wurde, wurde beschlossen, dass es an der Zeit war dies zu korrigieren. Der niederländische Botschafter Jonkheer Rein Huydecoper erklärte am 17. April 1986 nach 335 Jahren auf den Scilly-Inseln offiziell das Ende dieses überlangen Konfliktes.

Einige Menschen, wie der Autor R. L. Bowley zweifeln jedoch die Dauer und Legalität dieses Krieges an: „Tromp hatte keine 'Kommission' von seiner Regierung, den Rebellen in Scilly den Krieg zu erklären; aber er kam, um zu versuchen - durch eine Demonstration von Gewalt, Drohungen und vielleicht sogar durch Gewalt, obwohl dies nie geschah -, Wiedergutmachung für die königlichen Piraterien zu fordern, aber ohne auf irgendeine Handlung zurückzugreifen, die das Commonwealth beleidigen könnte ... selbst wenn es 1651 zu [einem Krieg] gekommen wäre, wären alle damit zusammenhängenden Angelegenheiten 1654 als Teil des Vertrags zwischen England und den Vereinigten Provinzen am Ende des Ersten Niederländischen Krieges gelöst worden".

Obgleich der Konflikt bereits kurz nach Beginn bereits endete und Roy Duncan nur für gute Publicity für die Scilly-Inseln sorgte oder es sich hierbei tatsächlich um den längsten Krieg der Menschheitsgeschichte ganz ohne Blutvergießen handelte – jedenfalls haben die Niederlande seit dem 17. April 1986 offiziell keinen Grund mehr die Scilly-Inseln anzugreifen.

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