Junge Leute im Deutschen Herbst Die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut

Ansgar M. Cordie • 4 März 2022
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Junge Leute im Deutschen Herbst

Die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut

 

Auszug aus dem unveröffentlichten Roman

Das Cello im Straßengraben

von Ansgar Spinrath (Dr. Ansgar M. Cordie)

 

Personen:

Tobias Benrath (alias Banana), ein fünfzehnjähriger Schüler

Metti, The Hill und Vitus (alias Farina), Studierende, ältere Geschwister von Tobias

Abel, Student aus Eritrea, Partner von Metti, zeitweilig in Abschiebehaft

Helen, Abels Schwester

Finster, Student, enger Freund von The Hill und Vitus

Sokrates, marxistischer Student der Altphilologie

Mr Blue Sky, liberaler Student der Altphilologie

Rille, linksextremer Student, der geheimnisvolle Telefonate führt und zeitweilig verschwindet

Carl Ludwig Fehnhard, elfjähriger Schüler, Pianist und Komponist

Schuhmacher Hemerken, ein Original in Tobias' niederrheinischer Heimatstadt

Börnie. Ein weiterer älterer Bruder von Tobias

Christoph, Börnies Freund

Brüder Kappes, freischaffende niederrheinsche Automechaniker

 

In diesem Augenblick betrat Vitus das Zimmer:

Mann, Mann, hier ist ja eine dicke Luft, wie in einem schschinesischen Mäusepuff. Ihr müsst nicht so viel geistigen Dünnschiss ablassen. Habt ihr noch nicht gehört? Eine Lufthansa-Maschine aus Mallorca ist von palästinensischen Verbrechern entführt worden. Jetzt haben wir wirklich Kriech mit den Scheiß-Terroristen!“

Die ganze Gesellschaft trappelte das stuckverzierte Treppenhaus hinunter zum Souterrain, wo der Fernsehraum war. Dort stand ein großes, altes, Schwarz-Weiß-Gerät, dessen Röhren ein wenig brauchten, nachdem Finster den Knopf gedreht hatte. Als das Bild erschien, sah man eine Europakarte mit gerade gezogenen, schwarzen Linien: Mallorca, Rom, Zypern.

auf dem Flughafen in Rom forderten die Entführer die Freilassung aller politischen Gefangenen in Deutschland..., verkündete Jo Brauner.

Das könnte denen so passen“, brach es aus Vitus heraus. „Politische Gefangene in Deutschland. Propaganda-Gesülze von Böll und anderen Sympathisanten. Verbrecher gehören in den Knast, so einfach ist das.“

The Hill schubste ihn von links:

Halt die Klappe, wir kriegen doch gar nichts mit.“

Finster zog wieder die Nase kraus:

Farina weiß sowieso schon alles. Der ist im Krisenstab wie Professor Hec-ch-kle.“

...die Aktion solle den Forderungen der Entführer des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer Nachdruck verleihen…

Alle Achtung“, warf Sokrates ein. „Die sind international vernetzt. Das hätte ich denen gar nicht zugetraut.“

Die Internationale der Luftpiraten und Asphalt-Cowboys. Und drumherum ein paar durchgeknallte Schriftsteller, evangelische Pastoren und sonstige Traumtänzer“, maulte Vitus.

...in englischer Sprache gab einer der Luftpiraten seinen Namen mit Walter Mohammed an…

Rom. Man sah eine Lufthansa-Maschine hinter einem Maschendraht.

Walter Mohammed! Wie wär's mit Walter Giller, Nadja Tiller oder Muhammad Ali? Ist doch scheißegal, welchen Tarnnamen sich diese Gangster ausdenken!“

Vitus war einfach nicht zu bremsen.

...wir kämpfen gegen die imperialistischen Organisationen der Welt…

Größenwahnsinnig geworden!“

Aber deshalb wahnsinnig gefährlich, Viti“, warf The Hill ein.

.Mitglied der Gruppe Tiger. Eine solche Gruppe ist der deutschen Polizei nicht bekannt…

Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet. Wir kriegen die Schweine, keine Sorge“, war Vitus überzeugt.

...der Pilot meldet, dass sowohl die Besatzungsmitglieder als auch die Passagiere in guter Verfassung sind…

Da ist ja noch Hoffnung“, sagte Tobias zaghaft.

Klar ist noch Hoffnung, Kleiner.“

Ich habe die Hoffnung ja auch noch nicht aufgegeben, dass die Bullen den Rille wieder rausrücken.“

Den Rille? Aber den hab ich doch auf dem Hinweg auf dem Kölner Hauptbahnhof gesehen!“

Du hast waaas?“

Den Rille. Gesehen. Köln Hbf. Mit Freundin, Zigarette und einer Tasse Kaffee. Leider musste ich schnell zu meinem...“

Du hast waaas? Mein lieber Freund und Kupferstecher! Du siehst den Rille und erzählst uns tagelang nichts davon? Hast du eine Ahnung, was für einen Kopf ich mir um den mache?“

Wusste gar nicht, dass du einen Kopf hast, Farina“, warf Finster trocken ein.

Halt deine Fresse, du Arschloch! Und zu dir, Kleiner. Was für eine Scheiße hast du im Kopf, dass du...“

Ich hab das schlicht vergessen. Alles war so aufregend und neu.“

Ich rate dir dringend, mal deine Prioritäten zu überprüfen. Labert hier stundenlang über Antigone oder seine Angebetete. Hast du eine Vorstellung davon, was Freundschaft ist?“

Jetzt mach mal halblang“, schaltete The Hill sich ein. „Rille scheint seine Freundespflichten nicht gerade ernst zu nehmen, wenn er da in Köln mit irgendeiner Puppe rummacht, während er genau weiß, dass du dir hier Sorgen machst. Ihn solltest du dir vornehmen, nicht den Kleinen, dem geht genug im Kopf rum.“

Der Kleine hat eher den Kopf auf. Aber, du hast recht.“

Vitus kratzte sich am lockigen Kopf.

Dem Rille gehört eins verpasst. Und du, Kleiner, kannst ja demnächst mal Buch führen über deine Beobachtungen. Willst doch sowieso mal Bücher schreiben. Früh übt sich. Und wer schreibt, der bleibt.“

Finster schmunzelte.

Urteilsmodifikation.“

Waaas?“, kam es von The Hill und Vitus wie aus einem Mund.

Finster erläuterte:

Professor Langenday nennt das Urteilsmodifikation. Man könnte auch sagen: Farina rudert wieder mal zurück, weil er zu weit rausgefahren ist.“

Kann ja nicht jeder im Flachwasser paddeln wie du“, maulte Vitus zurück.

 

Sie kamen zu dritt, Helen, Metti und Abel. Im Restaurant warteten bereits Mettis Geschwister und die Freunde. Im Restaurant, und in was für einem. Tobias schaute sich eingeschüchtert um. Weißgetünchte, hohe Wände, an denen Stiche aus Alt-Italien hingen. Schmale, hohe Fenster, von langen, dunkelroten Vorhängen gesäumt. Tische aus dunklem Holz. Hohe Stühle, auf denen man gerade saß. Das war keine Pizzeria. Das war ein vornehmes Lokal. Tobias vermutete Mr Blue Sky hinter der Wahl des Ortes, wo Abels Wiederkehr gefeiert werden sollte. Er hatte keine Vorstellung, wie seine Geschwister das hier hätten bezahlen sollen. Andererseits war er als kleiner Bruder gewohnt, eingeladen zu werden, und sich keine grauen Haare über die Kosten wachsen zu lassen. Also: Schwamm drüber. Tobias hoffte nur, dass er einigermaßen angemessen gekleidet war und sich so verhielt, wie man das an solchen Orten tat. Zunächst nahm er die Gespräche der Geschwister und Freunde nur als Hintergrundrauschen wahr. Er hatte das Gefühl, hinter einer Glasscheibe der Szene zuzuschauen. Dann kam der Wein, dunkelrot, fast schwarz, mit einer Karaffe Wasser. Bald danach Tomaten, Mozzarella und Basilikum. Die würzigen Blätter zwischen den Tomaten und dem Käse waren für Tobias ungewohnt. Du lernst noch, dass dir das schmeckt.

Metti hatte ihn bei der Begrüßung fest und lang umarmt. Jetzt saß sie zwischen Abel und Helen und hielt beide um die Schultern gefasst.

Ich schäme mich, dass wir hier so fröhlich zusammen sitzen, während irgendwo da draußen Menschen in der Gewalt von Terroristen sind und um ihr Leben bangen.“

Übertreib et ma nit, Schwesterken“, bemerkte Vitus kopfschüttelnd.

Und dann ergänzte er mit einem maliziösen Lächeln:

Schließlich ist dein Abel ja gerade aus der politischen Haft in einem bundesdeutschen Foltergefängnis entkommen.“

Abel fing Vitus' Lächeln auf:

Ich fürchte, Deutschland hat da gegenüber dem christlichen Mittelalter schwer nachgelassen. Keine Streckbank. Keine Daumenschrauben. Da ist meine Heimat doch noch stärker christlich geprägt. Eine Foltermethode in unseren Gefängnissen, die wir von den Italienern geerbt haben, nennt sich Gesú Christo, Jesus Christus. Nein, die Wärter waren enttäuschend korrekt. Nur meinten sie, einen Afrikaner regelmäßig ans Waschen erinnern zu müssen.“

The Hill nickte verständnisvoll lächelnd:

Der kleine, freundliche Alltagsrassismus.“

Ein kurze Stille entstand. Dann schaute The Hill zu einem der schmalen, hohen Fenster und bemerkte:

Und da ist er, der kleine, freundliche Alltagssympathisant.“

Tobias drehte sich zu dem Fenster um und sah Rille, mit der Linken seinen Parka eng um die schmale Brust raffend, mit der Rechten die Zigarette nervös zum Mund führend.

Der traut sich nicht rein“, sagte Vitus.

Recht hat er“, sagte The Hill.

Vitus ging nach draußen. Nun sah man die beiden zunächst aufeinander einreden, dann heftig gestikulieren. Zum Schluss gab Vitus Rille einen kleinen Schubs, der ihn fast zu Fall brachte, und kehrte mit hochrotem Kopf ins Lokal zurück.

Der kann mich mal!“

Verschissen bis zur nächsten Zwischeneiszeit“, bemerkte Metti.

The Hill schüttelte den Kopf.

Ich erwarte da noch eine Urteilsmodifikation“, erläuterte Finster.

 

Nach der Heimkehr ging Tobias gelöst an seine Aufgaben. Die Eltern schienen auch aufgeräumter. Ihnen war eine heimliche Erleichterung über Abels Rehabilitation anzumerken, die dem einzigen Biologen im Deutschen Bundestag zu verdanken war. Die Geschwister hatten Tobias nach dem Abend beim Italiener gemeinsam auf den Zug gesetzt. Mr Blue Sky, der dabei gestanden hatte, war auf Tobias zu gekommen und hatte ihm das weiße dtv Bändchen mit Bölls Katharina Blum zugesteckt.

Mach den Jungen nicht noch verrückter, als er schon ist“, hatte Vitus protestiert.

Na ja, die Geschichte konnte einen schon verrückt, zumindest aber ganz schön wütend machen. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte Tobias Bölls Buch in einem Zug ausgelesen, so dass er beim Aussteigen in seiner Heimatstadt die schreckliche Geschichte hinter sich lassen und tief durchatmen konnte.

Auf eine klare Weise beschwingt, sozusagen heilig-nüchtern, ging Tobias ans Werk. Die Aufführung der Antigonae stand bevor, ach ja und auch eine Klassenarbeit über Sallusts Verschwörung des Catilina. Häufig ging Tobias im Zimmer auf und ab und memorierte. Dann schwang er sich auf sein Fahrrad, um mit Carl Ludwig Fehnhard die Feinheiten seiner Rolle zu studieren.

Das waren die Tage.

 

Es stinkt nach Schweiß, Urin, Scheiße und Alkohol. Wir alle stinken danach. Der Alkohol in meinem Haar. Damit ihr besser brennt. Die schwarzen Schuhe des Mannes, der die Leiche durch den Mittelgang schleift. Dann das Rauschen, als er sie auf der Rutsche nach draußen schafft. Die zitternde Frau mit den Funkgerät in der Hand, ein schwarzer Knochen, in den sie beißt. Ein Fehler, dass wir sterben werden. Eine Torte. Wie singt man Happy birthday? Ein Knall. Dann bin ich auf den Flügel gelaufen.

 

Das war so eine Nacht.

Tobias hatte verschlafen und fuhr, das Hemd hing aus der Hose, durch die Fußgängerzone. Er hatte der Mutter nur kurz zugewunken. Die Lateinarbeit. Den Sallust hatte er drauf, das meiste jedenfalls. Ein Fehler, dass wir sterben werden. Hatte Catilina das zu Cicero gesagt? Er konnte sich nicht erinnern. Das Wichtigste war, dass er nicht allzuspät kam. Sein Blick fiel auf einen der Blechkästen mit Glasscheibe. EXPRESS. Geiseln sind frei! Deutsche Anti-Terror-Gruppe… Was hatte er letzte Nacht geträumt? Er erinnerte sich an einen Knall und an Schweiß, Urin, Scheiße und Alkohol. Konnte man Gerüche träumen? Tobias sauste durch die Synagogengasse, an Schuhmacher Hemerken vorbei. Wie er dessen Geschichte plastisch vor Augen gesehen hatte. Tobias erreichte den Marktplatz und fuhr auf das Kino zu, die Lichtspiele. Da hatte der Junge ängstlich gestanden. Es war Nacht gewesen. Männer hatten Waffen aus einem Lastwagen abgeladen. Was aber war letzte Nacht? Da war dieser Knall gewesen. Dann bin ich auf den Flügel gelaufen. Manchmal träumte Tobias, dass er fliegen konnte. Er stand auf einem Turm, stieß sich ab und flog. Einfach so. Ohne Hilfsmittel. Das Abenteuerliche war, dass er flog und gleichzeitig wusste, dass das unmöglich war. Ein fieberhaftes Kribbeln im Bauch. Fliegen, obwohl das unmöglich ist. Leben, obwohl man tot sein müsste. Er sah eine junge Frau mit mittellangen Haaren vor sich, die auf den Flügel eines Flugzeugs kletterte, mit den Armen winkte und weinte. Pass auf, Banana, die Kreuzung. Es wäre albern, eine Lateinarbeit zu versäumen, weil man von einem Auto überfahren wird.

 

Börnie hatte ihn angestubst, als er versonnen vor seinem Wirsingeintopf saß.

Fährst du mit? Christoph lässt heute seine Ente überholen. Bist du schon mal in einer Ente mitgefahren?“

Tobias hatte begeistert zugesagt. Die Toten von Stammheim, die Ulrike Meinhof nachgefolgt waren. Die Leiche im Kofferraum eines grünen Audi. Die grüne Bluse von Dagmar Berghof in der Tagesschau. Das hatte er bei Champ zu Hause gesehen. Die hatten Farbe. Gut, dass es heute keinen Grünkohl gab. Und gut, dass Börnie ihn auf andere Gedanken brachte.

Jetzt standen sie auf den Pflastersteinen eines niederrheinischen Hofes. In der Scheune waren die Brüder Kappes, auf Rollbrettern liegend, unter der Ente verschwunden. Gut, dass die dunkelrot war und nicht grün.

Wat me-jnste? Die Achse?“

Küss sien, mot evvr niet.“

Börnie wandte sich lächelnd an Christoph und Tobias:

Da habt ihr die komplette niederrheinische Philosophie: Kann sein, muss aber nicht.“

Die Brüder erschienen ölverschmiert wieder unter dem Auto. Sie standen auf, und einer der beiden stubste Christoph am Parka an, so dass an der Schulter ein kleiner Ölfleck blieb.

Dä Waghel is kapott, alles klar. Kannste evvr noch mit vahre.“

Christoph schüttelte den Kopf.

Ja, was denn nun? Ist der jetzt kaputt oder nicht?“

Küss sien, mot evvr niet“, sagte der andere.

Christoph schüttelte wieder den Kopf.

Lasst mich mal“, sagte er, ließ sich auf eins der Rollbretter nieder und verschwand seinerseits unter der Ente. Kurze Zeit später erschien auch er wieder am Tageslicht.

Damit fahr ich noch weiter“, war sein Entschluss.

So kletterten sie wieder in das Auto. Tobias saß hinten in der Mitte, um gut hören zu können, was vorne ablief. Er spürte eine Stange unter dem Segeltuch-Sitz. Die drei im Auto schwiegen. Im Radio lief die Trauerfeier für Hanns Martin Schleyer. Die hohe, zögernde Stimme des Bundespräsidenten. Das Air von Bach. Leichter Regen dribbelte gegen die Windschutzscheibe. Pappeln säumten stumm die nassglänzende Straße. Aufgebrochene braune Äcker, wie Grabreihen für ein Jahr, das zu Ende ging.

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Kommentare (2)

Merchan Agaricus

Sehr geehrter Herr Cordie,

sofern ich das beurteilen kann, ist das nun eine Premiere. Ein Auszug aus einen echten Roman, hier im Schreibwettbewerb. Ich gratuliere Ihnen.
Nun ist die Messlatte wieder ein wenig hoch gerutscht. Danke.

Viele Grüße
Marcin Lupa


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