Kritik der marxistischen Geschichtsphilosophie

Karl Friedrich Stephan • 10 April 2021
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Die Gulags und den politischen Totalitarismus und den Großen Terror auf die Psychopathologien eines Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili vulgo Josef Stalin zurückzuführen (vermutlich Paranoia, Sadismus, Narzissmus, Soziopathie), bagatellisiert nicht nur den Stalinismus, sondern verkennt auch die politische Ideologie des Marxismus-Leninismus. Die kontrafaktischen Konditionale „Wenn Lenin länger gelebt hätte/Wenn Trotzki sich durchgesetzt hätte/Wenn Stalin zuvor gestorben wäre, dann hätte es keinen stalinistischen Terror gegeben.“ sind verfälschend, weil der Stalinismus nicht eine historische Kontingenz, sondern Folge des Marxismus-Leninismus und der ideologischen Struktur des Marxismus war. Entgegen Theimers Diktum, dass, „was Politik und Geschichte gemacht hat“, Irrtümer, „nicht die Wahrheiten des Marxismus“ sind, ist gerade der Stalinismus die Wahrheit des Marxismus. Selbstverständlich wurde die Ideologie des Marxismus-Leninismus auch von einer stalinistischen Bürokratie zur politischen Legitimation von Gewaltverbrechen, Ausbeutung und Machtausnutzung instrumentalisiert. Der „real existierende Sozialismus“ wäre eine Kleptokratie oder, in marxistischer Terminologie, eine ursprüngliche Akkumulation. Allerdings schließt dies nicht aus, dass gerade die marxistisch-leninistische Ideologie solchem den Weg ebnete, den politischen Totalitarismus und die Tyrannei aus sich heraus förderte - damit ist nicht die ideologische Trivialität gemeint, dass eine „Diktatur des Proletariats“ zwischen der proletarischen Revolution und klassenlosen Gesellschaft stattfinden müsse, um die Bourgeoisie zu unterdrücken - sowie sich einen Stalin heranzog. Im Gegensatz zu Fouriers utopischem Sozialismus ist Marx sparsam beim Ausmalen einer kommunistischen Utopie. Die Selbstbezeichnung als „wissenschaftlicher Sozialismus“ deklariert einen antiutopischen Utopismus. Marx ist gleichsam ein Ikonoklast. Trotzdem formuliert Marx negativ eine Utopie. Diese ist ein Kapitalismus ohne Kapitalismus, d.h. die Produktivität des kapitalistischen Akkumulationsregimes ohne die Antagonismen des Kapitalismus oder die Enteignung des Mehrwerts, die ja, nach der Marx’schen Analyse, gerade Bedingung des Kapitalismus und seines ökonomischen Erfolgs ist. Marx’ Geschichtsphilosophie ist, indem sie das Proletariat zum revolutionären Subjekt erklärt, eine Pervertierung Hegels. „Die List der Vernunft“, demnach sich in der Weltgeschichte die Idee der Vernunft auch des Handelns großer Individuen, ohne dass sich diese dessen bewusst sind, realisiere (bspw. Alexander der Große, Caesar, Napoléon I), tritt säkularisiert und in der marxistischen Geschichtsteleologie auf. Das revolutionäre Subjekt ist das Proletariat. Lenin, der wie Rosa Luxemburg dem sozialdemokratischen Revisionismus opponierte und eine „ursprüngliche“ marxistische Lehre zu behüten beanspruchte (ein Topos, der für Religionen wie auch politische Religionen typisch ist), musste, um die politisch-ökonomischen Theorien der Marx’schen Kapitalismusanalyse auf die historischen Bedingungen des russischen Zarenreiches anwenden zu können, selbst zum Revisionisten werden. Lenins Parteitheorie (siehe unten) hat Marx’ Materialismus, nach dem „das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle“ (MEW 23, S. 27) ist und deswegen die Arbeiter über ein Klassenbewusstsein verfügen, in entscheidender Weise zurückgewiesen. Dass Lenin und auch Marx zeitlebens gegen die ideologische Dogmatisierung der eigenen politischen, ökonomischen und philosophischen Theorie protestiert haben (MEW Bd. 35, S. 388: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“ u. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/leben/39-lenkrank.htm: „N.K. Krupskaja hat im Jahre 1927 einmal gesagt, daß Lenin wahrscheinlich längst in einem Stalinschen Gefängnis säße, wenn er noch leben würde.“), zeichnet sich ironisch. Denn der Marxismus, welcher die politisch-ökonomische Relativität von Ethik, Politik und Kultur offen zu legen behauptete, müsste, auf sich selbst angewandt, seinerseits einer marxistischen Ideologiekritik zum Opfer fallen. Einerseits propagiert der Marxismus nämlich, dass Wahrheit konkret ist, andererseits wird er als „wissenschaftlicher Sozialismus“ (Engels) und inspiriert von der hegelianischen Geschichtsphilosophie zur finalen Wahrheit über das, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“ (Johann Wolfgang von Goethe, „Faust. Der Tragödie erster Teil“, V. V. 382 f.) stilisiert. Wenn die politische Ökonomie, die Karl Marx im ersten Band von „Das Kapital“ und nur fragmentarisch in den geplanten Bänden skizziert, überhaupt irgendeine wissenschaftliche Erkenntnis über den Kapitalismus liefert, ist diese historisch relativ und beschränkt auf das kapitalistische Akkumulationsregime in Großbritannien zur Zeit der industrial revolution: das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ (Marx) hat sich nicht bewahrheitet, die marxistische Arbeitswerttheorie unterliegt empirisch der Grenznutzenschule und der klassischen Ökonomik, während das Theorem „gesellschaftlich notwendige Arbeit“ spätestens im Kapitalismus des 21. Jhdt., der durch kognitive Güter und den Dienstleistungssektor charakterisiert wird, vollkommen überholt ist. Als Reaktion auf das empirische Scheitern von dessen politischer Ökonomie hat sich der Marxismus durch Lenin, wie es Karl Popper als Eigenheit von Pseudowissenschaft und Konventionalismus pointiert, gegen empirische Falsifizierungen mittels Ad-Hoc-Hypothesen immunisiert. Wegen des „falsches Bewusstseins“ der Arbeiterklasse, sei, obschon die marxistische Ökonomie es verhieß, der Kapitalismus noch nicht zusammengebrochen. Und Kritik am historischen Materialismus sei notwendig Ideologie der herrschenden Klasse. Theorien, deren Hypothesen sich gegen ihre Falsifikation immunisieren, werden gemeinhin Verschwörungstheorien genannt. Stalin, der während der stalinistischen Säuberungen und Moskauer Prozesse von Verschwörungen innerhalb der kommunistischen Partei und kurz vor seinem Tod von einer „Ärzteverschwörung“ fabulierte, sei es aus politischem Kalkül oder tatsächlicher Paranoia, mutet wie eine Personifizierung der vulgärmarxistischen Verschwörungstheorie an. Somit waren von den beiden „großen Erzählungen“ (Lyotard) des 20. Jhdt. sowohl der Faschismus bzw. der Nationalsozialismus als auch der Marxismus ihrer logischen Struktur nach Verschwörungstheorien - „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist“ (Wladimir Iljitsch Lenin, Werke in 40 Bänden, Dietz-Verlag, Berlin 1956–1972, Bd. 19, S. 3). Nach Lenins Parteitheorie muss eine „Avantgarde der Arbeiterklasse“, organisiert in einer Kaderpartei aus Berufsrevolutionären nach dem „demokratischen Zentralismus“, als Träger der Wahrheit der Geschichte, d.i. der Lehren des Marxismus, das politische Klassenbewusstsein von außen an die Arbeiter herantragen und die Diktatur des Proletariats leiten. Die bolschewistische Partei ist der kollektive Führer der Partei. Infolgedessen ist der stalinistische Führer, mit unfreiwilligen Anklängen dieser atheistischen Philosophie an die politische Legitimation des Zaren als lebende Ikone Gottes oder auch an die Gottesebenbildlichkeit der ägyptischen Könige, eine Personifikation der geschichtlichen Wahrheit. „Das ideologische Imaginäre des Stalinismus objektiviert die universelle Vernunft in Gestalt der unerbittlichen Gesetze des historischen Fortschritts, dem alle, einschließlich des Führers, unterworfen sind“ (Slavoj Zizek, „Parallaxe“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 366), gleichzeitig ist der stalinistische Führer diese inkarnierend.

Kommentare (1)

Marcin Lupa

"Entgegen Theimers Diktum, dass, „was Politik und Geschichte gemacht hat“, Irrtümer, „nicht die Wahrheiten des Marxismus“ sind, ist gerade der Stalinismus die Wahrheit des Marxismus."

Ich bin die ersten neun Jahre meines Lebens in Polen zur Zeit der Sowjetherrschaft großgeworden.
Somit bin ich mitten in der Auseinandersetzung groß geworden. Kommunismus war für mich und meine Familie eine Geissel, weil die sozialistische Utopie in der ökonomischen Wirklichkeit einer Nation nicht umsetzbar ist. Schon eher im Herzen der Leute, wären da nicht die von Ihnen angesprochen Persönlichkeitsstörungen, die leider auch vor keinen Herrschern und Parteikadern halt machen, die sich, wie sie am Ende ihres Textes nahelegen, tatsächlich als auserwählt wähnen.

Bezüglich ehemaliger Herrscher und Könige, Kaiser, Kalifen bleibt zu sagen, dass sie ihre Macht immer mit der besonderen Zuwendung eines Gottes legitimierten. Sie waren seine Stellvertreter auf Erden (Sumerer, Assyrer, Babylonier, Ägypter, Römer, Maya, Inka und Mexica) oder gar Gottkönige in Persona. Nur dass ihnen am Ende zu Status eines Gottes sowohl Weisheit, als auch Charakter fehlte, schließlich auch die Unsterblichkeit. Glücklicherweise sind sie alle bereits tot, das läßt die heute Lebenden aufatmen, auch wenn einige von Ihnen in die Hände klatschen, wenn neue politische Klassen, die Mumien der Vergangenheit beim Umzug in ein Museum prozessieren (neuerdings in Ägypten). Despoten dieser Länder vereinigt Euch?

Und so sollten alle Herrscher auch aus dieser Welt schreiten, denn am meisten fehlte ihnen Selbstbeherrschung, wenn man bedenkt, was sie angerichtet haben Zeit ihres Lebens und wie sie ganze Massen von Menschen unterdrückten.

Ich hoffe, die Utopie vom Kommunismus, wird für alle Zeiten gebahnt sein, und keinen Einfluss mehr nehmen, auf unsere Geschicke, sie hinterließ ein Chaos, das schwer zu beheben war.
Während sie satte Felder und glückliche Menschen predigte, verhieß sie in Wahrheit nichts anderes als große Pein und unglückliche Volksgenossen.

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