Kultur gleich Seelenkultur

Johannes Peters • 25 April 2021
Diskussion in der Gruppe Geschichte
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In einer Welt des Vergänglichen, unsrer Lebenswelt, stehen Millionen von Lebewesen oft unversöhnlich gegeneinander. Das in solcher Welt herrschende Streben spiegelt dem einzelnen vor, Glück sei zu erreichen durch Befriedigung ichsüchtiger Zielsetzungen. Besonders in Zeiten der Not und des Krieges, in denen der Rechtsstaat mit seiner Macht zur Durchsetzung des Rechts außer Kraft gesetzt ist, zeigt sich vielfach erschreckend die abgrundtiefe Enthemmung innerer Regungen. Man denke die Ereignisse in Ostpolen, wo unter nationalsozialistischer Herrschaft bei Ghettoauflösungen Trawniki-Männer aus oberen Stockwerken heruntergeworfene Kinder im Herabfallen mit der Pistole erschossen. Oder das unvorstellbare Leid der Betroffenen in Mordlagern wie Majdanek, Belżec, Sobibor, Treblinka, Theresienstadt, Auschwitz und anderen, die Shoah in Belgien, Völkermorde an der indigenen Bevölkerung Amerikas, in Armenien, Uganda, stalinistische Genozide kurzum: Es handelt sich offenbar nicht um eine Agglomeration spezifisch deutscher Eigenheiten, fühlloser Klötze Unmenschen , sondern die Erscheinung ethischen Schwachsinns ist so allgemein, daß darüber die Frage der Kultur um so dringlicher Klärung bedarf.

 

So viel scheint gewiß: Kultur läßt sich nicht festmachen daran, ob einer in Prachtgebäuden wohnt, Theaterhäuser und Museen besucht oder klassische Musik bevorzugt, wie etwa jener SS-Mann, der Mozart hörte, bevor er eigenhändig Erschießungen vornahm. Worauf es ankommt, ist vielmehr, inwieweit jemand des Mitfühlens fähig ist: Das Sich-Identifizieren-Können, sich hineinzuversetzen in den anderen, sein Leid mitempfinden, als sei es das eigene, die Fähigkeit des Mitgefühls, des Mitleidens mit dem Leid der Kreatur, Empathie, mit einem Modewort, zeigt jedem, ob er überhaupt Mensch ist. Dann erst ist er bereit, das Leid des andern abzustellen, gut zu sein für andere, weil er selber auch etwas davon hat. Wohingegen jemand andere schädigt, würde man ihn böse nennen. Ohne Humanität keine Kultur. So soll man sagen, auch von der Religion: Am Ende stünden Anarchie und Chaos, breiten sich Schutt und Asche, das Gestaltlos-Tödliche, wie insbesondere die Geschichte des Tausendjährigen Reiches lehrt.

 

Nach Lage der Dinge kann im Blick auf Künftiges keine Rede davon sein, durch Erziehung einen Wandel zum Guten herbeizuführen, hinzuführen zu einer durch humane Lebensformen befriedeten Gesellschaft. Jederzeit soll man sich vielmehr vor Augen halten, Anlagen lassen sich nur insoweit entfalten, als sie naturhaft gegeben sind. So wenig sich aus einem Kohlkopf eine Blume machen läßt, ebensowenig lassen Tote sich erwecken, wohl aber die Schlafenden.

 

Was bleibt, ist die Wahrheit von der Massenproduktion der Natur und den Wenigen, die den Schleier über der Welt der Dinge zu heben wissen, des Kampfes aller gegen alle, die Identität alles Lebendigen erschauend ihr Verhalten danach einrichten.

 

Hosianna, wären wir alle da!

 

Johannes Peters

Kommentare (2)

Marcin Lupa

Lieber Herr Peters,

Sie machen auf einen Aspekt der Kultur aufmerksam, der bei einem vorherigen Beitrag schon ansatzweise diskutiert wurde. Sie machen es auf eine eindringlichere, gemahnende Weise. Dafür möchte ich Ihnen auch als Pole danken, dessen Familiengeschichte es zum Teil mit sich trägt, dass uns die "Unkultur" der anderen, seien es Nazis, Sowjets oder früher auch die Habsburger, Schweden, Tataren mit das Leben schwer gemacht hat.

Erschreckend ist für mich die Tatsache, dass wenn die Gesellschaft und mit ihr vor allem der Kulturbetrieb aber auch der Staat mit seinen Normen, Regelungen und Gesetzen (allem voran dem Grundgesetz) nicht ständig die Hand am Puls des Geschehens hätte, Unkultur manigfaltig wiederholbar wäre.

Unsere Kinder müssen es erfahren, was Kultur und was Unkultur bedeuten. Sie müssen es an nachfolgende Generation weitergeben, damit die Welt friedlich bleibt/wird.

"Worauf es ankommt, ist vielmehr, inwieweit jemand des Mitfühlens fähig ist: Das Sich-Identifizieren-Können, sich hineinzuversetzen in den anderen, sein Leid mitempfinden, als sei es das eigene, die Fähigkeit des Mitgefühls, des Mitleidens mit dem Leid der Kreatur, Empathie, mit einem Modewort, zeigt jedem, ob er überhaupt Mensch ist."

- hier treffen Sie auf meine vollste Zustimmung. Was Sie hier schildern, ist die höchste Kultur die man haben kann, sie ist nicht gekoppelt an Bildung oder kognitive Resonanz, auch wenn sie beides verstärkt. Es ist die Kultur der Intuition und der Empathie.

Seien Sie gegrüßt
Marcin Lupa

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  • Jan Siemens

    "Ohne Humanität keine Kultur", besser kann man es denke ich nicht zusammenfassen! Der Beitrag macht deutlich, dass der Kultur eine immense menschliche Komponente innewohnt. Auch Herr Lupa hat dies schön auf den Punkt gebracht!

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