Kultur aus der Perspektive der Lebensphänomenologie

Tim Tharun • 20 April 2021
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Vorüberlegungen

Bevor ich mich der Beantwortung der Frage nach dem Wesen der Kultur widme, möchte ich zunächst auf eine Besonderheit der Fragestellung hinweisen: Das Suchen und Finden einer Antwort auf diese Frage ist nämlich selbst bereits ein Ausdruck einer kulturellen Praxis. Hierbei spielt es keine Rolle, ob die Antwort eine philosophische, theologische oder auch ethnologische ist, um nur einige mögliche Dimensionen zu nennen. Diese Feststellung bringt es mit sich, dass die jeweilige Antwort stets mehr aussagt, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Sie kann sich nie auf die reine Theorie zurückziehen, sondern ist selbst auch ein praktisches Beispiel dessen, was Kultur sein kann. Vorläufig lässt sich also bereits festhalten, dass Kultur ein expressives Element zukommt, das in der Diskussion der Kulturfrage einen selbstbezüglichen Charakter gewinnt: Kultur drückt sich hier im Nachdenken über Kultur aus.

Das expressive Element wird häufig als eine schöpferische Gestaltung interpretiert, die von bloßen Gegebenheiten abgegrenzt wird: In der Kultur übernimmt der Mensch das Heft des Handelns, er schafft sich seine eigene Realität. Ein Gedanke, der bei Definitionen von Kultur immer wieder auftaucht, ist daher die Gegenüberstellung von Kultur und Natur als Gegensatzpaar: Kulturell ist das, was nicht auf rein natürliche Gegebenheiten zurückzuführen ist, Natur hingegen das, was unberührt ist von menschlichem Einfluss. Diese Gegenüberstellung greift in meinen Augen jedoch zu kurz, was sich aus zwei Richtungen begründen lässt. Zum einen im Hinblick auf den Naturbegriff, zum anderen im Hinblick auf die Stellung des Menschen zur Natur.

Der erste Einwand bezieht sich darauf, dass der natürliche Raum in der heutigen Zeit bereits weitestgehend kulturell geprägt ist. Angefangen von Schrebergärten über Parkanlagen bis hin zu ganzen Wäldern (die seit Jahrhunderten von der Holzwirtschaft genutzt werden) sind viele uns vertraute Naturräume Ausdruck einer kulturellen Praxis. Selbst Orte, die bislang gänzlich von menschlichem Handeln unbeeinflusst sind, könnten in der Gegenüberstellung Kultur-Natur zumindest insofern als kulturell geprägt gelten, als ihre Unberührtheit gerade aus einem Fernbleiben des Menschen herrührt. Wenn sich Menschen beispielsweise entschließen, einen Teil des Regenwalds vollkommen unberührt zu lassen und ihn zum Naturschutzgebiet deklarieren, dann bedeutet dies spätestens im Zeitalter des Anthropozän eine Einbettung der Natur in ein kulturelles System. Der Mensch hätte ja durchaus die Mittel, sich die Naturräume vollständig zu erschließen. Dass er es nicht tut, zeigt, dass die Natur hier eine Rolle im kulturellen Gesamtgefüge einnimmt, womit der starre Gegensatz von Kultur und Natur nicht tragfähig ist.

Der zweite Einwand bezieht sich auf den Umstand, dass der Mensch selbst Teil der Natur oder zumindest gleichen Ursprungs wie die Natur ist. Wie jedes andere Lebewesen beeinflusst auch der Mensch seine Umwelt. Sogar Dinge, die keine Lebewesen sind (wie etwa Corona-Viren) können einen gewaltigen Einfluss auf die Realität haben. Die Schaffung neuer Gegebenheiten ist somit kein Alleinstellungsmerkmal der Kultur. Hiergegen werden einige jedoch anmerken, dass das Wirken des Menschen sich insofern von anderen Wirkungen unterscheidet, als es sich auf bewusst vollzogene Handlungen bezieht. An dieser Stelle liegt der Diskussion die schwierige Frage nach dem Verhältnis von Geist und Leben zugrunde. Der interessierte Leser sei hierzu beispielhaft auf Max Schelers „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ verwiesen. Was die hier im Raum stehende Frage betrifft, so glaube ich nicht, dass die geistige Fähigkeit eines begrifflichen Denkens eine so starke Sonderstellung des Menschen zulässt, dass sie eine absolute Trennung von Kultur und Natur zulässt. Kultur ereignet sich nicht nur in begrifflichen Sphären, sondern arbeitet auch mit ganz irdischen und handfesten Materialien, insbesondere wenn man die Etymologie des Begriffs Kultur betrachtet (von lat. colere = den Acker bestellen).

 

Kultur als Lebenspraxis

Nach diesen Vorüberlegungen möchte ich auf eine Definition von Kultur aufmerksam machen, welche der Begründer der Lebensphänomenologie, der französische Philosoph Michel Henry, geprägt hat:

„Was also ist Kultur? Kultur ist eine Kultur des Lebens im doppelten Sinne, wonach das Leben sowohl das Subjekt wie das Objekt dieser Kultur bildet. Es ist ein Tun, welches das Leben an sich selbst ausübt und wodurch es sich selbst verändert, indem es selbst das Verändernde wie das Veränderte ist.“ (Henry, Michel: Die Barbarei. Eine phänomenologische Kulturkritik. Freiburg/München 2016, S. 13f.)

Auffällig an dieser Definition ist zunächst, dass sie auf jegliche inhaltliche Festlegung verzichtet. Das Leben selbst entscheidet, was Kultur ist, es bringt die Kultur durch seinen eigenen Vollzug gewissermaßen als Nebenprodukt hervor. Das Leben ist nach Henry für philosophische Verhältnisse übrigens überraschend zugänglich definiert, nämlich als „das Leben, welches jeder kennt, da es genau jenes ist, das wir sind.“ (A.a.O., S. 15) Somit ist Kultur für Henry auch nicht auf gewisse hochkulturelle Phänomene beschränkt, wie etwa Theater, Konzert oder Literatur. Vielmehr sind es auch und gerade die ganz alltäglichen Weisen des Umgangs, das Kochen, das Essen, das Arbeiten, das Lieben, das menschliche Miteinander, welche der Kultur ihre inhaltliche Fülle geben. Ohne Leben keine Kultur (es sei daher nochmals darauf hingewiesen, dass man einer strikten Trennung zwischen Geist und Leben äußerst skeptisch gegenüberstehen sollte). Gleichermaßen gilt jedoch auch: Ohne Kultur – und das ist die zentrale These von Henrys Werk – gerät das Leben in Gefahr, sich im Zuge einer Barbarei (als Gegenbegriff zur Kultur) selbst zu vernichten. Die Barbarei erkennt er dabei vor allem in einer Überhöhung des Geistigen in einer gewissen Form, nämlich in der des rein abstrakten Denkens, der totalen Quantifikation und des naturwissenschaftlichen Weltzugriffs. Dieser schließt subjektive Eindrücke systematisch aus und lässt qualitative Bestimmungen (die den Kern des Lebens ausmachen) nicht mehr zu Geltung kommen. Um ein Beispiel zu geben: Wenn ich einen Lieblingshut habe, der mich schon auf vielen Wegen begleitet hat, dann ist es nicht wichtig, ob er ein wenig zu groß oder zu klein ist und deswegen etwas schief sitzt. Wenn mir jetzt jemand im Austausch einen nahezu identischen Hut anbietet, der maßgeschneidert auf meine Kopfform passt, dann würde ich diesen Tausch nicht annehmen wollen. Die reine Passgenauigkeit, die reine Quantität, kann nicht das widerspiegeln, was mich an Geschichte mit diesem Kleidungsstück verbindet, denn hierbei handelt es sich um eine subjektive und qualitative Bestimmung. Dadurch ist es natürlich nicht falsch, dass der andere Hut mir besser passen würde - aber darauf kommt es im Leben eben nicht immer an.

Solche qualitativen Bestimmungen prägen das Leben und somit auch das Wesen der Kultur. Umgekehrt wird aber auch Leben von der kulturellen Praxis geprägt, mehr noch: es kann sich eigentlich nur in der Form einer kulturellen Praxis wirklich ausdrücken. Das meint Henry, wenn er von der Kultur des Lebens im doppelten Sinne spricht. Um an dieser Stelle den Bogen zum Anfang zu schließen: Gerade in der Frage nach der Kultur wird diese Wechselseitigkeit besonders deutlich, denn diese Frage zu beantworten, die Gedanken zu sammeln, ist ein Akt der Kultur, ein Akt, dem Leben eine Form zu geben. Kultur bearbeitet nicht einfach nur einen Gegenstand. Vielmehr ist sie auch immer ein Prozess der eigenen Bildung, in welcher der kulturell Tätige sein eigenes Leben, seinen Charakter und seine Persönlichkeit prägt und formt. In diesem Sinne kann man abschließend zusammenfassen, dass Kultur im Sinne der Lebensphänomenologie stets auch Ausdruck eines humanistischen Bildungsideals ist.

Kommentare (2)

Marcin Lupa

Lieber Herr Tharun,

"Kultur drückt sich hier im Nachdenken über Kultur aus." - Das haben Sie sehr schön hervorgehoben. Gleichzeitig drücken Sie in der gesamten Vorüberlegung eine Wertschätzung gegenüber den beitragenden Teilnehmern dieses Schreibwettbewerbs aus. Das ist löblich.

Sehr gut ist auch Ihr Gedanke der "Einbettung der Natur in ein kulturelles System" Dieser Ansicht/Einsicht kann ich mich anschließen. Ich empfinde meine Bergwanderungen durch diverse Nationalparke oder Naturparke weltweit, als eine kulturelle Auseinandersetzung, wird sie doch stets von einem intellektuellen Dialog über das Sein an sich begleitet.

Ihr zweiter Einwand der Mensch sei Teil der Natur ist absolut zutreffend. Insofern wäre Kultur nur eine Fortsetzung der Natur durch das Prisma der menschlichen Kreativität und unter Einsatz der menschlichen Vorstellungskraft betrachtet.

"Die Stellung des Menschen im Kosmos" von Max Scheler - so will es der Zufall - ist seit vorgestern auf meiner Leseliste.
Die Lebensphänomenologie des Michel Henry, dank Ihnen, nun auch.

Das Leben bringe Kultur durch den Vollzug seiner selbst hervor. - Das ist ein sehr klarer, kristalliner und sehr einprägsamer Gedanke.

Sehr interessant finde ich den Aspekt der Barbarei in ihrer Bedeutung - entgegengesetzt zu gängigen Vermutungen - sie sei eine Überhöhung des Geistigen und und ein Ausdruck der Dominanz des naturwissenschaftlichen Zugriffs. Das ist primär beeindruckend.
Kommt es also im Leben darauf an, einen persönlichen Bezug zu den dingen herzustellen (Beispiel Hut)?

Sie machen in Ihrem Text auf die qualitativen Bestimmungen aufmerksam. Für mich ist es die Möglichkeit der hermeneutischen Arbeit an den Beiträgen des Schreibwettbewerbs hier, die mir seit geraumer Zeit eine qualitative Bestimmung einbringt. Ich nenne es eine Steigerung meiner individuellen Lebensqualität.

Ihren abschließenden Gedanken, Kultur sei Ausdruck eines humanistischen Bildungsideals kann ich absolut zustimmen.

Ich danke Ihnen für Ihren Text, dem ich sehr viel abgewinne. Für mich ist es nun der Favorit unter den diesmaligen Beiträgen.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

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  • Thomas Henkel

    Lieber Herr Tharun,

    herzlichen Dank für Ihren (begrifflich) sehr klaren und gut strukturierten Text. Ich würde allerdings doch eine etwas deutlichere Grenze zwischen dem Leben der unberührten Natur (die es zugegebenermaßen kaum mehr gibt) und dem menschlichen Leben ziehen, das Geist und Bewusstsein besitzt (man muss ja den Geist nicht so hoch hängen, auch ein gut komponiertes Essen z. B. besitzt Geist). Zu der von Ihnen und Henry beklagten Quantifizierung des Lebens gehört m. E. auf jeden Fall auch dessen geschichtlich beispiellose Ökonomisierung heute. Die Ökonomie arbeitet heute vorwiegend mit mathematischen Modellen, die die Wirklichkeit abbilden sollen, obwohl ihr Ansatz früher ethischer Natur gewesen war (z. B. bei Adam Smith).

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