(Kalter) Krieg

Nia Jerszna • 2 März 2022
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(Kalter) Krieg

Es ist Donnerstag, der 24. Februar 2022 und ich sitze in meinem friedlichen Garten auf der weißen Bank, umgeben von ebenso weißen Schneeglöckchen, und telefoniere mit einer Freundin. Es ist Donnerstag, der 24. Februar 2022 und er beginnt: der Krieg mit seinen zwei Gesichtern. Ein Gesicht mit glühenden Wangen und gefletschten Zähnen. Das Gesicht der heißen Aggression. Das andere erstarrt. Mit gefrorenem Blut in den Adern und undurchsichtigen Augen blickt es uns direkt in die Seele, das Gesicht der kalten Angst. Putin ist mit seiner Armee in die Ukraine eingefallen. Eine Person, zu viel Macht und nur wenige Augenblicke in der Zeitgeschichte bedeuten für uns das Ende von dem, was von klugen, weitsichtigen Menschen so mühsam errichtet wurde. Das Ende einer völkerrechtlichen Ordnung, in der nie jede Grenze geachtet wurde, doch zumindest eine stabil zu sein schien, die Ächtung des Angriffskrieges. Mit dieser Grenze fällt für uns, die Menschen in ganz Europa, das Gefühl der Sicherheit. Plötzlich werden wir zu Kindern, die sich in den warmen Schoß der Mutter zurückziehen wollen. Noch einmal die Geborgenheit der jungen Jahre in uns aufsaugen, und dieser, unserer, neuen Realität entfliehen. Doch egal welche Angst wir hier haben, die Menschen, die sich dem Krieg und seinen Brutalitäten ausgesetzt sehen, können sich ihrer neuen Realität nicht so einfach entziehen. Ebenso wenig diejenigen, die um ihre Familienangehörigen und Freunde im Ausland bangen.

Und so kommt es, dass uns das Entsetzen in diesen Tagen nicht wie erwartet lähmt. Im Gegenteil, Hilfe wird organisiert, Menschen fahren mit Lebensmitteln und Kleidung an die Grenzen um Erstversorgung zu leisten, Polen nimmt Geflüchtete auf und auch in den anderen Ländern wird dies organisiert, es gibt Kundgebungen und Demonstrationen überall in Europa. Das alles für den Frieden in der Ukraine und auf der Welt. Und erstmals, nach langen Jahren des Lernens und des völkerrechtlichen Studiums begreife ich den Begriff der Völkergemeinschaft in seiner Gesamtheit. Wir, die Menschen, Individuen, wir, das Volk, die Völker, sind es, die eine unendliche Kraft und Macht in sich vereinen. Wenn unsere Grenzen überschritten werden und wesentliche freiheitlich, demokratische Grundwerte bedroht werden, sammeln sich unsere Kräfte und wir werden laut, lauter, so laut, dass es jeder, der daran zweifelt hören kann. Der Krieg ist uns nicht erwünscht. Keiner hat Lust darauf, wir fordern auf, die Waffen nieder zu legen. Die meisten jungen Menschen hier sind glücklich und haben ihn nie erlebt. Ihn, den Krieg, dieses Ungeheuer. Und die, die ihn erleben mussten, erfahren nun vielleicht größeres Verständnis. Was aber feststeht, ist dass wir ihn nicht erleben müssen, um zu wissen, dass wir ihn in all seinen Zügen ablehnen. Wir haben aus der Geschichte gelernt, wir haben zugehört und wir wollen leben. Keine Drohungen mehr, keine Bombardements, keine Kampfflugzeuge, keine Ausbeutungen, keine Verletzungen des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte, keine Vergewaltigungen. Und vor allem keine atomare Aufrüstung. Wir sind nicht gewillt diese Zustände zu tragen! Wir sind nicht gewillt als Versuchsobjekte für einen Atomkrieg herzuhalten. Wir sind in Angst vor einem dritten Weltkrieg, können kaum noch schlafen, weinen und verfolgen die Nachrichten angespannt. Doch wir stehen zusammen als Völkergemeinschaft und sind viele. Wir wollen denjenigen, die sich hinter sogenannten Staaten verstecken, die Schleier von den Häuptern reißen. Ihr seid Menschen, so wie wir. Ihr seid Menschen und ihr seid enttarnt. Es gibt keinen historischen Auftrag, jede Grenze ist menschgemacht. Ihr seid keine Helden, keine Figuren der Geschichte, die einmal verehrt und vergöttert werden müssen. Der Staat ist ein Konstrukt und nichts naturgegebenes, ebenso wie jede vermeintliche Weltordnung. Am Ende sind wir alle eins, alle gleich und es gibt keinen Grund uns zu bekriegen.

Es ist Donnerstag, der 24. Februar 2022 und all das denke ich mir, während ich am Morgen mit meiner Freundin telefoniere, die gemeinsam mit ihren Eltern um ihre Verwandten in Charkiw fürchtet. Meine Freundin, die in der Ukraine geboren ist, und nun ihre Heimat zu verlieren droht.

Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll, denn ich bin fassungslos über das, was in der Nacht passiert ist. Ich habe keinen Trost für sie in diesem Moment. Alles was ich mir wünsche, ist die Zeit zurück zu drehen. Für sie, für uns, für mich. Doch auch wenn wir an diesem Morgen sprachlos sind, so werden wir unsere Stimmen finden und für den Frieden sprechen.

 

Kommentare (1)

Merchan Agaricus

Liebe Frau Jerszna,

Sie geben auf eindringliche Weise das Gefühl wider, dass wir allesamt so stark in unseren Herzen fühlen. Etwas unerhörtes ist geschehen, all unsere Hoffnung, all unsere Bemühungen sind von einem Mann verraten und geschunden worden, der vermutlich nicht mehr Herr seiner Sinne ist.

Und deshalb ist Ihr Appell wichtig: wir wollen keine Versuchskaninchen für einen Atomkrieg sein. Wir wollen keine Atomschläge, nirgends, nicht hier, nicht andernorts.
Wir wissen bereits genügend über sie. Wir wissen aus der Geschichte, dass das Ziel immer Zivilisten sind, unschuldige Kinder. Wir wissen auch, dass ein Mann, der keine Skrupel hat, dessen Psyche an einer Krankheit leidet, zu allem fähig ist.
Was sollen wir also tun? Wie sollen wir uns verhalten?

Nun wird der 24.02.2022 als ein historischer Tag für immer erinnert werden. Als der Tag, an dem ein Ost-Mitteleuropäisches Land von einer Atommacht angegriffen wurde. Als ein Tag der ungewissen Folgen.

Es ist aber auch ein Tag, an dem wir uns klar sein müssen, wer wir sind und was wir wollen, was unsere heiligsten Werte sind.
Sie schreiben, wir seien Menschen und die Grenzen von Staaten sind Konstrukte. So ist es. Die wahren Grenzen sind in uns selber drin, in unserem Verhalten. Es gibt Dinge, die ein gesunder Mensch niemals tun wird - dahingegen ein bestimmtes Verhalten, das richtig ist. Es ist das Bedürfnis nach Frieden und Sicherheit. Der Wille die Waffen niederzulegen und nicht mehr nach ihnen zu greifen, es sei denn, jemand trachtet nach unserem Leben, nach dem Leben unserer Nächsten.
Wir sollten uns just in diesem Augenblick klar sein darüber, was unsere unverrückbaren Werte sind, welche Einstellung wir gegenüber dem Leben haben.
Meine persönliche ist eine der Ehrfurcht vor dem Sein, auch wenn mir vieles an ihm nur unerklärlich ist.

Ich danke Ihnen für Ihren einfühlsamen Beitrag!

Herzliche Grüße
Marcin Lupa


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