Karl Schlögel, Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen

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Karl Schlögel, Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen

Das Buch von Karl Schlögel ist bereits 2015 erstmalig erschienen und unter dem Eindruck der Krim Annexion und des ausbrechenden Krieges in der Ostukraine entstanden. Schlögel war bis 2013 Professor für osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. 

An Aktualität hat es nichts verloren. Im Gegenteil, das, was im Februar 2022 passierte, der Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine  schwebt wie ein Damoklesschwert über den Ausführungen Schlögels. Er erklärt den Konflikt, verortet sich selbst neu als jahrelanger Kenner der Sowjetunion und Russlands, reflektiert das System Putin und macht vor allem eins: schreibt ein Buch über eine Nation, ihre Geschichte und ihre Kultur, die es selbst laut so kluger Staatsmänner wie Helmut Schmidt angeblich überhaupt nicht gibt. 

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich vor allem mit Schlögels eigenem Werdegang, seinem beginnenden Interesse für die Sowjetunion und der Frage nach dem wissenschaftlichen und politischen Umgang mit dem „System Putin“ und dessen Rolle für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Russlands. Schlögel konstatiert einen enormen Modernisierungsstau und formuliert lapidar: „In einer kleinen chirurgisch präzisen Aktion die Krim zu besetzen erwies sich als einfacher, als die Autobahn zwischen Moskau und Sankt-Petersburg fertigzustellen.“ (S.38) 

 Und er blickt auf die wechselvolle und dramatische Geschichte der Ukraine im 20. /21. Jahrhundert und fragt sich angesichts der Ereignisse rund um dem Kiewer Majdan vom November 2013 bis Februar 2014, warum diese demokratische und zahlreiche Menschenleben fordernde Revolution in Westeuropa so wenig Widerhall gefunden hat. 

Der zweite Teil des Buches ist für mich das eigentliche Highlight. Schlögels Methode der „Erkundung geschichtlicher Topographien“ , bei der Orte und ihre Geschichte im Mittelpunkt stehen,  macht das Buch zu einem historischen, politischen und kulturellen Reiseführer durch die Ukraine par excellence. Er schreibt über Kiew, Odessa , Donezk, Jalta oder Cernowitz und welche Rolle diese Orte für die Geschichte und Kultur der Ukraine spielen. Er nimmt uns mit auf Spaziergänge durch das pulsierende Charkiw, der Hauptstadt der „Roten Moderne“ oder lässt uns erahnen, warum über Jahrhunderte hinweg zahlreiche Reisende die Krim zur Erholung aufsuchten und sie zu einem Sehnsuchtsort machten. Die Zerstörung der Städte und die Ermordung ihrer Bewohner im 20. Jahrhundert gehören genauso zur Geschichte dieser Orte wie der unbändige Wille zu Fortbestand und Wiederaufbau und  ihr Weg zu lebendigen europäischen Metropolen, die ihre über Jahrhunderte entwickelte kulturelle Vielfalt auch heute noch spiegeln. Sein Buch ist ein Füllhorn an Literaturempfehlungen, Musikhinweisen oder architektonischen Beschreibungen zur Geschichte und Gegenwart des flächenmäßig  zweitgrößten Landes Europas.

Auch wenn die Stadtporträts teilweise mehrere Jahre, teils Jahrzehnte alt sind, bekommt man ein sehr tiefes Gefühl für dieses Land, seine Menschen, seine Künstler und letztlich seine vielfältige Identität . Man geht mit einem sehr profunden Kenner auf Reisen und das einzige, was einen verzweifelt zurücklässt, ist der Gedanke an die Zerstörungen, die insbesondere, aber nicht erst seit dem Februar 2022 das Land verwüsten, ukrainische Leben fordern und den Menschen ihre Heimat rauben. 

Ukraina heißt Grenzland und für Karl Schlögel ist die Ukraine „ein wahres Labaratorium von Grenzlandschaften“ oder „ein Europa im Kleinen“. (S. 63). Sie ist ein Teil Europas, das es zu verteidigen gilt. Sein Fazit 2015 könnte nicht aktueller sein: 

„Wir müssen an der Unterscheidung von Aggressor und Angegriffenem festhalten. Es gibt einen Krieg, auch ohne Kriegserklärung. Die Selbstverteidigung der Ukraine ist nicht nur legitim, sondern sie verdient unsere Unterstützung - in welcher Form dies geschieht, ist einzig eine Frage politisch-militärischer Zweckmäßigkeit. All das sind Selbstverständlichkeiten. Man müsste an sie nicht erinnern, wenn sie nicht aufgehört hätten, selbstverständlich zu sein. In einer Zeit der gezielten Begriffsverwirrung, in der die russische Aggression sich antifaschistisch drapiert und eine »Revolution der Würde« als »faschistischer Putsch «gebrandmarkt wird, ist alles möglich geworden. Wir sollten dem Ernstfall, der in unsere Lebenszeit eingebrochen ist, ins Auge blicken.“ (S.81) 

Karl Schlögel, Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen

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Kommentare (5)

Gesine Hitschler

Liebe Frau Jung,
Sie haben eine sehr profunde Rezension geshrieben, die mich darin bestätigt hat, dieses Buch zu lesen. Es steht schon auf meiner Liste. Herzlichen Dank.

Gabriele Jung

Ich danke Ihnen, liebe Frau Hitschler! Es ist wirklich eine sehr lohnende, bewegende Lektüre. Herzliche Grüße an Sie!

Merchan Agaricus

Ich möchte mich an dieser Stelle anschließen. Auch ich finde diese Rezension stark.

Das Schlusswort, Zitat des Autors, sagt es gerade heraus: wer eine Revolution der Würde als Aggressor angreift und faschistisch nennt, verkehrt die geschichtlichen Tatsachen. Als Aggressor, der einen Angriffskrieg unternimmt disqualifiziert er sich in der Betrachtung seines eigenen Wertes durch die umgebenden Nationen Europas.

Meine eigene Einschätzung: Russland fällt aus Europa ab und begibt sich in ein rückständiges Asien, in dem Autokratie und Totalitarismus die Oberhand behalten.

Gabriele Jung

Herzlichen Dank auch Ihnen, Merchan Agaricus! Wenn man bedenkt, dass Karl Schlögel diese Sätze bereits vor sieben Jahren formuliert hat, wird einem bewusst, wie sehr die politisch Handelnden und die mediale Öffentlichkeit, aber letztlich auch ich als grundsätzlich politisch Interessierte, wie wir alle die Augen vor dem verschlossen haben, was sich seit Jahren abzeichnete und im Februar 2022 zur bitteren europäischen Realität wurde: die Bedrohung durch einen Aggressor, der die liberalen Werte des Westens verachtet und seine imperialen Machtgelüste rücksichtslos durchsetzt.

Merchan Agaricus

Ja, wir Mitteleuropäer haben eine Mütze voll Schlaf genommen seit dem Mauerfall. Absolut.


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