Klischeemensch

Andreas Rupprecht • 26 Juli 2021
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Ich bin ein Klischee. Student, Mitte zwanzig, sehnt sich nach flüchtiger Bekanntschaft aus den Anfangssemestern zurück. Trotz der allgegenwärtigen digitalen Vernetztheit keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme, die Handynummer ist längst gelöscht, das Netz spuckt lediglich ein Gruppenfoto der Abiturfeier aus. Da sitzt sie, umringt von Mitschülern und Stuhlreihen, alle blicken nach vorne zur Bühne. Nur sie nicht, sie dreht sich im Moment der Fotoaufnahme in Richtung der Kamera, es ist als sähe sie mich direkt an. Sie wirkt deplatziert unter diesen jungen Menschen, obwohl sie ja genau so alt ist wirkt sie anders, nicht älter, eher aus der Zeit gefallen. Ob ich asexuell sei, fragte sie mich einmal, nachdem sie am Tag zuvor bei mir gewesen war und wir uns zum ersten Mal geküsst, jedoch nicht miteinander geschlafen hatten. Das kann sie doch unmöglich wollen, dachte ich damals. Vielleicht wollte sie auch nur das.

Ein Klischee bin ich auch deshalb, weil ich immer noch an sie denke, immer noch gelegentlich ihren Namen google, und jedes Mal enttäuscht bin, wenn die Suchergebnisse nicht sie zeigen, sondern irgendeine Kolumnistin eines relativ unbedeutenden Magazins. Dieser eine Blick auf dem Foto der Abschlussfeier, das einzige woran ich mich klammern kann, das Gefühl von ihr angesehen zu werden. Verstanden habe ich sie nie, sie blieb verschlossen, nach innen gekehrt, und dennoch war da etwas seit dem Moment, da sie das erste Mal den Seminarraum der philosophischen Fakultät betrat. Ich spürte ihre Anwesenheit eine Reihe hinter mir, obwohl ich sie zuvor noch nie gesehen hatte, und wir noch mit 40 anderen Studierenden in diesem viel zu kleinen Raum saßen. Nach der Sitzung rauchte sie, also tat ich es auch. Irgendwann tat ich so, als funktionierte mein Feuerzeug nicht, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie sah es, bot mir ihres jedoch nicht an, komm her und sprich mich an, schien sie mir auf ihre schweigsame Art mitzuteilen. Und so sprachen wir, hauptsächlich über Bücher, gingen Kaffee trinken, wenn niemand etwas sagte rauchten wir. Zweimal kochten wir gemeinsam, sie war unnahbar, schien jedoch gleichzeitig etwas zu erwarten, ich konnte nicht ausmachen, was es war. Ein Paar waren wir nie, betrogen und verraten fühlte ich mich trotzdem als ich erfuhr, dass sie mit einem meiner Freunde rumgemacht hatte. Würgen sollte er sie, erzählte er mir später. Zwei Jahre später erzählte er, sie sei jetzt in einer Klinik oder Anstalt.

Und ein Klischee bin ich auch deshalb, weil ich von all den Menschen, welche es gibt und nicht gibt, die ich für diesen Text hätte auswählen können, sie gewählt habe. Alexandra.

Kommentare (1)

Marcin Lupa

Erst als ich die Verbindung zur Vergangenheit kappte, war ich offen für die Zukunft. Diese kam mit unzähligen neuen Bekanntschaften.
Vor einigen Jahren noch hielt ich manchmal Inne und fragte mich, wie es denen geht, die mir begegnet sind. Einige von ihnen kamen erneut auf mich zu oder ich auf sie. Doch insgesamt verliefen sich unsere Wege in der unendlichen Weite der Lebenswüste ... und das ist auch gut so, denn dadurch ist mehr Platz für all die neuen Bekanntschaften, die da des Weges kommen, manche von Ihnen haben die Anstalt wieder verlassen, andere sind erst auf dem Weg zu ihr. Doch diese neuen Gesichter haben alle eine gewisse Würde und sind auf ihre geschätzte Weise interessant.

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